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ChiRunning: Laufen mit Köpfchen oder nur ein neuer Name für alte Wahrheiten?
 
 
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05.02.2026  

 
 

 
ChiRunning: Entspannt laufen mit Köpfchen oder nur ein neuer Name für alte Wahrheiten?
 

Es ist Sonntagmorgen. Im Park zieht eine Trainingsgruppe ihre Runden. Der Rhythmus ist klar, die Arme arbeiten kontrolliert, der Schritt wirkt kraftvoll. Ein paar Meter weiter läuft jemand auffallend leise. Die Bewegung scheint mühelos, der Oberkörper leicht nach vorn geneigt, die Schultern locker, fast schwebend.
 
Was auf den ersten Blick wie ein individueller Stil wirkt, folgt einer klaren Methode: ChiRunning. Ein Laufkonzept, das verspricht, effizienter, entspannter und verletzungsärmer zu laufen, indem Technik, Körpergefühl und Achtsamkeit zusammengeführt werden.
 
Doch was steckt wirklich dahinter? Und wie unterscheidet sich ChiRunning von der klassischen Lauftechnik, wie sie in Vereinen und der Leichtathletik gelehrt wird?
 
Das Prinzip: Laufen aus der Körpermitte
 
ChiRunning wurde vom US-Amerikaner Danny Dreyer entwickelt und verbindet Lauftechnik mit Prinzipien aus dem Tai Chi. Der Ansatz versteht Laufen nicht als Kraftleistung der Beine, sondern als ganzheitliche Bewegung, bei der Haltung, Rumpfstabilität und Schwerkraft die entscheidenden Rollen spielen.
 
Im Zentrum steht eine saubere Körperausrichtung. Kopf, Schultern und Becken sollen stabil übereinander stehen. Spannung dort, wo sie gebraucht wird, vor allem im Rumpf, und Entspannung dort, wo sie stört, insbesondere in Schultern, Armen und Unterschenkeln.
 
Der Vortrieb entsteht nicht durch kräftiges Abdrücken, sondern durch eine minimale Vorlage aus dem Sprunggelenk. Der Läufer nutzt das eigene Körpergewicht, um nach vorn zu kommen. Die Beine übernehmen dabei eher eine mitführende als eine antreibende Funktion.
 
Ein weiteres Kernelement ist ein kürzerer Schritt. Der Fuß landet näher unter dem Körperschwerpunkt, wodurch Bremskräfte reduziert werden. Häufig geht dies mit einer etwas höheren Schrittfrequenz einher.
 
ChiRunning legt zudem großen Wert auf bewusste Wahrnehmung. Läufer sollen ihre Bewegung während des Laufens beobachten und aktiv korrigieren. Technik wird nicht einmal gelernt und dann vergessen, sondern dauerhaft überprüft.

Was verspricht ChiRunning?
 
Die Versprechen der Methode sind ambitioniert. Weniger Ermüdung, geringere Stoßbelastung, weniger Verletzungen und ein insgesamt leichteres Laufgefühl.
 
Ein Teil dieser Versprechen lässt sich biomechanisch nachvollziehen. Ein kürzerer Schritt reduziert die Bremswirkung beim Aufsetzen. Eine höhere Schrittfrequenz kann die Spitzenbelastungen auf Knie und Hüfte senken. Eine stabile Körpermitte entlastet die Peripherie.
 
Gleichzeitig gilt: ChiRunning ist keine Garantie für verletzungsfreies Laufen. Jede Veränderung der Lauftechnik verschiebt Belastungen. Wer Technik abrupt umstellt, riskiert Überlastungen, etwa an Waden oder Achillessehne.
 
Was sagt die Wissenschaft?
 
ChiRunning als geschützte Methode ist nur begrenzt wissenschaftlich untersucht. Die einzelnen Bausteine, auf denen die Methode basiert, sind jedoch gut erforscht.
 
Studien zeigen, dass eine Erhöhung der Schrittfrequenz bei gleichbleibendem Tempo häufig mit geringeren Stoßkräften einhergeht. Auch die Schrittlänge verkürzt sich, was das Überstriden reduziert. Diese Effekte gelten als potenziell günstig im Hinblick auf Überlastungsverletzungen.
 
Untersuchungen zur Kadenz-Umschulung zeigen zudem, dass sich solche Technikänderungen trainieren lassen, ohne die Laufökonomie zwangsläufig zu verschlechtern. Entscheidend ist eine schrittweise Anpassung.
 
Die wissenschaftliche Evidenz stützt somit zentrale Elemente von ChiRunning, nicht jedoch den Anspruch einer universellen Lösung für alle Läufer.
 
Einordnung aus Trainingssicht

Aus trainingspraktischer Perspektive ist ChiRunning vor allem als Lern- und Korrektursystem interessant. Es bietet klare innere Bilder und einfache Regeln, die Läufern helfen, ineffiziente Muster zu erkennen und zu verändern.
 
Besonders profitieren können Läufer, die zu großen Schritten, hoher Muskelspannung oder hartem Aufsetzen neigen. Auch für Marathon- und Ultraläufer, bei denen Ökonomie über viele Stunden entscheidend ist, bietet der Ansatz wertvolle Impulse.
 
Weniger geeignet ist ChiRunning als alleiniger Technikansatz für leistungsorientierte Läufer im Bahn- oder Tempotraining. Hier spielen Kraft, Reaktivität und aktive Hüftstreckung eine größere Rolle.
 
ChiRunning und klassische Lauftechnik im Vergleich
 
Körperhaltung und Rumpf
 
Sowohl ChiRunning als auch die klassische Lauftechnik legen großen Wert auf eine stabile, aufrechte Haltung. In der Leichtathletik wird diese Stabilität häufig über Spannung vermittelt, insbesondere bei höheren Geschwindigkeiten.
 
ChiRunning setzt stärker auf eine ökonomische Grundspannung, die über lange Zeit gehalten werden kann. Der Fokus liegt weniger auf sichtbarer Kraft, mehr auf innerer Stabilität.

Vortrieb
 
In der klassischen Techniklehre wird der Vortrieb aktiv erzeugt. Hüftstreckung, Abdruck und Armschwung spielen eine zentrale Rolle.
 
ChiRunning beschreibt den Vortrieb dagegen als Ergebnis von Haltung und Schwerkraft. Dieses Bild kann helfen, unnötige Kraftarbeit zu reduzieren, ersetzt jedoch bei höherem Tempo nicht den aktiven Krafteinsatz.
 
Schrittfrequenz und Schrittlänge
 
Beide Ansätze zielen auf einen rhythmischen, kontrollierten Schritt ab. Während die Leichtathletik dies häufig über Lauf-ABC und Technikdrills vermittelt, nutzt ChiRunning die Schrittfrequenz als direktes Steuerungsinstrument.
 
Fußaufsatz
 
Weder ChiRunning noch die moderne Trainingslehre schreiben einen festen Fußaufsatz vor. Entscheidend ist die Landung nahe am Körperschwerpunkt. Ob Ferse, Mittel- oder Vorfuß zuerst den Boden berührt, ist Ergebnis von Tempo, Körperbau und Technik.
 
Mentale Komponente
 
Hier unterscheidet sich ChiRunning am deutlichsten. Achtsamkeit und bewusste Wahrnehmung sind integraler Bestandteil der Methode. In der klassischen Vereinsarbeit spielen sie eine untergeordnete Rolle.
 
 
    Typische Missverständnisse
 

ChiRunning bedeutet nicht automatisch Vorfußlauf. Es bedeutet auch nicht, ohne Kraft zu laufen. Und es ist keine Methode ausschließlich für langsames Tempo.
 
Richtig verstanden ist ChiRunning ein Werkzeug, um ökonomischer zu laufen, nicht um biomechanische Grundprinzipien außer Kraft zu setzen.
 
Technik ohne Dogma
 
ChiRunning wirkt auf den ersten Blick wie ein Gegenentwurf zur klassischen Lauftechnik. Tatsächlich greift die Methode viele bekannte Prinzipien auf und vermittelt sie in einer alltagstauglichen, leicht zugänglichen Form.
 
Die Leichtathletik liefert seit Jahrzehnten die biomechanischen Grundlagen. ChiRunning übersetzt sie in eine Sprache, die viele Freizeitläufer erreicht.
 
Wer ChiRunning als allein seligmachende Technik versteht, greift zu kurz. Wer es als Ergänzung nutzt, gewinnt.
 
Am Ende entscheidet nicht der Name der Methode, sondern das Ergebnis auf der Strecke. Ein Laufstil, der effizient ist, dauerhaft gesund bleibt und Freude macht.

 

 


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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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