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MĂ€nner laufen Marathon im Schnitt schneller. Aber sie laufen ihn nicht unbedingt klĂŒger. Eine neue groĂe Analyse des Berlin-Marathons zeigt, warum der gefĂ€hrlichste Gegner oft nicht auf der Strecke steht, sondern im eigenen Kopf mitlĂ€uft.  Es gibt diesen Punkt im Marathon, an dem aus Laufen plötzlich Rechnen wird. Noch acht Kilometer. Noch sieben. Vielleicht ein Gel. Vielleicht Wasser. Vielleicht doch kurz gehen. Die Uhr zeigt lĂ€ngst nicht mehr das, was man sich vorgenommen hatte. Die Beine reagieren verzögert, der Schritt wird schwer, der Kopf sucht nach ErklĂ€rungen.  LĂ€uferinnen und LĂ€ufer kennen diesen Moment. Er hat einen Namen, der fast zu bildhaft klingt, um wissenschaftlich zu sein: "Hitting the Wall". Gegen die Wand laufen. Gemeint ist jener plötzliche Leistungseinbruch, bei dem ein Rennen nicht einfach nur mĂŒhsam wird, sondern kippt. Aus Kontrolle wird Schadensbegrenzung. Aus einem Zieltempo wird ein Wunsch aus der Vergangenheit.  Eine neue Studie im Fachjournal *Scientific Reports* hat sich dieses PhĂ€nomen in ungewöhnlicher GröĂe angesehen. Grundlage waren 873.334 ZielankĂŒnfte beim Berlin-Marathon aus den Jahren 1999 bis 2025. Berlin eignet sich fĂŒr eine solche Analyse besonders gut, weil der Kurs flach, schnell und international stark besetzt ist. Die Forschenden definierten "Hitting the Wall" nicht nach GefĂŒhl, sondern messbar: Wer die zweite MarathonhĂ€lfte mindestens 20 Prozent langsamer lief als die erste, fiel in diese Kategorie.  Das Ergebnis ist deutlich: MĂ€nner traf es fast doppelt so hĂ€ufig wie Frauen. 17,63 Prozent der MĂ€nner erlebten nach dieser Definition einen massiven Tempoeinbruch, bei den Frauen waren es 9,66 Prozent. Gleichzeitig waren die MĂ€nner im Schnitt schneller im Ziel. Ihre durchschnittliche Nettozeit lag bei 4:02:22 Stunden, die der Frauen bei 4:28:36 Stunden. Genau darin steckt die eigentliche Pointe: Schneller laufen und besser einteilen sind nicht dasselbe.  Besonders spannend wird die Studie bei den schnellen LĂ€ufern. In der Gruppe unter drei Stunden war der Einbruch insgesamt selten. Aber wenn er vorkam, dann deutlich hĂ€ufiger bei MĂ€nnern. In dieser Leistungsklasse waren MĂ€nner etwa sechsmal so oft betroffen wie Frauen: 1,42 Prozent gegenĂŒber 0,23 Prozent. Damit lĂ€sst sich das Thema nicht einfach als AnfĂ€ngerfehler abtun. Selbst gut trainierte, ambitionierte LĂ€ufer können in die Falle laufen, wenn sie den Marathon zu frĂŒh herausfordern.  Warum passiert das?  Ein Marathon ist kein langer Tempolauf mit Ziellinie. Er ist ein Wettkampf der Energieverwaltung. Der Körper speichert Kohlenhydrate in Form von Glykogen, doch diese VorrĂ€te sind begrenzt. Wer zu frĂŒh zu schnell lĂ€uft, verbraucht einen Teil dieser schnellen Energie, bevor das Rennen wirklich entschieden wird. SpĂ€ter muss der Körper stĂ€rker auf andere Energiequellen zurĂŒckgreifen. Das funktioniert, aber nicht im gleichen Tempo und nicht mit der gleichen Leichtigkeit.  Die Studie selbst bleibt hier vorsichtig. Aus Renndaten lassen sich keine direkten Stoffwechselwerte ableiten. Es wurden keine Muskelglykogenwerte gemessen, keine Laktatkurven erhoben und keine Herzfrequenzdaten ausgewertet. Der Tempoeinbruch ist also ein beobachtbares Muster, kein Laborbeweis fĂŒr leere Speicher. Trotzdem passt das Ergebnis sehr gut zu dem, was viele MarathonlĂ€ufer aus eigener Erfahrung kennen: Wer am Anfang ĂŒberzieht, bekommt die Quittung spĂ€ter.  Doch der Körper erklĂ€rt nur einen Teil der Geschichte. Der andere Teil beginnt im Startblock.  Am Anfang eines Marathons fĂŒhlt sich vieles zu leicht an. Die Beine sind frisch, die Zuschauer laut, die Gruppe zieht. Die Pace, die im Trainingsplan noch als mutig galt, wirkt plötzlich machbar. Vielleicht sogar konservativ. Genau das ist gefĂ€hrlich. Der Marathon warnt nicht sofort. Er lĂ€sst einen eine Weile glauben, man habe heute mehr drauf als geplant.  Hier setzt die psychologische Deutung der Forschenden an. Sie diskutieren, dass MĂ€nner in Wettkampfsituationen im Durchschnitt eher zu riskanterem Verhalten und SelbstĂŒberschĂ€tzung neigen könnten. Auf den Marathon ĂŒbertragen heiĂt das: etwas zu schnell anlaufen, zu lange an einer Gruppe hĂ€ngen, Warnzeichen ignorieren, das gute GefĂŒhl der ersten Kilometer mit echter StabilitĂ€t verwechseln.  