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Trainingssteuerung bei Frauen - wissenschaftlich fundiert, praxisnah |
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Laufen im Hormonzyklus
Trainingssteuerung bei Frauen - wissenschaftlich fundiert, praxisnah
An manchen Tagen läuft es wie
von selbst. Die Beine tragen, der Atem fließt, der Kopf ist frei. Tempo und
Rhythmus stimmen, selbst längere Einheiten fühlen sich leicht an. An anderen
Tagen dagegen wirkt derselbe Lauf zäh, schwer, fast widerständig. Der Puls
steigt schneller, die Motivation fehlt, obwohl Trainingsplan, Strecke und äußere
Bedingungen identisch sind. Viele Läuferinnen kennen dieses Phänomen seit Jahren
und haben es hingenommen, ohne es wirklich einordnen zu können. Zufall,
Tagesform, Stress?
Die Sportwissenschaft gibt
inzwischen eine deutlich differenziertere Antwort, auch wenn die Evidenzlage
insgesamt noch heterogen ist und viele Studien auf vergleichsweise kleinen
Stichproben beruhen: Der Hormonzyklus spielt eine zentrale Rolle für
Leistungsfähigkeit, Regeneration, Stoffwechselprozesse und Verletzungsrisiko.
Lange Zeit wurde dieser Zusammenhang im Ausdauertraining kaum berücksichtigt.
Trainingsmodelle orientierten sich überwiegend an männlichen Physiologien. Erst
in den vergangenen Jahren rückt das zyklische Zusammenspiel der Hormone stärker
in den Fokus von Forschung und Trainingspraxis.
Laufen im Einklang mit dem
eigenen Zyklus ist daher kein esoterischer Trend, sondern ein sinnvoller und
zunehmend wissenschaftlich belegter Ansatz. Wer versteht, was im Körper
passiert, kann Training gezielter steuern, Frustration vermeiden und langfristig
gesünder sowie leistungsfähiger laufen.
Der Zyklus als physiologischer Taktgeber
Der weibliche Zyklus dauert im
Mittel etwa 28 Tage, individuelle Abweichungen zwischen 21 und 35 Tagen gelten
als normal. Entscheidend ist weniger die exakte Länge als die Abfolge
hormoneller Veränderungen. Gesteuert wird der Zyklus vor allem durch die Hormone
Östrogen und Progesteron. Diese beeinflussen nicht nur den
Fortpflanzungsapparat, sondern wirken auch auf Muskeln, Sehnen und Bänder, unter
anderem über Effekte auf Kollagensynthese und Insulinsensitivität. Zudem
beeinflussen sie den Energiestoffwechsel, das zentrale Nervensystem sowie
Prozesse der Thermoregulation und Atemsteuerung.
Für das Lauftraining bedeutet
das: Die körperlichen Voraussetzungen verändern sich im Verlauf des Zyklus
messbar. Kraftentwicklung, Koordinationsfähigkeit, Ermüdungsresistenz und
subjektives Belastungsempfinden schwanken. Wer diese Veränderungen ignoriert,
interpretiert Leistungsschwankungen häufig als Trainingsfehler oder mangelnde
Disziplin.
Vereinfacht lässt sich der
Zyklus in vier Phasen gliedern: Menstruation, Follikelphase, Ovulation und
Lutealphase. Jede Phase bringt charakteristische physiologische
Rahmenbedingungen mit sich, die sich im Training bemerkbar machen können.
Menstruation: Reduziert, aber nicht trainingsfrei
Mit Beginn der Menstruation
sind Östrogen und Progesteron auf einem niedrigen Niveau. Der Körper stößt die
Gebärmutterschleimhaut ab, was für viele Frauen mit Blutverlust, Müdigkeit oder
einem verminderten Energiegefühl einhergeht. Ein Teil der Studien zeigt zudem,
dass das subjektive Belastungsempfinden in dieser Phase erhöht sein kann,
während objektive Leistungsparameter häufig stabil bleiben.
Für das Lauftraining bedeutet
das vor allem eines: Flexibilität. Lockere Dauerläufe, ruhige regenerative
Einheiten oder Techniktraining passen gut in diese Phase. Auch alternative
Bewegungsformen wie Mobility oder leichtes Krafttraining können sinnvoll sein.
Wer sich leistungsfähig fühlt, darf durchaus intensiver trainieren. Entscheidend
ist weniger der Zyklustag als das individuelle Empfinden.
Ein pauschales Trainingsverbot
während der Menstruation ist wissenschaftlich nicht haltbar. Gleichzeitig ist es
sinnvoll, Signale wie ungewöhnliche Erschöpfung oder Schmerzen ernst zu nehmen
und das Trainingspensum gegebenenfalls anzupassen.
Follikelphase: Das Fenster für Qualität
Nach der Menstruation steigt
der Östrogenspiegel kontinuierlich an. Östrogen wirkt dabei nicht klassisch
anabol wie Testosteron, sondern unterstützt muskuläre Anpassungsprozesse,
fördert die Muskelproteinsynthese und verbessert die neuromuskuläre
Koordination. Viele Läuferinnen berichten in dieser Phase von hoher Motivation,
mentaler Stabilität und einem positiven Körpergefühl.
Aus trainingsmethodischer Sicht
ist die Follikelphase besonders wertvoll. Intensive Trainingsreize wie
Intervalle, Tempodauerläufe, Fahrtspiele oder wettkampfspezifische Einheiten
lassen sich hier gut platzieren. Auch Krafttraining profitiert von der erhöhten
Anpassungsfähigkeit der Muskulatur.
In dieser Phase können gezielt
Entwicklungsreize gesetzt werden, ohne dass die Regeneration übermäßig leidet.
Für Trainer bietet sich hier die Möglichkeit, qualitativ anspruchsvolle
Einheiten zu bündeln und Leistungsfortschritte abzusichern.
Ovulation: Leistungsstark, aber achtsam
Rund um den Eisprung erreicht
der Östrogenspiegel seinen Höhepunkt. Die Leistungsfähigkeit kann sehr hoch
sein, viele Läuferinnen erleben in dieser Zeit Bestleistungen im Training oder
Wettkampf. Gleichzeitig zeigen einige Studien eine leicht erhöhte
Verletzungsanfälligkeit, insbesondere im Bereich der Bänder, wobei der
statistische Zusammenhang insgesamt klein ist und individuell sehr
unterschiedlich ausfallen kann.
Östrogen beeinflusst die
Elastizität des Bindegewebes, was die Gelenkstabilität geringfügig reduzieren
kann. Für das Lauftraining bedeutet das nicht Zurückhaltung, sondern
Aufmerksamkeit. Intensives Training ist weiterhin möglich, sollte jedoch von
einem sorgfältigen Aufwärmen, stabilisierenden Übungen und ausreichend
Regeneration begleitet werden.
Besonders explosive Belastungen
oder abrupt wechselnde Richtungen sollten bewusst und technisch sauber
ausgeführt werden. Wer diese Phase klug nutzt, kann von einer hohen
Trainingsqualität profitieren.
Lutealphase: Stabilität statt Bestzeiten
Nach dem Eisprung dominiert
Progesteron, das eher katabol wirkt, die Atemfrequenz erhöht und das subjektive
Belastungsempfinden beeinflussen kann. Die Körpertemperatur steigt leicht an,
der Ruhepuls kann höher liegen, und der Energieverbrauch nimmt zu. Gleichzeitig
verändert sich die Kohlenhydratverwertung, was längere oder intensive
Belastungen subjektiv anstrengender machen kann.
Viele Frauen berichten in der
Lutealphase von schwereren Beinen, schnellerer Ermüdung oder einer geringeren
Hitzetoleranz. Das bedeutet jedoch nicht, dass Training unwirksam ist. Vielmehr
verschiebt sich der Fokus.
Gleichmäßige Dauerläufe,
extensive Einheiten im Grundlagenausdauerbereich und technisch sauberes Laufen
stehen im Vordergrund. Hochintensive Reize sind möglich, fühlen sich jedoch
häufig belastender an und sollten dosiert eingesetzt werden. Regeneration,
Schlafqualität und eine angepasste Ernährung gewinnen in dieser Phase an
Bedeutung.
Zyklusbasiertes Training in der Praxis
Zyklusbasiertes Lauftraining
bedeutet nicht, jede Einheit starr nach einem hormonellen Kalender auszurichten.
Es geht vielmehr um ein besseres Körperverständnis und um realistische
Erwartungen an die eigene Leistungsfähigkeit.
Ein Zyklustagebuch oder eine
Trainings App kann helfen, Zusammenhänge zwischen Zyklusphase, Trainingsinhalt
und Belastungsempfinden zu erkennen. Über mehrere Monate entstehen Muster, die
eine individuell angepasste Trainingssteuerung ermöglichen.
Zu berücksichtigen ist auch die
hormonelle Verhütung. Die Einnahme kombinierter oraler Kontrazeptiva unterdrückt
den natürlichen Zyklus weitgehend, während reine Gestagenpräparate je nach
Zusammensetzung und Dosierung unterschiedlich auf den Hormonverlauf wirken
können. Einige zyklusabhängige Effekte fallen dadurch geringer aus, andere
bleiben bestehen. Auch hier gilt: Die individuelle Reaktion ist entscheidend und
sollte beobachtet werden.
Mehr Selbstbestimmung, weniger Frust
Laufen im Hormonzyklus ist kein
Dogma, sondern ein Werkzeug. Es schafft Erklärungen für Leistungsschwankungen,
reduziert unnötigen Leistungsdruck und fördert einen bewussteren Umgang mit dem
eigenen Körper. Wer den eigenen Rhythmus kennt, trainiert nicht weniger
ambitioniert, sondern intelligenter.
Für Trainer, Mediziner und
Athletinnen zeichnet sich zunehmend ein Paradigmenwechsel ab: weg vom
Einheitsmodell, hin zu einer Trainingslehre, die biologische Unterschiede ernst
nimmt. Am Ende steht nicht nur eine bessere Leistung, sondern auch eine höhere
Trainingszufriedenheit und langfristige Gesundheit.
Und genau darin liegt die
eigentliche Stärke dieses Ansatzes.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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