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Wenn die Natur unser Stadion ist
 
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26.06.2026 

 

 
Wenn die Natur unser Stadion ist

 
Es gibt Läufe, die bleiben nicht wegen der Zeit auf der Uhr im Kopf. Sondern wegen des Weges. Wegen des kühlen Waldstücks nach drei Kilometern Asphalt. Wegen des schmalen Pfads am Bach entlang. Wegen eines Parks, der an einem heißen Sommerabend plötzlich mehr ist als nur Grünfläche zwischen zwei Straßen.
 
Wer läuft, kennt solche Orte. Sie sind Trainingsraum, Erholung, Fluchtpunkt und manchmal auch Motivation. Ein guter Laufweg kann einen müden Tag retten. Ein schattiger Park kann im Sommer darüber entscheiden, ob man überhaupt vor die Tür geht. Ein Waldweg, eine Aue, ein Seeufer oder ein Grünzug in der Stadt sind für Läufer nicht einfach Kulisse. Sie sind Teil des Sports.
 
Genau deshalb sollte die EU-Wiederherstellungsverordnung im Sport nicht als trockenes Behördenthema abgetan werden. Auf den ersten Blick klingt sie nach Paragrafen, Zuständigkeiten und langen Fristen. Auf den zweiten Blick geht es um etwas sehr Konkretes: um die Zukunft jener Räume, in denen Millionen Menschen laufen, wandern, radfahren, rudern, paddeln oder einfach in Bewegung kommen.
 
Die Verordnung nimmt geschädigte Ökosysteme in den Blick. Bis 2030 sollen auf mindestens 20 Prozent der geschädigten Land- und Meeresflächen Maßnahmen zur Wiederherstellung ergriffen werden. Bis 2050 sollen alle Ökosysteme berücksichtigt werden, die sich nicht in einem guten Zustand befinden. Deutschland muss dafür einen Nationalen Wiederherstellungsplan vorlegen. Zuständig sind das Bundesumweltministerium und das Bundesamt für Naturschutz, gemeinsam mit den Bundesländern. Ein Entwurf liegt vor, die Beteiligung läuft, im September 2026 soll der überarbeitete Entwurf an die EU-Kommission gehen. Im September 2027 müssen die Pläne der Mitgliedstaaten finalisiert sein.
 
Für Außenstehende klingt das zunächst nach einem Thema für Ministerien, Naturschutzverbände und Fachbehörden. Doch der Plan kann ganz praktische Folgen haben: für Laufstrecken durch Parks und Wälder, für Veranstaltungen in Landschaftsschutzgebieten, für die Nutzung von Wegen an Flüssen, Seen und in Auen. Genau deshalb ist es wichtig, dass der Sport nicht erst reagiert, wenn neue Auflagen vor Ort ankommen, sondern sich frühzeitig in die Diskussion einbringt.
 
Denn Wiederherstellung bedeutet nicht nur, irgendwo ein Moor wieder zu vernässen oder einen Flusslauf natürlicher zu gestalten. Es geht auch um Stadtgrün, Wälder, Gewässer, Auen, Landschaftsräume und damit um genau jene Orte, an denen Sport im Freien stattfindet. Wer regelmäßig läuft, spürt längst, dass diese Räume unter Druck stehen. Hitze, Trockenheit, versiegelte Flächen, übernutzte Wege, Waldschäden, Starkregen, fehlender Schatten. Das alles ist keine abstrakte Umweltdebatte. Es zeigt sich ganz praktisch auf der täglichen Runde.
 
Für den Sport ist diese Verordnung deshalb nicht nur Risiko, sondern auch Chance. Mehr Natur in der Stadt bedeutet bessere Trainingsbedingungen. Gesündere Wälder bedeuten angenehmere und sichere Laufstrecken. Renaturierte Gewässer und Auen können Lebensräume stärken und zugleich attraktive Bewegungsräume schaffen. Mehr Schatten, mehr Grün, mehr natürliche Kühlung. Gerade in Zeiten zunehmender Hitzetage ist das für den Laufsport kein Nebenthema mehr.
 
Trotzdem wäre es naiv, nur die schöne Seite zu sehen. Wenn Natur wiederhergestellt wird, kann das auch Einschränkungen bedeuten. Wege werden verlegt. Bereiche werden zeitweise gesperrt. Veranstaltungen müssen angepasst werden. Strecken durch sensible Gebiete werden vielleicht kritischer geprüft. Wer schon einmal einen Lauf durch Wald, Park oder Landschaft geplant hat, weiß, wie schnell Naturschutz, Erholung, Sport und Verwaltung aufeinandertreffen.
 
Genau deshalb muss der organisierte Sport frühzeitig beteiligt werden. Nicht erst, wenn die Verordnung vor Ort als neue Auflage im Genehmigungsbescheid auftaucht. Nicht erst, wenn eine traditionelle Laufstrecke plötzlich nicht mehr genutzt werden darf. Sondern jetzt, in der Planungsphase.
 
Der Deutsche Olympische Sportbund hat angekündigt, sich aktiv in das Beteiligungsverfahren einzubringen und sportartspezifische Belange zu platzieren. Das ist richtig. Denn Sportvereine und Verbände sind nicht nur Nutzer von Natur und Landschaft. Sie können auch wichtige Partner sein. Sie kennen die Wege. Sie kennen die Konfliktstellen. Sie wissen, wo es bei Veranstaltungen eng wird, wo Müll anfällt, wo Teilnehmer abkürzen, wo sensible Bereiche geschützt werden müssen und wo sich Besucherströme besser lenken lassen.
 
Dieses Wissen sollte nicht erst abgefragt werden, wenn die Entscheidungen längst gefallen sind.
 
Gerade im Laufsport gibt es viele praktische Berührungspunkte. Eine Strecke durch eine Aue ist anders zu bewerten als ein innerstädtischer Rundkurs. Ein Trail über schmale Pfade stellt andere Anforderungen als ein Zehn-Kilometer-Lauf auf breiten Wegen. Eine Verpflegungsstelle in einem Park braucht andere Vorbereitung als eine auf einem Parkplatz. Und wer bei einer Veranstaltung mehrere tausend Menschen durch einen Naturraum führt, trägt Verantwortung. Für die Teilnehmer, aber eben auch für den Raum, der genutzt wird.
 
Das heißt nicht, dass Sport künftig nur noch mit schlechtem Gewissen stattfinden darf. Im Gegenteil. Sport im Freien schafft oft überhaupt erst eine Beziehung zur Natur. Wer regelmäßig im Wald läuft, bemerkt Veränderungen. Wer an einem Bach entlang trainiert, sieht, ob er austrocknet oder vermüllt. Wer bei 32 Grad durch eine baumlose Straße läuft, versteht sehr schnell, warum Stadtgrün mehr ist als Dekoration.
 
Diese Erfahrung kann der Sport einbringen. Aber er muss es auch wollen.
 
Es reicht nicht, bei jeder neuen Naturschutzanforderung reflexhaft zu klagen. Genauso falsch wäre es, den Sport pauschal als Störfaktor zu behandeln. Beides führt nicht weiter. Sinnvoller ist ein anderer Weg: klare Regeln, frühe Abstimmung, praxistaugliche Lösungen und die Bereitschaft, auch eigene Routinen zu hinterfragen.
 
Vielleicht muss eine Laufstrecke an einer Stelle geändert werden, wenn ein Uferbereich entlastet werden soll. Vielleicht braucht es bessere Markierungen, damit niemand über Wiesen oder Böschungen abkürzt. Vielleicht sollten Veranstalter stärker darauf achten, wo sie Start, Ziel, Verpflegung und Zuschauerbereiche platzieren. Vielleicht braucht es in Ausschreibungen und Teilnehmerinformationen künftig häufiger Hinweise zum Verhalten in sensiblen Räumen.
 
Das ist kein Angriff auf den Sport. Es ist Teil seiner Weiterentwicklung.
 
Der Nationale Wiederherstellungsplan sollte den Sport deshalb nicht nur am Rand erwähnen. Dafür ist seine Bedeutung zu groß. Sportvereine erreichen Menschen, die viele Umweltkampagnen nie erreichen würden. Sie können informieren, sensibilisieren und mit gutem Beispiel vorangehen. In vielen Städten und Gemeinden sind sie tief verankert. Sie haben Ehrenamt, Erfahrung und Glaubwürdigkeit. Wer Natur wiederherstellen will, sollte auf diese Struktur nicht verzichten.
 
Zugleich braucht der Sport Verlässlichkeit. Vereine und Veranstalter müssen wissen, woran sie sind. Sie brauchen nachvollziehbare Kriterien, feste Ansprechpartner und Verfahren, die nicht erst kurz vor einer Veranstaltung Klarheit schaffen. Wer monatelang eine Laufveranstaltung vorbereitet, kann nicht damit arbeiten, dass entscheidende Auflagen erst im letzten Moment konkret werden. Naturschutz und Planungssicherheit dürfen keine Gegensätze sein.
 
Auch die Initiative des NABU NRW zeigt, dass die Diskussion nun in den Ländern und Kommunen ankommt. Die gemeinsame Erklärung fordert eine entschlossene und partnerschaftliche Umsetzung der Wiederherstellungsverordnung in Nordrhein-Westfalen. Für den Sport liegt darin eine wichtige Botschaft: Partnerschaft muss gegenseitig sein. Wer mitreden will, muss Verantwortung übernehmen. Wer Verantwortung übernehmen soll, muss aber auch ernsthaft eingebunden werden.
 
Am Ende geht es nicht um die Frage, ob Naturschutz oder Sport wichtiger ist. Diese Gegenüberstellung ist zu schlicht. Es geht darum, wie beides zusammen funktionieren kann. Denn der Sport braucht intakte Natur. Und Natur- und Klimaschutz brauchen Akzeptanz in der Gesellschaft.
 
Der Laufsport kann hier eine besondere Rolle spielen. Läufer bewegen sich mitten durch die Räume, um die es geht. Sie kennen Asphalt und Waldboden, Hitze und Schatten, Stadtpark und Feldweg. Sie spüren, ob eine Umgebung einlädt oder belastet. Sie erleben sehr direkt, was es bedeutet, wenn Landschaften grüner, kühler und lebendiger werden.
 
Vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt: Die Wiederherstellungsverordnung ist kein Thema nur für Behörden, Ministerien und Naturschutzverbände. Sie betrifft auch den Sport. Sie betrifft die Wege, auf denen trainiert wird. Die Parks, in denen Lauftreffs starten. Die Wälder, in denen Vereine ihre Winterrunden drehen. Die Uferwege, die für viele Läufer zum Alltag gehören.
 
Wenn die Natur unser Stadion ist, dann sollte der Sport mitreden, wenn dieses Stadion saniert wird.
 
Nicht lautstark dagegen. Nicht unkritisch dafür. Sondern sachlich, selbstbewusst und mit dem Blick eines Sports, der verstanden hat: Draußen laufen ist nur so schön wie das Draußen, das uns bleibt.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln