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London-Marathon an zwei Tagen Die Zukunft eines Klassikers - und was sie für den Laufsport bedeutet  Es ist früher Sonntagmorgen in London, und die Stadt vibriert vor Energie. Ein kühler Wind zieht über Blackheath, doch im Startbereich scheint ihn niemand zu spüren. Zehntausende Läufer stehen dicht gedrängt beieinander, eingehüllt in alte Pullover, Müllsäcke oder konzentrierte Stille. Einige lachen, andere starren gedankenverloren ins Leere. Wochen, Monate, manchmal Jahre haben sie auf diesen Moment hingearbeitet. Entlang der Strecke warten bereits Hunderttausende Zuschauer. Familien, Touristen und Laufbegeisterte säumen die Straßen, halten Plakate hoch und feuern selbst völlig Fremde an. Genau das macht den London-Marathon zu dem, was er ist: nicht nur ein Rennen, sondern ein globales Ritual, ein emotionales Spektakel und das größte eintägige Charity-Event der Welt. Doch genau dieses Erfolgsmodell könnte vor einem historischen Wandel stehen, denn die Organisatoren prüfen konkret, den London-Marathon künftig auf zwei Tage auszudehnen.  Wenn ein Marathon zu groß wird  Der London-Marathon gehört seit Jahren zu den begehrtesten Startplätzen weltweit. Was einst ein großes Rennen war, hat sich längst zu einem globalen Phänomen entwickelt. Die Zahlen zeigen eindrucksvoll, warum: Für die Verlosung 2026 gingen 1.133.813 Bewerbungen ein - ein Weltrekord und ein Anstieg von rund 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dem gegenüber stehen gut 56.000 Finisher im Jahr 2025. Selbst wenn man alle Startplätze berücksichtigt, erhalten nur etwa fünf Prozent der Bewerber tatsächlich die Chance zu starten. Damit wird deutlich, wie groß die Diskrepanz zwischen Nachfrage und Realität inzwischen ist - der London-Marathon ist nicht nur populär, sondern organisatorisch am Limit.  Die Idee: Ein Marathon-Wochenende  Vor diesem Hintergrund wirkt die diskutierte Lösung zunächst ungewöhnlich, bei genauerem Hinsehen jedoch beinahe unausweichlich: ein zweitägiger Marathon. Konkret wird darüber nachgedacht, den Lauf 2027 auf Samstag, den 24. April, und Sonntag, den 25. April, zu verteilen. Pro Tag könnten rund 50.000 Läufer starten, sodass insgesamt etwa 100.000 Teilnehmer möglich wären - eine nahezu Verdopplung der Kapazität. Intern ist bereits vom ?Double London Marathon? die Rede, wobei an beiden Tagen die identische Strecke gelaufen werden soll. Gleichzeitig könnte das Format sportlich neue Akzente setzen, etwa durch getrennte Renntage für Männer und Frauen im Elitefeld. Noch ist das Konzept nicht offiziell beschlossen, befindet sich jedoch in fortgeschrittenen Gesprächen und wird politisch unterstützt. Ein Sprecher des Bürgermeisters betonte, London wolle gemeinsam mit den Veranstaltern prüfen, ob ein solches zweitägiges Event realisierbar sei.  Mehr als nur Teilnehmerzahlen  Die Diskussion um zwei Renntage ist weit mehr als eine reine Kapazitätsfrage, sie berührt den Kern dessen, was den London-Marathon seit Jahrzehnten auszeichnet. Seit seiner Gründung wurden über eine Milliarde Pfund für wohltätige Zwecke gesammelt, allein 2025 kamen 87,3 Millionen Pfund zusammen. Mit zusätzlichen Startplätzen ließe sich diese Summe weiter steigern, denn jeder Läufer bringt seine eigene Geschichte mit - und genau diese Geschichten treiben die enorme Spendenbereitschaft rund um den London-Marathon an.   Die Vision: Vom Rennen zum Festival  Ein Marathon an zwei Tagen würde das Erlebnis grundlegend verändern. Statt eines einzelnen Höhepunkts entstünde ein komplettes Laufwochenende, das mehr Raum für individuelle Geschichten, für die Wahrnehmung einzelner Leistungen und für eine intensivere Einbindung der Stadt schafft. Der London-Marathon könnte sich damit zu einem echten Festival des Laufsports entwickeln, bei dem Wettkampf, Expo, Rahmenprogramm und Charity-Aktionen noch enger miteinander verzahnt sind.  Die Herausforderung: Zwei Tage Ausnahmezustand  So überzeugend die Idee klingt, so anspruchsvoll ist ihre Umsetzung. London müsste zentrale Verkehrsadern nicht nur für einige Stunden, sondern für zwei volle Tage sperren - mit entsprechenden Auswirkungen auf Infrastruktur und Alltag. Auch organisatorisch würde der Aufwand deutlich steigen: Mehr Helfer, mehr Sicherheitskräfte, mehr medizinische Versorgung und eine erheblich komplexere Koordination wären notwendig. Hinzu kommt, dass ein solches Konzept die Zustimmung zahlreicher Partner und Behörden erfordert, sodass weiterhin offen ist, ob und in welcher Form das Projekt tatsächlich umgesetzt werden kann.  Ein möglicher Sonderfall  Interessant ist zudem, dass ein zweitägiger Marathon derzeit als mögliches einmaliges Ereignis diskutiert wird. Für 2028 könnte wieder das klassische Ein-Tages-Format zurückkehren, sodass London die Möglichkeit hätte, das Konzept unter realen Bedingungen zu testen, ohne sich langfristig festlegen zu müssen.  Ein Blick nach vorn  Sollte London diesen Schritt gehen, hätte das weitreichende Signalwirkung. Auch andere große Marathons wie Berlin, New York oder Tokio sehen sich mit einer stetig wachsenden Nachfrage konfrontiert. Ein erfolgreiches Zwei-Tage-Modell könnte daher neue Wege aufzeigen, wie Großveranstaltungen wachsen können, ohne an Qualität einzubüßen.  Was bedeutet das für Läufer?  Für viele Hobbyläufer wäre die Entwicklung vor allem eine gute Nachricht, denn die Chancen auf einen Startplatz würden spürbar steigen und der Traum vom London-Marathon wäre für deutlich mehr Menschen erreichbar. Für ambitionierte Athleten könnten getrennte Renntage neue Möglichkeiten eröffnen, etwa durch mehr Aufmerksamkeit für einzelne Wettbewerbe und klarere Rennverläufe. Auch für Zuschauer würde sich das Erlebnis verändern, da statt eines einzelnen intensiven Tages ein ganzes Wochenende im Zeichen des Laufsports entstünde.  Die entscheidende Frage  Bleibt die zentrale Frage, ob ein Marathon noch derselbe ist, wenn er sich über zwei Tage erstreckt - oder ob genau darin die logische Antwort auf den weltweiten Laufboom liegt. Die Entwicklung in London zeigt jedenfalls, dass klassische Formate an ihre Grenzen geraten und der Sport schneller wächst, als seine bisherigen Strukturen es zulassen.   Â
__________________________________ Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln |