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Wer beim Berlin-Marathon auf den letzten Kilometern den Potsdamer Platz erreicht und schließlich auf das Brandenburger Tor zuläuft, bekommt ein Berlin präsentiert, das Millionen Menschen aus Reiseführern, Nachrichten und Filmen kennen. In Hamburg ziehen Hafen, Landungsbrücken, Elbphilharmonie, Speicherstadt und Alster vorbei. Frankfurt zeigt seine Skyline und beendet den Marathon spektakulär auf dem roten Teppich in der Festhalle. Zufall? Wahrscheinlich nicht. Eine neue wissenschaftliche Analyse legt nahe, dass Marathonstrecken weit mehr sind als möglichst praktikable 42,195 Kilometer Asphalt. Sie können ein sorgfältig ausgewähltes Bild einer Stadt vermitteln. Wer einen Marathon läuft, bekommt demnach nicht unbedingt die durchschnittliche Stadt zu sehen. Er bekommt ihre Schokoladenseite. Der Forscher Andrew Renninger hat für seine im März 2026 veröffentlichte Arbeit 311 Marathonstrecken auf fünf Kontinenten untersucht. Er verglich, was sich entlang der Laufstrecken befindet, mit dem übrigen Stadtgebiet. Das Ergebnis fällt überraschend deutlich aus: Museen liegen entlang der untersuchten Marathonstrecken 15,7-mal so dicht wie außerhalb. In der Medianstadt war die Dichte von Luxusmarken in Streckennähe ungefähr 8,5-mal so hoch. Auch Sehenswürdigkeiten, Premiumhotels und andere touristisch attraktive Orte sind überrepräsentiert. Schulen, Lebensmittelgeschäfte und andere Einrichtungen des gewöhnlichen Alltags dagegen weniger. Ein Marathon scheint damit eine Stadt ähnlich auszuwählen wie ein Fotograf sein Motiv. Die Stadt, die wir sehen sollen Natürlich liegt eine einfache Erklärung nahe: Marathonläufe führen häufig durch Innenstädte. Dort stehen nun einmal Museen, Denkmäler, Hotels und Geschäfte dicht beieinander. Renninger hat versucht, genau diesen Einwand statistisch zu berücksichtigen. Für die Untersuchung wurden nicht nur tatsächliche Strecken betrachtet. Der Autor erzeugte auch alternative Routen mit denselben Start- und Zielpunkten und verglich sie mit den real gelaufenen Kursen. Selbst gegenüber solchen plausiblen Alternativen blieben besonders Denkmäler und Sehenswürdigkeiten entlang der echten Marathonstrecken überrepräsentiert. Das macht die Sache interessant. Denn damit lässt sich das Ergebnis nicht vollständig damit erklären, dass Marathons eben durch dicht bebaute Innenstädte führen. Die tatsächlichen Strecken scheinen innerhalb dieser Stadtgebiete bevorzugt Orte mitzunehmen, die etwas erzählen können. Das kann Geschichte sein. Architektur. Wohlstand. Grün. Wasser. Eine berühmte Einkaufsstraße oder jenes Gebäude, das auf nahezu jeder Postkarte der Stadt auftaucht. Der Marathon wird so zur bewegten Stadtführung. Berlin zeigt, wie gut das funktioniert Kaum ein deutscher Marathon verdeutlicht das besser als Berlin. Zu den markanten Punkten entlang der Strecke gehören Siegessäule, Bundeskanzleramt und Reichstag, Gedächtniskirche, Potsdamer Platz und Unter den Linden. Kurz vor dem Ziel wartet schließlich das Wahrzeichen, das selbst Menschen erkennen, die noch nie in Berlin waren: das Brandenburger Tor. Sportlich wäre dieses Bauwerk vollkommen bedeutungslos. Die Ziellinie könnte einige Kilometer weiter südlich oder westlich liegen und ein Marathon bliebe ein Marathon. Für die Wahrnehmung des Rennens wäre es etwas völlig anderes. Denn der Moment, in dem nach mehr als 41 Kilometern das Brandenburger Tor auftaucht, verbindet sportliche Leistung mit einem weltweit bekannten Bild. Tausende Teilnehmer nehmen genau dieses Bild mit nach Hause. Es