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Wietscher gewinnt Duell, Ritter glänzt über 800 Meter
 
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05.06.2026 

 

 
Antje Wietscher kontert die Deutsche Meisterin, Johannes Ritter stürmt an die Spitze

 
Manchmal braucht es keine große Bühne, keine Flutlichtshow und keine vollen Tribünen, damit ein Leichtathletikabend eine Geschichte schreibt. Manchmal reicht ein kühler, windiger Mittwochabend am Niederrhein, eine Tartanbahn in Grefrath-Oedt und Athleten, die nach Verletzung, Pause oder langer Abstinenz genau wissen wollen, wo sie stehen.
 
Für das TV Refrath running team hat sich die Reise zu den kleinen, aber feinen Bahnmeetings nach Oedt schon oft gelohnt. Auch diesmal kehrten die Mittel- und Langstreckler mit Ergebnissen zurück, die weit über einen gewöhnlichen Formtest hinausgingen. Im Mittelpunkt standen zwei Namen, zwei Rennen und zwei Leistungen, die zeigen, weshalb der Mastersport so faszinierend sein kann: Johannes Ritter über 800 Meter und Antje Wietscher über 3000 Meter.

Den Anfang machte Johannes Ritter. Der M60-Läufer kam aus einer Verletzungsphase und wollte zunächst vor allem wissen, wie belastbar die Form schon wieder ist. Das Feld über 800 Meter war mit 15 Läufern groß, der Rhythmus damit nicht einfach zu finden. Ritter ging die erste Runde nahezu ideal an. 66,8 Sekunden wurden für die ersten 400 Meter gestoppt, ein mutiger, aber kontrollierter Auftakt.

Danach wurde der 61-Jährige etwas ausgebremst. Auf 800 Metern kann so etwas schnell teuer werden. Der Lauf ist kurz genug, um jeden Positionskampf zu spüren, und lang genug, um jeden kleinen Rhythmusbruch zu bezahlen. Doch Ritter hatte sich seine Kräfte richtig eingeteilt. Auf der Zielgeraden fand er noch einmal den entscheidenden Zugriff und lief in 2:16,81 Minuten ins Ziel.

Das war nicht nur persönliche Bestzeit. Ritter steigerte sich um fast drei Sekunden und setzte sich damit in der Altersklasse M60 an die Spitze der Deutschen Bestenliste. Für einen Läufer, der gerade erst aus einer Verletzung kommt, ist das mehr als ein gelungenes Comeback. Es ist ein deutliches Signal an die Konkurrenz.

Ganz zufrieden musste Trainer Jochen Baumhof seinen Athleten trotzdem nicht entlassen. Denn im Verein steht noch eine Marke, die Ritter nun vor Augen haben dürfte. Der TVR-M60-Vereinsrekord von Karl-Heinz König liegt bei 2:15,24 Minuten. "Kalle" König lief diese Zeit am 5. Juli 2010 in Kevelaer, als er bei den Deutschen Meisterschaften sensationell die Goldmedaille gewann. Ritter ist dieser Marke nun gefährlich nahe gekommen. Ein Schüppchen fehlt noch, wie Baumhof nach dem Rennen durchblicken ließ.
 
Antje Wietscher und Jochen Baumhof
 
Während Ritter über zwei Stadionrunden das Tempo suchte, wartete auf Antje Wietscher eine andere Herausforderung. Die Leichlingerin stand erstmals seit vier Jahren wieder über 3000 Meter an der Startlinie. Wer glaubt, dass erfahrene Läufer automatisch jedes Tempo blind treffen, bekam an diesem Abend ein gutes Gegenbeispiel. Wietscher begann mit einer viel zu schnellen ersten Runde in 97 Sekunden. Das Rennen lief danach nicht rund.
 
"Antje fehlt derzeit noch das richtige Tempogefühl", stellte Jochen Baumhof fest. Genau das macht den Reiz der Bahn aus. Hier gibt es keine Ausreden, keine lange Abfahrt, keinen Windschatten in einer großen Straßenlaufgruppe. Runde für Runde zeigt die Uhr, ob Gefühl und Realität zusammenpassen.
 
Doch Wietscher besitzt eine Qualität, die sich nicht allein in Zwischenzeiten messen lässt: Sie kann kämpfen, wenn ein Rennen kippt. 300 Meter vor dem Ziel wurde sie von Lilo Hellenbrand überholt, der diesjährigen Deutschen Meisterin über 5000 Meter in der W70. Für viele wäre das der Moment gewesen, den zweiten Platz abzusichern. Wietscher aber reagierte sofort. Sie konterte mit einem entschlossenen Antritt und drehte das Duell noch einmal.
 
Nach 13:13,95 Minuten war sie im Ziel. Drei Sekunden Vorsprung blieben auf Hellenbrand. Ein unrundes Rennen, ein zu schneller Beginn, ein Überholmanöver kurz vor Schluss und dann doch der Sieg. Gerade deshalb erzählt dieser Lauf viel über Wietscher. Es war kein perfektes Rennen, aber ein starkes.
 
Die Leistung fügt sich in ein beeindruckendes Bild. Wietscher belegt aktuell in der Altersklasse W70 gleich dreimal Platz eins in der Deutschen Bestenliste: über 3000 Meter und 5000 Meter auf der Bahn sowie über 5 Kilometer auf der Straße. Ihre 22:13 Minuten im Straßenlauf zeigen, dass ihre Form nicht nur auf der Bahn trägt. Der Mastersport lebt von solchen Geschichten, weil sie nicht vom Alter erzählen, sondern von Entwicklung, Ehrgeiz und Präzision.
 
Zum Abschluss des Abends hatten sich die Organisatoren des TuS Oedt noch etwas Besonderes ausgedacht. Antje Wietscher wurde für ihren Deutschen Rekord über 5000 Meter geehrt, den sie am 6. Mai in Oedt auf 22:18,18 Minuten verbessert hatte. Für Wietscher war es eine Überraschung, für den Veranstalter eine schöne Geste und für die Anwesenden ein Moment, der hängen blieb.
 
Der Preis passte perfekt zu diesem Ort: ein Laufschuhpokal auf einem Stück Original-Tartanbahn des Oedter Stadions. Kein Pokal von der Stange, sondern ein Stück Erinnerung an jenen Belag, auf dem Wietscher ihre Bestmarke gelaufen war. Man darf davon ausgehen, dass diese Auszeichnung in ihrer ohnehin gut gefüllten Pokalvitrine einen Sonderplatz bekommt.
 

Johannes Ritter

 
So wurde aus einem kühlen und windigen Mittwochabend in Grefrath-Oedt ein Abend mit gleich mehreren Geschichten. Johannes Ritter meldete sich nach Verletzung mit persönlicher Bestzeit und DLV-Spitzenplatz zurück. Antje Wietscher gewann ein hartes Duell gegen die Deutsche Meisterin und wurde zusätzlich für ihren Deutschen Rekord geehrt.
 
Es sind genau diese Abende, die zeigen, weshalb Bahnmeetings im kleinen Rahmen so wertvoll sind. Sie bieten keine große Inszenierung, aber sie liefern ehrliche Momente. Eine Uhr. Eine Bahn. Ein Rennen. Und manchmal Leistungen, die weit über den Abend hinaus Bestand haben.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
Fotos: TV REFRATH running team