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Pronation - das natürliche Einknicken des Fußes beim Laufen |
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Pronation - das natürliche Einknicken des Fußes beim Laufen
Wenn Sie das nächste Mal Ihre
Laufschuhe schnüren und den ersten Schritt auf den Asphalt setzen, geschieht
unter Ihren Füßen ein faszinierender Bewegungsablauf, den viele Läufer kennen,
aber selten wirklich verstehen: Pronation. Der Begriff taucht in Laufgruppen, in
Laufschuhgeschäften und in der Werbung immer wieder auf - oft als Warnsignal,
manchmal als vermeintliche Allheil-Erklärung. Kaum ein anderes biomechanisches
Thema wird im Laufsport so emotional diskutiert. Dabei ist Pronation zunächst
nichts anderes als ein völlig natürlicher und notwendiger Teil des Laufens.
Der menschliche Fuß ist kein
starres Bauteil, sondern ein hochkomplexes Konstrukt aus 26 Knochen, zahlreichen
Gelenken, Muskeln und Sehnen. Seine Aufgabe ist es, Stabilität und Flexibilität
gleichzeitig zu gewährleisten. Genau hier kommt die Pronation ins Spiel - als
Schlüsselbewegung zwischen Abfedern und Vortrieb.
Was bedeutet Pronation?
Pronation beschreibt das
kontrollierte Einknicken des Fußes nach innen, das unmittelbar nach dem
Bodenkontakt stattfindet. In der Regel setzt der Fuß über die äußere Ferse auf,
rollt dann leicht nach innen und flacht dabei etwas ab. Gleichzeitig senkt sich
das Längsgewölbe des Fußes ab. Dieser Vorgang ermöglicht es dem Körper, die beim
Aufsetzen entstehenden Kräfte abzufedern und gleichmäßig weiterzuleiten.
Biomechanisch betrachtet wirkt
der Fuß in dieser Phase wie ein flexibles Feder-System. Er passt sich dem
Untergrund an, gleicht Unebenheiten aus und reduziert die Stoßbelastung. Auf
diese Weise werden Knie, Hüfte und Wirbelsäule entlastet. Ohne Pronation wäre
jeder Schritt deutlich härter, ineffizienter und langfristig kaum
verletzungsfrei zu bewältigen.
Pronation ist damit kein Fehler
im System, sondern ein intelligenter Schutzmechanismus, der sich im Laufe der
Evolution entwickelt hat. Erst in dem Moment, in dem diese Bewegung extrem oder
unkontrolliert abläuft, kann sie problematisch werden.
Was ist normal - und was nicht?
In der Praxis gibt es keine
scharfe Grenze zwischen "normal" und "nicht normal". Vielmehr bewegt sich jeder
Läufer in einem individuellen Bereich, der von Anatomie, Kraft, Beweglichkeit
und Laufstil geprägt ist. Dennoch haben sich drei grundlegende Bewegungsmuster
etabliert, die zur Einordnung dienen.
Bei der neutralen Pronation
rollt der Fuß kontrolliert nach innen, ohne stark einzuknicken. Die Belastung
verteilt sich relativ gleichmäßig über den Vorfuß, der Abdruck erfolgt stabil
über den Großzehenbereich. Dieses Muster gilt als biomechanisch effizient, kommt
jedoch seltener vor, als viele annehmen. Perfekt neutrale Läufer sind eher die
Ausnahme als die Regel.
Von Überpronation spricht man,
wenn der Fuß deutlich stärker nach innen kippt und das Fußgewölbe stark
nachgibt. Häufig wird dies mit einem abgesenkten Längsgewölbe in Verbindung
gebracht. Überpronation ist weit verbreitet und wurde lange Zeit als
Hauptursache zahlreicher Laufverletzungen angesehen. Moderne Betrachtungen sehen
dies deutlich differenzierter.
Die Unterpronation, auch
Supination genannt, beschreibt das Gegenteil. Der Fuß rollt nur wenig nach
innen, die Belastung bleibt verstärkt auf der Außenseite. Die natürliche
Stoßdämpfung ist reduziert, was insbesondere bei hohem Trainingsumfang oder
harten Untergründen relevant werden kann.
Entscheidend ist: Abweichungen
von der Neutralität sind zunächst keine Fehlstellung. Jeder Mensch bringt
individuelle anatomische Voraussetzungen mit, und viele Läufer sind über Jahre
oder Jahrzehnte hinweg beschwerdefrei unterwegs - unabhängig von ihrem
Pronationsmuster.
Pronation und Verletzungen - ein alter Mythos?
Über viele Jahre galt
Überpronation als einer der Hauptschuldigen für typische Laufbeschwerden wie
Knieprobleme, Schienbeinkantensyndrom oder Achillessehnenreizungen. Die logische
Konsequenz war ein Boom stark gestützter Laufschuhe, die das Einknicken des
Fußes kontrollieren sollten.
Neuere wissenschaftliche
Untersuchungen zeichnen jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Große
Langzeitstudien mit Laufanfängern zeigen, dass weder Über- noch Unterpronation
per se mit einem erhöhten Verletzungsrisiko verbunden sind, sofern neutrale
Laufschuhe getragen werden. In einigen Untersuchungen wiesen moderat
überpronierende Läufer sogar geringere Verletzungsraten auf als neutral
Pronierende.
Die Forschung legt nahe, dass
Laufverletzungen fast immer multifaktoriell entstehen. Trainingssteuerung,
Umfang, Intensität, Regeneration, muskuläre Stabilität, Schlaf und
Stressbelastung spielen eine wesentlich größere Rolle als das isolierte
Abrollverhalten des Fußes. Pronation ist dabei eher ein sichtbares Symptom als
die eigentliche Ursache.
Welchen Einfluss hat man selbst auf die Pronation?
Auch wenn die Grundstruktur des
Fußes genetisch geprägt ist, lässt sich das Bewegungsmuster durchaus
beeinflussen. Läufer sind ihren Füßen nicht hilflos ausgeliefert.
Ein zentraler Faktor ist die
Muskulatur. Gut trainierte Fuß- und Unterschenkelmuskeln können den
Abrollvorgang aktiv stabilisieren. Besonders die kurzen Fußmuskeln, die
Wadenmuskulatur und die muskuläre Ansteuerung im Hüftbereich spielen eine
wichtige Rolle. Regelmäßige Kräftigungsübungen tragen dazu bei, die Pronation
kontrollierter ablaufen zu lassen.
Auch die Beweglichkeit ist
entscheidend. Einschränkungen im Sprunggelenk oder in der Hüfte können dazu
führen, dass der Körper Ausweichbewegungen entwickelt. Diese äußern sich häufig
in einer veränderten Fußstellung und einem unökonomischen Abrollverhalten.
Der Laufstil selbst wirkt
ebenfalls auf die Pronation. Schrittlänge, Schrittfrequenz, Bodenkontakt und
Körperhaltung beeinflussen, wie stark der Fuß beim Aufsetzen nachgibt. Zudem
zeigt sich, dass Ermüdung das Bewegungsmuster verändern kann. Was zu Beginn
eines Laufs stabil wirkt, kann gegen Ende deutlich instabiler werden.
Nicht zuletzt ist das Schuhwerk
ein relevanter, aber oft überschätzter Faktor. Ein Laufschuh kann Bewegungen
dämpfen oder begleiten, er kann sie jedoch nicht dauerhaft korrigieren.
Entscheidend ist, dass sich der Schuh natürlich anfühlt, ausreichend Platz
bietet und das individuelle Abrollen nicht erzwingt.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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