Frauen liefen in der Berliner Analyse im Schnitt gleichmĂ€Ăiger. Bei den 5-Kilometer-Zwischenzeiten zeigte sich, dass MĂ€nner in der spĂ€ten Phase stĂ€rker abbauten. Zwischen Kilometer 35 und 40 verloren sie im Vergleich zum frĂŒhen Abschnitt zwischen Kilometer 5 und 10 im Schnitt mehr Tempo als Frauen. AuĂerdem blieb bei rund 52 Prozent der Frauen kein klarer, dauerhaft zunehmender Tempoeinbruch erkennbar. Bei den MĂ€nnern waren es rund 36 Prozent.  Das ist keine einfache Geschichte von "Frauen besser, MĂ€nner schlechter". MĂ€nner sind im Marathon im Durchschnitt weiterhin schneller. DafĂŒr gibt es bekannte physiologische GrĂŒnde, darunter Unterschiede bei Muskelmasse, Sauerstofftransport und Körperzusammensetzung. Aber Geschwindigkeit allein sagt nichts darĂŒber aus, wie gut jemand seine KrĂ€fte ĂŒber 42,195 Kilometer verteilt. Die Studie zeigt eher: Frauen scheinen im Schnitt seltener bereit zu sein, schon frĂŒh im Rennen ein Risiko einzugehen, das spĂ€ter teuer wird.  FĂŒr die Praxis ist das die wichtigste Botschaft. Der Marathon bestraft nicht Ehrgeiz. Er bestraft unkontrollierten Ehrgeiz.  Ein guter Marathon beginnt deshalb oft unspektakulĂ€r. Die ersten Kilometer dĂŒrfen sich fast zu leicht anfĂŒhlen. Wer dort schon kĂ€mpfen muss, lĂ€uft nicht mutig, sondern wahrscheinlich zu schnell. Gerade die ersten fĂŒnf Kilometer sind trĂŒgerisch, weil der Körper noch vieles verzeiht. Der Puls ist vielleicht etwas höher als geplant, aber noch nicht alarmierend. Die Atmung passt. Die Beine melden keine Gefahr. Doch der Marathon merkt sich jeden kleinen Ăbermut.  Das gilt nicht nur fĂŒr die Pace. Auch Verpflegung ist Teil der Einteilung. Wer wartet, bis der Hunger kommt, ist zu spĂ€t dran. Wer erst trinkt, wenn der Mund trocken ist, hat bereits Boden verloren. Wer ein Gel auslĂ€sst, weil es "gerade so gut lĂ€uft", verwechselt Gegenwart mit Zukunft. Im Marathon ist die beste Entscheidung oft die, die sich im Moment noch nicht notwendig anfĂŒhlt.  Viele EinbrĂŒche entstehen nicht durch einen einzigen Fehler. Sie entstehen durch eine Kette kleiner NachlĂ€ssigkeiten. Ein paar Sekunden zu schnell pro Kilometer. Eine Verpflegungsstelle ausgelassen. Eine Gruppe, die eigentlich nicht zum eigenen Plan passt. Ein kurzer Gedanke: Heute geht vielleicht mehr. Jeder einzelne Punkt wirkt harmlos. Zusammen können sie spĂ€ter die Wand bauen, gegen die man lĂ€uft.  Gerade MĂ€nner könnten aus dieser Studie eine einfache, aber unbequeme Lehre ziehen: Nicht jedes gute GefĂŒhl ist ein guter Ratgeber. Wer bei Kilometer zehn glaubt, er könne heute den Plan nach oben korrigieren, sollte sich fragen, ob diese Entscheidung auch bei Kilometer 32 noch sinnvoll wirkt. Der Marathon ist lang genug, um fast jede frĂŒhe Euphorie zu entlarven.  Das heiĂt nicht, dass man Ă€ngstlich laufen soll. Ein Marathon braucht Mut. Aber es ist ein anderer Mut als der, den viele am Start zeigen. Es ist der Mut, sich zurĂŒckzuhalten, obwohl andere vorbeiziehen. Der Mut, eine Gruppe laufen zu lassen. Der Mut, dem eigenen Plan zu vertrauen, wenn das Rennen noch leicht ist. Und spĂ€ter vielleicht der Mut, das Tempo erst dann zu erhöhen, wenn andere bereits langsamer werden.  Die Forschenden leiten aus ihren Daten genau diese Richtung ab: Wer das Risiko eines Einbruchs senken will, sollte konservativer starten und das Rennen kontrollierter aufbauen. Besonders fĂŒr ambitionierte LĂ€ufer kann das entscheidend sein. Nicht weil sie zu wenig trainieren. Sondern weil sie ihre Form manchmal zu frĂŒh beweisen wollen.  Am Ende ist der Marathon brutal ehrlich. Er interessiert sich nicht dafĂŒr, wie gut sich Kilometer fĂŒnf angefĂŒhlt hat. Er fragt bei Kilometer 35, was davon noch ĂŒbrig ist. Er belohnt nicht denjenigen, der am Anfang am meisten will, sondern denjenigen, der sein Wollen dosieren kann.  Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieser Studie: Die Wand steht nicht einfach irgendwo auf der Strecke. Viele LĂ€ufer bauen sie sich selbst. Schritt fĂŒr Schritt. Kilometer fĂŒr Kilometer. Und wer klug lĂ€uft, lĂ€uft nicht hĂ€rter gegen sie an. Er lĂ€uft so, dass er ihr gar nicht erst begegnet. __________________________________ Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln |