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Last Soul Ultra: Wo endet Extremsport - Wie weit darf man gehen?
 
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17.08.2026 

 

 
Alle 60 Minuten beginnt alles von vorn. 6,7 Kilometer laufen, zurück ins Camp, essen, trinken, hinsetzen, vielleicht kurz die Augen schließen. Dann muss der Läufer wieder an der Startlinie stehen. Wer die Runde nicht innerhalb einer Stunde beendet oder nicht rechtzeitig zur nächsten startet, scheidet aus.
 
Der Last Soul Ultra, der am Freitag, 14. August 2026, gestartet wurde, folgt dem klassischen Backyard-Prinzip. Eine maximale Distanz gibt es nicht. Auch keine festgelegte Wettkampfdauer. Gelaufen wird, bis nur noch ein Teilnehmer übrig ist und eine letzte Runde allein beendet. Der Veranstalter beschreibt es selbst mit den Worten: „No time limit – no finish line – only endurance.“
 
Man kann darüber staunen. Man kann es verrückt finden. Man kann fragen, ob Hunderte Kilometer und mehrere Nächte mit kaum Schlaf noch etwas mit gesundem Sport zu tun haben.
 
Aber vielleicht ist das gar nicht die entscheidende Frage.
 
Denn warum sollte ein erwachsener Mensch nicht Runde um Runde laufen, wenn er genau das möchte?
 
Extrem bedeutet nicht automatisch unverantwortlich
 
Sport muss nicht gesund sein, um erlaubt oder vertretbar zu sein. Ein Marathon wird schließlich auch nicht abgesagt, nur weil 42,195 Kilometer für einen untrainierten Menschen eine enorme Belastung darstellen würden.
 
Ähnlich verhält es sich mit Hitze. 35 Grad allein machen einen Lauf nicht automatisch unverantwortlich. Entscheidend sind die konkreten Bedingungen: Wer nimmt teil? Wie ist die Strecke beschaffen? Welche Versorgung steht bereit? Welche medizinischen und organisatorischen Vorkehrungen wurden getroffen? Und gibt es klare Grenzen, wenn die Belastung für einen Teilnehmer nicht mehr vertretbar erscheint?
 
Dieses Prinzip lässt sich auch auf einen Backyard Ultra übertragen.
 
Die Teilnehmer des Last Soul Ultra sind volljährig. Sie melden sich freiwillig an. Sie wissen, dass es kein festgelegtes Ende gibt. Im Basislager können sie von bis zu drei Crewmitgliedern versorgt werden; Wasser und eine ergänzende Verpflegungsstation werden bereitgestellt. Vor der Teilnahme muss zudem ein Haftungsausschluss unterschrieben werden.
 
Wenn jemand nach 100 Kilometern weiterlaufen möchte, warum sollte man ihn daran hindern? Nach 200? Nach 300?
 
Die Kilometerzahl allein liefert keine vernünftige ethische Grenze.
 
Auch die Tatsache, dass ein Mensch dabei leidet, reicht dafür zunächst nicht aus. Marathonläufer leiden auf den letzten Kilometern. Radprofis quälen sich über Alpenpässe. Beim Ironman sieht man Athleten am Ende eines langen Tages bis an ihre Belastungsgrenze gehen.
 
Sport darf wehtun.
 
Und erwachsene Menschen dürfen sich bewusst Belastungen aussetzen, die andere niemals freiwillig auf sich nehmen würden.
 
Trotzdem verändert sich nach mehreren Nächten etwas
 
Ganz ausblenden sollte man die gesundheitliche Seite allerdings nicht. Bei einem Backyard Ultra kommt zur enormen Laufleistung etwas hinzu, das bei einem klassischen Marathon kaum eine Rolle spielt: massiver Schlafmangel.
 
Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung beim Suffolk Back Yard Ultra liefert dazu interessante Daten. Von 15 Teilnehmern konnten elf Männer abschließend ausgewertet werden. Nach ihrem Ausscheiden reagierten sie in einem Test langsamer; auch eine untersuchte exekutive Funktion war beeinträchtigt. Ein gesonderter Test zur Entscheidungsfindung zeigte dagegen keine signifikante Verschlechterung. Die Studie ist klein und liefert ausdrücklich keinen Beweis dafür, dass ein erschöpfter Backyard-Läufer nicht mehr selbst entscheiden kann. Sie zeigt aber, dass extreme Belastung zusammen mit mindestens einer Nacht Schlafentzug messbare Auswirkungen auf bestimmte kognitive Fähigkeiten haben kann.
 
Eine größere Untersuchung mit 1.154 Finishern von Berg-Ultramarathons fand ebenfalls häufig Symptome, die von den Läufern selbst auf Schlafmangel zurückgeführt wurden. 80 Prozent berichteten mindestens eines davon. Dazu gehörten auch Stürze und Halluzinationen.
 
Das sollte bei einem Rennen, das theoretisch beliebig lange dauern kann, berücksichtigt werden.
 
Aber auch daraus folgt nicht: Solche Läufe darf es nicht geben.
 
Es folgt zunächst nur: Je länger sie dauern, desto wichtiger werden Betreuung, Beobachtung und die Fähigkeit eines Veranstalters, notfalls eine medizinische Grenze zu ziehen.
 
Damit könnte die Diskussion eigentlich beendet sein.
 
Beim Last Soul Ultra kommt jedoch etwas hinzu.
 
Dieses Rennen braucht keine Zuschauer vor Ort
 
Bemerkenswert ist, dass Zuschauer am Veranstaltungsort ausdrücklich nicht zugelassen sind. Wer das Rennen verfolgen möchte, soll das digital tun.
 
Und dafür ist einiges vorgesehen.
 
Der Veranstalter kündigt einen Livestream an, der das Rennen rund um die Uhr „from start to finish“ übertragen soll. Hinzu kommen regelmäßige Updates, Geschichten hinter den Kulissen und Inhalte über Instagram. Im Starterfeld befinden sich nach Angaben des Veranstalters nicht nur internationale Ultraläufer und andere Sportler, sondern ausdrücklich auch Content Creator.
 
Die Öffentlichkeit dieses Rennens entsteht damit zu einem erheblichen Teil erst durch Kameras.
 
Und genau hier verschiebt sich die ethische Frage.
 
Nicht mehr: Warum läuft dieser Mensch weiter?
 
Sondern: Warum wollen wir sehen, ob er noch eine Runde schafft?
 
Wenn Erschöpfung zur Dramaturgie wird
 
Ein normaler Lauf hat einen vorher bekannten Spannungsbogen. 5 Kilometer. 10 Kilometer. Marathon. Irgendwann kommt das Ziel.
 
Ein Backyard Ultra funktioniert anders.
 
Sein entscheidendes dramaturgisches Element ist das Ausscheiden.
 
Stunde für Stunde werden es weniger. Einer kommt langsamer zurück. Eine andere sitzt erschöpft im Stuhl. Jemand kämpft gegen den Schlaf. Ein Teilnehmer steht beim nächsten Startsignal plötzlich nicht mehr auf.
 
Und die Zuschauer wissen: Diejenigen, die noch dabei sind, werden zwangsläufig immer erschöpfter.
 
Genau das erzeugt Spannung.
 
Wer schafft noch eine Runde?
 
Wer übersteht die nächste Nacht?
 
Wer bricht zuerst ein?
 
Wann kommt der Moment, an dem der Körper nicht mehr mitmacht?
 
Beim Last Soul Ultra ist diese mediale Dimension kein zufälliger Nebeneffekt. Bereits aus der ersten Ausgabe entstand eine mehrteilige Dokumentation. Der Streamingdienst Joyn beschreibt sie mit Begriffen wie „Strategie, Schmerz, Mindgames und echte Emotionen“. Schon die Episodentitel erzählen die Geschichte über das zunehmende Ausscheiden und den Kampf der verbliebenen Teilnehmer.
 
Das ist professionelles Storytelling.
 
Aber der Rohstoff dieser Geschichte ist die zunehmende Erschöpfung realer Menschen.
 
Das Problem ist nicht der Läufer
 
Vielleicht wird die Diskussion an dieser Stelle gelegentlich falsch geführt.
 
Dem Läufer vorzuwerfen, dass er sich darstellen wolle, greift zu kurz. Wer eine außergewöhnliche Leistung vollbringt, darf darüber sprechen, Bilder veröffentlichen und stolz darauf sein.
 
Auch jemand, der 400 Kilometer läuft, muss sich nicht dafür entschuldigen, wenn ihm dafür Menschen applaudieren.
 
Die interessante Frage betrifft vielmehr uns alle, die zuschauen.
 
In einer medialen Welt müssen sich Teilnehmer solcher Extremformate um Aufmerksamkeit kaum sorgen. Schon ein Marathon bleibt für die große Mehrheit der Menschen eine außergewöhnliche Leistung. Wer 200, 300, 400 oder 500 Kilometer zurücklegt, hat eine Geschichte, die sich hervorragend erzählen lässt.
 
Das ist zunächst völlig legitim.
 
Schwierig wird es dort, wo sich die Maßeinheit für Bewunderung verschiebt.
 
Nicht mehr: Was hat dieser Mensch sportlich geleistet?
 
Sondern: Wie viel hält dieser Mensch noch aus?
 
100 Kilometer reichen nicht. Also 100 Meilen. Dann 24 Stunden. Zwei Tage. Drei Tage. 400 Kilometer. 500 Kilometer.
 
Immer noch eine Runde.
 
Aus sportlicher Grenzerfahrung kann so eine Art Fortsetzungsserie werden, deren nächster Höhepunkt zwangsläufig eine noch größere Erschöpfung voraussetzt.
 
Wir kennen diesen Mechanismus längst
 
Das Prinzip ist keineswegs auf den Sport beschränkt.
 
Menschen schauen seit Jahrhunderten dorthin, wo andere an Grenzen geraten. Wir beobachten Extremsituationen, weil wir wissen möchten, was als Nächstes passiert. Das kann faszinieren, erschrecken und gleichzeitig fesseln.
 
Sport bietet dafür einen gesellschaftlich akzeptierten Rahmen.
 
Und häufig ist daran überhaupt nichts problematisch. Niemand würde ernsthaft fordern, die Schlussphase eines Marathons nicht mehr zu übertragen, weil Läufer dort erschöpft aussehen.
 
Beim Backyard Ultra verändert die zeitliche Dimension jedoch die Perspektive. Das Leiden ist nicht nur eine Begleiterscheinung auf dem Weg zu einem bekannten Ziel.
 
Das zunehmende Leiden erzeugt einen wesentlichen Teil der Spannung.
 
Denn ohne Erschöpfung würde niemand ausscheiden.
 
Wo liegt dann die Grenze?
 
Vielleicht gar nicht bei einer bestimmten Rundenzahl.
 
Nicht nach 24 Stunden. Nicht nach 48. Auch nicht automatisch nach 500 Kilometern.
 
Die entscheidende Grenze liegt eher in den Rahmenbedingungen und in der Art, wie mit den Menschen umgegangen wird.
 
Solange Teilnehmer selbstbestimmt handeln, Risiken kennen, medizinisch vernünftig betreut werden und ein Veranstalter bereit ist einzugreifen, wenn aus sportlicher Belastung ein nicht mehr vertretbares Gesundheitsrisiko wird, spricht die bloße Extremität eines Wettbewerbs noch nicht gegen ihn.
 
Problematischer wird es, wenn der nächste dramatische Moment wichtiger wird als der Mensch, der ihn produziert.
 
Wenn ein offensichtlich angeschlagener Teilnehmer deshalb besonders interessant für die Kamera wird.
 
Wenn Weiterlaufen unabhängig vom Zustand als Heldentum erzählt wird.
 
Wenn ein vernünftiger Abbruch hauptsächlich als Scheitern erscheint.
 
Oder wenn das Publikum irgendwann nicht mehr die sportliche Leistung sehen möchte, sondern darauf wartet, wie weit ein Mensch noch gehen kann, bevor er endgültig nicht mehr kann.
 
Genau deshalb lohnt die Diskussion über den Last Soul Ultra.
 
Nicht weil Menschen dort mehrere Tage laufen.
 
Das dürfen sie.
 
Nicht weil sie freiwillig leiden.
 
Auch das gehört seit jeher zum Extremsport.
 
Und auch nicht, weil Kameras dabei sind. Sport lebt von Öffentlichkeit.
 
Spannend wird es erst dort, wo diese drei Dinge zusammenkommen: extreme Erschöpfung, ein Wettbewerb ohne definiertes Ende und eine mediale Inszenierung, deren Spannung mit jeder weiteren Stunde wächst.
 
Dann lautet die entscheidende Frage vielleicht tatsächlich nicht mehr:
 
Warum läuft er noch eine Runde?
 
Sondern:
 
Warum wollen wir unbedingt sehen, ob er sie noch schafft?

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln