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Warum viele Läufer dauerhaft im Energiemangel trainieren |
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Warum viele Läufer dauerhaft im Energiemangel trainieren
Low Energy Availability - ein stilles, weit verbreitetes Problem
Es beginnt oft harmlos. Ein
Trainingsplan wird ambitionierter, die Umfänge steigen, vielleicht steht ein
Marathon an. Gleichzeitig soll das Körpergewicht ein wenig sinken, denn leichter
läuft es sich eben besser. Also wird bewusster gegessen, vielleicht sogar etwas
weniger. Das Training läuft zunächst gut. Die Form verbessert sich,
Wettkampfzeiten fallen, das Gefühl bestätigt den eingeschlagenen Weg.
Doch nach einigen Wochen oder
Monaten schleichen sich Müdigkeit, Leistungseinbrüche und Infekte ein. Die Beine
fühlen sich schwer an, die Motivation sinkt, obwohl der Trainingsplan eigentlich
machbar sein müsste. Viele Läufer reagieren, indem sie härter trainieren oder
sich noch stärker disziplinieren. Was kaum jemand vermutet: Hinter diesen
Symptomen steckt häufig kein Trainingsfehler, sondern ein chronischer
Energiemangel. In der Sportwissenschaft spricht man von Low Energy Availability,
kurz LEA.
Wenn Training mehr Energie fordert, als zugeführt wird
Low Energy Availability
beschreibt einen Zustand, in dem dem Körper dauerhaft zu wenig Energie zur
Verfügung steht, um alle lebenswichtigen Funktionen und gleichzeitig das
Training optimal zu versorgen. Entscheidend ist dabei nicht nur, wie viel
gegessen wird, sondern wie viel Energie nach Abzug des Trainingsaufwands noch
übrig bleibt. Genau hier liegt das Problem vieler ambitionierter Freizeitläufer.
Die Trainingsbelastung steigt schneller als die Energiezufuhr.
Ein zusätzlicher Tempolauf, ein
längerer Longrun am Wochenende oder ein intensives Krafttraining summieren sich
schnell. Wer diese Belastung nicht gezielt begleitet, rutscht unbemerkt ins
Defizit. Besonders kritisch ist, dass der Energiemangel nicht tageweise, sondern
dauerhaft entsteht. Es fehlt nicht nur an einzelnen Mahlzeiten, sondern an einer
stabilen Versorgung über Wochen und Monate.
Der Körper reagiert darauf
nicht sofort mit Alarmzeichen. Im Gegenteil. Zunächst versucht er, sich
anzupassen. Stoffwechselprozesse werden heruntergefahren, die Herzfrequenz
sinkt, Regeneration wird ineffizienter, hormonelle Abläufe verändern sich. Für
Außenstehende wirkt der Läufer weiterhin diszipliniert und motiviert. Innerlich
läuft der Körper jedoch zunehmend auf Sparflamme.
Warum gerade Läufer besonders gefährdet sind
Laufen ist einfach zugänglich,
kalorienintensiv und in vielen Köpfen eng mit Gewichtsregulation verknüpft. Kaum
eine andere Sportart verbindet Leistung und Körpergewicht so stark. Hinzu kommt
ein kultureller Faktor: Schlank gilt als leistungsfähig, Verzicht als Zeichen
von Disziplin. Wer viel trainiert, glaubt häufig, automatisch ausreichend zu
essen.
Genau hier entsteht ein
gefährlicher Trugschluss. Lange Läufe, Tempotraining und zusätzliche
Stabilisationseinheiten erhöhen den Energiebedarf erheblich. Wird dieser
Mehrbedarf nicht konsequent ausgeglichen, entsteht ein schleichendes Defizit.
Besonders problematisch ist, dass viele Läufer ihre Alltagsaktivität
unterschätzen. Neben dem Training verbrauchen Beruf, Familie, Wege und Stress
ebenfalls Energie.
Auch moderne Trainingskonzepte
können das Risiko erhöhen. Nüchternläufe, Low-Carb-Phasen oder bewusst
reduzierte Kalorienzufuhr werden häufig übernommen, ohne sie an das individuelle
Trainingspensum anzupassen. Was im Profisport eng betreut wird, wird im
Freizeitbereich oft unkritisch kopiert.
Die stillen Signale des Körpers
Low Energy Availability äußert
sich selten spektakulär. Die Warnzeichen sind subtil und werden oft
fehlinterpretiert. Anhaltende Müdigkeit gilt als normal im Training. Häufige
Infekte werden dem Wetter zugeschrieben. Leistungseinbrüche erklärt man mit
Stress, Schlafmangel oder mangelnder Motivation.
Typische Anzeichen sind eine
verzögerte Regeneration, Schlafprobleme, anhaltende Muskelsteifheit und eine
erhöhte Verletzungsanfälligkeit. Auch Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit und
Konzentrationsprobleme können auftreten. Bei längerer Dauer sind hormonelle
Veränderungen möglich, die sich unter anderem auf den Knochenstoffwechsel
auswirken. Stressfrakturen sind dann keine Seltenheit mehr, sondern oft das
Ergebnis eines langen schleichenden Prozesses.
Besonders tückisch ist, dass
diese Symptome nicht isoliert auftreten. Sie verstärken sich gegenseitig und
führen in eine Abwärtsspirale aus Müdigkeit, schlechterer Leistung und
steigender Frustration.
Wenn weniger Essen nicht zu mehr Leistung führt
Viele Läufer verbinden
Gewichtsreduktion mit Leistungssteigerung. Kurzfristig kann dieser Effekt
tatsächlich auftreten, vor allem zu Beginn einer Trainingsphase. Langfristig
kehrt er sich jedoch ins Gegenteil um. Ein Körper im Energiemangel spart, wo er
kann. Die Trainingsqualität sinkt, Anpassungsprozesse bleiben aus, das
Verletzungsrisiko steigt.
Besonders tückisch ist, dass
LEA nicht nur bei extremem Unteressen entsteht. Auch vermeintlich gesunde
Ernährung kann problematisch sein, wenn sie nicht zur Trainingsbelastung passt.
Wer Kohlenhydrate konsequent meidet, lange nüchtern trainiert oder Mahlzeiten
aus Zeitmangel ausfallen lässt, läuft Gefahr, dauerhaft unterversorgt zu sein.
Selbst Läufer, die sich bewusst und ausgewogen ernähren, können in einen
Energiemangel geraten, wenn Portionsgrößen und Timing nicht zum Trainingsumfang
passen.
Was Läufer aus der Energiemangel-Falle herausholt
Der erste Schritt ist
Aufmerksamkeit. Wer dauerhaft erschöpft ist, trotz strukturierten Trainings
keine Fortschritte macht oder ungewöhnlich oft krank wird, sollte nicht zuerst
am Trainingsplan drehen, sondern an der Energiezufuhr. Regelmäßige Mahlzeiten,
ausreichend Kohlenhydrate rund um intensive Einheiten und eine bewusste
Regeneration sind keine Extras, sondern Grundlagen.
Hilfreich ist es, Training und
Ernährung nicht getrennt zu betrachten. Intensive Tage benötigen mehr Energie
als lockere. Lange Läufe verlangen nach einer gezielten Versorgung davor,
währenddessen und danach. Auch Ruhe- und Bürotage sind keine Energiesparzonen,
denn der Körper regeneriert rund um die Uhr und benötigt dafür ausreichend
Brennstoff.
Wer lernt, die eigenen
Körpersignale ernst zu nehmen, gewinnt langfristig. Leistung entsteht nicht
durch maximalen Verzicht, sondern durch Balance.
Ein Thema, das mehr Aufmerksamkeit verdient
Low Energy Availability ist
kein Randphänomen von Leistungssportlern, sondern ein weit verbreitetes Problem
im ambitionierten Freizeitlauf. Es betrifft Männer wie Frauen, Einsteiger ebenso
wie erfahrene Marathonläufer. Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob der
Körper ausreichend Energie erhält, um Training, Regeneration und Gesundheit
miteinander zu verbinden.
Ein bewusster Umgang mit
Ernährung ist dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern von sportlicher
Intelligenz. Wer langfristig leistungsfähig bleiben möchte, muss den eigenen
Energiebedarf ernst nehmen. Nicht weniger Essen macht schneller, sondern das
richtige Maß zur richtigen Zeit.
Denn am Ende entscheidet nicht
der Trainingsplan allein über Fortschritt, sondern die Energie, mit der er
umgesetzt wird.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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