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Pose Method: Laufen als kontrolliertes Fallen oder klassischer Abdruck? |
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Pose Method: Laufen als
kontrolliertes Fallen oder klassischer Abdruck?
Wer sich heute intensiver mit Lauftechnik beschäftigt, stößt früher oder später
auf eine These, die bewusst provoziert: Laufen ist Fallen. Genau mit diesem
Gedanken beginnt die sogenannte Pose Method, entwickelt von dem russischen
Sportwissenschaftler Dr. Nicholas Romanov. Sie verspricht einen effizienteren
Laufstil, weniger Bremskräfte und ein natürlicheres Bewegungsmuster. Für viele
klingt das wie eine einfache Abkürzung zu besserer Technik. Doch was steckt
tatsächlich dahinter?
Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein genauer Blick auf das Konzept, seine
Chancen und Grenzen sowie den Vergleich zum klassischen Laufstil, wie er in
Leichtathletik, Vereinen und nach gängiger Lehrmeinung vermittelt wird.
Was die Pose Method meint, wenn sie von Laufen spricht
Die Pose Method versteht Laufen
nicht primär als aktives Abdrücken vom Boden, sondern als eine Abfolge klar
definierter Bewegungsmomente. Ausgangspunkt ist eine stabile Laufhaltung, die
sogenannte Pose. In diesem Moment befindet sich der Läufer auf einem Bein, der
Oberkörper ist aufrecht, das Becken stabil und der Körperschwerpunkt befindet
sich über dem Standfuß. Aus dieser Haltung heraus entsteht der Vortrieb nicht
durch bewusstes Wegdrücken, sondern durch ein leichtes Nach-vorne-Neigen des
gesamten Körpers aus den Sprunggelenken. Dieses Neigen wird als kontrolliertes
Fallen beschrieben. Der Fuß verlässt anschließend aktiv den Boden, indem er
unter dem Körper nach oben gezogen wird, statt sich kraftvoll nach hinten
abzustoßen.
Diese Sichtweise verändert den Fokus. Nicht die Kraft im Abdruck steht im
Mittelpunkt, sondern Haltung, Schwerpunktkontrolle und das Vermeiden von
Bremsbewegungen. Laufen wird damit weniger als kraftvolle Bewegung nach vorne,
sondern als rhythmische Folge von Stützen, Fallen und schnellem Abheben
verstanden.
Warum viele Läufer darin Vorteile sehen
Ein zentrales Argument der Pose
Method ist die Reduktion von Bremskräften. Wer den Fuß weit vor dem Körper
aufsetzt, erzeugt unweigerlich einen bremsenden Impuls. Die Pose Method lenkt
die Aufmerksamkeit konsequent darauf, den Fuß möglichst nahe unter dem
Körperschwerpunkt aufzusetzen. Allein dieser Fokus führt bei vielen Läufern zu
kürzeren Schritten, einer höheren Schrittfrequenz und einem flüssigeren
Bewegungsrhythmus.
Hinzu kommt, dass das bewusste
Anheben des Fußes häufig zu kürzeren Bodenkontaktzeiten führt. Viele Läufer
berichten subjektiv von einem leichteren Laufgefühl und einem ruhigeren
Bewegungsablauf. Nicht zuletzt bietet die Pose Method eine klare Struktur. Wer
bisher wenig Techniktraining betrieben hat, findet hier ein verständliches
Modell mit klaren Übungen und eindeutigen Leitlinien.
Wo die Methode an ihre Grenzen stößt
So klar die Pose Method
aufgebaut ist, so deutlich sind auch ihre Risiken. Besonders problematisch ist
eine zu schnelle Umstellung. Da die Methode häufig mit einem Mittel- oder
Vorfußaufsatz verbunden wird, verlagern sich die Belastungen stärker in Richtung
Wade, Achillessehne und Fußgewölbe. Wer jahrelang mit deutlichem Fersenaufsatz
gelaufen ist und abrupt umstellt, riskiert Überlastungsprobleme in genau diesen
Bereichen.
Auch wissenschaftlich ist Vorsicht geboten. Die Vorstellung, dass ein bestimmter
Fußaufsatz automatisch ökonomischer oder verletzungsärmer sei, lässt sich nicht
eindeutig belegen. Studien zeigen, dass sich Laufökonomie individuell sehr
unterschiedlich entwickelt und dass ein Wechsel des Laufstils neue Belastungen
erzeugt, statt alte Probleme einfach zu lösen. Spezifische Studien zur Pose
Method selbst sind vorhanden, aber in ihrer Aussagekraft begrenzt und nicht
eindeutig zugunsten der Methode.
Der Vergleich zum klassischen Laufstil aus Verein und Leichtathletik
Spannend wird es dort, wo Pose
Method und klassische Lauftechnik aufeinandertreffen. Denn auf den ersten Blick
ähneln sich gute Läufer oft erstaunlich stark, unabhängig davon, ob sie jemals
von Pose gehört haben oder nicht.
Der entscheidende Unterschied
liegt weniger im äußeren Erscheinungsbild als im Denkmodell. Die Pose Method
beschreibt Vortrieb primär als Folge der Schwerkraft. Der klassische Laufstil,
wie er in Leichtathletik und Vereinsarbeit vermittelt wird, erklärt den
Laufzyklus dagegen über Stütz- und Schwungphasen, in denen der Abdruck je nach
Tempo mehr oder weniger aktiv ausgeprägt ist. Während Pose den Abdruck bewusst
aus dem Fokus nimmt, wird er in der klassischen Lehre als Teil der Bewegung
akzeptiert, ohne ihn zwangsläufig zu überbetonen.
Auch beim Fußaufsatz zeigen
sich Unterschiede. Die Pose Method bevorzugt klar den Mittel- oder Vorfußaufsatz
unter dem Körperschwerpunkt. Klassische Technikmodelle sind hier deutlich
offener. Sie betrachten den Fußaufsatz als tempoabhängig und individuell und
legen den Schwerpunkt vor allem darauf, ein Überstriden zu vermeiden.
Entscheidend ist nicht, welcher Teil des Fußes zuerst den Boden berührt, sondern
wo dies im Verhältnis zum Körperschwerpunkt geschieht.
Ein weiterer Unterschied zeigt
sich in der Schwungphase. In der Pose Method wird das aktive Anheben des Fußes
unter dem Körper betont. In der klassischen Technikschulung wird dagegen häufig
mit Kniehub, Lauf-ABC und koordinativen Übungen gearbeitet, um
Bewegungsqualität, Stabilität und Rhythmus zu verbessern. Hier steht weniger ein
einzelnes Technikmerkmal im Mittelpunkt, sondern das Zusammenspiel mehrerer
Faktoren.
Didaktisch betrachtet ist die
Pose Method ein geschlossenes System mit klaren Regeln. Die klassische
Lauftechnik in Verein und Leichtathletik funktioniert eher wie ein Baukasten.
Haltung, Armführung, Rhythmus, Fußaufsatz und Stabilität werden je nach
Leistungsstand und Zielsetzung unterschiedlich gewichtet.
Fazit: Provokation mit Erkenntnisgewinn
Die Pose Method ist keine Revolution, aber eine bewusst zugespitzte Perspektive
auf Lauftechnik. Sie zwingt dazu, über Haltung, Schwerpunkt und Bremskräfte
nachzudenken. Für Läufer mit sehr langem Schritt oder starkem Überstriden kann
sie wertvolle Impulse liefern. Als starres Dogma oder schnelle Lösung für
Verletzungsprobleme taugt sie jedoch nicht.
Interessant ist am Ende eine einfache Beobachtung: Viele sehr gute Läufer laufen
so, wie es die Pose Method beschreibt, ohne jemals danach trainiert zu haben.
Der Unterschied liegt weniger im Zielbild als im Weg dorthin. Während die
klassische Lehre Entwicklung, Anpassung und Vielfalt betont, bietet die Pose
Method Struktur, Klarheit und Provokation. Wer beides versteht, läuft am Ende
meist besser.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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