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Nach Jahren aus Holz: Köln-Marathon denkt bei der Medaille wieder an Metall
 
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06.10.2026 

 

Fiktive Medaille für 2027 - wird sie wieder aus Zink sein?

 
2019 erklärte der Köln-Marathon die klassische Metallmedaille zum Auslaufmodell. Holz sollte nachhaltiger sein und zum neuen Selbstverständnis der Veranstaltung passen. Doch die Diskussion ist nie verstummt. Nach dem Marathon 2026 wird die Kritik wieder deutlich lauter. Nun zeichnet sich eine Kehrtwende ab: Schon 2027 könnte im Ziel am Dom wieder eine Metallmedaille warten.
 
42,195 Kilometer liegen hinter einem Läufer. Monate der Vorbereitung, lange Läufe am Wochenende, vielleicht Zweifel bei Kilometer 35 und schließlich der Zieleinlauf am Kölner Dom. Dann folgt jener Moment, der für viele weit mehr ist als eine Formalität: Die Medaille wird umgehängt.
 
Und ausgerechnet über dieses kleine Stück Erinnerung wird in Köln seit Jahren erstaunlich leidenschaftlich gestritten.
 
Beim Generali Köln Marathon 2026 ist die Debatte wieder aufgeflammt. Während die Veranstaltung mit vier Streckenrekorden und insgesamt 41.453 Meldungen sportlich ein herausragendes Wochenende erlebte, beschäftigte viele Teilnehmer nach dem Zieleinlauf eine ganz andere Frage: Warum gibt es für diese Leistung weiterhin eine Medaille aus Holz?
 
Die Diskussion ist keineswegs neu. Sie begleitet den Köln-Marathon praktisch seit dem Tag, an dem sich der Veranstalter für Holz entschied.
 
2019 sollte die Medaille ein Zeichen setzen
 
Bis 2018 erhielten die Finisher in Köln klassische Metallmedaillen. 2019 änderte der Veranstalter sein Konzept grundlegend. Statt Zink aus Südafrika sollte künftig Erlenholz aus nachhaltiger Forstwirtschaft in Ungarn verwendet und in Wuppertal verarbeitet werden.
 
Die Begründung war nachvollziehbar. Der Köln-Marathon hatte seine Veranstaltung auf Grundlage eines TÜV-geprüften Umweltkonzepts untersucht und Bereiche identifiziert, in denen sich Emissionen reduzieren ließen. Allein durch den Wechsel der Medaille sollten gegenüber der damaligen Metallvariante mehr als 20 Tonnen CO₂ eingespart werden. Auf seiner heutigen Nachhaltigkeitsseite beziffert der Veranstalter die Einsparung mit 21 Tonnen.
 
Die Holzmedaille gehörte damals zu einem größeren Umbau. Mehrwegbecher, recyclingfähige Pappbecher, regionale Produkte und eine umweltfreundlichere Logistik sollten den ökologischen Fußabdruck des Großevents verkleinern. Zeitweise stand sogar die Idee im Raum, für den Holzbedarf langfristig einen eigenen Wald aufzubauen.
 
Wichtig ist dabei: Holz war keine Sparmaßnahme. Im Gegenteil. Markus Frisch erklärte 2019, die neuen Medaillen seien rund 50 Prozent teurer als die bisherigen Zinkmedaillen. Das Experiment kostete den Veranstalter also zunächst mehr Geld und war tatsächlich als Nachhaltigkeitsprojekt gedacht.
 
Der Widerstand begann schon beim ersten Versuch
 
Doch bereits 2019 zeigte sich, dass die Rechnung bei einer Medaille nicht allein über CO₂ und Produktionswege funktioniert.
 
Schon vor der Premiere gab es Proteste in sozialen Netzwerken. Zwei Läufer aus Lübeck sagten ihre Teilnahme nach Angaben des Kölner Stadt-Anzeigers sogar ab, weil sie für eine Holzmedaille nicht nach Köln reisen wollten. Nach dem Rennen gingen die Meinungen auseinander. Manche Teilnehmer fanden das Konzept originell und konsequent, andere vermissten ausdrücklich die Wertigkeit einer Metallmedaille.
 
Der Köln-Marathon blieb dennoch bei seiner Linie.
 
Auch gestalterisch entwickelte sich die Medaille weiter. Zum 25. Veranstaltungsjubiläum 2023 wurden 18.000 Holzmedaillen aus schnell wachsendem Erlenholz produziert und mit einer Oberfläche aus Hopfenblüten auf Goldpapier versehen. Die Medaille sollte damit nicht nur nachhaltig sein, sondern deutlich stärker zum eigenständigen Erinnerungsstück werden.
 
Das Grundproblem ließ sich mit Design allerdings nicht vollständig lösen.
 
Denn eine Finishermedaille erfüllt eine besondere Funktion. Ihr Materialwert ist nebensächlich, ihre gefühlte Wertigkeit nicht.
 
Wenn Nachhaltigkeit auf Emotion trifft
 
Eine Medaille ist im Laufsport kein Preis im klassischen Sinne. Wer einen Marathon in fünf Stunden beendet, erhält sie ebenso wie der Sieger nach etwas mehr als zwei Stunden. Sie bescheinigt keine Platzierung. Sie steht für etwas Persönlicheres.
 
Für viele Läufer verdichten sich in ihr Wochen oder Monate der Vorbereitung. Sie landet später an einer Wand, in einem Rahmen oder zwischen den Medaillen anderer großer Rennen. Gewicht, Material und Haptik spielen dabei eine Rolle, obwohl sie mit der sportlichen Leistung objektiv nichts zu tun haben.
 
Genau hier treffen zwei nachvollziehbare Sichtweisen aufeinander.
 
Aus Sicht des Veranstalters spricht viel für Holz: nachwachsender Rohstoff, erheblich kürzere Transportwege und eine wesentlich bessere Klimabilanz als bei den früher in Südafrika gefertigten Zinkmedaillen. Die Holzmedaille passt zudem zu einem Nachhaltigkeitskonzept, das weit über diesen einen Gegenstand hinausgeht.
 
Ein Teil der Läufer sieht darin trotzdem kein gleichwertiges Symbol für einen Marathon. Nach der diesjährigen Veranstaltung wurden in sozialen Netzwerken erneut spöttische Vergleiche mit Bierdeckeln und selbst geschnitzten Auszeichnungen gezogen. Andere Teilnehmer verteidigten ausdrücklich das ungewöhnliche Kölner Konzept. Der Ton zeigt jedoch, wie emotional das Thema inzwischen geworden ist.
 
Das Interessante daran: Die Kritik hat die Holzmedaille von Anfang an begleitet. Sie ist nach mehreren Jahren nicht verschwunden.
 
Und genau das scheint beim Veranstalter inzwischen Wirkung zu zeigen.
 
2027 könnte Metall zurückkehren
 
Am Marathon-Wochenende 2026 kam Bewegung in die Sache. Paul Selby war in Köln. Der inzwischen 80-jährige Brite lebt seit Jahrzehnten in Johannesburg und produziert seit den 1980er-Jahren Medaillen für große internationale Laufveranstaltungen. Nach Angaben des Kölner Stadt-Anzeigers wurden rund 15 Millionen seiner Medaillen bei Veranstaltungen unter anderem in New York, London, Paris, Berlin und früher auch in Köln ausgegeben.
 
Ausgerechnet Selby lief diesmal selbst den Kölner Halbmarathon.
 
Und er brachte offenbar nicht nur Laufschuhe mit.
 
Nach dem Bericht des Kölner Stadt-Anzeigers verständigte sich Selby am Vortag des Marathons mit Michael Rosenbaum, dem Vorsitzenden des Marathon-Vereins, grundsätzlich auf eine erneute Zusammenarbeit. Sie könnte bereits 2027 beginnen. Vorgesehen seien Medaillen aus recyceltem Zinn. Geschäftsführer Markus Frisch begründete die mögliche Wende mit einem entscheidenden Satz: Man müsse den Wünschen der Teilnehmer entsprechen.
 
Ganz offiziell beschlossen und vorgestellt ist die Medaille für 2027 damit noch nicht. Die Richtung ist aber kaum zu übersehen.
 
Es wäre keine Rückkehr zur alten Zinkmedaille aus Südafrika, sondern der Versuch, zwei Anforderungen miteinander zu verbinden: die von vielen Läufern gewünschte Haptik und Wertigkeit einer Metallmedaille mit einem Material, das zumindest einen Teil des Nachhaltigkeitsgedankens erhält.
 
Eine Medaille ist eben nicht nur Material
 
Vielleicht lag genau darin die Fehleinschätzung der vergangenen Jahre. Die Diskussion wurde häufig behandelt, als müsse man sich zwischen Nachhaltigkeit und einem nostalgischen Wunsch nach schwerem Metall entscheiden.
 
So einfach ist es nicht.
 
Der Köln-Marathon hat 2019 etwas gewagt und dafür gute Gründe gehabt. Ein Großveranstalter, der seine Lieferketten hinterfragt und eine etablierte Lösung ersetzt, obwohl die Alternative zunächst sogar teurer ist, handelt nicht aus Bequemlichkeit. Die Holzmedaille war ein ernst gemeinter Versuch, eine Laufveranstaltung nachhaltiger zu gestalten.
 
Aber Nachhaltigkeit funktioniert bei einem emotionalen Produkt nur dann dauerhaft, wenn diejenigen, für die es bestimmt ist, die Lösung auch annehmen.
 
Nach sieben Jahren Erfahrung lässt sich feststellen: Ein erheblicher Teil der Kölner Läufer hat sich mit Holz nie wirklich angefreundet. Schon 2019 wurde darüber gestritten. 2026 wird noch immer darüber gestritten. Der Veranstalter kann das irgendwann nicht mehr als anfängliche Gewöhnungsfrage abtun.
 
Sollte 2027 tatsächlich wieder Metall im Ziel am Dom glänzen, wäre das deshalb weniger das Scheitern einer Nachhaltigkeitsidee als eine Korrektur nach einem ungewöhnlich langen Praxistest.
 
Und möglicherweise ist gerade das die sinnvollste Lehre aus der Kölner Holzmedaille: Eine gute Idee muss nicht für immer bestehen bleiben, nur weil sie einmal aus den richtigen Gründen eingeführt wurde.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln