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Laufen als Lebensstil: Fluch oder Segen? Wenn Training zur Identität wird
 
 
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07.02.2026  

 
 

 
Laufen als Lebensstil: Fluch oder Segen?
Wenn Training zur Identität wird

 
Es beginnt oft harmlos. Ein Paar Laufschuhe, ein Plan für drei Einheiten pro Woche, vielleicht ein Ziel in ein paar Monaten. Dann passiert etwas, das viele Läufer kennen: Aus "Ich gehe laufen" wird "Ich bin Läufer". Das kann beflügeln. Es kann aber auch fesseln.
 
Sobald Training zur Identität wird, verschiebt sich der Maßstab. Es geht nicht mehr nur darum, ob ein Lauf gut tut, sondern ob er gut tut, weil er getan werden muss. Genau an dieser Grenze entscheidet sich, ob Laufen als Lebensstil Segen ist oder Fluch.

Der Segen: Warum Laufen als Lebensstil so stark machen kann
 
Ein Lebensstil trägt weiter als ein Trainingsplan. Er wirkt auch dann, wenn Motivation schwankt. Wer Laufen fest im Alltag verankert, profitiert von Struktur, Verlässlichkeit und einem Gefühl von Kontrolle.
 
Internationale Bewegungsempfehlungen stützen diesen Ansatz. Die Weltgesundheitsorganisation rät Erwachsenen zu 150 bis 300 Minuten moderater Ausdaueraktivität pro Woche oder alternativ zu 75 bis 150 Minuten intensiver Belastung, ergänzt durch Krafttraining. Für viele Menschen ist Laufen der niedrigschwelligste Weg, diese Empfehlungen umzusetzen.

Der besondere Reiz liegt in der Einfachheit. Kein Studio, keine Öffnungszeiten, wenig Ausrüstung, klare Messbarkeit. Regelmäßiges Laufen fördert nicht nur die körperliche Fitness, sondern auch das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Viele berichten von besserer Stressregulation, stabilerem Schlaf und einem strukturierteren Alltag.

Doch jeder Segen hat eine Kehrseite.
 
Wenn Identität zu eng wird

Problematisch wird Laufen selten durch den Umfang allein. Kritisch wird es, wenn Training nicht mehr Ausdruck einer bewussten Entscheidung ist, sondern Voraussetzung für innere Ruhe. Wenn ein Ruhetag Schuldgefühle auslöst. Wenn Uhr, Pace und Kilometer über den Wert eines Tages bestimmen.
 
In der sportwissenschaftlichen Literatur wird in diesem Zusammenhang häufig von einem erhöhten Risiko für Trainingsabhängigkeit gesprochen. Studien mit ambitionierten Freizeitläufern zeigen, dass ein relevanter Teil der Befragten entsprechende Risikomerkmale aufweist. Wichtig ist jedoch die Einordnung: Trainingsabhängigkeit ist keine klar definierte klinische Diagnose, sondern ein Beschreibungsmuster für problematisches Verhalten rund um Sport.
 
Genau diese Grauzone macht das Thema heikel. Es gibt keine eindeutige Grenze. Stattdessen zeigen sich typische Muster wie Kontrollverlust, Training trotz gesundheitlicher Schäden oder zunehmende Konflikte im sozialen Umfeld.
 
Der Körper als Mahner

Der Lauf-Lebensstil wird häufig mit Härte gleichgesetzt. Tatsächlich ist Anpassungsfähigkeit entscheidender als Durchhaltevermögen. Muskeln, Sehnen, Knochen und Bindegewebe reagieren auf Belastung nur dann positiv, wenn Reize und Erholung im Gleichgewicht stehen.
 
Verletzungsstatistiken zeigen, dass insbesondere schlecht gesteuerte Belastung ein Risiko darstellt. Einsteiger und ambitionierte Läufer mit schnell steigenden Umfängen sind deutlich häufiger betroffen als erfahrene Läufer mit stabiler Trainingsstruktur.
 
Problematisch wird es, wenn Verletzungen nicht als Warnsignal verstanden werden, sondern als Angriff auf das eigene Selbstbild. Wer sich stark über das Laufen definiert, neigt eher dazu, Schmerzen zu relativieren oder zu ignorieren.
 
Wenn Erholung zur Schwäche erklärt wird
 
Ein weiteres Warnsignal ist der Umgang mit Müdigkeit. Sportmedizinisch wird zwischen kurzfristiger Überlastung mit anschließender Leistungssteigerung und länger anhaltenden Erschöpfungszuständen unterschieden. Letztere entstehen meist durch die Kombination aus Trainingsstress und Alltagsbelastung.
 
Typische Symptome sind anhaltende Müdigkeit, Schlafprobleme, Reizbarkeit und Leistungsabfall. Paradox ist, dass gerade dann häufig der Impuls entsteht, noch mehr zu trainieren. Wer Laufen als Identität lebt, interpretiert diese Signale nicht selten moralisch statt physiologisch.

Der entscheidende Prüfstein
 
Die zentrale Frage lautet nicht: Wie viel wird gelaufen?
 
Sondern: Erweitert Laufen das Leben oder verengt es das Leben?
 
Segen ist es, wenn Laufen Energie gibt, Beziehungen ergänzt und Flexibilität zulässt. Problematisch wird es, wenn Training über Selbstwert und Stimmung entscheidet oder dauerhaft zu Konflikten führt.
 
Sieben Fragen zur Selbstreflexion
 
1. Wird ein Ruhetag als Erholung oder als Bedrohung empfunden?
2. Wird trotz klarer Schmerzen trainiert?
3. Gibt es das Bedürfnis, ausgefallene Einheiten heimlich nachzuholen?
4. Bestimmt das Training die gesamte Wochenplanung?
5. Kommt es regelmäßig zu Konflikten wegen Laufprioritäten?
6.  Wird Essen stark moralisiert im Zusammenhang mit Training?
7. Sinkt die Motivation deutlich, wenn ohne Uhr oder Leistungsdaten gelaufen wird?
 
Mehrere bejahte Fragen sind kein Urteil, sondern ein Hinweis.

Wege zurück zur Balance
 
Ein bewusster Umgang mit Identität hilft, die positiven Seiten des Laufens zu bewahren.
 
Leistungsziele sollten durch Lebensziele ergänzt werden, etwa langfristige Gesundheit oder Verletzungsfreiheit. Erholung sollte als aktiver Bestandteil des Trainings verstanden werden, nicht als Unterbrechung. Eine breitere Selbstbeschreibung jenseits des Läuferdaseins schafft Stabilität.
 
Hilfreich kann auch ein regelmäßiger Lauf ohne Messung sein, frei von Pace, Zeit und Bewertung. Und nicht zuletzt gilt: Unterstützung zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung.
 
 
    Laufen als Lebensstil ist dann ein Segen, wenn es Freiheit schafft, nicht wenn es zur Bedingung dafür wird. Training darf fordern, aber es sollte nicht über den eigenen Wert entscheiden.
 
Wer aufmerksam bleibt für die leisen Signale von Körper und Kopf, kann das Laufen langfristig genießen. Nicht als Pflicht, sondern als das, was es im besten Fall ist: ein verlässlicher Begleiter durchs Leben.


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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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