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Vier Männer mit Bestzeiten unter 2:06 Stunden, drei Frauen unter 2:20 Stunden und zwei ehemalige Sieger: Beim 48. Istanbul-Marathon am Sonntag, 1. November, ist für Spannung gesorgt. Doch auf der anspruchsvollen Strecke zwischen Asien und Europa entscheiden nicht allein schnelle Bestzeiten über den Erfolg. Besonders der Anstieg auf den letzten Kilometern könnte den Favoriten erneut zum Verhängnis werden. Wer am Sonntag beim Türkiye İş Bankası Istanbul-Marathon als Erster die Ziellinie überquert, muss nicht zwangsläufig der Läufer mit der schnellsten persönlichen Bestzeit sein. Das hat die Vergangenheit mehrfach gezeigt. Während bei vielen internationalen Stadtmarathons Rekordzeiten im Mittelpunkt stehen, stellt Istanbul seine Spitzenläufer vor eine besondere Herausforderung. Nach mehr als 40 Kilometern wartet ausgerechnet auf dem letzten Streckenabschnitt ein Anstieg, der schon manchen Favoriten den Sieg gekostet hat. Dabei gehört der Lauf am Bosporus zu den außergewöhnlichsten Marathonveranstaltungen der Welt. Gestartet wird auf der asiatischen Seite Istanbuls. Über die Brücke der Märtyrer des 15. Juli führt die Strecke nach Europa, bevor die Läufer nach 42,195 Kilometern im historischen Stadtzentrum nahe der Blauen Moschee ins Ziel kommen. Es ist der einzige Marathon weltweit, dessen Strecke zwei Kontinente miteinander verbindet. Die Veranstaltung trägt das Gold Label des Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics. Für die diesjährige Ausgabe werden über sämtliche Laufangebote hinweg mehr als 45.000 Teilnehmer erwartet. Auch das internationale Elitefeld ist hochklassig besetzt. Bei den Männern stehen vier Athleten mit persönlichen Bestzeiten unter 2:06 Stunden auf der Startliste, bei den Frauen haben drei Läuferinnen bereits die Marke von 2:20 Stunden unterboten. Besondere Aufmerksamkeit gilt zwei Athleten, die bereits wissen, wie sich ein Sieg in Istanbul anfühlt: der äthiopischen Titelverteidigerin Bizuager Aderra und ihrem Landsmann Dejene Debela, der 2024 das Männerrennen gewann. Bizuager Aderra: Die Titelverteidigerin, die alle überraschte Wie unberechenbar der Istanbul-Marathon sein kann, zeigte sich im vergangenen Jahr besonders eindrucksvoll bei den Frauen. Noch auf dem letzten Kilometer kämpften vier Läuferinnen um den Sieg. Keine hatte sich entscheidend absetzen können. Erst auf dem anspruchsvollen Schlussabschnitt fiel die Entscheidung zugunsten der Äthiopierin Bizuager Aderra. Sie setzte sich schließlich in 2:26:19 Stunden durch. Gerade einmal zwei Sekunden später erreichte ihre Landsfrau Sofia Assefa das Ziel. Dahinter folgten die Kenianerin Joan Kilimo in 2:26:36 Stunden und die Äthiopierin Tigist Getnet in 2:26:44 Stunden. Für Aderra war dieser Erfolg gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Sie feierte nicht nur ihren bislang größten sportlichen Triumph, sondern verbesserte zugleich ihre persönliche Bestzeit um mehr als zwei Minuten. „Das war der größte Sieg meines Lebens“, erklärte die Äthiopierin anschließend. Ihr nächstes sportliches Ziel formulierte sie damals ebenfalls: Erstmals wollte sie die Marke von 2:20 Stunden unterbieten. Dieses Vorhaben konnte sie bisher nicht verwirklichen. An ihrer Fähigkeit, Marathonrennen zu gewinnen, bestehen allerdings kaum Zweifel. Im Sommer setzte sie sich auch beim Marathon im chinesischen Shenyang durch. Dort gewann sie in 2:30:21 Stunden ihren nächsten Marathon. Am Sonntag kehrt Aderra nun an den Ort ihres bislang größten Erfolgs zurück. Allerdings ist die Konkurrenz diesmal deutlich stärker besetzt. Judith Korir bringt die schnellste Bestzeit mit Die prominenteste Herausforderin der Titelverteidigerin kommt aus Kenia. Judith Korir führt die Frauenstartliste mit einer persönlichen Bestzeit von 2:18:20 Stunden an. Ihren größten internationalen Erfolg feierte sie bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2022 in Eugene, als sie die Silbermedaille gewann und dabei ihre persönliche Bestzeit aufstellte. Dass diese Leistung kein einmaliger Ausreißer war, bewies sie noch im selben Jahr beim London-Marathon. Dort lief sie 2:18:43 Stunden und belegte den vierten Platz. Damit blieb sie innerhalb weniger Monate zweimal unter der Marke von 2:19 Stunden. An diese Leistungen konnte Korir zuletzt allerdings nicht mehr anknüpfen. Beim Mailand-Marathon im Frühjahr dieses Jahres erreichte sie in 2:26:48 Stunden den achten Platz. Für Istanbul ergibt sich daraus eine interessante Ausgangslage. Gemessen an ihrer Bestzeit ist Korir die schnellste Frau im Feld. Ob sie dieses Leistungsvermögen auf der schwierigen Strecke auch in einen Sieg umsetzen kann, bleibt offen. Hinzu kommt, dass die Kenianerin keineswegs die einzige Herausforderin mit einer Bestzeit unter 2:20 Stunden ist. Die Äthiopierin Azmera Abreha lief bereits 2018 beim Valencia-Marathon starke 2:18:33 Stunden. Ihre Bestleistung liegt damit nur 13 Sekunden über der von Judith Korir. Deutlich aktueller ist die persönliche Bestzeit ihrer Landsfrau Kasaneh Baze. Sie verbesserte sich in diesem Frühjahr beim Hamburg-Marathon auf 2:19:39 Stunden und belegte damit den dritten Platz. Drei Frauen haben somit bereits bewiesen, dass sie einen Marathon unter 2:20 Stunden absolvieren können. Die Titelverteidigerin Aderra gehört noch nicht zu diesem Kreis. Dafür bringt sie etwas mit, das auf dieser Strecke einen besonderen Wert besitzt: die Erfahrung, den Istanbul-Marathon bereits gewonnen zu haben. Dejene Debela kennt die Tücken des Schlussanstiegs Eine ähnliche Konstellation ergibt sich bei den Männern. Auch hier gehört ein ehemaliger Sieger zum Favoritenkreis, obwohl drei Konkurrenten mit schnelleren persönlichen Bestzeiten anreisen. Dejene Debela wird am Sonntag bereits zum dritten Mal in Folge beim Istanbul-Marathon starten. Der Äthiopier gewann die Veranstaltung 2024 und feierte damit den bis dahin größten Sieg seiner Karriere. Mit einer persönlichen Bestzeit von 2:05:46 Stunden besitzt er zweifellos internationales Spitzenformat. Im vergangenen Jahr wollte Debela seinen Titel verteidigen. Lange sah es so aus, als könnte ihm das gelingen. Gemeinsam mit dem Kenianer Rhonzas Kilimo setzte er sich an die Spitze des Rennens. Beide lieferten sich bis auf den letzten Kilometer ein enges Duell. Doch ausgerechnet auf dem Schlussanstieg gelang Kilimo die entscheidende Tempoverschärfung. Der Kenianer gewann in 2:10:12 Stunden. Debela musste sich elf Sekunden später mit Platz zwei begnügen. Dass die Siegerzeit deutlich über Debelas persönlicher Bestleistung lag, verdeutlicht die besondere Charakteristik des Rennens. In Istanbul sind schnelle Marathonbestzeiten keineswegs selbstverständlich. Für Debela bietet sich am Sonntag die Gelegenheit, nach seinem Sieg 2024 und dem zweiten Platz 2025 erneut ganz oben auf dem Podium zu stehen. Sufaro Woliyi: Der Schnellste wartet noch auf seinen ersten Marathonsieg Auf dem Papier führt allerdings ein anderer Äthiopier die Männerstartliste an. Sufaro Woliyi ist erst 23 Jahre alt und hat bereits eine persönliche Bestzeit von 2:04:35 Stunden vorzuweisen. Damit ist er der schnellste gemeldete Läufer des diesjährigen Istanbul-Marathons. Seine jüngste Leistungsentwicklung macht ihn zu einem besonders interessanten Kandidaten für den Sieg. Bereits im vergangenen Jahr zeigte Woliyi in Istanbul, dass ihm die anspruchsvolle Strecke liegt. Damals erreichte er den dritten Platz und hatte im Ziel lediglich 14 Sekunden Rückstand auf Sieger Rhonzas Kilimo. Im Frühjahr dieses Jahres steigerte er sich beim Seoul-Marathon auf 2:04:35 Stunden. Bemerkenswert war dabei nicht nur seine neue Bestzeit, sondern auch die Leistungsdichte an der Spitze. Obwohl Woliyi lediglich 13 Sekunden hinter dem Sieger ins Ziel kam, reichte seine Leistung nur für den fünften Platz. Ein Marathonsieg fehlt dem jungen Äthiopier bislang noch in seiner Karriere. Am Sonntag könnte sich das ändern. Woliyi kennt den anspruchsvollen Schlussabschnitt in Istanbul bereits aus eigener Erfahrung. Gleichzeitig hat er in Seoul gezeigt, dass er inzwischen zu Leistungen deutlich unter 2:05 Stunden fähig ist. Die Frage wird sein, ob er sein gestiegenes Leistungsvermögen diesmal auch in den entscheidenden letzten Kilometern ausspielen kann. Vier Männer unter 2:06 Stunden Allerdings wäre es voreilig, das Rennen auf das Duell zwischen Woliyi und Debela zu reduzieren. Mit Amdework Walelegn steht ein weiterer Äthiopier im Elitefeld, der bereits deutlich unter 2:05 Stunden gelaufen ist. Seine persönliche Bestzeit beträgt 2:04:50 Stunden. Damit liegt er in der Meldeliste nur 15 Sekunden hinter seinem Landsmann Woliyi. Auch der Kenianer Philimon Kipchumba gehört zum Favoritenkreis. Seine persönliche Bestleistung steht bei 2:05:35 Stunden. Dejene Debela folgt mit seinen 2:05:46 Stunden erst auf Rang vier der nach Bestzeiten sortierten Startliste. Damit gehen vier Männer an den Start, die bereits einen Marathon unter 2:06 Stunden absolviert haben. Ein derart ausgeglichenes Spitzenfeld eröffnet mehrere taktische Möglichkeiten. Wird von Beginn an ein hohes Tempo angeschlagen, könnten die schnellsten Athleten versuchen, ihre Leistungsfähigkeit frühzeitig auszuspielen. Bleibt dagegen eine größere Gruppe lange zusammen, könnte der schwierige Schlussabschnitt erneut über den Ausgang des Rennens entscheiden. Die vergangenen beiden Jahre haben jedenfalls gezeigt, dass sich ein Sieg in Istanbul kaum allein über die persönliche Bestzeit vorhersagen lässt. Die Elitefelder des Istanbul-Marathons 2026 Die folgenden Athleten gehören gemessen an ihren persönlichen Bestzeiten und bisherigen Erfolgen zu den aussichtsreichsten Startern. Männer
Frauen
Warum der letzte Kilometer entscheidend werden kann Der Istanbul-Marathon besitzt eine Besonderheit, die ihn von vielen anderen großen internationalen Stadtmarathons unterscheidet. Während die ersten Kilometer über die Bosporusbrücke und entlang der europäischen Küste auch landschaftlich eindrucksvoll sind, verlangt der letzte Abschnitt den Teilnehmern noch einmal erhebliche körperliche Reserven ab. Die Strecke führt zum Ende hin bergauf in die historische Altstadt. Was nach mehr als 40 Kilometern auf den ersten Blick wie eine überschaubare Steigung erscheinen mag, kann im Elitefeld entscheidende Zeitunterschiede verursachen. Nach dieser Belastungsdauer sind die Energiereserven bereits stark beansprucht. Gleichzeitig verändert ein Anstieg die muskulären Anforderungen und macht es schwieriger, ein zuvor gleichmäßiges Tempo aufrechtzuerhalten. Gerade bei einem engen Rennverlauf können wenige Sekunden über Sieg oder Niederlage entscheiden. Das Frauenrennen 2025 lieferte dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Vier Athletinnen waren auf dem letzten Kilometer noch im Kampf um den Sieg, am Ende trennten die ersten beiden lediglich zwei Sekunden. Auch bei den Männern fiel die Entscheidung erst spät, als Kilimo den Titelverteidiger Debela auf dem Schlussabschnitt hinter sich lassen konnte. Für Sonntag stellt sich deshalb eine Frage, die mindestens so interessant ist wie die nach den schnellsten Bestzeiten: Wer verfügt nach 41 Kilometern noch über genügend Kraft, um den entscheidenden Angriff zu setzen? Die Antwort könnte erneut erst auf den letzten Metern vor der Ziellinie in der historischen Altstadt Istanbuls fallen. __________________________________ Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln Foto: Spor Istanbul |