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Laufen als Lebensstil: Fluch oder Segen? Wenn Training zur Identität wird |
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Laufen als Lebensstil: Fluch
oder Segen?
Wenn Training zur Identität wird
Es beginnt oft harmlos. Ein Paar Laufschuhe, ein Plan für drei Einheiten pro
Woche, vielleicht ein Ziel in ein paar Monaten. Dann passiert etwas, das viele
Läufer kennen: Aus "Ich gehe laufen" wird "Ich bin Läufer". Das kann beflügeln.
Es kann aber auch fesseln.
Sobald Training zur Identität wird, verschiebt sich der Maßstab. Es geht nicht
mehr nur darum, ob ein Lauf gut tut, sondern ob er gut tut, weil er getan werden
muss. Genau an dieser Grenze entscheidet sich, ob Laufen als Lebensstil Segen
ist oder Fluch.
Der Segen: Warum Laufen als Lebensstil so stark machen kann
Ein Lebensstil trägt weiter als
ein Trainingsplan. Er wirkt auch dann, wenn Motivation schwankt. Wer Laufen fest
im Alltag verankert, profitiert von Struktur, Verlässlichkeit und einem Gefühl
von Kontrolle.
Internationale
Bewegungsempfehlungen stützen diesen Ansatz. Die Weltgesundheitsorganisation rät
Erwachsenen zu 150 bis 300 Minuten moderater Ausdaueraktivität pro Woche oder
alternativ zu 75 bis 150 Minuten intensiver Belastung, ergänzt durch
Krafttraining. Für viele Menschen ist Laufen der niedrigschwelligste Weg, diese
Empfehlungen umzusetzen.
Der besondere Reiz liegt in der
Einfachheit. Kein Studio, keine Öffnungszeiten, wenig Ausrüstung, klare
Messbarkeit. Regelmäßiges Laufen fördert nicht nur die körperliche Fitness,
sondern auch das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Viele berichten von
besserer Stressregulation, stabilerem Schlaf und einem strukturierteren Alltag.
Doch jeder Segen hat eine
Kehrseite.
Wenn Identität zu eng wird
Problematisch wird Laufen
selten durch den Umfang allein. Kritisch wird es, wenn Training nicht mehr
Ausdruck einer bewussten Entscheidung ist, sondern Voraussetzung für innere
Ruhe. Wenn ein Ruhetag Schuldgefühle auslöst. Wenn Uhr, Pace und Kilometer über
den Wert eines Tages bestimmen.
In der sportwissenschaftlichen
Literatur wird in diesem Zusammenhang häufig von einem erhöhten Risiko für
Trainingsabhängigkeit gesprochen. Studien mit ambitionierten Freizeitläufern
zeigen, dass ein relevanter Teil der Befragten entsprechende Risikomerkmale
aufweist. Wichtig ist jedoch die Einordnung: Trainingsabhängigkeit ist keine
klar definierte klinische Diagnose, sondern ein Beschreibungsmuster für
problematisches Verhalten rund um Sport.
Genau diese Grauzone macht das
Thema heikel. Es gibt keine eindeutige Grenze. Stattdessen zeigen sich typische
Muster wie Kontrollverlust, Training trotz gesundheitlicher Schäden oder
zunehmende Konflikte im sozialen Umfeld.
Der Körper als Mahner
Der Lauf-Lebensstil wird häufig
mit Härte gleichgesetzt. Tatsächlich ist Anpassungsfähigkeit entscheidender als
Durchhaltevermögen. Muskeln, Sehnen, Knochen und Bindegewebe reagieren auf
Belastung nur dann positiv, wenn Reize und Erholung im Gleichgewicht stehen.
Verletzungsstatistiken zeigen,
dass insbesondere schlecht gesteuerte Belastung ein Risiko darstellt. Einsteiger
und ambitionierte Läufer mit schnell steigenden Umfängen sind deutlich häufiger
betroffen als erfahrene Läufer mit stabiler Trainingsstruktur.
Problematisch wird es, wenn
Verletzungen nicht als Warnsignal verstanden werden, sondern als Angriff auf das
eigene Selbstbild. Wer sich stark über das Laufen definiert, neigt eher dazu,
Schmerzen zu relativieren oder zu ignorieren.
Wenn Erholung zur Schwäche erklärt wird
Ein weiteres Warnsignal ist der
Umgang mit Müdigkeit. Sportmedizinisch wird zwischen kurzfristiger Überlastung
mit anschließender Leistungssteigerung und länger anhaltenden
Erschöpfungszuständen unterschieden. Letztere entstehen meist durch die
Kombination aus Trainingsstress und Alltagsbelastung.
Typische Symptome sind
anhaltende Müdigkeit, Schlafprobleme, Reizbarkeit und Leistungsabfall. Paradox
ist, dass gerade dann häufig der Impuls entsteht, noch mehr zu trainieren. Wer
Laufen als Identität lebt, interpretiert diese Signale nicht selten moralisch
statt physiologisch.
Der entscheidende Prüfstein
Die zentrale Frage lautet
nicht: Wie viel wird gelaufen?
Sondern: Erweitert Laufen das
Leben oder verengt es das Leben?
Segen ist es, wenn Laufen
Energie gibt, Beziehungen ergänzt und Flexibilität zulässt. Problematisch wird
es, wenn Training über Selbstwert und Stimmung entscheidet oder dauerhaft zu
Konflikten führt.
Sieben Fragen zur Selbstreflexion
| 1. |
Wird ein Ruhetag als
Erholung oder als Bedrohung empfunden? |
| 2. |
Wird trotz klarer
Schmerzen trainiert? |
| 3. |
Gibt es das Bedürfnis,
ausgefallene Einheiten heimlich nachzuholen? |
| 4. |
Bestimmt das Training die
gesamte Wochenplanung? |
| 5. |
Kommt es regelmäßig zu
Konflikten wegen Laufprioritäten? |
| 6. |
Wird Essen stark
moralisiert im Zusammenhang mit Training? |
| 7. |
Sinkt die Motivation
deutlich, wenn ohne Uhr oder Leistungsdaten gelaufen wird? |
Mehrere bejahte Fragen sind kein Urteil, sondern ein Hinweis.
Wege zurück zur Balance
Ein bewusster Umgang mit
Identität hilft, die positiven Seiten des Laufens zu bewahren.
Leistungsziele sollten durch
Lebensziele ergänzt werden, etwa langfristige Gesundheit oder
Verletzungsfreiheit. Erholung sollte als aktiver Bestandteil des Trainings
verstanden werden, nicht als Unterbrechung. Eine breitere Selbstbeschreibung
jenseits des Läuferdaseins schafft Stabilität.
Hilfreich kann auch ein
regelmäßiger Lauf ohne Messung sein, frei von Pace, Zeit und Bewertung. Und
nicht zuletzt gilt: Unterstützung zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche,
sondern von Verantwortung.
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Laufen als Lebensstil ist dann ein Segen, wenn es Freiheit schafft, nicht wenn
es zur Bedingung dafür wird. Training darf fordern, aber es sollte nicht über
den eigenen Wert entscheiden.
Wer aufmerksam bleibt für die leisen Signale von Körper und Kopf, kann das
Laufen langfristig genießen. Nicht als Pflicht, sondern als das, was es im
besten Fall ist: ein verlässlicher Begleiter durchs Leben. |
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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