Inhaltsverzeichnis
   
  Startseite
  Laufkalender
  Ergebnislisten
  Fotoarchiv
  Lauf-Treffs
  Laufstrecken
  Rund ums Laufen
  Lauf-Reportagen
  Impressum
  Suche ...
 

Kontakt


Detlev Ackermann

 
   
 
   
 
   
 
 

Spenden

 

 

Glitzerflitzer: Warum beim Laufen plötzlich Wangen funkeln
 
 
Laufen-in-Koeln >> Rund um's Laufen >> Tipps und Infos zum Thema Laufen >> Artikel

27.01.2026  

 
 

 
Glitzerflitzer: Warum beim Laufen plötzlich Wangen funkeln

 
Im Startblock herrscht diese eigentümliche Mischung aus Nervosität und Vorfreude. Die Schuhe sind geschnürt, die Uhr steht auf Aufnahme, der Blick geht noch einmal die Strecke entlang. Und dann fällt etwas auf, das früher kaum zum Bild gehörte. Auf den Wangen einiger Läuferinnen glitzert es. Nicht übertrieben, nicht karnevalesk, sondern gezielt platziert auf den Wangenknochen. In der Szene hat sich dafür ein augenzwinkernder Begriff etabliert: Glitzerflitzer.
 
Was auf den ersten Blick wie ein modischer Gag wirkt, erzählt bei genauerem Hinsehen viel über die Entwicklung des Laufsports. Denn der Glitzer im Gesicht ist kein Zufallsprodukt, sondern Ausdruck einer Haltung.
 
Seinen Ursprung hat das Funkeln weniger im klassischen Straßenlauf als vielmehr im Umfeld von Frauenläufen, Charity-Events, Night Runs und Vereinsaktionen. Dort, wo Laufen früh mit Musik, Gemeinschaft und Erlebnis verknüpft wurde, fand Glitzer schnell seinen Platz. In den vergangenen Jahren ist er jedoch auch bei großen Marathons sichtbar geworden. Beim New York City Marathon berichteten Läuferinnen in Interviews, dass Glitzer für sie Teil des Renntagsrituals sei, ein bewusstes Zeichen dafür, dass dieser Lauf etwas Besonderes ist. Parallel griffen Kosmetikmarken das Phänomen auf und bewarben sogenannte Glitter Freckles explizit im Marathon-Kontext. Auch wenn Marketing hier eine Rolle spielt, ist der entscheidende Punkt ein anderer: Der Trend ist groß genug, um wahrgenommen zu werden.
 
Auffällig ist, dass der Glitzer fast immer auf den Wangen sitzt. Das hat praktische Gründe. Die Wangenknochen sind vergleichsweise schweißarm, Glitzerpartikel wandern dort seltener in die Augen und geraten kaum in Konflikt mit Brillen oder Stirnbändern. Gleichzeitig ist diese Stelle auf Fotos besonders präsent. Startnummern verschwinden hinter Armen, Schuhe sieht man kaum, Gesichter dagegen erzählen Geschichten. Ein Hauch Glitzer sorgt dafür, dass diese Geschichte hängen bleibt.
 
Doch warum greifen Läuferinnen überhaupt zu diesem Mittel. Viele beschreiben den Moment des Auftragens als Teil ihrer mentalen Vorbereitung. Ähnlich wie das Anbringen der Startnummer oder das Einlaufen vor dem Wettkampf markiert der Glitzer den Übergang vom Alltag in den Wettkampfmodus. Er wirkt wie eine spielerische Form der Kriegsbemalung, nicht aggressiv, sondern selbstbewusst. Gleichzeitig schafft er Zugehörigkeit. Wer gemeinsam mit Freundinnen oder Vereinskollegen startet, erkennt sich im Gedränge schneller wieder. Der Glitzer wird zum stillen Zeichen von Gemeinschaft.
 
Interessant ist dabei der bewusste Kontrast zur klassischen Leistungsästhetik. Glitzer bedeutet nicht, dass der Lauf weniger ernst genommen wird. Im Gegenteil. Viele derjenigen, die mit funkelnden Wangen an den Start gehen, laufen ambitionierte Zeiten. Der Glitzer steht nicht für Beliebigkeit, sondern für Leichtigkeit im Kopf. Er sagt: Ich laufe fokussiert, aber ich erlaube mir Freude.
 
Faktenbasiert relevant wird das Thema, wenn man einen Blick auf die Umwelt- und Gesundheitsseite wirft. Seit Oktober 2023 gilt in der Europäischen Union eine REACH-Beschränkung für absichtlich zugesetzte synthetische Polymer-Mikropartikel, landläufig als Mikroplastik bezeichnet. Klassischer loser Plastikglitter fällt darunter. Die EU macht jedoch gleichzeitig klar, dass biologisch abbaubare, lösliche, natürliche oder anorganische Glitzerarten nicht unter dieses Verbot fallen. Für den Laufsport heißt das: Glitzer ist nicht gleich Glitzer. Wer sich für den Glitzerflitzer entscheidet, sollte wissen, was er verwendet und ob das Produkt entsprechend eingestuft ist.
 
Auch praktisch gibt es ein paar Aspekte, die den Unterschied machen. Weniger Glitzer hält meist besser als großflächiger Auftrag. Produkte, die für die Haut entwickelt wurden, sind deutlich verträglicher als Bastelglitter. Und alles, was stark reibt oder schiebt, etwa Buffs oder Brillenbügel, reduziert die Haltbarkeit erheblich. Das sind Erfahrungswerte aus der Szene, nicht aus dem Labor.
 
Am Ende ist der Glitzerflitzer kein Modetrend, der Leistung verspricht. Er ist ein Symbol dafür, dass sich der Laufsport geöffnet hat. Neben Zeiten, Platzierungen und Trainingsplänen ist Raum entstanden für Rituale, Identität und Ausdruck. Wer beim nächsten Lauf also funkelnde Wangen sieht, sieht keinen Karneval auf Asphalt. Man sieht einen modernen Laufsport, der Leistung und Emotion miteinander verbindet. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser kleine Glanzpunkt geblieben ist.
 
Gerade für Außenstehende mag das irritierend wirken. Doch wer einmal selbst im Startblock gestanden hat, weiß, wie viel Bedeutung in kleinen Gesten liegen kann. Der Glitzer auf den Wangen ist dann nicht bloß Dekoration, sondern Teil eines Moments, in dem Anspannung, Vorfreude und Stolz zusammenkommen. Er funkelt nicht für die anderen, sondern für den eigenen Lauf.

__________________________________
Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


Drucken Drucken     Mailen Weiterempfehlen     Merken Merken Nach oben Nach oben