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Detlev Ackermann

 
   
 
   
 
   
 
 

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Das verrückteste Rennen: Der Marathon der Olympischen Spiele 1904
 
 
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26.01.2026  

 
 

Chaotisches Marathonfeld der Olympischen Spiele
 
Der Marathon der Olympischen Spiele 1904 - das verrückteste Rennen der Laufgeschichte

 
St. Louis, 30. August 1904. Die Sonne steht hoch über Missouri, die Luft flimmert, feiner Staub liegt wie ein Schleier über den unbefestigten Landstraßen. 32 Männer machen sich auf den Weg zu einem Marathon, der mit dem, was wir heute unter einem Straßenlauf verstehen, kaum etwas gemein hat. Was an diesem Nachmittag passiert, wirkt aus heutiger Sicht wie ein absurder Fiebertraum - und ist doch olympische Geschichte.
 
Extreme Bedingungen von Beginn an
 
Der olympische Marathon von 1904 war rund 40 Kilometer lang und führte über hügelige, staubige Wege. Die Temperaturen lagen bei über 30 Grad Celsius, Schatten war Mangelware. Noch gravierender: Auf der gesamten Strecke gab es nur zwei offizielle Wasserstellen. Dahinter steckte keine Nachlässigkeit, sondern eine bewusste Entscheidung. Die Organisatoren wollten untersuchen, wie sich Dehydrierung auf die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers auswirkt. Aus heutiger sportmedizinischer Sicht ist das kaum zu fassen.
 
Schon früh zeigte sich, dass diese Bedingungen das Rennen prägen würden. Staubwolken von Begleitfahrzeugen setzten sich in den Atemwegen der Läufer fest, viele kämpften mit Übelkeit, Schwindel und Krämpfen. Dass am Ende nur 14 von 32 Startern das Ziel erreichen sollten, war da fast folgerichtig.
 
Der falsche Sieger
 
Nach 3:13 Stunden läuft ein Mann als Erster ins Stadion ein. Sein Name: Frederick Lorz. Die Zuschauer jubeln, Offizielle gratulieren, ihm wird sogar eine Goldmedaille umgehängt. Doch der Triumph hält nicht lange. Schon kurz darauf wird bekannt, dass Lorz einen Großteil der Strecke gar nicht gelaufen ist.
 
Bereits nach etwa 14 Kilometern hatte er erschöpft aufgegeben und war in ein Begleitfahrzeug gestiegen. Dieses brachte ihn kilometerweit Richtung Ziel. Lorz nahm die Sache offenbar mit Humor, winkte aus dem Auto den Zuschauern zu und stieg erst wenige Kilometer vor dem Stadion wieder aus, um gemütlich ins Ziel zu joggen. Der Betrug flog auf, Lorz wurde disqualifiziert und der vermeintliche Sieger war keiner mehr.
 
Gold um jeden Preis
 
Damit rückte der Zweitplatzierte ins Rampenlicht: Thomas Hicks, ebenfalls aus den USA. Doch sein Sieg war alles andere als ein sportliches Glanzstück. Hicks kämpfte sich unter extremen Qualen über die Strecke, brach mehrfach zusammen und war zeitweise kaum ansprechbar.
 
Seine Betreuer griffen zu Mitteln, die heute undenkbar wären. Sie verabreichten ihm kleine Dosen Strychnin, damals als leistungssteigerndes Stimulans erlaubt, dazu rohes Eiweiß und Brandy. Hicks halluzinierte, verlor während des Rennens mehrere Kilogramm Körpergewicht und musste auf den letzten Metern von seinem Team gestützt werden. Halb bewusstlos überquerte er die Ziellinie in 3:28:53 Stunden - bis heute die langsamste Siegerzeit eines olympischen Marathons.
 
Ein Postbote, Pfirsiche und ein Nickerchen
 
Die wohl skurrilste Geschichte dieses Tages schrieb der Kubaner Andarín Carvajal. Der Postbote hatte vor dem Rennen sein gesamtes Geld beim Glücksspiel verloren und musste sich teilweise bis nach St. Louis durchschlagen. Ohne spezielle Laufausrüstung startete er in Straßenkleidung, deren Hosenbeine er kurzerhand abschnitt.
 
Da er seit vielen Stunden nichts gegessen hatte, griff er unterwegs zu ungewöhnlicher Verpflegung. Er nahm Pfirsiche von Zuschauern entgegen und bediente sich später in einem Obstgarten an Äpfeln. Diese waren jedoch verdorben, Carvajal bekam heftige Magenkrämpfe und legte sich am Streckenrand zu einem Nickerchen hin. Trotz all dieser Zwischenfälle erreichte er das Ziel - als Vierter.
 
Verloren zwischen Staub und Hunden
 
Auch andere Läufer machten Bekanntschaft mit den Unwägbarkeiten der Strecke. Der Südafrikaner Len Taunyane, einer der Favoriten, wurde Berichten zufolge kilometerweit von der Route abgedrängt, weil ihn streunende Hunde verfolgten. Am Ende blieb für ihn nur Platz neun.

Ein Wendepunkt für den Laufsport
 
So grotesk die Geschichten des Marathons von 1904 auch erscheinen mögen, sie hatten nachhaltige Folgen. Das Rennen zeigte schonungslos, wie gefährlich fehlende medizinische Betreuung, mangelhafte Organisation und unklare Regeln sein können. In der Folge begann ein langsames Umdenken: bessere Versorgung der Athleten, klarere Wettkampfregeln und schließlich auch strengere Dopingbestimmungen.
 
Der Marathon der Olympischen Spiele 1904 ist damit weit mehr als eine Kuriosität der Sportgeschichte. Er ist ein Mahnmal und zugleich ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie sehr sich der Laufsport weiterentwickelt hat. Wer heute bei einem gut organisierten Stadtmarathon an der Verpflegungsstelle zum Becher greift, profitiert indirekt von den Lehren eines Rennens, das einst völlig aus dem Ruder lief.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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