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Laufsport im Wandel - Zwischen Bestzeit und Erlebnis Wie Vibesportler, Erlebnisformate und neue Nachwuchskonzepte den organisierten Sport herausfordern Erlebnis statt Ergebnis, Gemeinschaft statt Platzierung: Der Laufsport verändert sich rasant. Neue Formate entstehen, neue Zielgruppen prägen das Bild ? und der organisierte Sport steht vor der Frage, ob er Zuschauer bleibt oder Gestalter wird. Zwei Beiträge über den Wandel der Laufkultur und die Strategien für ihre Zukunft. Vibesportler verändern Laufveranstaltungen - und der organisierte Sport gerät unter Zugzwang Neben Wettkampfsportlern und klassischen Breitensportlern wird im Laufsport seit einigen Jahren eine dritte Gruppe immer sichtbarer: Menschen, die man - als Arbeitstitel - ?Vibesportler? nennen kann. Der Begriff ist nicht wissenschaftlich normiert; er beschreibt jedoch ein klar beobachtbares Muster. Im Mittelpunkt steht weniger die Zeit, die Platzierung oder der Trainingsplan, sondern das Erlebnis: Stimmung, Community, Musik, Inszenierung, Fotomotive und das Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein. Der Lauf wird zum Event, zum sozialen Anlass und zum persönlichen Statement. Diese Entwicklung verändert zunehmend die Statik vieler Laufveranstaltungen. Vom Wettkampf zum Erlebnisformat Wer heutige Eventformate betrachtet, erkennt schnell, dass Laufen für viele Teilnehmer nicht mehr ausschließlich sportlicher Wettstreit ist. Night Runs, Sunset Runs oder City Runs mit DJ, Lichtinstallationen und After-Run-Partys positionieren sich bewusst als Abend- oder Wochenenderlebnis. Der Lauf ist Teil eines Gesamtpakets, das Emotion, Unterhaltung und Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt. Zu dieser Erlebnislogik gehören auch Urban Trails und City Trails. Sie führen bewusst durch ungewöhnliche Orte, Treppenhäuser, Parkhäuser, Hinterhöfe, Industrieareale oder historische Gebäude. Nicht die Zeit steht im Mittelpunkt, sondern das Erkunden der Stadt aus einer neuen Perspektive. Viele Teilnehmer sprechen weniger von einem Wettkampf als von einer urbanen Entdeckungsreise. International bekannte Formate wie der Color Run haben diesen Ansatz bereits vor über zehn Jahren konsequent umgesetzt: Fünf Kilometer ohne Zeitmessung, ohne Wertung, dafür mit Musik, Farbstationen und Festivalatmosphäre. Das Zielpublikum sind nicht ambitionierte Wettkämpfer, sondern Menschen, die gemeinsam etwas erleben wollen. Inzwischen sind ähnliche Konzepte auch in vielen deutschen Städten etabliert. Damit entsteht eine neue Erwartungshaltung: Ein Lauf ist nicht mehr nur Strecke, Startnummer und Zielkanal, sondern Inszenierung, Bühne und Erlebnisraum. Warum Agenturen schneller reagieren als Vereine Dass diese neuen Formate häufig von Agenturen und kommerziellen Veranstaltern entwickelt werden, ist kein Zufall. Sie betrachten Laufveranstaltungen primär als Eventprodukte. Zielgruppenanalyse, Markenaufbau, Sponsorenintegration, mediale Verwertbarkeit und Erlebnisdramaturgie gehören dort zum Kerngeschäft. Traditionsvereine hingegen organisieren ihre Veranstaltungen meist zusätzlich zum laufenden Sportbetrieb. Ehrenamtliche tragen Planung, Genehmigungen, Streckensicherung, Helferkoordination und Nachbereitung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Sicherheit, Infrastruktur und Dokumentation seit Jahren kontinuierlich. Innovation bedeutet in diesem Umfeld nicht nur Kreativität, sondern auch zusätzliche Belastung. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Das Ehrenamt steht unter Druck. Viele Vereine berichten von Nachwuchsmangel, hoher Bürokratie und begrenzten zeitlichen Ressourcen. Große Stadtläufe funktionieren zwar weiterhin hervorragend, doch Spielräume für experimentelle Zusatzformate sind begrenzt. Das Kernproblem für den organisierten Sport Das eigentliche Problem liegt weniger in der Existenz der Vibesportler, sondern in der wachsenden Entkopplung zwischen gelebter Laufkultur und institutionellem Sport. Immer mehr Menschen laufen regelmäßig, nehmen an Events teil, posten ihre Läufe und identifizieren sich als Teil der Laufszene - ohne jemals Mitglied in einem Verein zu werden oder einen klassischen Wettkampf zu bestreiten. Der Sport findet statt, aber nicht zwingend im organisierten System. Damit verliert der Vereinssport schrittweise Kontakt zu einer ganzen Generation von Läufern. Diese fehlen später nicht nur als Mitglieder, sondern auch als Helfer, Funktionsträger, Trainer oder Organisatoren. Laufveranstaltungen werden dadurch langfristig abhängiger von externen Dienstleistern und Agenturen.
Die Risiken: Bedeutungsverlust und Fragmentierung Die größte Gefahr ist ein schleichender Bedeutungsverlust klassischer Vereinsveranstaltungen in bestimmten Zielgruppen. Wenn junge und erlebnisorientierte Läufer ihre sportlichen Erfahrungen fast ausschließlich über Marken-Events sammeln, wird der Verein nicht mehr als natürlicher Anlaufpunkt wahrgenommen. Hinzu kommt ein weiteres Spannungsfeld, das bei vielen klassischen Laufveranstaltungen bereits spürbar ist: Vibesportler treten zunehmend auch bei traditionellen Rennen an - bringen dort jedoch ihr eigenes Verständnis von Teilnahme mit. Startblöcke, Sollzeiten, Wettkampfregeln und sportliche Etikette haben für sie oft keine besondere Bedeutung. Der Lauf ist für sie Teil eines persönlichen Erlebnisses, nicht eines sportlichen Wettbewerbs. Das führt in der Praxis immer häufiger zu Reibungspunkten: Langsame Läufer starten in schnellen Blöcken, Selfies werden mitten auf der Strecke gemacht, Gruppen laufen nebeneinander und blockieren den Kurs, während leistungsorientierte Athleten auf freie Bahn angewiesen sind. Für viele Veranstalter ist das eine neue organisatorische Herausforderung - und für ambitionierte Läufer eine wachsende Quelle der Frustration. Gleichzeitig droht eine Fragmentierung der Laufszene. Auf der einen Seite stehen leistungsorientierte Wettkämpfe mit sportlicher Tiefe, Altersklassenwertung und Meisterschaftscharakter. Auf der anderen Seite entstehen Lifestyle-Formate, die bewusst auf Wettbewerb verzichten und den Erlebniswert in den Vordergrund stellen. Beide Welten existieren zunehmend nebeneinander, ohne sich zu berühren. Für Städte und Sponsoren kann diese Vielfalt attraktiv sein. Für den organisierten Sport bedeutet sie jedoch einen Verlust an Steuerung, Sichtbarkeit und Einfluss. Die verpassten Chancen Dabei liegt in der Entwicklung enormes Potenzial. Vibesportler sind keine Gegner des Sports. Sie laufen, sie bewegen sich, sie begeistern andere und sie sorgen für Reichweite. Sie erreichen Zielgruppen, die klassische Vereinsarbeit vielerorts längst verloren hat. Wer es schafft, diese Szene einzubinden, könnte neue Mitglieder gewinnen, neue Ehrenamtliche entwickeln, neue Sponsoren ansprechen und den Laufsport gesellschaftlich breiter verankern. Erlebnisformate können ein Einstieg sein - nicht das Ende sportlicher Entwicklung. Doch dafür braucht es Mut zur Veränderung, Offenheit für neue Konzepte und die Bereitschaft, Tradition nicht als Schutzschild, sondern als Fundament zu begreifen. Ein notwendiger Perspektivwechsel Die zentrale Frage lautet nicht, ob Vibesportler den Laufsport verändern - das tun sie längst. Die entscheidende Frage ist, ob der organisierte Sport diese Veränderung mitgestalten will oder ihr nur hinterherläuft. Laufveranstaltungen waren immer mehr als reine Wettkämpfe. Sie waren Stadtfeste, Begegnungsräume und emotionale Erlebnisse. Genau dort liegt die Brücke zwischen Tradition und moderner Laufkultur. Ein gelungenes Beispiel für diesen Brückenschlag liefert die LLG80 Nordpark Köln. Im Herbst richtet er im Bereich des Wettkampfsports einen klassischen, bestenlistenfähigen Halbmarathon aus sowie zusätzlich einen 5-km- und einen 10-km-Lauf, die ebenfalls bestenlistenfähig sind und leistungsorientierte Läufer ansprechen. Der Halbmarathon kann dabei auch als ideale Vorbereitung auf einen Herbst-Marathon verstanden werden. Im Frühjahr setzt er bewusst einen Kontrapunkt: mit dem Nachtlauf ?Rund um den Fühlinger See?. Hier geht es nicht um Platzierungen oder Zeiten, sondern um das Gemeinschaftserlebnis, bei Fackellicht durch die Dunkelheit zu laufen. Im Anschluss wird gemeinsam gefeiert - mit Abschlussparty statt Siegerehrung. Der Verein zeigt damit, dass sich sportliche Seriosität und moderne Erlebnisformate nicht ausschließen müssen. Im Gegenteil: Sie können sich ergänzen und unterschiedliche Zielgruppen unter einem organisatorischen Dach zusammenführen. Wer diese Brücke nicht baut, überlässt das Feld dauerhaft den Agenturen.
Leidet darunter die klassische Leichtathletik des Laufens? Die Sorge, dass Erlebnisformate wie Urban Trails, Night Runs oder City Runs der klassischen Leichtathletik Teilnehmer und Nachwuchs entziehen, ist verbreitet - und sie ist nicht völlig unbegründet. Allerdings liegt das Risiko weniger in einer unmittelbaren Verdrängung bestehender Wettkampfläufer, sondern vielmehr in der Frage, wie Menschen heute überhaupt erstmals mit dem Laufsport in Berührung kommen. Leistungsorientierte Läufer wechseln in der Regel nicht vom Stadion auf die Eventbühne, nur weil dort Musik spielt und Lichter leuchten. Wer auf Zeiten, Platzierungen, Meisterschaften und sportliche Entwicklung ausgerichtet ist, wird diese Motivation nicht gegen ein reines Erlebnisformat eintauschen. Insofern findet hier keine Kannibalisierung statt. Das eigentliche Problem entsteht an der Basis. Viele Menschen entdecken das Laufen heute über niedrigschwellige Eventformate: Firmenläufe, Urban Runs, Night Runs oder Stadttrail-Formate. Diese Läufe funktionieren als Einstieg, aber sie führen nicht automatisch weiter in den organisierten Sport. Der klassische Weg über Schulsport, Volkslauf, Verein und Wettkampf ist längst kein Selbstläufer mehr. Wenn der Erstkontakt mit dem Laufsport ausschließlich über Eventformate erfolgt und keine Brücke zu Trainingsgruppen, Vereinen oder Wettkampfstrukturen entsteht, verliert die Leichtathletik langfristig Anschluss. Nicht weil sie unattraktiv wäre, sondern weil sie im Lebensmodell vieler Menschen schlicht nicht mehr vorkommt. Gleichzeitig darf Erlebnis nicht als Gegenpol zum Leistungssport verstanden werden. Viele ambitionierte Läufer haben genau dort begonnen: bei einem Stadtlauf, einem Firmenlauf oder einem Nachtlauf. Erst später kamen Trainingspläne, Vereinsbeitritt und sportliche Zielsetzungen hinzu. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Erlebnisformate der Leichtathletik schaden - sondern ob es gelingt, aus Erlebnissen Perspektiven zu machen. Wer die Tür zum organisierten Sport offenhält, kann neue Zielgruppen gewinnen. Wer sie geschlossen lässt, riskiert, dass der Sport zwar weiter wächst, aber außerhalb der eigenen Strukturen.
Strategien für die Zukunft: Wie Vereine und Schulen den Spaß an der Leichtathletik neu entfachen können Der Wandel der Laufkultur stellt den organisierten Sport nicht nur vor Herausforderungen - er eröffnet auch neue Chancen. Vereine und Schulen stehen dabei im Zentrum dieser Entwicklung. Sie entscheiden darüber, ob Leichtathletik als verstaubte Wettkampfdisziplin wahrgenommen wird oder als lebendige, moderne Bewegungskultur. Das Beispiel der LLG80 Nordpark Köln zeigt, wie ein solcher Perspektivwechsel gelingen kann. Im Herbst richtet der Verein im Rahmen des organisierten Wettkampfsports einen klassischen Halbmarathon sowie einen 5-km- und einen 10-km-Lauf aus, die allesamt bestenlistenfähig sind und leistungsorientierte Läufer ansprechen. Der Halbmarathon kann dabei auch als ideale Vorbereitung auf einen Herbst-Marathon verstanden werden. Im Frühjahr hingegen setzt der Verein mit dem Nachtlauf ?Rund um den Fühlinger See? bewusst auf Gemeinschaft, Atmosphäre und Erlebnis. Ohne Zeitnahme und Ergebnislisten steht hier nicht die Leistung im Vordergrund, sondern das gemeinsame Laufen bei Fackellicht durch die Nacht, kombiniert mit einer stimmungsvollen Abschlussparty. Der Lauf spricht damit eine ganz andere Zielgruppe an ? und schafft dennoch eine emotionale Bindung zum Verein. Genau diese Doppelstrategie wird künftig entscheidend sein. Vereine: Vielfalt statt Entweder-oder Vereine müssen sich von der Vorstellung lösen, dass sportliche Qualität nur über Zeiten, Platzierungen und Bestenlisten definiert wird. Leistungssport bleibt wichtig - aber er darf nicht der einzige Zugang sein. Zukunftsfähige Vereine schaffen mehrere Einstiegsmöglichkeiten: Gemeinschaftsläufe ohne Zeitdruck, thematische Stadtläufe, Urban Trails, After-Work-Runs oder Familienformate. Solche Angebote senken die Hemmschwelle, überhaupt an einer Laufveranstaltung teilzunehmen. Sie holen Menschen dort ab, wo sie stehen - und nicht dort, wo der Leistungssport sie gern hätte. Gleichzeitig müssen Vereine Brücken bauen. Wer über ein Erlebnisformat zum Laufen kommt, sollte die Möglichkeit haben, sich sportlich weiterzuentwickeln. Schnuppertrainings, offene Trainingsgruppen, Einsteigerprogramme und Mentorenmodelle helfen, aus gelegentlichen Teilnehmern langfristige Vereinsmitglieder zu machen.
Schulen: Der wichtigste Zugang zum Nachwuchs Die Schule ist für viele Kinder und Jugendliche der erste strukturierte Kontakt mit Sport. Genau hier entscheidet sich, ob Leichtathletik als Pflichtprogramm oder als positive Erfahrung wahrgenommen wird. Zu oft ist der Schulsport noch auf klassische Disziplinen und Notenfixierung reduziert. Dabei bietet gerade die Leichtathletik enorme kreative Spielräume: Staffelläufe, Hindernisparcours, Teamwettbewerbe, Stadtläufe im Schulumfeld oder kleine Urban-Trail-Formate auf dem Schulgelände können Begeisterung wecken - auch bei sportferneren Kindern. Talentsichtungen auf dem Schulsportplatz können ein wichtiger Baustein sein, wenn sie nicht als Auslese, sondern als Einladung verstanden werden. Entscheidend ist, dass erkannte Talente auch Perspektiven erhalten: über Schul-AGs, Fördergruppen und enge Kooperationen mit lokalen Vereinen. Wer ist gefordert? Gefordert sind alle Akteure des Sportsystems. Die Vereine müssen den Mut haben, neue Formate zu entwickeln und Zielgruppen jenseits des klassischen Wettkampfs anzusprechen. Die Verbände müssen Vereine dabei unterstützen - finanziell, organisatorisch und konzeptionell - statt ausschließlich auf Meisterschaften und Kaderstrukturen zu fokussieren. Die Kommunen müssen Sport als Teil der Stadtentwicklung begreifen und Räume für Bewegung, Veranstaltungen und Schulkooperationen bereitstellen. Und die Schulen brauchen mehr Freiheit, mehr Ressourcen und mehr Unterstützung, um Sport als Erlebnis zu vermitteln - nicht nur als Unterrichtsfach. Wo liegen die größten Probleme? Ein zentrales Problem ist die strukturelle Trennung von Freizeit- und Vereinssport. Während Erlebnisformate häufig außerhalb des organisierten Systems stattfinden, bleiben viele Vereine in traditionellen Wettkampfstrukturen verhaftet. Hinzu kommt die wachsende Belastung des Ehrenamts. Ohne gezielte Entlastung, Anerkennung und professionelle Unterstützung stoßen viele engagierte Vereinsmitglieder an ihre Grenzen. Im Schulsport wiederum fehlen oft Zeit, Material und Fortbildungsangebote, um moderne Bewegungskonzepte umzusetzen. Was müsste passieren? Notwendig ist ein gemeinsamer Ansatz: ein Netzwerk aus Vereinen, Schulen, Kommunen und Verbänden, das Leichtathletik als zeitgemäße Bewegungskultur versteht. Sport muss wieder sichtbarer werden - auf Schulhöfen, in Parks, in Innenstädten und in den sozialen Medien. Veranstaltungen müssen Erlebnis und Leistung verbinden. Nachwuchsarbeit muss früh ansetzen und langfristig begleitet werden. Das Beispiel der LLG80 Nordpark Köln zeigt, dass dieser Weg möglich ist. Die Zukunft des Laufsports entscheidet sich nicht auf der Tartanbahn allein - sondern dort, wo Menschen Bewegung als Teil ihres Lebens entdecken. Spaß oder Leistung? Warum Kinder beides brauchen In der Nachwuchsarbeit prallen zwei Haltungen aufeinander. Die einen fordern, den Druck aus dem Sport zu nehmen, um möglichst vielen Kindern den Spaß an Bewegung zu erhalten. Die anderen halten dagegen: Kinder brauchen Wettbewerb, sie sollen lernen, sich zu messen, zu verlieren und zu gewinnen - als Vorbereitung auf ein späteres Leben, in dem Leistung zählt. Beide Positionen greifen zu kurz, wenn sie allein gedacht werden. Pädagogisch und sportlich sinnvoll ist kein Entweder-oder, sondern ein kluges Sowohl-als-auch. Kinder brauchen zunächst Freude an Bewegung. Wer Laufen nur als Pflicht, Notenfach oder Auswahlverfahren erlebt, verliert schnell die Motivation. Gerade in den ersten Jahren müssen Neugier, Spielfreude und soziale Erlebnisse im Vordergrund stehen. Bewegungsfeste, Teamläufe, Staffelspiele oder Stadtläufe im Schulumfeld schaffen emotionale Bindung - und damit die Grundlage für langfristige sportliche Aktivität. Gleichzeitig brauchen Kinder Herausforderungen. Wettbewerb ist kein Gegensatz zu Spaß, sondern kann ihn verstärken - wenn er altersgerecht, fair und transparent gestaltet wird. Kleine Wettkämpfe, Schulmeisterschaften, Vereinsvergleiche oder altersklassenorientierte Laufserien vermitteln, dass Anstrengung belohnt wird und dass Entwicklung sichtbar wird. Entscheidend ist die Dosierung. Leistungsdruck darf nicht überfordern, aber Leistung darf auch nicht entwertet werden. Kinder sollen erleben, dass man sich verbessern kann, dass Training Wirkung zeigt und dass Einsatz Anerkennung findet. Das stärkt nicht nur sportliche Kompetenz, sondern auch Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen. Konsequenzen für Schule und Verein Für Schulen bedeutet das: Sportunterricht darf nicht nur bewerten, sondern muss begeistern. Er sollte sowohl spielerische Bewegungsformen als auch erste wettkampforientierte Erfahrungen ermöglichen. Talentsichtungen müssen als Einladung verstanden werden, nicht als frühe Selektion. Für Vereine bedeutet es: Nachwuchsarbeit braucht zwei Ebenen. Breite Einstiegsangebote, die Spaß, Gemeinschaft und Erlebnis vermitteln - und darauf aufbauend leistungsorientierte Trainingsgruppen für jene Kinder und Jugendlichen, die mehr wollen. Nur wenn beide Ebenen miteinander verbunden sind, entsteht eine nachhaltige Sportbiografie. Leichtathletik wird dann nicht als Drucksystem erlebt, sondern als Entwicklungsraum. Und genau dort liegt ihre Zukunft. __________________________________ Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln |