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Kinder laufen wie die Großen - Begeisterung und Verantwortung
 
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28.02.2026 

 

 
Wenn Kinder laufen wollen wie die Großen - zwischen Begeisterung, Regeln und Verantwortung
 

Ein Straßenlauf an einem sonnigen Wochenende, die Startpistole bereit, das Murmeln der Zuschauer in der Luft und gespannte Nervosität im Startblock. Die Startnummern werden befestigt, die Spannung steigt. Neben den erwachsenen Läufern steht ein Kind, voller Energie, voller Vorfreude. Es trainiert regelmäßig, wirkt fit, möchte unbedingt die fünf oder gar zehn Kilometer mitlaufen. Doch der Veranstalter winkt ab. Zu jung. Zu riskant. Zu früh.
 
Was zunächst wie übertriebene Vorsicht wirkt, hat einen klaren Hintergrund. In der Leichtathletik ist seit Jahrzehnten exakt geregelt, ab welchem Alter welche Distanzen gelaufen werden dürfen. Diese Grenzen sind nicht willkürlich gesetzt, sondern Ergebnis sportmedizinischer Erkenntnisse und langjähriger Erfahrung im Nachwuchstraining.
 
Altersgrenzen im Laufsport - mehr als Bürokratie
 
In Deutschland orientieren sich die Vorgaben an den Empfehlungen des Deutschen Leichtathletik-Verbands und internationalen Richtlinien von World Athletics. Demnach gilt:
 
- 5 Kilometer ab der Altersklasse U12
- 10 Kilometer ab der Altersklasse U16
 
Zu beachten sind zudem Mindest- und Höchstdistanzen im Kinderbereich: So sollen Kinder der Altersklasse U10 in der Regel mindestens 1 Kilometer, aber nicht mehr als 4,3 Kilometer laufen.
 
Diese Regelung betrifft in erster Linie offiziell vermessene Wettkämpfe und Veranstaltungen im organisierten Leichtathletikbetrieb. Der Gedanke dahinter ist eindeutig: Kinder sollen schrittweise an längere Belastungen herangeführt werden, ohne ihre körperliche Entwicklung zu gefährden.
 
Der kindliche Organismus befindet sich noch im Wachstum. Knochen, Sehnen und Gelenke sind belastbar, aber nicht unbegrenzt. Besonders die Wachstumsfugen reagieren empfindlich auf monotone Dauerbelastungen. Zu lange Distanzen bei zu hoher Intensität können Überlastungserscheinungen begünstigen, die im schlimmsten Fall langfristige Schäden nach sich ziehen.
 
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen
 
Ein genauer Blick auf die kindliche Physiologie hilft zu verstehen, warum diese Altersgrenzen existieren und welche Unterschiede zur Belastbarkeit Erwachsener bestehen.
 
Kinder verfügen durchaus über eine erstaunliche Grundlagenausdauer. Viele können lange laufen, ohne sofort zu ermüden. Das verleitet zu der Annahme, sie seien auch für längere Wettkampfdistanzen geeignet. Genau hier liegt der Trugschluss.
 
Der Energieumsatz von Kindern ist anders strukturiert als bei Erwachsenen. Sie arbeiten ökonomischer im aeroben Bereich, ermüden aber schneller bei langen, gleichförmigen Belastungen. Zudem fehlt ihnen häufig noch die muskuläre Stabilität, die notwendig ist, um tausende identische Laufschritte schadlos zu verkraften.
 
Trainer und Sportwissenschaftler betonen deshalb seit Jahren ein zentrales Prinzip: Vielseitigkeit vor Spezialisierung. Kinder sollen rennen, springen, spielen, sprinten und koordinativ gefordert werden. Lange Straßenläufe setzen dagegen primär auf monotone Ausdauerarbeit.
 
Können Kinder die Distanzen dennoch problemlos laufen? - Physiologische Möglichkeiten im Kontext der kindlichen Entwicklung
 
Die ehrliche Antwort lautet: In vielen Fällen ja - aber das ist nicht der entscheidende Maßstab.
 
Gut trainierte, bewegungsaffine Kinder sind physiologisch durchaus in der Lage, auch längere Distanzen wie fünf oder sogar zehn Kilometer zu bewältigen. Studien zeigen, dass Kinder relativ effizient im aeroben Bereich arbeiten und sich nach Belastungen oft schnell erholen. Gerade sportlich aktive Kinder empfinden längere, ruhige Läufe subjektiv häufig als weniger anstrengend als intensive Sprint- oder Intervallformen.
 
Doch Leistungsfähigkeit ist nicht gleich Belastbarkeit. Herz-Kreislauf-System und Stoffwechsel passen sich vergleichsweise rasch an Ausdauerreize an. Der passive Bewegungsapparat entwickelt sich dagegen langsamer. Knochen, Sehnen, Bänder und insbesondere die Wachstumsfugen sind noch nicht vollständig stabilisiert. Ein Kind kann daher eine lange Strecke absolvieren, ohne unmittelbare Probleme zu spüren, während sich im Hintergrund Mikrobelastungen aufbauen, die erst Wochen später Beschwerden verursachen.
 
Die entscheidende Frage lautet also nicht primär, welche Distanz ein Kind bewältigen kann, sondern welchen Preis es langfristig dafür zahlt. Wird im Training frühzeitig stark auf lange Läufe fokussiert, geraten wichtige Entwicklungsreize wie Schnelligkeit, Koordination und Technik leicht ins Hintertreffen. Genau diese Fähigkeiten sind jedoch das Fundament für spätere Leistungsfähigkeit im Ausdauersport.
 
Ein oft zitiertes historisches Beispiel ist die deutsche Spitzenläuferin Birgit Lennartz-Lohrengel. Sie kam bereits im Kindesalter über ihren Vater, den Sporthistoriker Karl Lennartz, intensiv mit dem Laufsport in Kontakt und absolvierte sehr früh lange Wettkämpfe, darunter auch Marathonläufe im Jugendalter. Wichtig ist dabei die Einordnung: Sie bewegte sich in einem außergewöhnlich sportaffinen und fachkundigen Umfeld und wurde eng durch ihren Vater begleitet. Unter diesen individuellen Voraussetzungen verlief ihre Entwicklung erfolgreich und ohne die heute befürchteten negativen Folgen. Ihr Werdegang zeigt, dass hohe Ausdauerleistungen im Kindesalter unter sehr kontrollierten, persönlichen Rahmenbedingungen möglich sein können. Gleichzeitig handelt es sich um einen Einzelfall aus einer anderen Zeit des Laufsports, der nicht pauschal auf den heutigen Nachwuchssport übertragbar ist. Moderne Trainings- und Schutzkonzepte orientieren sich daher an breiten sportmedizinischen Erkenntnissen und stellen die langfristige, vielseitige Entwicklung aller Kinder in den Vordergrund.
 
Verliert ein Kind durch lange Läufe seine Sprintfähigkeit?
 
Die Sorge ist verbreitet, aber differenziert zu betrachten. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass moderates Ausdauertraining im Kindesalter automatisch die Schnelligkeit zerstört. Problematisch wird es erst, wenn Training einseitig gestaltet ist und Sprint-, Sprung- und Koordinationsreize fehlen.
 
Frühe Spezialisierung auf lange Strecken kann die neuromuskuläre Entwicklung einengen. Kinder lernen dann, ökonomisch langsam zu laufen, aber nicht mehr explosiv schnell. Erfolgreiche Nachwuchskonzepte setzen deshalb bewusst auf abwechslungsreiche Trainingsformen. Schnelligkeit und Koordination werden als zentrale Entwicklungssäulen betrachtet, während längere Ausdauerbelastungen dosiert eingesetzt werden.
 
Das Dilemma der Straßenläufe
 
Nach den physiologischen und trainingswissenschaftlichen Überlegungen rückt nun die Wettkampfpraxis und ihre organisatorisch-rechtliche Dimension in den Fokus.
 
Während im Stadion klare Altersklassen gelten, wirkt der Straßenlauf offener. Hier locken Medaillen, Pokale oder Sachpreise. Für viele Kinder ist genau das der Reiz. Sie möchten nicht nur mitlaufen, sondern sich messen und belohnt werden.
 
Veranstalter stehen dabei vor einem Spannungsfeld. Einerseits möchten sie Familien ansprechen und den Nachwuchs begeistern. Andererseits tragen sie Verantwortung für die Gesundheit der Kinder und müssen sich an sportrechtliche Vorgaben halten. Altersbeschränkungen sind deshalb keine Schikane, sondern ein Schutzmechanismus.
 
Hinzu kommt eine konkrete Regel aus dem Nachwuchsbereich: Kinder (bis U12) dürfen an einem Tag nur an einem Lauf teilnehmen. Damit soll verhindert werden, dass sich Wettkampfbelastungen summieren, die der kindliche Organismus deutlich schlechter kompensieren kann als der eines Erwachsenen.
 
In der Praxis kommt es dennoch vor, dass Kinder mit einem höheren Alter gemeldet werden, um eine Teilnahme zu ermöglichen. Auf den ersten Blick scheint dies harmlos, schließlich wirkt das Kind fit und motiviert.
 
Doch dieses Vorgehen birgt erhebliche Risiken. Kommt es während des Laufs zu einem Unfall oder gesundheitlichen Problem, kann die Versicherung die Leistung verweigern, weil die Teilnahme gegen die Ausschreibungsbedingungen verstieß. Juristisch gilt dann, dass das Kind eigentlich nicht startberechtigt war. Im Ernstfall stehen Eltern und Veranstalter gleichermaßen in der Verantwortung.
 
Neben der rechtlichen Dimension stellt sich auch eine pädagogische Frage: Welche Botschaft wird vermittelt, wenn Regeln umgangen werden, nur weil die Motivation groß ist?
 
Ein verantwortungsvoller Weg
 
Die Begeisterung laufbegeisterter Kinder ist ein Geschenk. Sie sollte gefördert werden, aber mit Augenmaß. Altersgerechte Kinderläufe, Staffeln oder Crossläufe bieten ideale Wettkampfformen, die Spannung und Sicherheit verbinden. Hier erleben Kinder den Wettkampfgedanken, ohne ihren Körper übermäßig zu belasten.
 
Langfristig profitieren junge Läufer von einem geduldigen Aufbau. Wer im Kindesalter vielseitig trainiert, entwickelt eine stabile Basis für spätere Leistungsfähigkeit. Die langen Distanzen kommen dann mit der körperlichen Reife ganz automatisch.
 
 
    Handlungsempfehlungen für Eltern und Trainer
 
Ein Kind kann unter Umständen längere Distanzen laufen, auch unterhalb der offiziellen Altersfreigaben. Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob es möglich ist, sondern ob es langfristig sinnvoll ist. Die Altersgrenzen im Laufsport schützen nicht vor akuter Überforderung, sondern vor schleichenden Fehlentwicklungen im entscheidenden Wachstumsfenster.
 
Wer Kinder nachhaltig für den Laufsport begeistern möchte, setzt auf Vielfalt statt auf frühe Spezialisierung. Dann bleiben Schnelligkeit, Koordination und Freude erhalten - und die großen Distanzen warten geduldig auf den richtigen Zeitpunkt.


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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln