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Interview mit 400-Meter-Vize-Europameister Thomas Schneider
 
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22.03.2017 

 

Thomas Schneider (rechts) bei den Europameisterschaften

 
Thomas Schneider: „Ich habe noch Luft nach oben“
 
Nach einer aus Verletzungsgründen verkorksten Olympiasaison möchte 400-Meter-Läufer Thomas Schneider in diesem Sommer wieder durchstarten. Der Hallen-Vize-Europameister von 2011, der jahrelang eine feste Bank in der National-Staffel war, startet nunmehr für den TSV Bayer 04 Leverkusen. Im Interview spricht der 28-jährige Sportsoldat unter anderem über die Gründe für seinen Trikottausch, schmerzhafte Nackenschläge und strapazierte Gesäßmuskeln.


Thomas Schneider, wie kam es zum Wechsel vom SC Magdeburg nach Leverkusen?

Thomas Schneider:
Ich hatte ein Super-Gespräch mit Paul Heinz Wellmann und Tobias Kofferschläger, nachdem ich auf Leverkusen zugegangen war, weil es beim SC Magdeburg keine Unterstützung mehr gab. Sie haben sich aus dem Lauf-, Sprint- und Sprungbereich komplett zurückgezogen und gesagt, sie möchten nur noch den Wurfbereich fördern. Ich habe mich zwangsläufig umgeschaut. In Leverkusen gab es das Komplettpaket, mit dem ich sehr zufrieden bin. Von daher war der Wechsel für mich ein logischer Weg.


Halten Sie sich denn zeitweise in Leverkusen auf?

Thomas Schneider:
Den Großteil des Trainings absolviere ich weiterhin in Magdeburg, bin aber gelegentlich auch in Leverkusen. Ich war unter anderem auch durch die Bundeswehr im Dezember fast jede Woche einmal da, davor auch im November. Ich werde schauen, dass ich mindestens einmal im Monat dorthin hochkommen kann, wenn es im Training passt.


Bleibt Marco Kleinsteuber denn Ihr Trainer?

Thomas Schneider:
Definitiv. Aber wir arbeiten mit dem Leverkusener Trainer Tobias Kofferschläger zusammen. Er weiß relativ genau, was auf dem Trainingsplan steht, wie mein Leistungsstand ist und wie unser Konzept aussieht.


Sie waren mit der DLV-Staffel 2012 EM-Dritter und 2014 EM-Sechster. Größter Erfolg einzeln: Hallen-Vize-Europameister 2011. Sind Sie zufrieden?

Thomas Schneider:
Mit dem einen oder anderen ja, insgesamt ist aber noch Luft nach oben. Meine Bestzeit von 45,56 Sekunden bin ich 2011 gelaufen. Sie war knapp über der Einzel-Norm für die WM. Die Staffel-Ergebnisse waren zum Teil sehr gut, wir hätten aber 2012 bei der EM durchaus um den Sieg mitlaufen können. Da waren ein oder zwei kleine Fehler unsererseits, deswegen hat es nicht ganz gereicht. Darüber ärgere ich mich immer noch. Mit Platz sechs 2014 kann man ehrlich gesagt auch nicht zufrieden sein. Da hatten wir uns ebenfalls mehr erhofft. Seitdem gab es bei mir viele Baustellen, wo der Körper gesagt hat: bis hierher und nicht weiter. Immer wieder hat mir die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich hoffe, dass die nächsten Jahre nun zu hundert Prozent zufriedenstellend verlaufen.


Das heißt Sie wollen die persönliche Bestzeit von 45,56 Sekunden noch einmal attackieren?

Thomas Schneider:
Auf jeden Fall. Das ist jedes Jahr das Ziel. Ich gehe nicht im Oktober ins Training und sage: Wenn wir in der Saison eine 46 laufen, dann reicht das. Ich will auf jeden Fall in die Region meiner Bestzeit laufen und gucken, ob es eventuell noch einen Ticken schneller geht. Sonst bräuchte ich mich den ganzen Strapazen und Quälereien nicht zu unterwerfen, wenn man sagt eine 46 reicht auch. Das ist national schon schwierig, damit irgendetwas zu gewinnen. International braucht man damit gar nicht erst anzureisen.


In oberen Regionen Fuß gefasst haben Sie recht schnell, obwohl Sie quasi als Quereinsteiger zur Leichtathletik gekommen sind.

Thomas Schneider:
Das stimmt. Das war 2006 als 17-Jähriger während eines Schüleraustauschs in den USA. Man konnte sich zu jeder Jahreszeit eine andere Sportart aussuchen, zum Beispiel Soccer und American Football im Herbst. Im Winter gab es dann Basketball und Ringen, im Frühjahr Leichtathletik und Baseball. Ich habe erst im Herbst nur Fußball gespielt und im Winter nichts gemacht. Dann dachte ich: Okay, ein bisschen bewegen musst du dich jetzt schon einmal wieder. Da ich von Baseball bis dato gar keine Ahnung hatte, bin ich zur Leichtathletik gegangen. Irgendwie haben mich die 400 Meter dann so interessiert, dass ich dabei hängengeblieben bin.


Zurück in Deutschland ging es dann richtig los. 2007 gehörten Sie schon zur DLV-Staffel, die bei der U20-EM Silber holte.

Thomas Schneider:
Das war auch meine erste richtige Saison nach dem Schnupper-Einstieg in den USA. Nach der Vize-Europameisterschaft konnte ich natürlich nicht sagen, jetzt habe ich keine Lust mehr. Ich war da gierig auf mehr. Diese Gier ist bis jetzt geblieben.


Wie beurteilen Sie heute die Entscheidung, 2009 auf die U23-EM zu verzichten, um eventuell bei der Heim-WM in Berlin in der Staffel eingesetzt zu werden?

Thomas Schneider:
Mir wurde damals gesagt, weil ich noch relativ jung sei, müsse ich mich entscheiden, ob ich meinen Fokus auf die U23-EM lege oder die Chance wahrnehme, bei der WM bei den Männern zu starten. Da musste ich nicht lange überlegen. Ich wollte es auf jeden Fall probieren, vor heimischem Publikum zu laufen, auch wenn es im Nachhinein nicht geklappt hat. Ich bereue es nicht, dass ich den Schritt so gegangen bin.


Ihre Stärke ist die Zielgerade. Steckt in der Beschleunigungsphase also noch Potenzial?

Thomas Schneider:
(lacht) So kann man das auch formulieren. Ins Rennen reinzukommen, das ist auf jeden Fall noch ausbaufähig. Daran arbeiten wir intensiv. Wenn ich einmal am Laufen bin, wird es meistens ganz gut.
 

Im letzten Jahr sind Sie mit einer Verletzung aus dem Trainingslager zurückgekommen, konnten kein Rennen vor der Deutschen Meisterschaft bestreiten und sind dort prompt im Vorlauf ausgeschieden. Wie hart war das?

Thomas Schneider:
Das war unglaublich hart. Der erste Nackenschlag war die Verletzung. Da habe ich schon gewusst, jetzt wird es richtig schwer, überhaupt noch einmal auf die Bahn zu kommen in dieser Saison. In so einem Olympiajahr ist es ohnehin immer sehr schwierig. Das Wettkampfprogramm ist eng, der DM-Termin früh. Und wenn du dann bei der Deutschen Meisterschaft mit einer hohen 47 im Vorlauf rausfliegst, dann bricht eine Welt zusammen. Vor allem wenn die Olympischen Spiele das Ziel waren. Das war einer meiner bittersten Augenblicke.


Die Vorbereitung auf die WM-Saison hat im letzten Herbst ungewöhnlich begonnen – mit einer achttägigen Radtour.

Thomas Schneider:
Das war die Idee von Jonas Plass, mit dem ich in den letzten Jahren häufig in der Staffel gelaufen bin. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt. Er hat seine Karriere an den Nagel gehängt. Um das Ganze noch einmal Revue passieren zu lassen, kam er auf den Gedanken, mit dem Fahrrad durch die Gegend zu fahren. Wir waren zu dritt und sind von Paris nach Barcelona gefahren. Es waren Etappen dabei von 200 Kilometern am Tag. Das war hart, vor allem ab dem dritten oder vierten Tag. Da konnte man kaum noch sitzen. Sämtliche Muskelgruppen taten weh. Man hat trotzdem versucht, sich irgendwie die Berge hoch zu quälen und vorwärts zu kommen. Das war auf jeden Fall eine vollkommen andere Erfahrung. Der übliche Trainingsalltag sieht halt so aus, dass wir früh zwei Stunden trainieren, dann eine Mittagspause haben und nachmittags oder abends noch einmal Training. Acht Stunden am Stück etwas zu machen, das war sehr ungewohnt, war aber für die Grundlagenausdauer nicht verkehrt.


Wie ist die Form zurzeit?

Thomas Schneider:
Die Zeiten und Werte im Training sind sehr gut. Da sind wir sehr optimistisch. Wir fliegen am 22. März nach Teneriffa ins Trainingslager, da kann ich mich mit den anderen Kaderathleten messen. Am 4. April haben wir eine Diagnostik-Trainingseinheit, bei der alle das Gleiche machen. Dann habe ich ein erstes Update, wo ich stehe. Ich werde sehen, was die anderen Jungs so zu bieten haben und ob es für die Staffel-WM reicht. Sie findet am 22. und 23. April in Nassau auf den Bahamas statt.



 




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Autor und Copyright: Harald Koken für Laufen-in-Koeln
Foto: Erik van Leeuwen