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Zwei Einheiten am Tag: Wann lohnt sich ein Double-Run?  Der Wecker klingelt um 6:00 Uhr. Die Laufschuhe stehen bereit. Der erste Lauf ist locker, flüssig, fast meditativ. Am Abend dann wieder dasselbe Ritual. Noch einmal raus. Noch einmal Kilometer sammeln. Für viele klingt das wie das Trainingsprogramm von Profis. Für andere wie ein Rezept für Übertraining. Doch stimmt das wirklich?  Die Idee, zweimal täglich zu laufen, fasziniert seit Jahrzehnten. Elite-Marathonläufer nutzen diese Strategie gezielt, ambitionierte Amateure denken darüber nach. Doch zwischen Mythos und Methode liegt eine entscheidende Frage: Wann lohnt sich ein Double-Run tatsächlich - und wann ist er lediglich Trainingsromantik?  Die Faszination der doppelten Einheit  Zwei Läufe am Tag symbolisieren Hingabe, Struktur und Leistungswillen. In vielen Trainingssystemen, insbesondere im Hochleistungsbereich, sind sogenannte Doubles fest verankert. Sie dienen nicht als Selbstzweck, sondern als gezieltes Werkzeug, um den Trainingsumfang sinnvoll zu erhöhen.  Ein größerer Umfang fördert die aeroben Anpassungen, verbessert die Kapillarisierung der Muskulatur und stärkt die Fettstoffwechselökonomie. Genau diese Faktoren entscheiden langfristig über die Leistungsfähigkeit auf langen Distanzen.  Doch der Double-Run ist mehr als nur eine Methode, um zusätzliche Kilometer zu sammeln.   Ein Reiz, der anders wirkt  Sportwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Aufteilung einer Einheit in zwei kürzere Läufe physiologisch andere Effekte hervorrufen kann als ein einzelner langer Lauf. Die Belastung wird gleichmäßiger verteilt, die akute Ermüdung fällt häufig geringer aus, während die Summe der Trainingsreize erhalten bleibt.  So entsteht ein mehrfach gesetzter moderater Stimulus statt einer einmaligen, stark ermüdenden Belastung. Gleichzeitig trainiert der Körper, sich zwischen zwei Einheiten schneller zu regenerieren - eine Fähigkeit, die im Ausdauersport von zentraler Bedeutung ist.  Training im halbleeren Tank  Ein zusätzlicher Effekt zeigt sich im Energiestoffwechsel. Wird am selben Tag ein zweites Mal gelaufen, sind die Glykogenspeicher häufig bereits teilweise geleert. Der Organismus reagiert darauf, indem er effizienter auf die Fettverbrennung zurückgreift.  Gerade für Marathonläufer ist dieser Anpassungsprozess wertvoll. Wer lernt, mit begrenzten Kohlenhydraten ökonomisch zu laufen, kann das Wettkampftempo länger stabil halten. Der Double-Run wird so zu einem gezielten Stoffwechseltraining.  Mehr Umfang ohne extreme Einzellast  Auf den ersten Blick wirkt es paradox: Zwei Läufe erscheinen anstrengender als einer. In der Praxis zeigt sich jedoch häufig, dass zwei kürzere, lockere Einheiten den Bewegungsapparat weniger stark belasten als ein sehr langer Lauf.  Die Gesamtstrecke wird aufgeteilt, wodurch die muskuläre und orthopädische Belastung pro Einheit sinkt. Gleichzeitig lässt sich der Wochenumfang steigern, ohne einzelne Läufe unverhältnismäßig zu verlängern. Genau darin liegt der eigentliche Nutzen des Double-Runs: Er ist vor allem ein Instrument zur Umfangssteuerung, nicht zur Intensitätssteigerung.  Die Königsdisziplin: Double-Threshold  Im Spitzensport hat sich eine besonders anspruchsvolle Variante etabliert: zwei Schwellenläufe an einem Tag, meist mit mehreren Stunden Abstand. Ziel ist es, mehr Zeit im optimalen Belastungsbereich zu verbringen, ohne dass die Qualität der einzelnen Intervalle unter kumulativer Ermüdung leidet.  Diese Methode verlangt jedoch enorme Erfahrung, präzise Belastungssteuerung und perfekte Regeneration. Für Freizeitläufer ist sie in der Regel weder notwendig noch sinnvoll.  Wann sich Double-Runs wirklich lohnen  Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Double-Runs funktionieren, sondern für wen sie geeignet sind. Â
Wann Double-Runs keine gute Idee sind  So verlockend die Vorstellung auch ist, zweimal täglich zu laufen ist kein Allheilmittel. Mehrere Einheiten an einem Tag können Ermüdung kumulieren lassen und die Qualität wichtiger Schlüsselreize beeinträchtigen.  Für Einsteiger, Läufer mit geringem Wochenumfang oder Athleten in Erholungsphasen überwiegen die Risiken. Überlastungsbeschwerden, erhöhte Infektanfälligkeit und mentale Ermüdung sind mögliche Folgen einer zu schnellen Steigerung.   Der psychologische Faktor  Double-Runs verändern nicht nur den Körper, sondern auch den Alltag. Der Tagesrhythmus wird stärker auf Training, Regeneration, Ernährung und Schlaf ausgerichtet. Gleichzeitig wächst die mentale Belastung, denn Motivation und Disziplin werden zweimal täglich gefordert.  Damit wird klar: Zwei Einheiten pro Tag sind weniger ein kurzfristiger Trainingsreiz als vielmehr ein struktureller Eingriff in den gesamten Lebensstil eines Läufers.   Â
__________________________________ Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln |