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ChiRunning: Laufen mit Köpfchen oder nur ein neuer Name für alte Wahrheiten? |
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ChiRunning: Entspannt laufen mit
Köpfchen oder nur ein neuer Name für alte Wahrheiten?
Es ist Sonntagmorgen. Im Park
zieht eine Trainingsgruppe ihre Runden. Der Rhythmus ist klar, die Arme arbeiten
kontrolliert, der Schritt wirkt kraftvoll. Ein paar Meter weiter läuft jemand
auffallend leise. Die Bewegung scheint mühelos, der Oberkörper leicht nach vorn
geneigt, die Schultern locker, fast schwebend.
Was auf den ersten Blick wie ein individueller Stil wirkt, folgt einer klaren
Methode: ChiRunning. Ein Laufkonzept, das verspricht, effizienter, entspannter
und verletzungsärmer zu laufen, indem Technik, Körpergefühl und Achtsamkeit
zusammengeführt werden.
Doch was steckt wirklich dahinter? Und wie unterscheidet sich ChiRunning von der
klassischen Lauftechnik, wie sie in Vereinen und der Leichtathletik gelehrt
wird?
Das Prinzip: Laufen aus der Körpermitte
ChiRunning wurde vom
US-Amerikaner Danny Dreyer entwickelt und verbindet Lauftechnik mit Prinzipien
aus dem Tai Chi. Der Ansatz versteht Laufen nicht als Kraftleistung der Beine,
sondern als ganzheitliche Bewegung, bei der Haltung, Rumpfstabilität und
Schwerkraft die entscheidenden Rollen spielen.
Im Zentrum steht eine saubere
Körperausrichtung. Kopf, Schultern und Becken sollen stabil übereinander stehen.
Spannung dort, wo sie gebraucht wird, vor allem im Rumpf, und Entspannung dort,
wo sie stört, insbesondere in Schultern, Armen und Unterschenkeln.
Der Vortrieb entsteht nicht
durch kräftiges Abdrücken, sondern durch eine minimale Vorlage aus dem
Sprunggelenk. Der Läufer nutzt das eigene Körpergewicht, um nach vorn zu kommen.
Die Beine übernehmen dabei eher eine mitführende als eine antreibende Funktion.
Ein weiteres Kernelement ist
ein kürzerer Schritt. Der Fuß landet näher unter dem Körperschwerpunkt, wodurch
Bremskräfte reduziert werden. Häufig geht dies mit einer etwas höheren
Schrittfrequenz einher.
ChiRunning legt zudem großen
Wert auf bewusste Wahrnehmung. Läufer sollen ihre Bewegung während des Laufens
beobachten und aktiv korrigieren. Technik wird nicht einmal gelernt und dann
vergessen, sondern dauerhaft überprüft.
Was verspricht ChiRunning?
Die Versprechen der Methode
sind ambitioniert. Weniger Ermüdung, geringere Stoßbelastung, weniger
Verletzungen und ein insgesamt leichteres Laufgefühl.
Ein Teil dieser Versprechen
lässt sich biomechanisch nachvollziehen. Ein kürzerer Schritt reduziert die
Bremswirkung beim Aufsetzen. Eine höhere Schrittfrequenz kann die
Spitzenbelastungen auf Knie und Hüfte senken. Eine stabile Körpermitte entlastet
die Peripherie.
Gleichzeitig gilt: ChiRunning
ist keine Garantie für verletzungsfreies Laufen. Jede Veränderung der
Lauftechnik verschiebt Belastungen. Wer Technik abrupt umstellt, riskiert
Überlastungen, etwa an Waden oder Achillessehne.
Was sagt die Wissenschaft?
ChiRunning als geschützte
Methode ist nur begrenzt wissenschaftlich untersucht. Die einzelnen Bausteine,
auf denen die Methode basiert, sind jedoch gut erforscht.
Studien zeigen, dass eine
Erhöhung der Schrittfrequenz bei gleichbleibendem Tempo häufig mit geringeren
Stoßkräften einhergeht. Auch die Schrittlänge verkürzt sich, was das Überstriden
reduziert. Diese Effekte gelten als potenziell günstig im Hinblick auf
Überlastungsverletzungen.
Untersuchungen zur
Kadenz-Umschulung zeigen zudem, dass sich solche Technikänderungen trainieren
lassen, ohne die Laufökonomie zwangsläufig zu verschlechtern. Entscheidend ist
eine schrittweise Anpassung.
Die wissenschaftliche Evidenz
stützt somit zentrale Elemente von ChiRunning, nicht jedoch den Anspruch einer
universellen Lösung für alle Läufer.
Einordnung aus Trainingssicht
Aus trainingspraktischer Perspektive ist ChiRunning vor allem als Lern- und
Korrektursystem interessant. Es bietet klare innere Bilder und einfache Regeln,
die Läufern helfen, ineffiziente Muster zu erkennen und zu verändern.
Besonders profitieren können Läufer, die zu großen Schritten, hoher
Muskelspannung oder hartem Aufsetzen neigen. Auch für Marathon- und Ultraläufer,
bei denen Ökonomie über viele Stunden entscheidend ist, bietet der Ansatz
wertvolle Impulse.
Weniger geeignet ist ChiRunning als alleiniger Technikansatz für
leistungsorientierte Läufer im Bahn- oder Tempotraining. Hier spielen Kraft,
Reaktivität und aktive Hüftstreckung eine größere Rolle.
ChiRunning und klassische Lauftechnik im Vergleich
Körperhaltung und Rumpf
Sowohl ChiRunning als auch die
klassische Lauftechnik legen großen Wert auf eine stabile, aufrechte Haltung. In
der Leichtathletik wird diese Stabilität häufig über Spannung vermittelt,
insbesondere bei höheren Geschwindigkeiten.
ChiRunning setzt stärker auf
eine ökonomische Grundspannung, die über lange Zeit gehalten werden kann. Der
Fokus liegt weniger auf sichtbarer Kraft, mehr auf innerer Stabilität.
Vortrieb
In der klassischen Techniklehre
wird der Vortrieb aktiv erzeugt. Hüftstreckung, Abdruck und Armschwung spielen
eine zentrale Rolle.
ChiRunning beschreibt den
Vortrieb dagegen als Ergebnis von Haltung und Schwerkraft. Dieses Bild kann
helfen, unnötige Kraftarbeit zu reduzieren, ersetzt jedoch bei höherem Tempo
nicht den aktiven Krafteinsatz.
Schrittfrequenz und Schrittlänge
Beide Ansätze zielen auf einen
rhythmischen, kontrollierten Schritt ab. Während die Leichtathletik dies häufig
über Lauf-ABC und Technikdrills vermittelt, nutzt ChiRunning die Schrittfrequenz
als direktes Steuerungsinstrument.
Fußaufsatz
Weder ChiRunning noch die
moderne Trainingslehre schreiben einen festen Fußaufsatz vor. Entscheidend ist
die Landung nahe am Körperschwerpunkt. Ob Ferse, Mittel- oder Vorfuß zuerst den
Boden berührt, ist Ergebnis von Tempo, Körperbau und Technik.
Mentale Komponente
Hier unterscheidet sich
ChiRunning am deutlichsten. Achtsamkeit und bewusste Wahrnehmung sind integraler
Bestandteil der Methode. In der klassischen Vereinsarbeit spielen sie eine
untergeordnete Rolle.
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Typische Missverständnisse
ChiRunning bedeutet nicht automatisch Vorfußlauf. Es bedeutet auch nicht, ohne
Kraft zu laufen. Und es ist keine Methode ausschließlich für langsames Tempo.
Richtig verstanden ist ChiRunning ein Werkzeug, um ökonomischer zu laufen, nicht
um biomechanische Grundprinzipien außer Kraft zu setzen.
Technik ohne Dogma
ChiRunning wirkt auf den ersten Blick wie ein Gegenentwurf zur klassischen
Lauftechnik. Tatsächlich greift die Methode viele bekannte Prinzipien auf und
vermittelt sie in einer alltagstauglichen, leicht zugänglichen Form.
Die Leichtathletik liefert seit Jahrzehnten die biomechanischen Grundlagen.
ChiRunning übersetzt sie in eine Sprache, die viele Freizeitläufer erreicht.
Wer ChiRunning als allein seligmachende Technik versteht, greift zu kurz. Wer es
als Ergänzung nutzt, gewinnt.
Am Ende entscheidet nicht der Name der Methode, sondern das Ergebnis auf der
Strecke. Ein Laufstil, der effizient ist, dauerhaft gesund bleibt und Freude
macht. |
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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