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Vier Tage zuvor war Nathalie Pohl am Frankfurter Holbeinsteg in den Main gestiegen. Am Freitagnachmittag tauchte vor ihr schließlich eines der bekanntesten Kölner Motive auf: die Hohenzollernbrücke mit dem Dom im Hintergrund. Hier war das sportliche Ziel ihrer Reise erreicht. Aus dem Wasser ging es für die Extremschwimmerin allerdings noch nicht. Pohl schwamm weiter bis zum vorbereiteten Ausstieg am Rheinufer auf Höhe des Cologne Beach Club. Dort endete „RIVERS – Frankfurt to Cologne“. Und dort wurde sichtbar, worum es bei der rund 200 Kilometer langen Aktion eigentlich ging. Bei der anschließenden Scheckübergabe rundete die Deutsche Vermögensberatung (DVAG) die bis dahin zusammengekommene Spendensumme auf 616.000 Euro auf. Das Geld soll Projekte unterstützen, die Kindern das Schwimmenlernen ermöglichen. Eine ungewöhnliche Ausdaueraktion hatte damit ihr Ziel erreicht. Nicht nur in Köln. Vier Tage auf Main und Rhein Gestartet war die Challenge am Dienstagmorgen in Frankfurt. Von dort führte die Route über den Main bis zu dessen Mündung und anschließend rheinabwärts Richtung Köln. Stationen der Reise waren unter anderem Bingen und Koblenz. Wer bei rund 200 Kilometern zunächst an einen einzigen, ununterbrochenen Extremschwimmversuch denkt, muss die Aktion allerdings etwas anders einordnen. „RIVERS – Frankfurt to Cologne“ war als Wechselstaffel organisiert. Nathalie Pohl übernahm längere Abschnitte, anschließend gingen andere Freiwasserschwimmerinnen und Freiwasserschwimmer ins Wasser. Nachts wurde pausiert. Das unterscheidet die Aktion von einer klassischen Soloquerung im Marathonschwimmen, nimmt ihr aber wenig von ihrem sportlichen Reiz. Über vier Tage immer wieder mehrere Stunden ins Wasser zu gehen, anschließend zu regenerieren und am nächsten Tag erneut anzutreten, verlangt eine andere Form der Ausdauer als ein einzelner Wettkampf. Dass Pohl extreme Distanzen gewohnt ist, steht ohnehin außer Frage. 2024 komplettierte sie als erste Deutsche die „Ocean’s Seven“. Dahinter stehen sieben berühmte Meeresquerungen auf verschiedenen Kontinenten, darunter der Ärmelkanal, die Straße von Gibraltar und der North Channel zwischen Irland und Schottland. Diesmal lag die Herausforderung jedoch nicht auf offener See, sondern mitten in Deutschland. Ein Fluss ist keine lange Schwimmbahn Main und Rhein sind Bundeswasserstraßen. Frachtschiffe, Fahrgastschiffe, Strömungen, Untiefen und Schleusen gehören dort zum Alltag. Eine Schwimmaktion dieser Größenordnung lässt sich deshalb nicht einfach mit einem Sprung ins Wasser beginnen. Pohl wurde von Begleitbooten abgesichert, die Route musste mit den zuständigen Stellen abgestimmt werden. Und selbst bei sorgfältiger Planung bestimmt am Ende der Fluss, was möglich ist. Das zeigte sich besonders im Mittelrheintal. Im Bereich zwischen Bingen und St. Goar konnte ein rund 27 Kilometer langer Abschnitt nicht geschwommen werden, weil für die Passage keine entsprechende Genehmigung vorlag. Gerade rund um die Loreley sind die Strömungsverhältnisse anspruchsvoll. Auch der niedrige Wasserstand machte die Aufgabe nicht automatisch leichter. Wo weniger Wasser fließt, verschwinden weder Schiffsverkehr noch Strömung. Untiefen treten stärker hervor, Strömungsverhältnisse können sich verändern. Hinzu kamen sommerliche Temperaturen. Im Verlauf der Challenge berichtete Pohl über muskuläre Beschwerden und Magenprobleme. Der eigentliche Gegner einer mehrtägigen Aktion ist ohnehin selten ein einzelner spektakulärer Moment. Es ist die Summe der Belastungen. Stundenlang schwimmen, aus dem Wasser steigen, essen, regenerieren, schlafen und am nächsten Morgen wieder hinein. Der sportliche Anlass hat einen ernsten Hintergrund Dass Pohl ihre Reichweite ausgerechnet für Schwimmkurse einsetzt, ist kein zufällig gewählter Spendenzweck. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft weist seit Jahren darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Kinder in Deutschland nicht sicher schwimmen kann. Auch das bekannte Seepferdchen ist dafür noch kein ausreichender Nachweis. Als sicherer Schwimmer gilt nach der entsprechenden Definition erst, wer mindestens die Anforderungen des Deutschen Schwimmabzeichens Bronze erfüllt. Hinter solchen Statistiken steckt ein Problem, das weit über Sport hinausgeht. Schwimmen ist Freizeitbeschäftigung, Bewegung und möglicherweise der Einstieg in einen lebenslangen Sport. Vor allem aber ist es eine Sicherheitskompetenz. Gleichzeitig ist der Zugang nicht für jedes Kind selbstverständlich. Schwimmbäder fehlen, Kursplätze sind begrenzt und private Angebote kosten Geld. Wer keinen Platz bekommt oder dessen Familie sich zusätzliche Kurse nicht leisten kann, startet mit schlechteren Voraussetzungen. Genau diese Kinder standen im Mittelpunkt der Aktion. Die Verbindung ist durchaus reizvoll: Eine Frau, die einige der schwierigsten Gewässer der Welt durchquert hat, schwimmt diesmal nicht für einen Rekord, sondern dafür, dass Kinder überhaupt erst lernen, sich sicher im Wasser zu bewegen. Aus einer sportlichen Idee wird eine Spendenaktion Schon unterwegs war zu erkennen, dass die Aktion weit über das Begleitteam am Fluss hinaus Aufmerksamkeit erzeugte. Nach dem ersten Tag waren bereits mehr als 36.000 Euro zusammengekommen. In den folgenden Etappen wuchs die Summe weiter. Gesammelt wurde gemeinsam mit dem gemeinnützigen Verein DVAG hilft. Die Aktion steht zudem im Zusammenhang mit dem RTL-Spendenmarathon. Die sportliche Inszenierung erfüllte damit genau ihren Zweck. Eine normale Bitte um Spenden hätte vermutlich deutlich weniger Menschen erreicht. Eine Schwimmerin, die sich von Frankfurt aus auf den Weg nach Köln macht, erzählt dagegen eine Geschichte. Jeden Tag kommt ein neuer Flussabschnitt hinzu, jeden Tag rückt das Ziel näher. Und irgendwann erscheint am Horizont Köln.
Unter der Hohenzollernbrücke ist Köln erreicht Am Freitag war es so weit. Nathalie Pohl erreichte die Hohenzollernbrücke. Damit war die Strecke von Frankfurt nach Köln sportlich geschafft. Sie schwamm anschließend noch weiter bis zum vorgesehenen Ausstieg auf Höhe des Cologne Beach Club. Dort warteten Unterstützer, Begleiter und Zuschauer. Nach vier Tagen auf Main und Rhein hatte Pohl wieder festen Boden unter den Füßen. Bei der Scheckübergabe setzte die DVAG schließlich den finanziellen Schlusspunkt und rundete die Spendensumme auf 616.000 Euro auf. Für eine Extremschwimmerin wie Nathalie Pohl wird eine Strecke von Frankfurt nach Köln vermutlich vor allem als sportliche Herausforderung wahrgenommen. Gerade deshalb funktioniert die Geschichte dahinter so gut. Die außergewöhnliche Leistung zieht die Aufmerksamkeit auf etwas sehr Alltägliches. Ein Kind muss keine 200 Kilometer schwimmen können. Aber es sollte schwimmen können.
__________________________________ Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln |