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Der gefährliche Traum vom Wunder Shot
 
 
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30.01.2026  

 
 

 
Der gefährliche Traum vom Wunder Shot

 
Es beginnt oft harmlos. Ein Clip im Feed. Eine Anzeige zwischen zwei Trainingsvideos. Vielleicht spät abends nach einem harten Training, wenn die Beine müde sind und der Kopf nach einer schnellen Lösung sucht. Ein Versprechen, das klingt wie die Abkürzung zu allem, wofür man sonst Jahre trainiert. Mehr Power. Mehr Fokus. Mehr Leistung. Und das alles in einem kleinen Shot.
 
Was wie Motivation klingt, ist in Wahrheit etwas anderes. Und genau deshalb lohnt es sich, bis zum Ende zu lesen.

Wenn Marketing schneller läuft als die Vernunft
 
Die Worte sind sorgfältig gewählt. Kein Läufer sollte jemals diesen Shot nehmen. Ein klassischer Einstieg, der Neugier erzeugt und sofort das Gegenteil auslöst. Der Shot verspricht körperliche und mentale Höchstleistungen, ein neues Laufgefühl, beinahe Übermenschliches. Nach 45 Minuten soll jede Zelle explodieren. Die Beine sollen federleicht sein. Der Fokus unerschütterlich.
 
Das ist kein Zufall. Diese Sprache stammt nicht aus der Trainingswissenschaft. Sie stammt aus dem Marketing. Und sie bedient gezielt die Sehnsucht vieler Läufer nach dem großen Durchbruch.

Warum solche Versprechen so gut funktionieren
 
Laufen ist ehrlich. Fortschritt kommt langsam. Wochen, Monate, manchmal Jahre vergehen, bis sich echte Leistungssteigerungen zeigen. Genau hier setzen solche Produkte an. Sie versprechen Abkürzungen in einer Sportart, die keine kennt.
 
Der Verweis auf angebliche Profis, auf Europameister, auf zerstörte Rekorde soll Vertrauen schaffen. Doch ohne transparente Studien, ohne nachvollziehbare Daten bleibt nur eines übrig. Glaube.
 
Und Glaube ist im Sport ein mächtiger Verstärker. Der Placebo Effekt ist real. Wer fest an eine Wirkung glaubt, fühlt sich oft tatsächlich stärker. Das bedeutet aber nicht, dass das Produkt hält, was es verspricht.
 
Der gefährliche Preis der Übertreibung
Der konkrete Fall ONORS

 
Der Blick auf ein konkretes Beispiel zeigt, wie schmal der Grat zwischen Innovation und Übertreibung ist. Der sogenannte ONORS Performance Shot stammt aus Südtirol und wird als Nahrungsergänzungsmittel für Sportler vermarktet. Entwickelt wurde er von einem jungen Start up mit Wurzeln im Leistungssport. Laut Hersteller soll der Shot körperliche und mentale Leistungsfähigkeit vor Wettkämpfen steigern.
 
Die Zutatenliste klingt auf den ersten Blick seriös. Enthalten sind unter anderem Aminosäuren, Citicolin, ein patentierter Mangoblatt Extrakt mit dem Namen Zynamite sowie rund 50 Milligramm Koffein. Das entspricht in etwa einer kleinen Tasse Kaffee. Der Shot ist vegan und glutenfrei. All das ist für sich genommen nichts Ungewöhnliches.
 
Problematisch wird es dort, wo aus Inhaltsstoffen Wirkversprechen werden. Für den ONORS Shot existieren keine veröffentlichten, unabhängigen Studien, die seine beworbene Gesamtwirkung belegen. Aussagen zu mehr Fokus, konstanter Power oder dem Ausbleiben eines Leistungseinbruchs stammen aus der Werbung des Herstellers. Sie ersetzen keine wissenschaftliche Evidenz.
 
Auch der Verweis auf Profisportler oder angebliche Rekordverbesserungen wirkt stärker als er ist. Solche Testimonials sind im Sportmarketing üblich, liefern aber keinen objektiven Beweis für eine messbare Leistungssteigerung.
 
Ein weiteres Risiko liegt in der Erwartungshaltung. Wenn ein Produkt suggeriert, dass Höchstleistung ohne chemische Unterstützung kaum möglich sei, verschiebt sich der Blick weg vom Training hin zum Konsum.
 
Viele solcher Shots enthalten stimulierende Substanzen, deren kurzfristige Wirkung spürbar sein kann, deren langfristiger Nutzen für Ausdauersportler jedoch nicht belegt ist. Herzklopfen, innere Unruhe oder Schlafprobleme sind bekannte Begleiterscheinungen.
 
Noch problematischer ist die mentale Abhängigkeit. Wer glaubt, ohne einen Shot nicht mehr leistungsfähig zu sein, verliert etwas Entscheidendes. Das Vertrauen in den eigenen Körper.
 
Erlaubt ist nicht gleich sinnvoll
 
Im Leistungs- und Profisport gilt die Verbotsliste der Welt Anti Doping Agentur als Maßstab. Alles, was dort nicht aufgeführt ist, gilt zunächst als erlaubt. Auch die im ONORS Shot enthaltenen Stoffe fallen aktuell nicht unter das Dopingverbot.
 
Doch genau hier entsteht ein gefährlicher Trugschluss. Erlaubt bedeutet nicht automatisch wirksam, notwendig oder harmlos. Profisportler unterliegen dem Prinzip der strikten Haftung. Sie sind für alles verantwortlich, was sie einnehmen. Selbst geringste Verunreinigungen können im Ernstfall zu positiven Tests führen.
 
Deshalb greifen viele Profis nur auf Produkte zurück, die zusätzlich geprüft sind oder von Teams und Verbänden freigegeben wurden. Nicht weil alles andere verboten wäre, sondern weil das Risiko sonst beim Athleten bleibt.
 
Leistung entsteht nicht im Spiegelbild
 
Die Werbung verspricht eine Verwandlung. Nach dem Lauf würdest du dich nicht mehr im Spiegel erkennen. Das klingt spektakulär. Doch echte Leistungsfähigkeit zeigt sich nicht im Spiegel und nicht im Staub, den andere angeblich einatmen.
 
Sie zeigt sich in stabilen Trainingswochen. In klugen Pausen. In sauberer Technik. In Ernährung, die langfristig trägt. In mentaler Stärke, die auch dann hält, wenn es weh tut.
 
Kein Shot der Welt ersetzt das.
 
Was wirklich bleibt
 
Vielleicht ist die wichtigste Frage am Ende diese. Wem gehört deine Leistung?
 
Gehört sie einem kleinen Fläschchen, einem Rabattcode und einer dramatischen Werbebotschaft. Oder gehört sie dir, deinem Training, deinen Entscheidungen und deiner Erfahrung.
 
Natürlich darf man kritisch hinterfragen, ausprobieren und neugierig bleiben. Aber immer mit einem klaren Kompass. Wenn ein Produkt behauptet, besser zu sein als alles andere auf dem Markt, wenn es mit martialischen Bildern arbeitet und mit Angst vor dem Verpassen spielt, dann ist Vorsicht angebracht.
 
Laufen braucht keine Wunder. Es braucht Zeit, Geduld und Respekt vor dem eigenen Körper.
 
Die stärksten Läufer sind nicht die, die jeden Trend mitnehmen. Es sind die, die gelernt haben, sich selbst zu vertrauen. Bis ins Ziel. Und darüber hinaus.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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