Laufen.NRW (Köln)
Das überregionale Online-Magazin im Rheinland
Über 6.500 Beiträge zu allen Themen rund um den Laufsport

DRUCK-VERSION 20.12.2008

 

 
 

Severinslauf 2026: Gerettet, aber nicht neu geboren
 
Laufen-in-Koeln >> Laufveranstaltungen >> NetCologne Dauerlauf im Severinsviertel >> Artikel

27.04.2026 

 


Der 41. Dauerlauf im Severinsviertel fand am Sonntag statt. Nach Absage, Spendenaufruf und Rettung durch einen Sponsor war das allein schon eine Nachricht. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Der Severinslauf lebt nicht wieder auf. Er hat erst einmal nur überlebt.
 
Am Ende war es wieder so, wie es beim Severinslauf immer ein wenig sein soll: Start und Ziel an der Torburg, Südstadtpflaster unter den Schuhen, bekannte Gesichter am Rand, 5 Kilometer, 10 Kilometer, ein Lauf mit Veedelsgefühl. Am Sonntag, 26. April 2026, wurde der 41. Dauerlauf im Severinsviertel tatsächlich gestartet. Im Zeitplan standen zwei Wettbewerbe: der 5-Kilometer-Lauf um 11 Uhr und der 10-Kilometer-Lauf um 12 Uhr. Sportlich wichtig ist allerdings: Auch in diesem Jahr wurde der Lauf nicht als offizieller Lauf des Leichtathletikverbandes ausgetragen. Die Veranstaltung blieb damit ein privat organisierter Lauf ohne offizielle Anerkennung der erzielten Leistungen durch den Verband.
 
Dass dieser Satz überhaupt geschrieben werden kann, war vor wenigen Wochen keineswegs sicher. Ende Februar stand der Severinslauf vor dem Aus. Der Grund war nicht das Wetter, nicht die Strecke, nicht fehlende Läuferbeine. Es fehlte Geld. Veranstalter Georg Herkenrath bestätigte damals, der 41. Dauerlauf im Severinsviertel werde wegen mangelnder Finanzierung nicht stattfinden.
 
Dann kam die Rettung. Eine Spendeninitiative wurde angeschoben, die Debatte nahm Fahrt auf, lokale Medien berichteten. Schließlich sprang Reissdorf ein und unterstützte den Lauf finanziell. Damit konnte die Veranstaltung doch stattfinden.
 
Das klingt zunächst wie eine schöne Kölner Geschichte. Ein Traditionslauf wackelt, das Veedel rückt zusammen, ein Sponsor hilft, der Startschuss fällt doch. Fertig ist das Happy End. Doch so einfach ist es nicht.
 
Denn der Severinslauf kam nicht mit Schwung zurück. Er kam mit Mühe zurück.
 
Während andere Laufveranstaltungen in und um Köln derzeit Rückenwind erleben, blieb der große Aufbruch im Severinsviertel aus. Der Kölner Frühlingslauf meldete 2026 einen Teilnehmerrekord mit 2.180 Läufern. Der Köln Marathon verzeichnete 2025 mit 37.053 Anmeldungen einen Melderekord und ein Wachstum von mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch der Düsseldorf Marathon meldete für den 26. April 2026 mehr als 23.000 Teilnehmer.
 
Vor diesem Hintergrund wirkt die Entwicklung des Severinslaufs ernüchternd. Nach der Auswertung der Finisherzahlen erreichten 2026 insgesamt 795 Teilnehmer das Ziel: 246 über 5 Kilometer und 549 über 10 Kilometer. Im Vorjahr waren es 781 Finisher, davon 253 über 5 Kilometer und 528 über 10 Kilometer. 2024 kamen 789 Läufer ins Ziel, 235 über 5 Kilometer und 554 über 10 Kilometer. Damit lag der Lauf zwar leicht über den Zahlen von 2024 und 2025, aber die Steigerung blieb überschaubar. Ein Plus von 14 Finishern gegenüber dem Vorjahr und sechs Finishern gegenüber 2024 ist kein Einbruch. Aber es ist eben auch kein Signal für einen neuen Ansturm.
 
Genau darin liegt die eigentliche Nachricht dieses Sonntags: Der Severinslauf wurde gerettet, aber er wurde nicht neu entfacht.
 
Sportlich hatte der Tag dennoch klare Gesichter. Über 5 Kilometer gewannen Tim von der Stein in 16:42 Minuten und Larissa Wittkamp von den Milers Colonia 2020 in 18:22 Minuten. Auf der 10-Kilometer-Strecke setzte sich bei den Männern Camill Harter von Milers Colonia 2020 in 36:28 Minuten durch, gefolgt von Momo Bouhaddouz von Meister Gerhard in 36:47 Minuten und Uli Tisch-Rottensteiner in 37:06 Minuten. Bei den Frauen gewann Nadja Gaus von Bunert - Der Kölner Laufladen in starken 37:44 Minuten, vor Judith Mein von Meister Gerhard in 37:55 Minuten und Larissa Wittkamp von Milers Colonia 2020 in 39:34 Minuten.
 
Das Severinsviertel hat einen Lauf, der mehr ist als eine Startnummernausgabe und zwei Distanzen. Er ist Teil der Kölner Laufgeschichte. Auf der Veranstalterseite wird der Dauerlauf mit der Lauffachberatung auf der Severinstraße verbunden, die seit 1982 in der Südstadt präsent ist. Der Lauf besitzt, was viele neue Events erst teuer herstellen müssen: eine Geschichte, einen Ort, eine emotionale Verankerung.
 
Aber Tradition allein trägt keine Veranstaltung mehr durch die Gegenwart.
 
Das ist die unbequeme Wahrheit. Wer heute einen Volkslauf organisiert, konkurriert nicht nur mit anderen Läufen. Er konkurriert mit Wochenendplänen, Familienzeit, digitalen Trainingsplattformen, Eventformaten mit Musik, Medaille, Social-Media-Bildern, klarer Kommunikation und einer professionellen Teilnehmeransprache. Viele Läufer fragen nicht mehr nur: Wo kann ich laufen? Sie fragen: Warum genau dort?
 
Beim Severinslauf war die Antwort lange einfach: Weil er dazugehört.
 
Doch Zugehörigkeit muss gepflegt werden. Ein Veedelslauf lebt nicht vom Namen allein. Er lebt von Menschen, die jedes Jahr wiederkommen, von Vereinen, die geschlossen antreten, von Schulen, Firmen, Karnevalsgesellschaften, Nachbarschaften, Gastronomie, Musik, Moderation, Bildern, Geschichten und einem Gefühl, das über die Ziellinie hinausreicht. Wenn diese Energie schwächer wird, wird aus Tradition Routine. Und aus Routine irgendwann Risiko.
 
Genau dieses Risiko wurde 2026 sichtbar. Erst fehlte das Geld. Dann musste öffentlich um Unterstützung geworben werden. In einem Bericht war von dringend benötigten rund 10.000 Euro die Rede, die über eine Spendenaktion zusammenkommen sollten. In einem weiteren Bericht hieß es, der Lauf brauche auch 1.111 Teilnehmer, um eine stabile Finanzierung zu ermöglichen.
 
Das ist eine bemerkenswerte Zahl. Denn sie zeigt, dass das Problem nicht allein ein fehlender Sponsor war. Das Problem ist ein fehlendes stabiles Fundament. Wenn eine Veranstaltung nach vier Jahrzehnten an einem vergleichsweise überschaubaren Finanzierungsloch hängt, dann geht es nicht nur um Geld. Dann geht es um Struktur.
 
Der Severinslauf befindet sich damit in einem Spannungsfeld, das viele traditionelle Läufe kennen. Die Kosten steigen. Genehmigungen, Absperrungen, Sicherheit, Zeitmessung, Kommunikation und Personal lassen sich nicht mehr nebenbei stemmen. Gleichzeitig erwarten Teilnehmer heute einen reibungslosen Ablauf, transparente Informationen, schöne Bilder, klare Streckenführung und ein Erlebnis, das den Startpreis rechtfertigt.
 
Der Severinslauf hat das Herz. Aber hat er noch das Konzept?
 
Diese Frage muss erlaubt sein, gerade weil der Lauf wichtig ist. Wer einen Traditionslauf liebt, darf ihn nicht nur beklatschen, wenn er gerettet wurde. Er muss auch fragen, warum er überhaupt gerettet werden musste.
 
Das Bild vom Sonntag war deshalb zweigeteilt. Auf der einen Seite stand die Erleichterung: Der Lauf fand statt. Die Südstadt musste nicht zusehen, wie ein Stück Kölner Laufkultur still verschwindet. Auf der anderen Seite stand die Erkenntnis: Die Rettung war keine Wiedergeburt. Sie war eine Verlängerung.
 
Und Verlängerungen gewinnt man nicht durch Nostalgie.
 
Was müsste also passieren? Der Severinslauf braucht kein künstliches Großevent zu werden. Er muss nicht zum Marathon im Miniaturformat werden. Seine Stärke liegt gerade im Überschaubaren, im Nahbaren, im Lokalen. Aber er braucht eine erkennbare Idee für die nächsten Jahre. Eine stärkere Einbindung des Veedels. Eine offensive Ansprache von Schulen, Vereinen, Firmen und Karnevalsgesellschaften. Eine klarere Kommunikation. Vielleicht eine Teamwertung, die wirklich zieht. Vielleicht einen Kinderlauf. Vielleicht ein Format, das den Severinslauf wieder zum Pflichttermin für die Südstadt macht und nicht nur zur Erinnerung an frühere Zeiten.
 
Vor allem braucht er Transparenz und Verlässlichkeit. Wer Teilnehmer gewinnen will, muss früh sichtbar sein. Wer Sponsoren überzeugen will, muss mehr anbieten als den Hinweis auf Tradition. Wer Helfer binden will, braucht ein Team, nicht nur eine Einzelkämpfergeschichte.
 
Denn auch das gehört zur Wahrheit: Die Erzählung vom geretteten Lauf ist emotional stark, aber sie trägt nicht jedes Jahr. Einmal funktioniert sie. Vielleicht auch zweimal. Aber irgendwann muss aus Rettung wieder Entwicklung werden.
 
Der Severinslauf ist am Sonntag nicht gestorben. Das ist gut. Aber er hat auch nicht bewiesen, dass er wieder lebt. Er hat gezeigt, dass noch genug Erinnerung, Sympathie und lokale Hilfsbereitschaft vorhanden sind, um ihn über die Linie zu bringen.
 
Für die Zukunft reicht das nicht.
 
Die schönste Nachricht wäre nicht, dass der Severinslauf 2027 wieder irgendwie gerettet wird. Die schönste Nachricht wäre, dass er gar nicht erst gerettet werden muss.

__________________________________
Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln