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Minimal oder maximal gedĂ€mpft? Wohin sich der Laufschuh entwickelt  Der Laufschuh ist lĂ€ngst mehr als nur ein SportgerĂ€t. Er ist Ausdruck eines LebensgefĂŒhls, technologische Spielwiese und ProjektionsflĂ€che fĂŒr Trainingsphilosophien. Kaum ein anderes AusrĂŒstungsteil im Laufsport hat in den vergangenen Jahren eine vergleichbare Dynamik erlebt wie der Schuh. Zwischen ultraleichtem Minimalismus und maximal gedĂ€mpften Hightech-Modellen spannt sich heute ein Markt, der so vielfĂ€ltig ist wie nie zuvor.  Noch vor gut zehn Jahren dominierte eine klare Strömung: Minimal Running. Flache Sohlen, wenig Sprengung, kaum DĂ€mpfung - der Schuh sollte den natĂŒrlichen Laufstil unterstĂŒtzen, den FuĂ arbeiten lassen und das BarfuĂgefĂŒhl simulieren. Viele Hersteller folgten diesem Trend, reduzierten Material, Gewicht und Bauhöhe. Der LĂ€ufer sollte wieder fĂŒhlen, was unter ihm passiert, und biomechanisch effizienter laufen.  Doch parallel entwickelte sich eine Gegenbewegung, die inzwischen den Markt deutlich prĂ€gt: maximal gedĂ€mpfte Schuhe mit auffĂ€llig hohen Mittelsohlen, breiten Plattformen und ausgeklĂŒgelten Schaumstoffen. Was einst als Exot galt, ist heute auf Startlinien weltweit zu sehen. Modelle mit ĂŒber 40 Millimetern Sohlenhöhe sind lĂ€ngst keine Ausnahme mehr, sondern stehen sinnbildlich fĂŒr den neuen Komfortanspruch im Laufsport.  Der technologische Fortschritt hat diese Entwicklung entscheidend befeuert. Moderne Zwischensohlenmaterialien wie PEBA- oder TPU-basierte SchĂ€ume verbinden geringes Gewicht mit hoher EnergierĂŒckgabe. Karbonplatten sorgen fĂŒr zusĂ€tzliche StabilitĂ€t und Vortrieb. Rocker-Geometrien unterstĂŒtzen das Abrollen und entlasten die Wadenmuskulatur. Der Laufschuh wird zum biomechanischen Werkzeug, das nicht nur schĂŒtzt, sondern aktiv mitarbeitet.  Gleichzeitig bleibt der Minimalgedanke prĂ€sent, allerdings weniger als Massenbewegung, sondern als bewusst gewĂ€hlte Trainingsphilosophie. Viele ambitionierte LĂ€ufer setzen weiterhin auf reduzierte Modelle fĂŒr Techniktraining, kurze Einheiten oder Kraftaufbau. Der Minimal-Schuh ist heute weniger Ideologie als ErgĂ€nzung im Schuhschrank.  AuffĂ€llig ist dabei, dass sich die beiden Extreme zunehmend annĂ€hern. Auch maximal gedĂ€mpfte Schuhe werden leichter, flexibler und dynamischer. Minimalmodelle wiederum bieten heute mehr Schutz und Halt als ihre frĂŒhen Vorbilder. Der Markt entwickelt sich nicht linear, sondern differenziert. Statt eines Entweder-oder entsteht ein Sowohl-als-auch.  Ein weiterer Treiber ist der Boom des Freizeit- und Gesundheitslaufs. Immer mehr Einsteiger, Wiedereinsteiger und GenusslĂ€ufer entdecken das Laufen fĂŒr sich. FĂŒr diese Zielgruppe steht Komfort an erster Stelle. Gelenkschonung, DĂ€mpfung und StabilitĂ€t sind zentrale Kaufargumente. Der Laufschuh wird zum WohlfĂŒhlprodukt, das Sicherheit vermittelt und VerletzungsĂ€ngste reduziert.  Hinzu kommt der Einfluss des Wettkampfsports. Die spektakulĂ€ren Marathonrekorde der vergangenen Jahre wurden fast ausnahmslos in Hightech-Schuhen mit Karbonplatten gelaufen. Diese Bilder prĂ€gen die Wahrnehmung und wirken als starke Marketingbotschaft. Was bei den Profis funktioniert, soll auch im Training Vorteile bringen.  Der Handel reagiert entsprechend. In den Regalen dominieren aktuell voluminöse Modelle mit futuristischem Design. Farben, Formen und Materialien wirken fast wie aus einem Science-Fiction-Film. Der Laufschuh wird zum Lifestyle-Produkt, das auch abseits der Laufstrecke getragen wird.  Wohin fĂŒhrt diese Entwicklung? Vieles spricht dafĂŒr, dass der Markt weiterhin zweigleisig bleibt. Der Trend zur maximalen DĂ€mpfung wird sich fortsetzen, getragen von Komfortorientierung, technologischem Fortschritt und wachsender Zielgruppe. Gleichzeitig wird es immer eine Klientel geben, die das direkte LaufgefĂŒhl sucht und bewusst auf Reduktion setzt.  Der moderne LĂ€ufer ist heute kein Dogmatiker mehr. Er kombiniert, variiert und nutzt unterschiedliche Schuhe je nach Trainingseinheit, Untergrund und Zielsetzung. Der Schuhschrank wird zur persönlichen Werkzeugkiste.  __________________________________ Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln |