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Der besondere Lauf in Prag - Wenn dir kalt ist, dann geh laufen
 
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15.02.2026 

 

Winter in Prag - Wenn dir kalt ist, dann geh laufen
 
Wenn dir kalt ist, dann geh laufen
Ein Winterlauf, der mehr erzählt als jede Ergebnisliste

 
Am 2. Dezember 2025 bot sich in der Prager Altstadt rund um die Karlsbrücke ein ungewöhnliches Bild. Bei winterlichen Temperaturen liefen zahlreiche junge Menschen durch die Stadt, alle nur in knapper Bekleidung. Shorts, Bikinioberteile, vereinzelt Mützen und Handschuhe als einziger Schutz gegen die Kälte. Wer zufällig vorbeikam, dürfte sich verwundert die Augen gerieben haben. Für die Beteiligten war es jedoch kein spontaner Spaß, sondern ein bewusst gewähltes Erlebnis.
 
Der begleitende Slogan lautete auf Tschechisch "K?dy? ti je zima, b?? b?hat." ("Wenn dir kalt ist, dann geh laufen."). Ironisch formuliert, aber mit ernstem Kern. Der Lauf wurde zur Einladung, winterliche Temperaturen nicht als Ausrede zu akzeptieren, sondern als Herausforderung anzunehmen.

Knappe Bekleidung als klares Signal
 
Dass alle Teilnehmenden bewusst nur minimal bekleidet liefen, war kein Zufall. Es gehörte zum Konzept und verlieh der Veranstaltung ihre besondere Symbolik. Wer im Dezember nahezu unbekleidet läuft, setzt ein sichtbares Zeichen. Es geht um Mut, um mentale Stärke und um die Bereitschaft, sich selbst zu überwinden. Solche Bilder wirken provokant, aber genau darin liegt ihre Kraft. Die knappe Bekleidung zwingt zur Auseinandersetzung mit der Kälte und macht den Lauf zu einem intensiven körperlichen Erlebnis. Gleichzeitig entsteht ein starkes Gemeinschaftsgefühl, denn niemand versteckt sich hinter Funktionsjacken oder mehreren Schichten Thermobekleidung. Alle stellen sich denselben Bedingungen und erleben die Kälte als gemeinsamen Gegner.
 
Der Hintergrund dieses Phänomens lässt sich auch kulturell einordnen. In Tschechien besitzt die bewusste Abhärtung gegen niedrige Temperaturen eine lange Tradition. Unter dem Begriff Otu?ování ist es verbreitet, sich gezielt der Kälte auszusetzen, etwa beim Winterbaden oder beim Sport im Freien. Der Lauf durch die historische Altstadt von Prag knüpfte genau an diese Tradition an und übertrug sie in die moderne Laufkultur. Die knappe Bekleidung wurde so zum zentralen Element der Erfahrung. Sie machte die Kälte unmittelbar spürbar und verwandelte den Lauf in eine Mutprobe, die nur im Verbund mit anderen ihre volle Wirkung entfaltet.
 
Bemerkenswert war die Geschlossenheit der Gruppe. Alle liefen unter denselben Bedingungen, ohne sichtbare Ausnahmen. Gerade diese Einheitlichkeit verstärkte den Eindruck eines gemeinsamen Rituals. Der Lauf wurde zu einem kollektiven Erlebnis, das weit über die reine sportliche Betätigung hinausging. In einer Zeit, in der Training häufig individualisiert und digital gesteuert wird, setzte diese Aktion ein anderes Zeichen. Hier ging es nicht um persönliche Bestwerte oder Trainingspläne, sondern um das gemeinsame Erleben eines Moments, der sich tief einprägt.
 
Die Wirkung solcher Läufe entfaltet sich besonders über visuelle Eindrücke. Läufer in knapper Bekleidung vor winterlicher Kulisse erzeugen Aufmerksamkeit und bleiben im Gedächtnis. Die historische Szenerie der Prager Altstadt mit ihren engen Gassen, barocken Fassaden und dem Blick auf die Türme rund um die Karlsbrücke verstärkte diesen Effekt zusätzlich. Die Bilder transportieren Emotionen und erzählen eine Geschichte, ohne viele Worte zu benötigen. Sie zeigen, dass Laufen nicht nur Leistung bedeutet, sondern auch Ausdruck von Lebensfreude und Selbstüberwindung sein kann. Gerade die Reduktion auf das Wesentliche, auf Bewegung und unmittelbares Körpergefühl, verleiht dem Erlebnis seine besondere Intensität.
 
Der Winterlauf durch die Prager Altstadt war damit weit mehr als eine sportliche Aktion. Er wurde zu einem Statement für Mut, Gemeinschaft und die Freude an der Bewegung selbst unter widrigen Bedingungen. Die knappe Bekleidung fungierte dabei als sichtbares Symbol. Sie machte deutlich, dass Laufen manchmal genau dort beginnt, wo Bequemlichkeit endet. Und genau darin liegt die anhaltende Faszination solcher Momente. Sie erinnern daran, dass der Reiz des Laufens nicht nur in Kilometern und Zeiten liegt, sondern vor allem im Erleben, im gemeinsamen Durchhalten und in Geschichten, die noch lange nach dem Zieleinlauf weitererzählt werden.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln