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Warum Schlafmangel deinen Laufstil verändert
 
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09.09.2026 

 

 
Eine Nacht ohne Schlaf reicht aus, um die Laufbewegung messbar zu verändern. Eine aktuelle Studie zeigt weniger Schritte, längeren Bodenkontakt und eine andere Arbeitsteilung zwischen Sprunggelenk und Knie. Überraschend ist jedoch ein anderer Befund: Die Läufer benötigten bei gleichem Tempo weniger Stoffwechselenergie und hielten die Belastung trotzdem deutlich kürzer durch.**
 
Wer schlecht geschlafen hat, kennt das Gefühl beim Lauf am nächsten Morgen. Die Beine wirken schwer, das gewohnte Tempo fühlt sich anstrengender an und manchmal stimmt schon nach wenigen Kilometern das Gefühl für den eigenen Rhythmus nicht mehr. Bisher wurde Schlafmangel im Ausdauersport vor allem mit Leistungsfähigkeit, Erholung und subjektiver Ermüdung in Verbindung gebracht. Eine neue Studie der KU Leuven in Belgien zeigt nun, dass Schlafentzug noch an einer anderen Stelle sichtbar wird: in der Laufbewegung selbst.
 
Die Untersuchung von Maura Seynaeve, Benedicte Vanwanseele und Toon de Beukelaar erschien im Juli 2026 in „Medicine & Science in Sports & Exercise“. Die Wissenschaftler untersuchten 16 gesunde Freizeitläufer, neun Frauen und sieben Männer. Jeder Teilnehmer absolvierte das Laufprotokoll zweimal. Einmal nach normalem Schlaf, einmal nach einer Nacht vollständigen Schlafentzugs. Die Reihenfolge wurde randomisiert. Damit diente jeder Läufer zugleich als seine eigene Kontrollperson.
 
Und genau an dieser Stelle ist eine Einschränkung wichtig: Die Studie untersuchte nicht die typische Nacht vor einem Wettkampf, in der jemand statt acht vielleicht nur fünf Stunden schläft. Die Teilnehmer schliefen überhaupt nicht. Es handelt sich also um ein bewusst extremes Modell von akutem Schlafmangel.
 
Derselbe Läufer, aber plötzlich eine andere Bewegung
 
Am folgenden Morgen liefen die Teilnehmer auf einem instrumentierten Laufband bei mehreren individuell festgelegten Belastungsstufen. Diese orientierten sich an der ersten und zweiten Laktatschwelle. Zum Abschluss liefen sie mit einer Geschwindigkeit entsprechend ihrer zweiten Laktatschwelle bis zur Erschöpfung.
 
Währenddessen zeichneten die Forscher die Bewegung mit einem dreidimensionalen Motion-Capture-System auf. Das Laufband erfasste die auftretenden Kräfte, zusätzlich wurde über indirekte Kalorimetrie der Stoffwechselaufwand bestimmt. Die Wissenschaftler konnten damit gleichzeitig beobachten, wie die Läufer liefen, welche Kräfte dabei entstanden und wie viel Energie der Körper für das jeweilige Tempo benötigte.
 
Das Ergebnis war kein einzelner auffälliger Wert. Das gesamte Bewegungsmuster verschob sich.
 
Nach der schlaflosen Nacht sank die Schrittfrequenz. Gleichzeitig blieben die Füße länger am Boden. Auch der sogenannte Duty Factor nahm zu, also der Anteil eines Schrittes, während dessen der Fuß Bodenkontakt hat. Die Läufer verbrachten damit relativ gesehen mehr Zeit in der Stützphase.
 
Zusätzlich nahm die Beinstiffness ab. Dieser biomechanische Begriff beschreibt vereinfacht, wie „federnd“ das Bein während des Bodenkontakts auf Belastung reagiert. Eine hohe oder niedrige Beinstiffness ist dabei nicht automatisch gut oder schlecht. Entscheidend ist vielmehr, dass sich ein normalerweise recht individuelles Bewegungsmuster nach nur einer Nacht ohne Schlaf messbar veränderte.
 
Auch bei den Kräften fanden die Forscher Unterschiede. Die maximale vertikale Bodenreaktionskraft sowie die Belastungsrate waren nach Schlafentzug geringer. Gleichzeitig war die Kniebeugung während der Stützphase größer und das maximale Streckmoment im Knie erhöht.
 
Der Körper lief also nicht einfach nur „müder“. Er organisierte die Bewegung anders.
 
Das Knie übernimmt mehr Arbeit
 
Besonders interessant wird es beim Blick auf die Gelenke.
 
Normalerweise arbeiten beim Laufen Hüfte, Knie und Sprunggelenk in einer fein abgestimmten Kette zusammen. Nach der schlaflosen Nacht verschob sich diese Arbeitsteilung. Die durchschnittliche positive Leistung am Knie nahm zu, während sie am Sprunggelenk abnahm.
 
Vereinfacht formuliert: Das Knie übernahm mehr mechanische Arbeit, das Sprunggelenk weniger. Die Forscher sprechen von einer Verschiebung der Gelenkbeiträge von distal nach proximal, also vom körperferneren Sprunggelenk in Richtung Knie.
 
Für Läufer ist das ein bemerkenswerter Befund. Schließlich betrachten wir unseren Laufstil häufig als etwas relativ Stabiles. Natürlich verändert er sich mit dem Tempo, mit Ermüdung, Steigung, Untergrund oder Schuhen. Die neue Untersuchung zeigt nun, dass offenbar auch der Zustand, in dem das Nervensystem nach einer schlaflosen Nacht arbeitet, mit einer messbaren Veränderung der Laufmechanik verbunden sein kann.
 
Das bedeutet allerdings nicht, dass eine einzige schlechte Nacht automatisch Verletzungen verursacht. Die Studie untersuchte keine Verletzungsraten und liefert deshalb auch keinen Beleg dafür, dass die beobachteten Veränderungen gefährlich sind. Ebenso wenig lässt sich aus niedrigeren Stoßkräften ableiten, Schlafmangel könne biomechanisch sogar günstig sein. Dafür ist das Zusammenspiel der Belastungen wesentlich zu komplex.
 
Und dann kommt der eigentliche Widerspruch
 
Man könnte erwarten, dass ein veränderter Laufstil nach Schlafentzug auch energetisch ungünstiger wird. Doch genau das beobachteten die Forscher nicht.
 
Bei gleicher Laufgeschwindigkeit war die gemessene Brutto-Stoffwechselleistung nach der schlaflosen Nacht niedriger. Der Körper benötigte also für das vorgegebene Tempo weniger metabolische Energie. Statistisch deutete dies auf eine verbesserte Laufökonomie hin.
 
Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht.
 
Wer weniger Energie für dieselbe Geschwindigkeit benötigt, müsste schließlich länger laufen können.
 
Doch das Gegenteil geschah.
 
Beim abschließenden Lauf an der zweiten Laktatschwelle erreichten die Teilnehmer nach Schlafentzug deutlich früher den Punkt, an dem sie nicht mehr weiterlaufen konnten. Die Zeit bis zur Erschöpfung sank um 13,2 Prozent.
 
Das ist der spannendste Befund der gesamten Untersuchung.
 
Die Läufer bewegten sich metabolisch betrachtet offenbar etwas ökonomischer, waren aber trotzdem weniger belastbar.
 
Laufökonomie ist eben nicht alles
 
Dieser Widerspruch zeigt sehr schön, warum Laufleistung nicht auf einen einzelnen physiologischen Wert reduziert werden kann.
 
Eine gute Laufökonomie bedeutet zunächst nur, dass ein bestimmtes Tempo mit vergleichsweise geringem Energieaufwand bewältigt wird. Sie sagt nicht automatisch voraus, wie lange ein Mensch eine hohe Belastung durchhalten kann.
 
Nach einer Nacht ohne Schlaf können andere leistungsbegrenzende Faktoren stärker ins Gewicht fallen. Dazu gehören zentrale Ermüdung, Wachheit, Motivation, Wahrnehmung der Anstrengung und die Fähigkeit, eine hohe Belastung über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Welche dieser Faktoren den Unterschied von 13,2 Prozent in dieser konkreten Studie verursachte, lässt sich aus den vorliegenden Ergebnissen allerdings nicht eindeutig ableiten.
 
Dass Schlafmangel die Ausdauerleistung beeinträchtigen kann, ist dagegen kein völlig neuer Befund. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse mit 31 Studien und insgesamt 478 Teilnehmern kam bereits zu dem Ergebnis, dass Schlafentzug im Mittel einen moderaten negativen Effekt auf die Ausdauerleistung hat. Belastungen von mehr als 30 Minuten waren dabei stärker betroffen als kürzere.
 
Eine weitere Metaanalyse aus dem Jahr 2025, die 45 Studien einschloss, fand ebenfalls eine schlechtere aerobe Ausdauerleistung nach Schlafentzug. Gleichzeitig stieg die subjektiv wahrgenommene Anstrengung.
 
Die neue Untersuchung aus Leuven ergänzt dieses Bild nun um einen wichtigen Punkt: Schlafentzug scheint nicht nur zu beeinflussen, wie lange wir laufen können oder wie anstrengend sich das Laufen anfühlt. Er kann offenbar auch verändern, wie wir laufen.
 
Warum das für Freizeitläufer interessant ist
 
Eine komplette Nacht ohne Schlaf dürfte vor einem Sonntagmorgenlauf zum Glück eher die Ausnahme sein. Situationen mit deutlich zu wenig Schlaf sind dagegen alltäglich.
 
Der Wecker klingelt um fünf Uhr, weil der Halbmarathon um acht startet. Das Hotelzimmer ist ungewohnt. Vor einem wichtigen Wettkampf kreisen die Gedanken. Eltern werden nachts mehrfach geweckt. Schichtarbeiter kommen aus einem veränderten Schlafrhythmus. Andere sitzen am Freitag noch bis spät im Büro und stehen am Samstagmorgen beim langen Lauf auf der Matte.
 
Genau deshalb ist die Studie trotz ihres extremen Versuchsaufbaus interessant.
 
Sie stellt die verbreitete Vorstellung infrage, man könne Schlafmangel beim Training einfach dadurch kompensieren, dass man sich ein wenig zusammenreißt. Der Organismus kann offenbar bereits nach einer einzigen durchwachten Nacht seine Bewegungsstrategie verändern.
 
Wer nach sehr wenig Schlaf beim Laufen das Gefühl hat, heute „irgendwie anders“ unterwegs zu sein, muss sich das also nicht zwangsläufig einbilden.
 
Das bedeutet allerdings ebenso wenig, dass nach fünf Stunden Schlaf automatisch dieselben biomechanischen Veränderungen auftreten wie in der Studie. Eine solche Schlussfolgerung wäre wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.
 
Was die Studie nicht beantworten kann
 
Mit 16 Teilnehmern ist die Untersuchung klein. Kleine Studien können interessante und statistisch signifikante Effekte sichtbar machen, ihre Ergebnisse sollten aber zunächst in größeren Gruppen bestätigt werden.
 
Hinzu kommt der vollständige Schlafentzug. Zwischen null Stunden Schlaf und einer gewöhnlichen kurzen Nacht besteht ein erheblicher Unterschied. Die Ergebnisse lassen deshalb keine Aussage zu, ab welcher Schlafdauer sich die Laufmechanik verändert oder ob bereits ein Schlafdefizit von ein oder zwei Stunden vergleichbare Effekte verursacht.
 
Auch die Laborbedingungen spielen eine Rolle. Gelaufen wurde auf einem Laufband. Draußen kommen Kurven, wechselnder Untergrund, Wind, Temperatur, Steigungen und permanente kleine Geschwindigkeitsänderungen hinzu. Ob die beobachteten biomechanischen Veränderungen dort identisch ausfallen, ist offen.
 
Und schließlich waren die Versuchspersonen Freizeitläufer. Wie gut trainierte Marathonläufer oder Spitzenathleten unter denselben Bedingungen reagieren würden, lässt sich daraus nicht ableiten.
 
Gerade deshalb sollte man die Zahl von 13,2 Prozent nicht als allgemeine Formel verstehen. Eine durchwachte Nacht macht einen Läufer nicht automatisch exakt 13,2 Prozent weniger leistungsfähig. Dieser Wert beschreibt das Ergebnis dieser 16 Personen in genau diesem Versuchsaufbau.
 
Vor dem Wettkampf bekommt Schlaf noch eine andere Bedeutung
 
Für die Trainingspraxis ergibt sich daraus trotzdem eine interessante Konsequenz.
 
Schlaf wird unter Läufern häufig vor allem als Bestandteil der Regeneration betrachtet. Nach einem harten Training soll der Körper schlafen, damit er sich erholen kann. Die neue Untersuchung zeigt eine zweite Seite: Schlaf scheint auch unmittelbar vor einer Belastung relevant dafür zu sein, wie der Körper eine Laufbewegung organisiert und wie lange eine hohe Intensität durchgehalten werden kann.
 
Besonders vor Wettkämpfen ist das bemerkenswert. Viele Läufer investieren Wochen in Trainingspläne, Tempoläufe, Wettkampfschuhe, Kohlenhydratstrategien und die perfekte Renneinteilung. Gleichzeitig wird eine kurze Nacht vor dem Start gelegentlich als Nebensache abgetan.
 
Eine einzelne Studie mit 16 Freizeitläufern macht Schlaf noch lange nicht zum nächsten Leistungsgeheimnis. Sie zeigt aber ziemlich eindrucksvoll, wie tief Schlafmangel in einen vermeintlich selbstverständlichen Bewegungsablauf hineinreichen kann.
 
Nach einer Nacht ohne Schlaf lief derselbe Mensch auf demselben Laufband bei derselben Geschwindigkeit anders. Er machte weniger Schritte, stand länger am Boden, nutzte Knie und Sprunggelenk anders und verbrauchte dabei sogar etwas weniger Stoffwechselenergie.
 
Nur eines konnte der Körper damit nicht ausgleichen: Er war früher erschöpft.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln