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Moritz Ehm gewinnt den 12-Stundenlauf nach Startnummer-Krimi
 
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13.05.2026 

 

 
TV-Refrath Vereinsrekord in Sittard:
Moritz Ehm gewinnt den 12-Stundenlauf nach Startnummer-Krimi
 
Es gibt Läufe, die beginnen mit dem Startschuss. Und es gibt Läufe, die beginnen am Hauptbahnhof Mönchengladbach, mit Gepäck, Verspätung und einem immer kleiner werdenden Zeitfenster bis zum Rennbeginn. Moritz Ehm vom TV Refrath hatte in Sittard eigentlich einen kontrollierten 12-Stundenlauf vor sich. Am Ende wurde daraus eine Geschichte, die weit mehr erzählt als nur eine Siegerleistung.
 
Der 47-Jährige gewann den 12-Stundenlauf im niederländischen Sittard mit 131,631 Kilometern. Das bedeutete Platz eins, 89 Runden auf der rund 1,5 Kilometer langen Kartbahn und zugleich einen neuen Vereinsrekord für das TVR running team. Wer die nackten Zahlen liest, sieht eine starke Ultralaufleistung. Wer die Vorgeschichte kennt, versteht, warum dieser Lauf noch einmal höher einzuordnen ist.
 
Schon im vergangenen Jahr hatte Ehm in Sittard gezeigt, zu welchen Leistungen er fähig ist. Damals gewann er den 24-Stundenlauf mit 251 Kilometern. Inzwischen zählt er zu den profilierten deutschen Ultraläufern, die über viele Stunden nicht nur Tempo, sondern vor allem Stabilität, Erfahrung und mentale Härte auf die Strecke bringen müssen. Genau diese Eigenschaften wurden in Sittard diesmal früher gebraucht als geplant.
 
Denn lange vor der ersten Runde wurde es hektisch. Ehm hing rund 90 Minuten am Hauptbahnhof Mönchengladbach fest. Die Uhr lief, der Start in Sittard rückte näher, und irgendwann war klar: Es würde knapp werden. Später schrieb er, dass es unter diesen Umständen wohl eher ein langes Training als ein echtes Rennen werde. Trotzdem freue er sich auf die Atmosphäre.
 
Um 19:45 Uhr kam Ehm am Bahnhof Sittard an. Danach ging es mit Gepäck im Laufschritt weiter zum Bikepark. Um 19:57 Uhr erreichte er die Anmeldung. Drei Minuten vor dem Start. Jemand half ihm noch, den Chip zu befestigen. Gleichzeitig baute er im Startbereich seinen Tisch auf, legte Flaschen und Gels ab, sortiert war da längst nichts mehr. Die Startnummer kam mit zwei Nadeln ans T-Shirt. Für das Vereinsleibchen blieb keine Zeit.
 
Um 20 Uhr fiel der Startschuss.
 
Was für viele bereits vor dem Rennen zu viel Unruhe gewesen wäre, wurde für Ehm zum Auftakt eines außergewöhnlichen Laufs. Zwölf Stunden, die meiste Zeit davon in der Nacht, ohne Pause, Runde um Runde auf einer flachen und beleuchteten Strecke. Sittard bietet für solche Leistungen gute Bedingungen, aber die Gleichförmigkeit eines Rundkurses ist auch eine Prüfung. Der Verpflegungstisch kommt immer wieder. Die Möglichkeit zum Aufhören auch.
 
Ehm lief vorne offensiv an. Nach 50 Kilometern stand die Uhr bei 3:51:34 Stunden. Nach sechs Stunden hatte er bereits 73,660 Kilometer zurückgelegt. Die 50 Meilen passierte er nach 6:35:34 Stunden, die 100 Kilometer nach 8:29:03 Stunden. Das sind Zwischenzeiten, die zeigen, wie mutig er den Lauf anging. Später ordnete er es selbst nüchtern ein: vorne, besonders auf den ersten 50 Kilometern, deutlich zu schnell, hinten heraus dann abgesichert. Viel mehr sei an diesem Tag aber nicht möglich gewesen.
 
Gerade diese Einschätzung macht die Leistung greifbar. Es war kein perfekt ausbalancierter Laborlauf, sondern ein Rennen, das nach der chaotischen Anreise ständig neu kontrolliert werden musste. Wer über zwölf Stunden läuft, kann Fehler nicht einfach überspielen. Zu schnelles Anfangstempo, unruhige Vorbereitung, unsortierte Verpflegung, die Nacht, Müdigkeit und die Monotonie der Strecke: All das sammelt sich. Und irgendwann entscheidet nicht mehr nur der Körper, sondern vor allem der Kopf.
 
Im Umfeld des TV Refrath wurde schnell klar, dass aus dem angekündigten "langen Training" längst ein vollwertiges Rennen geworden war. Vereinskollege Niklas nannte Platz eins treffend mehr als nur Training und bezeichnete Ehm als mentales Monster. Andere Reaktionen fielen knapper aus, aber nicht weniger deutlich: "Wahnsinn", schrieb Olaf. Manu kommentierte trocken, das sehe doch solide aus. Im Ultralauf ist "solide" manchmal das schönste Understatement.
 
Auch Ehm selbst nahm die Situation mit Humor. Weil die Rekordversucher früh ausgestiegen seien, habe er eben durchhalten müssen. Solche Sätze klingen leicht, sind es aber nicht. Dahinter steckt die Fähigkeit, in einem Rennen zu bleiben, auch wenn der ursprüngliche Plan längst keine Rolle mehr spielt.
 
Für den TV Refrath ist der Sieg ein weiterer Beleg dafür, wie stark das running team inzwischen auch im Ultrabereich aufgestellt ist. Ehm steht dabei exemplarisch für eine Form des Laufens, die weit über klassische Marathonlogik hinausgeht. Bei einem 12-Stundenlauf zählt nicht nur, wer schnell laufen kann. Entscheidend ist, wer über Stunden die eigene Energie verwaltet, die Verpflegung im Griff behält, Tiefpunkte übersteht und trotzdem weiterläuft.
 
In Sittard kamen all diese Faktoren zusammen. Die verspätete Anreise. Der Sprint zur Anmeldung. Der Start ohne echte Vorbereitungsminute. Die Nacht auf der Kartbahn. Die 89 Runden. Und am Ende 131,631 Kilometer.
 
Moritz Ehm gewann diesen 12-Stundenlauf nicht unter idealen Bedingungen. Genau das macht die Geschichte so stark. Aus einer Zitterpartie vor dem Start wurde ein Sieg. Aus einem angekündigten Trainingslauf wurde ein Vereinsrekord. Und aus einem hektischen Abend in Sittard wurde ein weiterer Beweis dafür, dass große Ultralaufleistungen manchmal dort beginnen, wo eigentlich schon alles schiefzugehen scheint.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
Foto: TV Refrath / Moritz Ehm