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Yomif Kejelcha hat beim Halbmarathon in Buenos Aires eine Zeit erreicht, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar schien. Der Äthiopier lief die 21,0975 Kilometer in 56:51 Minuten und verbesserte die bisherige Weltrekordmarke um 29 Sekunden. Bemerkenswert war dabei weniger ein waghalsiger Beginn als die Art, wie Kejelcha das Rennen in der zweiten Hälfte immer schneller machte. Nach zehn Kilometern deutete noch wenig darauf hin, wie dieser Halbmarathon enden würde. Yomif Kejelcha passierte die Marke nach 27:19 Minuten. Schnell genug für ein Weltklasserennen, für einen Weltrekord aber zunächst nicht schnell genug. Zum Vergleich: Jacob Kiplimo war im März bei seinem 57:20-Minuten-Lauf in Lissabon nach zehn Kilometern bereits 27:00 Minuten unterwegs gewesen. Kejelcha lag also 19 Sekunden zurück. Was anschließend geschah, machte aus einem sehr schnellen Halbmarathon ein historisches Rennen. Am Sonntag, 23. August 2026, erreichte der 29-jährige Äthiopier beim Media Maratón Ciudad de Buenos Aires das Ziel nach 56:51 Minuten. World Athletics führt die Leistung als neuen Weltrekord, vorbehaltlich des üblichen Ratifizierungsverfahrens. Damit unterbot Kejelcha die 57:20 Minuten von Jacob Kiplimo gleich um 29 Sekunden. Auch Kiplimos im März in Lissabon erzielte Zeit befindet sich noch im Anerkennungsverfahren. Ein Weltrekord, der zunächst gar nicht geplant war Die Bedingungen in Buenos Aires waren nahezu ideal. Beim Start wurden sechs Grad Celsius und nur leichter Wind gemeldet. Kejelcha lief zunächst hinter den beiden Tempomachern Dillon Kipyeko aus Uganda und Brian Kipmwetich Kipkore aus Kenia. Interessant ist dabei, dass die Vorgabe zu Beginn keineswegs auf einen Weltrekord ausgerichtet war. Kejelcha hatte vor dem Rennen als Ziel eine Zeit unter 58 Minuten genannt. Entsprechend sollten die Tempomacher ungefähr 2:45 Minuten pro Kilometer laufen. Die ersten fünf Kilometer passten genau in dieses Bild: 13:45 Minuten. Danach wurde Kejelcha schneller. Den zweiten Fünf-Kilometer-Abschnitt absolvierte er in 13:34 Minuten und erreichte Kilometer zehn nach 27:19. Noch immer lag er hinter dem Tempo, das Kiplimo bei seinem Rekordlauf in Lissabon vorgelegt hatte. Aber Kejelcha wirkte an diesem Morgen nicht wie ein Läufer, der an seiner Grenze angekommen war. Er kontrollierte wiederholt seine Uhr und erhöhte weiter das Tempo. Zwischen Kilometer zehn und 15 benötigte er nur noch 13:22 Minuten. Bei Kilometer 15 zeigte die Uhr 40:41. Nun hatte sich das Verhältnis umgekehrt: Kejelcha lag elf Sekunden vor Kiplimos Vergleichszeit aus Lissabon. Genau hier wurde aus dem schnellen Rennen ein ernsthafter Angriff auf den Weltrekord. Zehn Kilometer in 26:45 Minuten Kejelcha ließ das Tempo nicht wieder absinken. Auf einem Abschnitt mit Rückenwind bewegte er sich zeitweise bei ungefähr 2:40 Minuten pro Kilometer. Die Marke bei Kilometer 20 erreichte er nach 54:04 Minuten. Für die zehn Kilometer zwischen Kilometer zehn und 20 benötigte er damit gerade einmal 26:45 Minuten. Das Entscheidende an diesem Rekordlauf war also nicht ein extrem aggressiver Start. Kejelcha hatte sich im Laufe des Rennens gesteigert und seine schnellsten Kilometer zu einem Zeitpunkt gelaufen, an dem ein Halbmarathon normalerweise beginnt, deutlich wehzutun. Selbst auf dem letzten vollen Kilometer konnte er noch einmal beschleunigen. World Athletics gibt dafür 2:32 Minuten an. Nach 56:51 Minuten lief Kejelcha ins Ziel. Über die gesamte Distanz entspricht das einem Durchschnittstempo von knapp 2:42 Minuten pro Kilometer. Anders ausgedrückt: Er hielt über mehr als 21 Kilometer ein Tempo, für das selbst sehr gute Freizeitläufer auf einem einzigen Kilometer an ihre Grenzen gehen würden. Und Kejelcha lief nicht allein wegen der Endzeit ein außergewöhnliches Rennen. Auch der Abstand zur Konkurrenz zeigt, wie weit er sich an diesem Tag vom restlichen Feld entfernt hatte. Sein äthiopischer Landsmann Tadese Worku wurde in 59:20 Minuten Zweiter. Zwischen beiden lagen 2:29 Minuten. Bereket Nega komplettierte das äthiopische Podium in 1:00:20 Stunden. Die schnellste Zeit bleibt trotzdem 56:42 Die Geschichte dieses Weltrekords besitzt allerdings eine Besonderheit. Denn 56:51 Minuten sind nicht die schnellste Halbmarathonzeit, die jemals gelaufen wurde. Jacob Kiplimo erreichte am 16. Februar 2025 in Barcelona 56:42 Minuten. Der Ugander war damit der erste Mensch, der einen Halbmarathon unter 57 Minuten lief. Seine Leistung wurde zunächst auch als Weltrekord gemeldet, später von World Athletics jedoch nicht ratifiziert. Die Rennbedingungen entsprachen nicht vollständig den Vorgaben für die Anerkennung eines Weltrekords. Nach übereinstimmenden Berichten spielte dabei vor allem das vorausfahrende Führungsfahrzeug eine Rolle. Kiplimo lief über längere Abschnitte sehr dicht dahinter und profitierte damit nach Auffassung der Verantwortlichen von einer nicht zulässigen Unterstützung. Runners World berichtete zudem über Informationen, die Kiplimo während des Rennens von außen erhalten haben soll. Die 56:42 verschwanden dadurch nicht aus Kiplimos sportlicher Bilanz. World Athletics führt sie weiterhin in der Allzeitbestenliste als seine schnellste Leistung. Als Weltrekord zählen sie jedoch nicht. Diese Unterscheidung ist für die Einordnung von Buenos Aires wichtig. Kejelcha ist mit 56:51 also nicht der schnellste Halbmarathonläufer, den eine Ergebnisliste jemals gesehen hat. Er hat aber die schnellste Leistung erzielt, die World Athletics derzeit als Weltrekord zur Ratifizierung führt. Kejelcha und Kiplimo liefern sich ein Rekordduell Die Geschichte zwischen beiden Läufern reicht inzwischen einige Jahre zurück. Jacob Kiplimo hatte im November 2021 in Lissabon mit 57:31 Minuten einen Weltrekord aufgestellt. Im Oktober 2024 nahm ihm Kejelcha die Marke in Valencia mit 57:30 Minuten um genau eine Sekunde ab. Dann folgte Kiplimos 56:42 in Barcelona, die nicht anerkannt wurden. Am 8. März 2026 versuchte es der Ugander erneut. Diesmal lief er in Lissabon 57:20 Minuten und unterbot Kejelchas offizielle Bestmarke um zehn Sekunden. Bemerkenswert daran: Kiplimo absolvierte das Rennen ohne Tempomacher. Keine sechs Monate später antwortete Kejelcha in Buenos Aires mit 56:51. Aus einem Kampf um einzelne Sekunden ist damit innerhalb kurzer Zeit ein Rekordduell geworden, bei dem sich die Maßstäbe ständig verschieben. Wie stark sich der Halbmarathon insgesamt verändert hat, zeigt ein weiter zurückliegender Vergleich. Als Zersenay Tadese 2010 in Lissabon 58:23 Minuten lief, galt seine Zeit jahrelang als außergewöhnliche Marke. Erst 2019 wurde sie von Geoffrey Kamworor auf 58:01 verbessert. 2020 folgten Kibiwott Kandies 57:32, ein Jahr später Kiplimos 57:31 und 2024 Kejelchas 57:30. Nun stehen 56:51 im Raum. Gegenüber Tadeses Rekord von 2010 sind das 1:32 Minuten weniger. Vom Bahnstar zum Weltklasse-Straßenläufer Dass ausgerechnet Kejelcha diese Entwicklung weiter vorantreibt, kommt nicht völlig überraschend. Der Äthiopier gehört seit Jahren zur internationalen Spitze. Er war zweimal Hallenweltmeister und gewann bei Weltmeisterschaften zweimal Silber. Über 5000 Meter lief er 2024 mit 12:38,95 Minuten eine der schnellsten Zeiten der Geschichte. Inzwischen hat er seine enorme Grundgeschwindigkeit erfolgreich auf deutlich längere Distanzen übertragen. Erst im April 2026 gab Kejelcha beim London-Marathon sein Debüt über 42,195 Kilometer. Dort lief er 1:59:41 Stunden und wurde Zweiter hinter Sabastian Sawe, der mit 1:59:30 Stunden einen Marathon-Weltrekord aufstellte. Kejelcha gelang damit bei seinem ersten Marathon ebenfalls eine Zeit unter zwei Stunden und zugleich das schnellste Marathondebüt der Geschichte. Vier Monate später folgt nun der Halbmarathon-Weltrekord. Gerade diese Kombination macht Kejelcha derzeit zu einem der interessantesten Läufer der Welt. Er bringt die Geschwindigkeit eines ehemaligen Bahn-Spezialisten mit, kann sie aber inzwischen auch über zwei Stunden nahezu ohne Einbruch auf die Straße übertragen. Auch Fotyen Tesfay läuft 1:03:57 Stunden Fast ein wenig unter ging in Buenos Aires die ebenfalls hochklassige Leistung im Frauenrennen. Die Äthiopierin Fotyen Tesfay gewann in 1:03:57 Stunden und setzte sich klar von der Kenianerin Nelvin Jepkemboi durch, die nach 1:05:06 ins Ziel kam. Catherine Reline Amanang'ole wurde in 1:05:11 Dritte. Doch die Zahl, die von diesem Sonntag bleiben wird, lautet 56:51. Kejelcha war nach zehn Kilometern noch nicht auf Weltrekordkurs. Er machte den Rekord erst danach möglich, indem er schneller wurde, als das Rennen längst schnell war. Genau darin liegt die eigentliche Qualität dieser Leistung. Vor 16 Jahren bedeuteten 58:23 Minuten Weltrekord. Jetzt ist ein Läufer mehr als anderthalb Minuten schneller unterwegs. Und nach Buenos Aires wirkt selbst eine Zeit unter 57 Minuten nicht mehr wie eine Grenze. __________________________________ Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln |