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5.000 Kilometer in 86 Tagen: Sufiya Sufi läuft einmal durch Indien
 
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05.09.2026 

 

 
119 Marathons. Knapp 58 Kilometer pro Tag. 86 Tage lang. Die indische Ultraläuferin Sufiya Sufi ist von Kanyakumari an der Südspitze des Landes bis zum Karakoram gelaufen. Ihr „Run for Dreams“ führt in eine Dimension des Laufens, in der ein Marathon nicht mehr das Ziel, sondern beinahe eine Tagesetappe ist.
 
Bei 42,195 Kilometern ist normalerweise Schluss. Hinter der Ziellinie gibt es eine Medaille, etwas zu trinken und für viele Läufer zunächst einmal den festen Vorsatz, sich für den Rest des Tages möglichst wenig zu bewegen.
 
Bei Sufiya Sufi wäre an dieser Stelle noch ein gutes Stück Arbeit übrig geblieben.
 
Wer ihre 5.000 Kilometer auf die klassische Marathondistanz herunterbricht, kommt auf rund 119 Marathons. Nur dass die indische Ultraläuferin dafür keine 119 Wettkampftage brauchte. Nach eigenen Angaben erreichte sie ihr Ziel nach 86 Tagen und zwei Stunden. Rechnerisch sind das gut 58 Kilometer pro Tag, vom Indischen Ozean bis hinauf in eine der extremsten Hochgebirgsregionen der Erde.
 
Und damit sind wir bei einer wichtigen Unterscheidung: Der „Run for Dreams“ war kein 5.000-Kilometer-Wettkampf mit Startnummer, Zeitnahme und einem Feld von Ultraläufern. Es war eine mehrmonatige Laufexpedition. Eine Läuferin, ein Team, eine Route quer durch einen Subkontinent.
 
Gerade das macht die Geschichte interessant.
 
Vom Meer bis auf fast 5.500 Meter
 
Gestartet wurde am 12. Mai 2026 in Kanyakumari, jener Stadt an der Südspitze Indiens, an der Arabisches Meer, Golf von Bengalen und Indischer Ozean aufeinandertreffen. Das ursprüngliche Projekt sah 5.000 Kilometer innerhalb von 88 Tagen vor. Ziel war der Karakoram-Pass im Norden. Die Route sollte durch elf indische Bundesstaaten und unter anderem über Madurai, Puducherry, Chennai, Hyderabad, Nagpur, Indore, Jaipur, Delhi, Chandigarh, Srinagar, Kargil und Leh führen.
 
Damit verändert sich unterwegs praktisch alles, was einen Lauf beeinflussen kann.
 
Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Verkehr, Straßenbeschaffenheit und Landschaft. Aus der tropischen Hitze Südindiens wird nach Tausenden Kilometern ein Hochgebirgslauf. Der Karakoram-Pass liegt auf ungefähr 18.000 Fuß, also rund 5.500 Metern Höhe. Genau dort meldete Sufi Anfang August schließlich die Vollendung ihrer Reise: 5.000 Kilometer in 86 Tagen und zwei Stunden.
 
Für einen normalen Marathonläufer ist schon die Rechnung schwer vorstellbar. Würde man jeden Morgen einen Marathon laufen, hätte man nach 86 Tagen erst gut 3.600 Kilometer gesammelt. Sufi musste also im Durchschnitt täglich noch ungefähr 16 Kilometer drauflegen.
 
Und am nächsten Morgen wieder los.
 
4.167 Kilometer waren nur ein Zwischenziel
 
Interessant ist, dass innerhalb dieses 5.000-Kilometer-Projekts noch ein zweiter Wert auftaucht.
 
Nach 4.167 Kilometern erreichte Sufi Srinagar in Kaschmir. Für die Strecke von Kanyakumari bis dorthin benötigte sie nach eigenen Angaben 68 Tage und 23 Stunden. Indische Medien berichteten anschließend von einem neuen Rekord. Sufi selbst bezeichnete diese Leistung ebenfalls als Weltrekord und setzte ihren Lauf danach Richtung Karakoram fort.
 
Hier lohnt sich allerdings journalistische Genauigkeit. Verschiedene indische Veröffentlichungen sprechen bereits von ihrem sechsten Guinness-Weltrekord. In der öffentlich zugänglichen Guinness-Datenbank lässt sich dieser konkrete Rekord aus dem Jahr 2026 derzeit nicht eindeutig nachvollziehen. Guinness weist selbst darauf hin, dass neue Rekorde nicht immer unmittelbar online veröffentlicht werden. Die 2026er Rekordangabe sollte deshalb momentan als gemeldete beziehungsweise berichtete Leistung bezeichnet werden, nicht als unabhängig von Guinness verifiziert.
 
Dass Sufiya Sufi eine ausgewiesene Rekordläuferin ist, steht dagegen außer Frage.
 
Guinness World Records führt beispielsweise ihre Strecke von Kaschmir nach Kanyakumari aus dem Jahr 2019. Damals benötigte sie 87 Tage, zwei Stunden und 17 Minuten. Ebenso dokumentiert ist ihre Umrundung des sogenannten Indian Golden Quadrilateral in 110 Tagen, 23 Stunden und 24 Minuten sowie ihr Rekord auf dem Manali-Leh-Highway aus dem Jahr 2023 mit vier Tagen, zwei Stunden und 27 Minuten.
 
5.000 Kilometer sind für sie also keine völlig neue Welt. Ihre eigene Website nennt für den Golden Quadrilateral Run sogar rund 6.000 Kilometer als bislang längstes Projekt.
 
Wie läuft man jeden Tag mehr als einen Marathon?
 
An dieser Stelle wird die Geschichte für Läufer fast interessanter als die große Zahl am Anfang.
 
Denn 5.000 Kilometer schafft niemand durch einen besonders starken letzten Kilometer.
 
Bei einem Marathon kann man sich über weite Strecken an einem geplanten Tempo orientieren und am Ende die verbliebenen Reserven mobilisieren. Bei einem Lauf über mehrere Monate funktioniert dieses Prinzip nicht. Jeder Kilometer, der heute zu schnell gelaufen wird, kann morgen fehlen. Eine gereizte Sehne verschwindet nicht deshalb, weil am nächsten Wochenende kein Wettkampf ansteht. Es gibt den nächsten langen Lauf schon am nächsten Morgen.
 
Sufis frühere Rekordläufe geben einen Eindruck davon, wie solche Projekte organisiert werden. Gegenüber Guinness beschrieb sie nach ihrem Lauf über das Indian Golden Quadrilateral, dass ein Begleitfahrzeug eine zentrale Rolle spielte. Ihr damaliges Unterstützungsteam kümmerte sich unter anderem um Verpflegung, Flüssigkeitsversorgung, Unterkunft, Physiotherapie und den organisatorischen Ablauf. Unterwegs schlossen sich in Städten immer wieder Läufer und Radfahrer für Teilstücke an.
 
Damit wird aus einem scheinbar simplen Vorgang, nämlich immer weiterzulaufen, ein logistisches Projekt.
 
Essen muss verfügbar sein, bevor der Energiebedarf zum Problem wird. Flüssigkeit muss dort stehen, wo sie gebraucht wird. Schuhe, Kleidung, Schlaf, medizinische Betreuung und Streckenplanung müssen funktionieren. Hinzu kommen auf indischen Straßen Hitze, Monsunregen und dichter Verkehr. Sufi selbst berichtete während des aktuellen Projekts von Hitze, starkem Regen, Verkehr, Bergen, Schmerzen und Erschöpfung.
 
Das eigentliche Kunststück besteht deshalb nicht darin, einmal 60 oder 70 Kilometer laufen zu können.
 
Es besteht darin, am nächsten Tag wieder laufen zu können.
 
Die letzten Kilometer werden zu einem anderen Sport
 
Je weiter Sufi nach Norden kam, desto weniger hatte das Projekt mit einem normalen Straßenlauf zu tun.
 
Spätestens hinter Srinagar verändert sich die Geografie dramatisch. Die Route führt durch die Gebirgsregionen von Ladakh bis in große Höhe. Das ursprüngliche Streckenprofil sah Kargil und Leh als letzte große Stationen vor, bevor es weiter Richtung Karakoram gehen sollte.
 
Sufi kennt diese Bedingungen bereits. 2023 absolvierte sie den Manali-Leh-Highway über etwa 430 Kilometer in gut 98 Stunden. Guinness bestätigt den entsprechenden Rekord. Ihre eigene Dokumentation nennt für diese Strecke fünf Hochgebirgspässe und mehr als 8.500 Höhenmeter im Anstieg.
 
Beim aktuellen Lauf kam nun ein entscheidender Unterschied hinzu: Als sie diese Höhen erreichte, steckten bereits Tausende Kilometer in ihren Beinen.
 
Das ist eine Belastung, die sich aus einer einzelnen Tagesdistanz kaum ablesen lässt. Der Körper muss nicht nur einen außergewöhnlich langen Lauf verarbeiten. Er muss über Wochen und Monate mit einer unvollständigen Regeneration zurechtkommen.
 
Und genau deshalb wirken die nüchternen Durchschnittswerte beinahe absurder als spektakuläre Spitzenleistungen.
 
58 Kilometer.
 
Jeden Tag.
 
Fast drei Monate.
 
Dabei begann alles mit drei Kilometern
 
Auch Sufis Einstieg ins Laufen passt nicht recht zu dem Bild einer Frau, die irgendwann quer durch Indien laufen würde.
 
Nach eigenen Angaben arbeitete sie fast zehn Jahre in der Luftfahrtbranche und begann erst 2017 mit dem Laufen. Zunächst ging es um Fitness. Ihr erster Lauf umfasste gerade einmal drei Kilometer. Später machte sie Ultra-Distanzen zu ihrem sportlichen Schwerpunkt und gab ihren Beruf in der Luftfahrt auf.
 
Zwei Jahre nach diesen ersten Laufkilometern stand bereits die rund 4.000 Kilometer lange Strecke von Kaschmir nach Kanyakumari in ihrer Statistik.
 
Das erzählt möglicherweise mehr über die extreme Entwicklung ihrer Laufkarriere als jede Rekordliste.
 
Indien erlebte 2026 sogar noch ein zweites 5.000-Kilometer-Projekt
 
Und Sufi war in diesem Jahr nicht einmal die einzige Person, die sich in Indien an eine solche Distanz wagte.
 
Der 23-jährige indisch-australische Physiotherapeut Om Satija startete am 26. Januar 2026 ebenfalls in Kanyakumari zu seinem „One India Run“. Sein Ziel lag in Kaschmir. Das Projekt war mit rund 5.000 Kilometern angekündigt und mit einer Spendenaktion für Kinder aus von Lepra betroffenen und sozial benachteiligten Gemeinschaften verbunden. Mitte April hatte Satija laut Times of India bereits 3.500 Kilometer in 75 Tagen zurückgelegt und lief im Durchschnitt knapp 50 Kilometer täglich.
 
Eine Projektdokumentation gibt seine letztlich absolvierte Strecke mit 5.035 Kilometern an.
 
Damit bekommt die zunächst etwas verrückt klingende Frage „Gibt es in Indien einen 5.000-Kilometer-Lauf?“ eine unerwartete Antwort.
 
Nicht als gewöhnlichen Straßenlauf mit Meldebüro, Startblock und Ergebnisliste. Aber als Form des Expeditionslaufens sehr wohl.
 


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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln