|
Japanisches Intervall-Gehen Der vielleicht effizienteste Spaziergang der Welt Es beginnt mit etwas ganz Alltäglichem. Ein Spaziergang. Keine Bahn, kein Stadion, kein Intervalltraining auf der Tartanbahn. Kein komplizierter Trainingsplan. Nur ein Weg, ein wenig Zeit und zwei unterschiedliche Geschwindigkeiten. Hinter dieser scheinbar simplen Bewegung steckt jedoch eine Trainingsform, die Sportwissenschaftler weltweit interessiert: das japanische Intervall-Gehen. Eine Methode aus der Forschung, die in Studien untersucht wurde und inzwischen auch in der Laufcommunity Aufmerksamkeit bekommt. Denn sie zeigt etwas Überraschendes. Schon ein halbstündiger Spaziergang kann ein erstaunlich effektives Training sein. Die Idee aus Japan Vor rund zwei Jahrzehnten entwickelten Wissenschaftler der Shinshu University in Japan, darunter die Forscher Hiroshi Nose und Shizue Masuki, ein Trainingskonzept namens Interval Walking Training. Ihr Ziel war ein Bewegungsprogramm, das möglichst viele Menschen problemlos umsetzen können. Es sollte einfach, alltagstauglich und wissenschaftlich wirksam sein. Das Ergebnis war ein sehr klares Trainingsprinzip: 3 Minuten zügiges Gehen 3 Minuten langsames Gehen Diese beiden Phasen werden fünfmal wiederholt. Am Ende stehen rund 30 Minuten Bewegung. Die schnellen Abschnitte liegen ungefähr bei 70 Prozent der maximalen aeroben Leistungsfähigkeit. Die Atmung wird deutlich intensiver, der Puls steigt spürbar an. Die langsamere Phase dient der aktiven Erholung, bevor die nächste Belastung beginnt. Gerade dieser Wechsel zwischen Belastung und Erholung sorgt für den Trainingseffekt. Warum Intervalle so gut wirken Das Prinzip erinnert an klassisches Intervalltraining im Laufsport. Der Unterschied liegt lediglich in der Intensität. Statt schneller Laufintervalle bestehen die Belastungsphasen aus zügigem Gehen. Physiologisch passiert dennoch viel. Während der schnellen Phase steigt die Herzfrequenz deutlich an. Das Herz pumpt mehr Blut durch den Körper, die Muskulatur wird stärker mit Sauerstoff versorgt. In der langsameren Phase sinkt die Belastung leicht, ohne dass der Körper vollständig in Ruhe kommt. Dieser Wechsel aktiviert Herz, Kreislauf und Muskulatur stärker als gleichmäßiges Gehen. Studien zeigen, dass dadurch sowohl die aerobe Leistungsfähigkeit als auch die Muskelkraft verbessert werden können. Was Studien tatsächlich zeigen Die ersten Untersuchungen aus Japan verglichen drei Gruppen: Menschen ohne regelmäßige Bewegung, Menschen mit moderatem Dauergehen und Menschen mit Intervall-Gehen. Die Ergebnisse waren deutlich. Teilnehmer des Intervallprogramms zeigten unter anderem: - höhere aerobe Leistungsfähigkeit - stärkere Oberschenkelmuskulatur - verbesserte Kniekraft - niedrigeren Blutdruck In mehrmonatigen Studien verbesserte sich die körperliche Leistungsfähigkeit deutlich stärker als bei gleichmäßigem Gehen. Gleichzeitig nahm die Muskelkraft der Beine zu, was besonders für ältere Menschen eine wichtige Rolle spielt. Auch bei Menschen mit Typ-2-Diabetes wurden positive Effekte auf den Stoffwechsel beobachtet. Die Insulinsensitivität verbesserte sich, und kardiovaskuläre Risikofaktoren konnten reduziert werden. Die überraschende Effizienz Ein Grund für die wachsende Popularität des japanischen Intervall-Gehens liegt in seiner Zeitökonomie. Viele Menschen orientieren sich am Ziel von 10.000 Schritten pro Tag. Dieses Ziel kann jedoch ein bis zwei Stunden Bewegung erfordern. Das Intervallprogramm dauert dagegen nur etwa 30 Minuten. Durch die wiederkehrenden Intensitätswechsel entstehen stärkere Trainingsreize für Herz, Kreislauf und Muskulatur als bei einem gleichmäßigen Spaziergang. Das bedeutet nicht, dass viele Schritte unwichtig wären. Regelmäßige Bewegung bleibt ein zentraler Gesundheitsfaktor. Doch strukturiertes Training kann zusätzliche Effekte liefern. Was Läufer daraus lernen können Für ambitionierte Läufer klingt Gehen zunächst unspektakulär. Dennoch kann das Intervall-Gehen im Lauftraining sinnvoll eingesetzt werden.
Im Kern handelt es sich um Intervalltraining in einer sehr moderaten Intensitätsstufe. So funktioniert das Training in der Praxis Eine Einheit ist leicht umzusetzen und benötigt keine besondere Ausrüstung.
Die schnellen Abschnitte sollten so intensiv sein, dass Sprechen nur noch in kurzen Sätzen möglich ist. Eine aufrechte Haltung, ein aktiver Armschwung und ein dynamischer Schritt erhöhen den Trainingseffekt. Empfohlen werden vier bis fünf Einheiten pro Woche. Tipps für den Einstieg Wer das Training ausprobieren möchte, kann zunächst mit drei Intervallen beginnen und die Anzahl schrittweise erhöhen. Hilfreich ist eine Uhr oder ein Smartphone mit Intervallfunktion. Viele Sportuhren lassen sich problemlos für solche Zeitintervalle programmieren. Für den Start eignen sich flache Wege. Später können leichte Anstiege zusätzliche Trainingsreize setzen. Mehr als nur ein Trend In sozialen Medien wird japanisches Intervall-Gehen häufig als neuer Fitness-Trend dargestellt. Tatsächlich basiert die Methode auf langjähriger Forschung. In Japan wird sie teilweise sogar in kommunalen Gesundheitsprogrammen eingesetzt. Teilnehmer erhalten dort Schrittzähler oder Apps, mit denen sich das Training dokumentieren lässt. Die Ergebnisse zeigen, dass viele Menschen ihre Fitness deutlich verbessern können, wenn sie dieses Training regelmäßig durchführen.
4‑Wochen‑Einstiegsplan Woche 1 3 Einheiten pro Woche 3 Intervalle pro Einheit Woche 2 3 bis 4 Einheiten pro Woche 4 Intervalle pro Einheit Woche 3 4 Einheiten pro Woche 5 Intervalle pro Einheit Woche 4 4 bis 5 Einheiten pro Woche 5 Intervalle pro Einheit Nach vier Wochen kann das Training dauerhaft mit fünf Intervallen fortgesetzt werden.
__________________________________ Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln |