| |
|
|
 |
|
 |
Glitzerflitzer: Warum beim Laufen plötzlich Wangen funkeln |
| |
Glitzerflitzer: Warum beim Laufen plötzlich Wangen funkeln
Im Startblock herrscht diese
eigentümliche Mischung aus Nervosität und Vorfreude. Die Schuhe sind geschnürt,
die Uhr steht auf Aufnahme, der Blick geht noch einmal die Strecke entlang. Und
dann fällt etwas auf, das früher kaum zum Bild gehörte. Auf den Wangen einiger
Läuferinnen glitzert es. Nicht übertrieben, nicht karnevalesk, sondern gezielt
platziert auf den Wangenknochen. In der Szene hat sich dafür ein
augenzwinkernder Begriff etabliert: Glitzerflitzer.
Was auf den ersten Blick wie
ein modischer Gag wirkt, erzählt bei genauerem Hinsehen viel über die
Entwicklung des Laufsports. Denn der Glitzer im Gesicht ist kein Zufallsprodukt,
sondern Ausdruck einer Haltung.
Seinen Ursprung hat das Funkeln
weniger im klassischen Straßenlauf als vielmehr im Umfeld von Frauenläufen,
Charity-Events, Night Runs und Vereinsaktionen. Dort, wo Laufen früh mit Musik,
Gemeinschaft und Erlebnis verknüpft wurde, fand Glitzer schnell seinen Platz. In
den vergangenen Jahren ist er jedoch auch bei großen Marathons sichtbar
geworden. Beim New York City Marathon berichteten Läuferinnen in Interviews,
dass Glitzer für sie Teil des Renntagsrituals sei, ein bewusstes Zeichen dafür,
dass dieser Lauf etwas Besonderes ist. Parallel griffen Kosmetikmarken das
Phänomen auf und bewarben sogenannte Glitter Freckles explizit im
Marathon-Kontext. Auch wenn Marketing hier eine Rolle spielt, ist der
entscheidende Punkt ein anderer: Der Trend ist groß genug, um wahrgenommen zu
werden.
Auffällig ist, dass der Glitzer
fast immer auf den Wangen sitzt. Das hat praktische Gründe. Die Wangenknochen
sind vergleichsweise schweißarm, Glitzerpartikel wandern dort seltener in die
Augen und geraten kaum in Konflikt mit Brillen oder Stirnbändern. Gleichzeitig
ist diese Stelle auf Fotos besonders präsent. Startnummern verschwinden hinter
Armen, Schuhe sieht man kaum, Gesichter dagegen erzählen Geschichten. Ein Hauch
Glitzer sorgt dafür, dass diese Geschichte hängen bleibt.
Doch warum greifen Läuferinnen
überhaupt zu diesem Mittel. Viele beschreiben den Moment des Auftragens als Teil
ihrer mentalen Vorbereitung. Ähnlich wie das Anbringen der Startnummer oder das
Einlaufen vor dem Wettkampf markiert der Glitzer den Übergang vom Alltag in den
Wettkampfmodus. Er wirkt wie eine spielerische Form der Kriegsbemalung, nicht
aggressiv, sondern selbstbewusst. Gleichzeitig schafft er Zugehörigkeit. Wer
gemeinsam mit Freundinnen oder Vereinskollegen startet, erkennt sich im Gedränge
schneller wieder. Der Glitzer wird zum stillen Zeichen von Gemeinschaft.
Interessant ist dabei der
bewusste Kontrast zur klassischen Leistungsästhetik. Glitzer bedeutet nicht,
dass der Lauf weniger ernst genommen wird. Im Gegenteil. Viele derjenigen, die
mit funkelnden Wangen an den Start gehen, laufen ambitionierte Zeiten. Der
Glitzer steht nicht für Beliebigkeit, sondern für Leichtigkeit im Kopf. Er sagt:
Ich laufe fokussiert, aber ich erlaube mir Freude.
Faktenbasiert relevant wird das
Thema, wenn man einen Blick auf die Umwelt- und Gesundheitsseite wirft. Seit
Oktober 2023 gilt in der Europäischen Union eine REACH-Beschränkung für
absichtlich zugesetzte synthetische Polymer-Mikropartikel, landläufig als
Mikroplastik bezeichnet. Klassischer loser Plastikglitter fällt darunter. Die EU
macht jedoch gleichzeitig klar, dass biologisch abbaubare, lösliche, natürliche
oder anorganische Glitzerarten nicht unter dieses Verbot fallen. Für den
Laufsport heißt das: Glitzer ist nicht gleich Glitzer. Wer sich für den
Glitzerflitzer entscheidet, sollte wissen, was er verwendet und ob das Produkt
entsprechend eingestuft ist.
Auch praktisch gibt es ein paar
Aspekte, die den Unterschied machen. Weniger Glitzer hält meist besser als
großflächiger Auftrag. Produkte, die für die Haut entwickelt wurden, sind
deutlich verträglicher als Bastelglitter. Und alles, was stark reibt oder
schiebt, etwa Buffs oder Brillenbügel, reduziert die Haltbarkeit erheblich. Das
sind Erfahrungswerte aus der Szene, nicht aus dem Labor.
Am Ende ist der Glitzerflitzer
kein Modetrend, der Leistung verspricht. Er ist ein Symbol dafür, dass sich der
Laufsport geöffnet hat. Neben Zeiten, Platzierungen und Trainingsplänen ist Raum
entstanden für Rituale, Identität und Ausdruck. Wer beim nächsten Lauf also
funkelnde Wangen sieht, sieht keinen Karneval auf Asphalt. Man sieht einen
modernen Laufsport, der Leistung und Emotion miteinander verbindet. Und
vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser kleine Glanzpunkt geblieben
ist.
Gerade für Außenstehende mag
das irritierend wirken. Doch wer einmal selbst im Startblock gestanden hat,
weiß, wie viel Bedeutung in kleinen Gesten liegen kann. Der Glitzer auf den
Wangen ist dann nicht bloß Dekoration, sondern Teil eines Moments, in dem
Anspannung, Vorfreude und Stolz zusammenkommen. Er funkelt nicht für die
anderen, sondern für den eigenen Lauf.
__________________________________
Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
|
|
|
|
 |
|