| |
|
|
 |
|
 |
Warum mehr Training nicht automatisch besser macht |
| |
Über Überlastung,
Trainingsillusionen und den Unterschied zwischen Trainingsumfang und
Trainingswirkung
Es beginnt oft mit einer simplen Idee: Wenn drei Einheiten pro Woche gut sind,
dann müssen fünf besser sein. Und wenn 50 Kilometer funktionieren, bringen 80
Kilometer garantiert den Durchbruch. Mehr Training bedeutet mehr Leistung - so
jedenfalls die Hoffnung.
Doch genau hier beginnt eine
der größten Illusionen im Laufsport.
Viele ambitionierte Läufer
trainieren fleißig, diszipliniert und mit beeindruckendem Wochenpensum - und
wundern sich trotzdem über stagnierende Zeiten, schwere Beine und immer kürzere
Phasen echter Form. Statt schneller zu werden, fühlen sie sich müde. Statt
stärker, anfälliger. Statt motivierter, ausgelaugt.
Mehr Training macht nicht
automatisch besser. Manchmal macht es nur kaputter.
Trainingsapps,
Online-Plattformen und soziale Medien haben den Laufsport messbarer gemacht als
je zuvor. Wochenkilometer, Jahreskilometer, Höhenmeter und Trainingsstunden
werden gesammelt, verglichen und bewertet. Wer viel trainiert, gilt als fleißig.
Wer wenig trainiert, als unambitioniert. Doch der Körper kennt keine Ranglisten.
Er kennt nur Belastung und Erholung.
Ein Trainingsplan mit hohen
Umfängen sieht auf dem Bildschirm beeindruckend aus. In der Praxis entscheidet
jedoch nicht die Menge, sondern die Wirkung. Und genau hier entsteht häufig die
große Verwechslung: Trainingsumfang ist nicht gleich Trainingsqualität.
Überlastungsbeschwerden gehören
zu den häufigsten Problemen im Laufsport. Achillessehne, Schienbein, Knie oder
Hüfte - kaum eine Struktur bleibt dauerhaft verschont, wenn Belastung schneller
steigt als Anpassung möglich ist. Die Warnsignale sind bekannt: dauerhaft
schwere Beine, sinkende Trainingsgeschwindigkeit trotz gleicher Anstrengung, ein
steigender Ruhepuls, schlechter Schlaf, anhaltende Müdigkeit und fehlende Lust
auf das Training. Dennoch werden sie häufig ignoriert. Statt auf die Signale des
Körpers zu hören, wird oft noch eine Einheit ?draufgepackt? - aus Ehrgeiz, aus
Unsicherheit oder aus der Angst heraus, nicht genug zu tun.
Doch genau dieser Reflex führt
viele Läufer in eine Überlastungsspirale.
Training ist Reiz. Anpassung
entsteht in der Pause. Erst in der Regeneration wird der Körper stärker,
schneller und belastbarer. Ohne ausreichende Erholung bleibt jeder Trainingsreiz
wirkungslos - oder wird sogar kontraproduktiv. Muskeln müssen repariert, Sehnen
stabilisiert, Knochen gestärkt, das Nervensystem regeneriert und die
Energiespeicher aufgefüllt werden. Erst wenn diese Prozesse abgeschlossen sind,
entsteht echte Leistungsentwicklung.
Ein Vergleich aus der
Architektur verdeutlicht das Problem: Niemand würde erwarten, dass ein Haus
stabiler wird, wenn Tag für Tag neue Stockwerke auf ein unfertiges Fundament
gesetzt werden. Genau das passiert jedoch häufig im Training.
Besonders gefährlich ist die
sogenannte Trainingsillusion - das Gefühl, produktiv zu sein, nur weil man viel
trainiert. Ein voller Trainingskalender fühlt sich gut an. Eine hohe
Kilometerzahl gibt Sicherheit. Doch objektiv entscheidend ist nicht, wie viel
trainiert wird, sondern ob das Training gezielt, strukturiert und wirksam ist.
Ein Läufer kann siebenmal pro
Woche locker trainieren, ohne je echte Temporeize zu setzen oder seinem Körper
Erholungsphasen zu gönnen. Ein anderer trainiert viermal pro Woche mit klarer
Intensitätssteuerung, Intervallen, Tempodauerläufen und bewusst eingeplanten
Ruhetagen. Wer von beiden wird sich schneller verbessern? Leistungsentwicklung
folgt keinem Fleißbonus. Sie folgt physiologischen Gesetzmäßigkeiten.
Moderne Trainingswissenschaft
zeigt klar: Entscheidend ist die richtige Mischung aus Belastung und Entlastung.
Ein wirksames Training zeichnet sich durch eine klare Zielsetzung, abgestimmte
Intensitäten, ausreichende Regeneration, individuelle Belastungsverträglichkeit
und eine langfristige Planung aus. Nicht jeder Körper verträgt hohe Umfänge.
Nicht jede Lebenssituation erlaubt tägliches Training. Und nicht jede Phase im
Jahr verlangt maximale Kilometer.
Manchmal ist der wichtigste
Trainingsschritt kein zusätzlicher Lauf - sondern ein freier Tag.
Training allein macht nicht
besser. Erst die Anpassung macht schneller. Erst die Erholung macht stärker.
Erst die Pause macht belastbar. Wer dauerhaft Fortschritte erzielen will,
braucht keine maximalen Umfänge, sondern intelligente Steuerung. Keine
Trainingswut, sondern Trainingsverstand. Keine Kilometerjagd, sondern Qualität.
Der Weg zur Bestform ist kein
Wettlauf um die meisten Einheiten - sondern ein Prozess aus Reiz, Anpassung und
Geduld.
Und manchmal beginnt der
nächste Leistungssprung nicht mit einem weiteren Lauf.
Sondern mit dem Mut, eine Einheit wegzulassen.
__________________________________
Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
|
|
|
|
 |
|