| |
|
|
 |
|
 |
Grundlagentraining neu gedacht: Brauchen wir wirklich noch GA1? |
| |
Grundlagentraining neu gedacht: Brauchen wir wirklich noch GA1?
Es ist einer dieser Begriffe,
die im Laufsport so selbstverständlich verwendet werden, dass kaum noch jemand
hinterfragt, was eigentlich dahintersteckt. GA1. Grundlagenausdauer 1. Lockerer
Dauerlauf. Fettstoffwechsel. Pulsbereich. Fundament.
Seit Jahrzehnten ist GA1 der
Dreh- und Angelpunkt klassischer Trainingslehre. Wer einen Trainingsplan
aufschlägt, findet ihn dort gleich mehrfach pro Woche. Und wer mit Trainern
spricht, bekommt fast immer dieselbe Empfehlung: Erst die Grundlage, dann das
Tempo.
Doch in den vergangenen Jahren
ist Bewegung in diese scheinbar unverrückbare Trainingswelt gekommen. Moderne
Trainingsmodelle, neue Leistungsdiagnostik und die Erfahrungen internationaler
Topathleten stellen die klassische GA1-Dogmatik zunehmend infrage.
Brauchen wir das klassische
Grundlagentraining wirklich noch so, wie wir es kennen? Oder ist es Zeit, GA1
neu zu denken?
Was GA1 eigentlich bedeutet
In der klassischen
DLV-Systematik steht GA1 für den unteren Bereich der aeroben Ausdauer. Gelaufen
wird bei niedriger Intensität, meist im Bereich von 60 bis 75 Prozent der
maximalen Herzfrequenz. Die Belastung ist locker, die Atmung ruhig, Gespräche
sind problemlos möglich.
Ziel dieses Trainingsbereichs
ist es, die aerobe Basis zu entwickeln. Das Herz-Kreislauf-System wird
ökonomischer, die Kapillarisierung der Muskulatur verbessert sich, der
Fettstoffwechsel wird leistungsfähiger. Gleichzeitig bleibt die muskuläre und
orthopädische Belastung gering.
GA1 ist damit das klassische
Fundament, auf dem alle weiteren Trainingsbereiche aufbauen. Ohne dieses
Fundament fehlt die strukturelle Stabilität, um intensivere Reize langfristig zu
verkraften.
Warum GA1 jahrzehntelang als unantastbar galt
Die Trainingslehre des
Ausdauersports ist historisch stark von der Idee der progressiven
Belastungssteigerung geprägt. Erst Umfang, dann Intensität. Erst langsam, dann
schnell.
Dieses Prinzip stammt aus einer
Zeit, in der Leistungsdiagnostik nur eingeschränkt verfügbar war und
Trainingssteuerung vor allem über Gefühl und Erfahrung funktionierte. Der
GA1-Bereich bot dabei einen sicheren Rahmen. Man konnte viel trainieren, ohne
sich zu überlasten.
Zudem zeigten die großen
Ausdauererfolge der 70er- und 80er-Jahre, dass hohe Umfänge im niedrigen
Intensitätsbereich hervorragend funktionieren können. Das berühmte
?Kilometersammeln? wurde zur Trainingsphilosophie.
GA1 stand für Verlässlichkeit,
Planbarkeit und Kontrolle. Wer viel im Grundlagenbereich trainierte, konnte
davon ausgehen, sich kontinuierlich zu verbessern.
Die Kritik am klassischen GA1-Modell
Moderne Trainingswissenschaft
stellt heute weniger das Grundlagentraining an sich infrage, sondern vielmehr
seine starre Einordnung in feste Puls- oder Tempobereiche.
Ein zentrales Problem: Die
individuelle Stoffwechsellage lässt sich nicht sauber in Prozentwerte der
maximalen Herzfrequenz pressen. Zwei Läufer mit identischem Puls können sich
metabolisch in völlig unterschiedlichen Belastungszonen befinden.
Hinzu kommt, dass viele
ambitionierte Hobbyläufer ihren vermeintlichen GA1-Lauf in Wirklichkeit deutlich
zu schnell absolvieren. Was als locker geplant ist, landet im sogenannten
Graubereich zwischen Grundlage und Tempo. Der gewünschte Trainingseffekt bleibt
aus.
GA1 wird damit weniger zum
Fundament als zum Trainingsnebel. Viel Bewegung, wenig gezielte Anpassung.
Moderne Trainingsmodelle: Weniger Zonen, mehr Klarheit
Internationale Toptrainer
arbeiten heute häufig mit vereinfachten Intensitätsmodellen. Besonders populär
ist das polarisierte Training. Etwa 80 Prozent der Einheiten werden sehr locker
gelaufen, die restlichen 20 Prozent sehr intensiv. Der mittlere Bereich wird
bewusst gemieden.
Auch das pyramidenförmige
Modell gewinnt an Bedeutung. Hier liegt der Schwerpunkt ebenfalls auf lockeren
Einheiten, ergänzt durch gezielte Tempobelastungen und einen kleineren Anteil an
intensiven Reizen.
In beiden Modellen verschwindet
GA1 als starre Zone. Stattdessen wird von ?easy runs?, ?steady runs? und ?hard
sessions? gesprochen. Die Einteilung ist funktional, nicht dogmatisch.
Der Fokus verschiebt sich von
festen Pulszahlen hin zur Wirkung der Einheit.
Die Rolle der Leistungsdiagnostik
Mit moderner
Leistungsdiagnostik lassen sich Trainingsbereiche heute deutlich präziser
bestimmen. Laktattests, Spiroergometrie und Feldtests liefern individuelle
Schwellenwerte und Belastungsbereiche.
Das führt zu einer
differenzierteren Betrachtung der Grundlage. Für manche Läufer liegt der
klassische GA1-Bereich tatsächlich sehr locker. Für andere ist er bereits ein
forderndes Dauerlauftempo.
Grundlagentraining ist damit
keine feste Zone mehr, sondern ein individueller Belastungsbereich, der sich im
Laufe der Saison sogar verändern kann.
GA1 im Alltag der Hobbyläufer
In der Praxis zeigt sich ein
weiteres Problem: Viele Freizeitläufer trainieren nach Tabellen oder
App-Vorgaben, ohne ihre individuellen Voraussetzungen zu berücksichtigen.
Der vermeintliche GA1-Lauf wird
dann zum ständigen Tempodauerlauf. Man fühlt sich gefordert, aber nie wirklich
frisch. Die Erholung leidet, die Entwicklung stagniert.
Hier zeigt sich, dass
Grundlagentraining nicht nur richtig geplant, sondern auch konsequent umgesetzt
werden muss.
Brauchen wir GA1 also noch?
Die kurze Antwort lautet: Ja.
Aber anders.
Die aerobe Basis bleibt das
Fundament jeder Ausdauerleistung. Ohne sie sind weder hohe Umfänge noch
intensive Einheiten langfristig verträglich. Wer die Grundlage vernachlässigt,
riskiert Stagnation, Überlastung und Verletzungen.
Was jedoch nicht mehr zeitgemäß
ist, ist die Vorstellung eines starren GA1-Korsetts mit fixen Pulsgrenzen für
alle.
Grundlagentraining sollte heute
individuell, flexibel und kontextabhängig verstanden werden. Es ist kein
dogmatischer Trainingsbereich, sondern ein funktionales Werkzeug.
Wie modernes Grundlagentraining aussehen kann
Moderne Grundlagenarbeit
orientiert sich weniger an Zahlen und mehr an physiologischen Merkmalen.
Ein lockerer Lauf sollte sich
wirklich locker anfühlen. Die Atmung bleibt ruhig, der Schritt ökonomisch, die
Belastung kontrollierbar. Man kommt mit dem Gefühl nach Hause, problemlos noch
weiterlaufen zu können.
Gleichzeitig kann die Grundlage
durch gezielte Reize ergänzt werden. Kurze Steigerungen, Technikläufe oder
Fahrtspiele sorgen für neuromuskuläre Aktivierung, ohne den aeroben Charakter
der Einheit zu zerstören.
So entsteht ein dynamisches
Grundlagentraining, das nicht nur Umfang sammelt, sondern Qualität entwickelt.
Die Bedeutung der Regeneration
Ein oft unterschätzter Aspekt
des Grundlagentrainings ist seine regenerative Wirkung. Locker gelaufene
Einheiten fördern die Durchblutung, beschleunigen den Stoffwechsel und
unterstützen die Erholung zwischen intensiven Belastungen.
Richtig verstandenes
GA1-Training ist damit nicht nur Aufbau, sondern auch Pflege des Körpers.
|
Weg vom Dogma, hin zur Funktion
GA1 ist kein Relikt aus
vergangenen Zeiten. Aber es ist auch kein unantastbares Dogma.
Die moderne Trainingslehre
denkt Grundlagentraining funktional. Locker, ökonomisch, individuell. Nicht als
starre Zone, sondern als tragfähiges Fundament.
Wer die Grundlage richtig
versteht, trainiert nicht weniger modern, sondern klüger.
Denn am Ende gilt nach wie vor:
Ohne Basis keine Bestform. Aber ohne Flexibilität auch keine Entwicklung. |
__________________________________
Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
|
|
|
|
 |
|