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Der gefährliche Traum vom Wunder Shot |
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Der gefährliche Traum vom Wunder Shot
Es beginnt oft harmlos. Ein
Clip im Feed. Eine Anzeige zwischen zwei Trainingsvideos. Vielleicht spät abends
nach einem harten Training, wenn die Beine müde sind und der Kopf nach einer
schnellen Lösung sucht. Ein Versprechen, das klingt wie die Abkürzung zu allem,
wofür man sonst Jahre trainiert. Mehr Power. Mehr Fokus. Mehr Leistung. Und das
alles in einem kleinen Shot.
Was wie Motivation klingt, ist
in Wahrheit etwas anderes. Und genau deshalb lohnt es sich, bis zum Ende zu
lesen.
Wenn Marketing schneller läuft als die Vernunft
Die Worte sind sorgfältig
gewählt. Kein Läufer sollte jemals diesen Shot nehmen. Ein klassischer Einstieg,
der Neugier erzeugt und sofort das Gegenteil auslöst. Der Shot verspricht
körperliche und mentale Höchstleistungen, ein neues Laufgefühl, beinahe
Übermenschliches. Nach 45 Minuten soll jede Zelle explodieren. Die Beine sollen
federleicht sein. Der Fokus unerschütterlich.
Das ist kein Zufall. Diese
Sprache stammt nicht aus der Trainingswissenschaft. Sie stammt aus dem
Marketing. Und sie bedient gezielt die Sehnsucht vieler Läufer nach dem großen
Durchbruch.
Warum solche Versprechen so gut funktionieren
Laufen ist ehrlich. Fortschritt
kommt langsam. Wochen, Monate, manchmal Jahre vergehen, bis sich echte
Leistungssteigerungen zeigen. Genau hier setzen solche Produkte an. Sie
versprechen Abkürzungen in einer Sportart, die keine kennt.
Der Verweis auf angebliche
Profis, auf Europameister, auf zerstörte Rekorde soll Vertrauen schaffen. Doch
ohne transparente Studien, ohne nachvollziehbare Daten bleibt nur eines übrig.
Glaube.
Und Glaube ist im Sport ein
mächtiger Verstärker. Der Placebo Effekt ist real. Wer fest an eine Wirkung
glaubt, fühlt sich oft tatsächlich stärker. Das bedeutet aber nicht, dass das
Produkt hält, was es verspricht.
Der gefährliche Preis der Übertreibung
Der konkrete Fall ONORS
Der Blick auf ein konkretes
Beispiel zeigt, wie schmal der Grat zwischen Innovation und Übertreibung ist.
Der sogenannte ONORS Performance Shot stammt aus Südtirol und wird als
Nahrungsergänzungsmittel für Sportler vermarktet. Entwickelt wurde er von einem
jungen Start up mit Wurzeln im Leistungssport. Laut Hersteller soll der Shot
körperliche und mentale Leistungsfähigkeit vor Wettkämpfen steigern.
Die Zutatenliste klingt auf den
ersten Blick seriös. Enthalten sind unter anderem Aminosäuren, Citicolin, ein
patentierter Mangoblatt Extrakt mit dem Namen Zynamite sowie rund 50 Milligramm
Koffein. Das entspricht in etwa einer kleinen Tasse Kaffee. Der Shot ist vegan
und glutenfrei. All das ist für sich genommen nichts Ungewöhnliches.
Problematisch wird es dort, wo
aus Inhaltsstoffen Wirkversprechen werden. Für den ONORS Shot existieren keine
veröffentlichten, unabhängigen Studien, die seine beworbene Gesamtwirkung
belegen. Aussagen zu mehr Fokus, konstanter Power oder dem Ausbleiben eines
Leistungseinbruchs stammen aus der Werbung des Herstellers. Sie ersetzen keine
wissenschaftliche Evidenz.
Auch der Verweis auf
Profisportler oder angebliche Rekordverbesserungen wirkt stärker als er ist.
Solche Testimonials sind im Sportmarketing üblich, liefern aber keinen
objektiven Beweis für eine messbare Leistungssteigerung.
Ein weiteres Risiko liegt in
der Erwartungshaltung. Wenn ein Produkt suggeriert, dass Höchstleistung ohne
chemische Unterstützung kaum möglich sei, verschiebt sich der Blick weg vom
Training hin zum Konsum.
Viele solcher Shots enthalten
stimulierende Substanzen, deren kurzfristige Wirkung spürbar sein kann, deren
langfristiger Nutzen für Ausdauersportler jedoch nicht belegt ist. Herzklopfen,
innere Unruhe oder Schlafprobleme sind bekannte Begleiterscheinungen.
Noch problematischer ist die
mentale Abhängigkeit. Wer glaubt, ohne einen Shot nicht mehr leistungsfähig zu
sein, verliert etwas Entscheidendes. Das Vertrauen in den eigenen Körper.
Erlaubt ist nicht gleich sinnvoll
Im Leistungs- und Profisport
gilt die Verbotsliste der Welt Anti Doping Agentur als Maßstab. Alles, was dort
nicht aufgeführt ist, gilt zunächst als erlaubt. Auch die im ONORS Shot
enthaltenen Stoffe fallen aktuell nicht unter das Dopingverbot.
Doch genau hier entsteht ein
gefährlicher Trugschluss. Erlaubt bedeutet nicht automatisch wirksam, notwendig
oder harmlos. Profisportler unterliegen dem Prinzip der strikten Haftung. Sie
sind für alles verantwortlich, was sie einnehmen. Selbst geringste
Verunreinigungen können im Ernstfall zu positiven Tests führen.
Deshalb greifen viele Profis
nur auf Produkte zurück, die zusätzlich geprüft sind oder von Teams und
Verbänden freigegeben wurden. Nicht weil alles andere verboten wäre, sondern
weil das Risiko sonst beim Athleten bleibt.
Leistung entsteht nicht im Spiegelbild
Die Werbung verspricht eine
Verwandlung. Nach dem Lauf würdest du dich nicht mehr im Spiegel erkennen. Das
klingt spektakulär. Doch echte Leistungsfähigkeit zeigt sich nicht im Spiegel
und nicht im Staub, den andere angeblich einatmen.
Sie zeigt sich in stabilen
Trainingswochen. In klugen Pausen. In sauberer Technik. In Ernährung, die
langfristig trägt. In mentaler Stärke, die auch dann hält, wenn es weh tut.
Kein Shot der Welt ersetzt das.
Was wirklich bleibt
Vielleicht ist die wichtigste
Frage am Ende diese. Wem gehört deine Leistung?
Gehört sie einem kleinen
Fläschchen, einem Rabattcode und einer dramatischen Werbebotschaft. Oder gehört
sie dir, deinem Training, deinen Entscheidungen und deiner Erfahrung.
Natürlich darf man kritisch
hinterfragen, ausprobieren und neugierig bleiben. Aber immer mit einem klaren
Kompass. Wenn ein Produkt behauptet, besser zu sein als alles andere auf dem
Markt, wenn es mit martialischen Bildern arbeitet und mit Angst vor dem
Verpassen spielt, dann ist Vorsicht angebracht.
Laufen braucht keine Wunder. Es
braucht Zeit, Geduld und Respekt vor dem eigenen Körper.
Die stärksten Läufer sind nicht
die, die jeden Trend mitnehmen. Es sind die, die gelernt haben, sich selbst zu
vertrauen. Bis ins Ziel. Und darüber hinaus.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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