landet auf privaten Fotos, Instagram, in Zeitungen, Fernsehsendungen und Veranstaltervideos. Aus einem Bauwerk wird ein Teil der Marathonidentität. Hamburg packt die Sehenswürdigkeiten gleich hintereinander Noch deutlicher wird die Idee der laufenden Stadtrundfahrt in Hamburg. Die offizielle Streckenbeschreibung liest sich stellenweise tatsächlich wie ein touristischer Rundgang. Von der Messe führt der Kurs zur Reeperbahn und an den Tanzenden Türmen vorbei. Über die Elbchaussee gibt es Blicke auf den Hafen. Danach folgen Fischmarkt und Landungsbrücken, die Elbphilharmonie und die Speicherstadt. Später kommen Jungfernstieg und Binnenalster hinzu. Für einen Läufer ist das eine Folge von Orientierungspunkten. Für Hamburg ist es gleichzeitig Stadtmarketing. Wer aus München, London oder Kopenhagen anreist, erlebt innerhalb weniger Stunden zahlreiche Motive, mit denen die Stadt auch touristisch verbunden wird. Das gilt nicht nur für den Läufer. Angehörige bewegen sich entlang derselben Strecke, Fernsehzuschauer sehen die Bilder und Fotografen suchen bevorzugt jene Positionen, an denen Sport und Stadt möglichst eindrucksvoll zusammenkommen. Eine Marathonstrecke besitzt damit zwei Ebenen. Sie muss funktionieren und sie muss wirken. Frankfurt macht sogar das Ziel zur Inszenierung Frankfurt wiederum verbindet zwei besonders starke Bilder: die Skyline und die Festhalle. Die aktuelle Marathonstrecke führt zunächst durch die Stadt, anschließend unter anderem über Sachsenhausen und weitere Stadtteile zurück Richtung Zentrum. Gegen Ende tauchen Messeturm und Hammering Man auf. Das eigentliche Finale folgt danach: Die Läufer verschwinden von der Straße und laufen über einen roten Teppich in die Festhalle ein. Das ist kaum noch bloß eine Ziellinie. Es ist eine Bühne. Und genau darin steckt eine wichtige Erkenntnis der neuen Untersuchung. Die Strecke eines großen Stadtmarathons erfüllt längst mehrere Aufgaben gleichzeitig. Sie soll schnelle Zeiten ermöglichen, ausreichend breit sein, Verpflegungsstellen aufnehmen können, Rettungswege berücksichtigen und für Polizei, Behörden und Veranstalter beherrschbar bleiben. Gleichzeitig soll sie Zuschauern gute Standorte bieten und möglichst eindrucksvolle Bilder produzieren. Diese Anforderungen können sich widersprechen. Auch Hannover präsentiert seine Stadt Selbst bei einem Marathon, dessen sportliches Verkaufsargument vor allem der flache und schnelle Kurs ist, spielt das Stadtbild eine sichtbare Rolle. In Hannover befinden sich Start und Ziel unmittelbar vor dem Neuen Rathaus. Der Veranstalter führt auf seiner Internetseite sogar eigene „Streckenhighlights“ auf und erklärt dort Sehenswürdigkeiten entlang des Kurses. Das zeigt, wie selbstverständlich die touristische Ebene inzwischen zur Kommunikation eines Stadtmarathons gehört. Ein Teilnehmer kauft eben nicht ausschließlich 42,195 Kilometer Wettkampf. Gerade wer für einen Marathon anreist, verbindet damit häufig ein Wochenende in einer fremden Stadt. Der Kurs wird Teil dieses Reiseerlebnisses. Und ein Veranstalter hat nur wenige Stunden Zeit, daraus ein möglichst positives Bild entstehen zu lassen. Was ein Marathon lieber nicht zeigt Genau hier wird die Untersuchung gesellschaftlich interessanter. Wenn Museen, Sehenswürdigkeiten, hochwertige Hotels und Luxusgeschäfte überdurchschnittlich häufig entlang der Strecke liegen, während Schulen, Lebensmittelgeschäfte und andere alltägliche Einrichtungen weniger stark vertreten sind, entsteht ein selektiver Blick auf die Stadt. Das muss keineswegs bewusste Täuschung sein. Ein Marathon durch Gewerbegebiete, enge Wohnstraßen und schlecht erschlossene Randlagen wäre organisatorisch möglicherweise unsinnig. Breite Straßen, attraktive Plätze und zentrale Verkehrsachsen bieten häufig schlicht bessere Voraussetzungen. Trotzdem bleibt die Wirkung dieselbe. Der Gast erlebt nicht „die Stadt“. Er erlebt eine Auswahl. Wer Berlin beim Marathon kennenlernt, sieht nicht automatisch den durchschnittlichen Berliner Alltag. Wer Hamburg laufend erlebt, bekommt zwangsläufig nur einen Ausschnitt der Millionenstadt präsentiert. Und Frankfurt besteht selbstverständlich aus weit mehr als Skyline, Mainufer und Festhalle. Renninger spricht deshalb sinngemäß von einem selektiven urbanen Porträt. Seine Daten zeigen, dass diese Auswahl über viele Städte hinweg einem erkennbaren Muster folgt. Eine Marathonstrecke entsteht trotzdem nicht am Reißbrett des Tourismusmarketings An dieser Stelle braucht die Studie eine wichtige Einordnung. Aus den Daten lässt sich nicht ablesen, warum eine konkrete Straße Bestandteil eines Marathons geworden ist. Eine statistische Häufung von Sehenswürdigkeiten beweist nicht, dass Veranstalter ihre Strecke gezielt an touristischen Motiven entlang geplant haben. Die Realität der Streckenplanung ist wesentlich komplizierter. Straßenbreiten, Baustellen, öffentlicher Nahverkehr, Feuerwehrzufahrten, Krankenhäuser, Kreuzungen, Anwohner, Sicherheitskonzepte, Genehmigungen und die notwendige exakte Distanz setzen harte Grenzen. Dazu kommen sportliche Anforderungen. Ein attraktiver Schlenker durch eine historische Altstadt kann beispielsweise wunderschöne Bilder liefern, zugleich aber enge Kurven, Kopfsteinpflaster und Staugefahr verursachen. Die Untersuchung kann zeigen, was Marathonläufer sehen. Sie kann nicht für jede Stadt erklären, weshalb sie es sehen. Noch etwas ist wichtig: Die Arbeit liegt derzeit als Preprint auf arXiv vor. Sie wurde am 23. März 2026 eingereicht und zwei Tage später überarbeitet. Ein abgeschlossenes wissenschaftliches Peer-Review ist auf der arXiv-Seite nicht ausgewiesen. Die Ergebnisse sind deshalb interessant und methodisch deutlich anspruchsvoller als eine bloße Sammlung von Streckenkarten, sollten aber noch nicht wie eine endgültig bestätigte wissenschaftliche Erkenntnis behandelt werden. Vielleicht gehört genau das zum Reiz eines Stadtmarathons Für Läufer dürfte die Erkenntnis ohnehin kaum ernüchternd sein. Wer 42,195 Kilometer durch eine fremde Metropole läuft, möchte wahrscheinlich gar keinen statistisch repräsentativen Querschnitt aus Wohnstraßen, Supermärkten, Schulen, Gewerbegebieten und Verkehrsachsen sehen. Ein Marathon ist schließlich kein Stadtsoziologie-Seminar. Er ist Wettkampf, Reise und Erlebnis zugleich. Und irgendwann zwischen Kilometer 35 und 42 können Gebäude plötzlich eine Bedeutung bekommen, die sie an einem gewöhnlichen Wochenende niemals hätten. Das Brandenburger Tor bedeutet dann nicht nur Berlin. Es bedeutet: Gleich ist es geschafft. Die Frankfurter Festhalle ist nicht mehr einfach eine Veranstaltungshalle. Sie ist das Ende von 42,195 Kilometern. Vielleicht sind die schönsten Stadtmarathons deshalb tatsächlich keine neutralen Abbilder ihrer Städte. Sie sind deren Schaufenster. Und während draußen Millionen Menschen ihren ganz normalen Sonntag verbringen, laufen drinnen für ein paar Stunden Zehntausende durch eine sorgfältig verdichtete Version der Stadt: vorbei an Geschichte, Architektur, Wasser, Parks und Wahrzeichen. 42,195 Kilometer lang. __________________________________ Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln |