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Tempohärte - die unterschätzte Fähigkeit im Lauftraining |
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Tempohärte - die unterschätzte
Fähigkeit im Lauftraining
Der Startschuss ist gefallen.
Die ersten Kilometer fühlen sich gut an, der Rhythmus stimmt, die Beine laufen
wie von selbst. Das Feld sortiert sich, der Puls ist hoch, aber kontrolliert.
Doch irgendwo auf der Strecke passiert es. Das Tempo, das eben noch flüssig
wirkte, wird plötzlich zäh. Jeder Schritt kostet mehr Kraft, die Atmung wird
flacher, der Kopf beginnt zu rechnen. Wie weit ist es noch?
Genau hier trennt sich im
Wettkampf oft die Spreu vom Weizen. Nicht die maximale Sauerstoffaufnahme
entscheidet, nicht die Bestzeit aus dem letzten Training, sondern die Fähigkeit,
ein hohes Tempo auch dann noch zu halten, wenn es richtig weh tut. Diese
Fähigkeit heißt Tempohärte.
Sie ist die unsichtbare Währung
im Ausdauersport. Man sieht sie nicht auf der Uhr beim Einlaufen. Man spürt sie
nicht in den ersten Rennminuten. Aber man merkt sie dort, wo andere langsamer
werden.
Was Tempohärte wirklich bedeutet
Tempohärte ist die Fähigkeit,
über längere Zeit ein hohes, gleichmäßiges Tempo aufrechtzuerhalten, obwohl der
Körper bereits deutlich belastet ist. Es geht nicht darum, möglichst schnell
loszulaufen, sondern darum, das geplante Tempo auch auf den letzten Kilometern
noch stabil zu halten.
Ein tempoharter Läufer kann
sein Wettkampftempo kontrolliert anlaufen und es bis ins Ziel verteidigen. Ein
Läufer ohne Tempohärte beginnt oft mutig, zahlt aber am Ende einen hohen Preis.
Die Beine werden schwer, der Schritt kürzer, der Kopf sucht nach Ausreden.
Tempohärte ist damit keine
Frage der Geschwindigkeit, sondern der Widerstandsfähigkeit. Sie entscheidet
darüber, ob ein Rennen ein kontrollierter Kraftakt bleibt oder zum
Überlebenskampf wird.
Warum Tempohärte nicht mit VO₂max zu verwechseln ist
In vielen Trainingsplänen steht
die Verbesserung der VO₂max im Mittelpunkt. Intervalle, kurze Wiederholungen,
hohe Intensitäten. All das ist wichtig. Aber es ist nur ein Teil der Wahrheit.
Die VO₂max beschreibt, wie viel
Sauerstoff der Körper maximal aufnehmen kann. Sie sagt etwas über das
Leistungspotenzial aus. Tempohärte dagegen entscheidet darüber, wie viel von
diesem Potenzial im Wettkampf tatsächlich genutzt werden kann.
Ein Läufer kann eine hohe VO₂max
haben und trotzdem auf den letzten Kilometern deutlich einbrechen. Umgekehrt
können Athleten mit durchschnittlicher VO₂max erstaunlich konstante Wettkämpfe
laufen, weil sie ihr Tempo hervorragend kontrollieren und mental wie muskulär
widerstandsfähig sind.
Tempohärte ist Praxis. VO₂max
ist Theorie.
Warum vielen Läufern die Tempohärte fehlt
Viele Hobbyläufer trainieren
entweder sehr locker oder sehr hart. Die lockeren Dauerläufe sorgen für
Grundlagenausdauer, die Intervalle für Geschwindigkeit. Was oft fehlt, ist das
Training im wettkampfnahen Belastungsbereich.
Genau dort, wo es unangenehm
wird, aber noch kontrollierbar ist, entsteht Tempohärte. Wer diesen Bereich
meidet, weil er mental anstrengend ist, verschenkt wertvolles Potenzial.
Hinzu kommt ein verbreiteter
Trainingsfehler: Tempoläufe werden zu schnell begonnen. Das Zieltempo wird schon
im ersten Abschnitt überschritten, die Einheit fühlt sich heroisch an, bricht
aber frühzeitig ein. Die gewünschte Anpassung bleibt aus.
Tempohärte entsteht nicht durch
Heldentaten, sondern durch kontrollierte Belastung.
Wie sich Tempohärte im Wettkampf bemerkbar macht
Tempohärte zeigt sich nicht auf
den ersten Kilometern. Sie zeigt sich dort, wo es schwierig wird.
Ab Kilometer sieben im Zehner.
Ab Kilometer 15 im Halbmarathon. Ab Kilometer 30 im Marathon.
Plötzlich laufen alle gleich
schnell. Nicht, weil sie gleich gut trainiert sind, sondern weil die Müdigkeit
die Unterschiede nivelliert. Wer dann noch das Tempo halten kann, läuft an
vielen vorbei.
Tempohärte bedeutet, den
inneren Widerstand zu akzeptieren, ohne sich von ihm bremsen zu lassen. Sie
bedeutet, das Tempo zu verteidigen, statt ihm hinterherzulaufen. Sie bedeutet,
auch dann noch sauber zu laufen, wenn der Körper nach Entlastung verlangt.
Die physiologischen Grundlagen der Tempohärte
Tempohärte ist das
Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
Der Körper muss lernen, mit
hohen Laktatwerten umzugehen. Die Muskulatur muss widerstandsfähiger werden. Der
Energiestoffwechsel muss effizienter arbeiten. Und das Nervensystem muss lernen,
auch unter Ermüdung saubere Bewegungen zu steuern.
Ein entscheidender Punkt ist
die Fähigkeit, nahe an der individuellen anaeroben Schwelle zu laufen, ohne
frühzeitig zu übersäuern. Genau in diesem Bereich bewegen sich die meisten
Wettkampfdistanzen vom Zehner bis zum Marathon.
Hinzu kommt die mentale
Komponente. Wer Tempohärte trainiert, trainiert auch den Umgang mit Unbehagen.
Man lernt, das Ziehen in den Beinen nicht als Stopp-Signal zu interpretieren,
sondern als Teil des Prozesses.
Die Rolle des Kopfes
Tempohärte ist immer auch
Kopfsache. Der Moment, in dem es schwer wird, ist kein physisches Limit, sondern
ein mentales Angebot zum Aufgeben.
Erfahrene Läufer wissen, dass
dieser Punkt kommt. Sie warten nicht darauf, dass er verschwindet, sondern
nehmen ihn an. Sie zerlegen die Strecke in kleine Abschnitte, konzentrieren sich
auf Technik, Atmung und Rhythmus. Sie bleiben im Moment.
Tempohärte bedeutet, das
Unangenehme auszuhalten, ohne sich davon dominieren zu lassen.
Die besten Trainingsformen für mehr Tempohärte
Tempohärte entsteht vor allem
durch längere Belastungen im Bereich des Wettkampftempos.
Dazu gehören klassische
Tempodauerläufe, bei denen über 20 bis 40 Minuten ein gleichmäßiges, forderndes
Tempo gelaufen wird. Das Tempo liegt dabei deutlich über dem lockeren Dauerlauf,
aber noch klar unter der maximalen Intensität.
Auch längere Intervalle mit
kurzen Pausen sind ideal. Zum Beispiel fünfmal fünf Minuten im geplanten
Wettkampftempo mit jeweils einer Minute Trabpause. Oder drei Blöcke à zehn
Minuten mit zwei Minuten lockerem Lauf dazwischen.
Besonders wirksam sind
progressive Läufe. Sie beginnen locker und werden kontinuierlich schneller, bis
das letzte Drittel im Wettkampftempo oder leicht darüber gelaufen wird. Der
Körper lernt dabei, unter Ermüdung schneller zu werden.
Wichtig ist dabei immer die
Kontrolle. Tempohärte entsteht nicht durch Überziehen, sondern durch sauberes
Pacing.
Tempohärte im Alltag trainieren
Auch im normalen
Trainingsalltag lässt sich Tempohärte gezielt einbauen. Ein lockerer Dauerlauf
kann zum Beispiel mit einem zügigen Endteil kombiniert werden. Die letzten 15
bis 20 Minuten werden dabei bewusst etwas schneller gelaufen.
Auch Fahrtspiele mit längeren
schnellen Abschnitten fördern die Fähigkeit, Tempo zu halten. Entscheidend ist,
dass die Belastung nicht zufällig entsteht, sondern geplant.
Tempohärte ist kein
Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis bewusster Trainingssteuerung.
Wie oft sollte Tempohärte trainiert werden
Ein gezieltes
Tempohärtetraining pro Woche reicht für die meisten Läufer völlig aus. In
intensiven Vorbereitungsphasen können es auch zwei Einheiten sein, sofern
ausreichend regeneriert wird.
Der Schlüssel liegt in der
Kombination aus lockeren Dauerläufen, klassischem Tempotraining und
wettkampfspezifischen Belastungen.
Tempohärte ist kein Sprint. Sie
ist ein Prozess. Sie wächst mit jeder Einheit, in der man lernt, sein Tempo
unter Belastung zu kontrollieren.
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Wer sein Tempo halten kann, ist im Vorteil
Im Wettkampf entscheidet nicht, wer am schnellsten losläuft, sondern wer sein
Tempo bis zum Ziel verteidigt.
Tempohärte ist die Fähigkeit, Leistung nicht nur zu erzeugen, sondern sie auch
zu konservieren. Sie macht aus guten Trainingszeiten gute Wettkämpfe.
Wer gezielt an seiner Tempohärte arbeitet, wird nicht nur konstanter laufen,
sondern auch mental stärker werden.
Denn am Ende gewinnt nicht der Läufer mit dem größten Motor, sondern derjenige,
der ihn am längsten unter Volllast betreiben kann. |
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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