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Allyson Felix: Wie eine Läuferin eine ganze Industrie veränderte |
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Allyson Felix mit Ihrer eigenen
Schuhmarke "SAYSH" |
Allyson Felix: Wie eine Läuferin eine ganze Industrie veränderte
Als Allyson Felix 2018 erfuhr,
dass sie Mutter werden würde, stand sie vor einer Entscheidung, die weit über
ihren eigenen Karriereweg hinaus Wirkung entfalten sollte. Die damals bereits
mehrfach dekorierte Olympiasiegerin und eine der erfolgreichsten Sprinterinnen
der Geschichte befand sich sportlich weiterhin auf höchstem Niveau. Gleichzeitig
merkte sie, wie wenig Platz Mutterschaft im professionellen Leistungssport lange
hatte, selbst für Athletinnen, die alles gewonnen hatten. Was folgte, war kein
leiser Rückzug und kein pragmatischer Kompromiss. Es wurde eine Geschichte über
Haltung, Selbstführung und strukturellen Wandel.
Felix' Erfahrung machte sichtbar, was viele Athletinnen zuvor nur hinter
verschlossenen Türen erlebten. Schwangerschaft war im Spitzensport noch immer
ein Thema, über das man lieber nicht sprach. Sie wurde nicht als Teil einer
Lebensrealität betrachtet, sondern als Störfaktor in einem System, das auf
Verfügbarkeit, Verwertbarkeit und sofortige Ergebnisse ausgerichtet ist.
Der Vertrag, der alles änderte
Über Jahre hinweg war Allyson
Felix eines der bekanntesten Gesichter im Athletenportfolio von Nike. Sie war
Werbeträgerin, Vorbild und sportliche Konstante. Als sie 2018 schwanger wurde,
begannen neue Vertragsverhandlungen. Dabei erhielt sie ein Angebot, das eine
Kürzung der Bezüge um bis zu 70 Prozent vorsah. Vor allem aber fehlte eine
verbindliche Zusage, dass sie nach der Geburt nicht zusätzlich finanziell
bestraft würde, falls ihre Leistung vorübergehend nachließe.
Schwangerschaft galt in vielen
Sponsorenverträgen als Leistungsrisiko. Solche Klauseln waren in der Branche
nicht ungewöhnlich und betrafen ausschließlich Frauen. Für Felix bedeutete das,
dass ein biologischer Lebensabschnitt plötzlich als wirtschaftliche Unsicherheit
bewertet wurde, unabhängig von ihrer bisherigen Karriere und ihren Erfolgen.
Für viele Athletinnen war das
Alltag. Die meisten unterschrieben, weil Alternativen fehlten oder weil die
Angst vor dem Verlust der Existenzgrundlage überwog. Öffentlich darüber zu
sprechen, galt als riskant. Wer Sponsoren kritisierte, musste damit rechnen, als
schwierig zu gelten und aus dem System zu fallen.
Allyson Felix entschied sich
bewusst gegen diesen Reflex. Sie unterschrieb nicht und sie schwieg nicht. Im
Mai 2019 veröffentlichte sie in der New York Times einen Meinungsbeitrag, in dem
sie ihre Situation schilderte und die strukturellen Probleme benannte. Der Text
löste weltweit Diskussionen über Schwangerschaft, Gleichberechtigung und
Vertragsbedingungen im Profisport aus.
Kurz darauf trennte sich Felix
von Nike. Sie war hochschwanger, ohne Sponsor und ohne Ausrüster. Ausgerechnet
in einer Phase, in der finanzielle Sicherheit für die meisten Sportlerinnen und
Sportler zur wichtigsten Trainingsgrundlage gehört.
Saysh: Kontrolle zurückholen
Anstatt auf einen neuen
Großsponsor zu warten, wählte Felix einen ungewöhnlichen Weg. Gemeinsam mit
ihrem Bruder Wes gründete sie ihre eigene Schuhmarke Saysh. Der Ansatz war
bewusst grundlegend. Die Schuhe sollten von Anfang an für Frauen entwickelt
werden. Nicht als verkleinerte Version eines Männermodells, sondern auf Basis
weiblicher Fußformen, Bewegungsmuster und typischer Belastungen.
Damit traf Felix einen Punkt,
der in vielen Sportarten lange unterschätzt wurde. Frauenprodukte entstanden
häufig aus Anpassung, nicht aus echter Neuentwicklung. Wer im Leistungssport
unterwegs ist, weiß jedoch, dass Millimeter über Druckstellen entscheiden und
dass ein stabiler Sitz über Vertrauen entscheidet. Saysh sollte diese Lücke
schließen und zugleich ein Signal senden. Athletinnen müssen nicht dankbar sein,
wenn ihnen ein Platz am Tisch angeboten wird. Sie können selbst den Tisch bauen.
Tokio wurde zur Bühne. Bei den
Olympischen Spielen 2021 trat Felix in eigenen Spikes an und gewann Bronze über
400 Meter sowie Gold mit der 4 x 400 Meter Staffel. Es waren ihre letzten
Olympischen Medaillen. Gleichzeitig waren es die ersten, die je eine
Leichtathletin in Wettkampfschuhen einer von ihr mitgegründeten Marke gewann.
Was sich danach veränderte
Der sportliche Erfolg verlieh
ihrer Geschichte zusätzliche Wucht, doch der entscheidende Effekt lag neben der
Bahn. Im August 2019 berichteten mehrere Medien, Nike habe seine Regeln
angepasst und zugesichert, dass bei gesponserten Athletinnen rund um
Schwangerschaft und Geburt für einen festgelegten Zeitraum keine
leistungsbezogenen Kürzungen greifen sollen. Häufig wird in diesem Zusammenhang
eine Schutzfrist von 18 Monaten genannt.
Auch wenn nicht jede
Vertragsklausel öffentlich ist, war die Signalwirkung klar. Ein Marktführer
reagierte unter öffentlichem Druck und musste anerkennen, dass Mutterschaft und
sportliche Höchstleistung kein Widerspruch sind. Andere Ausrüster und
Organisationen gerieten damit ebenfalls unter Erwartungsdruck, ihre Bedingungen
zu überprüfen.
Warum bleibt diese Geschichte
so stark, auch für Menschen, die mit Leistungssport wenig zu tun haben. Weil sie
zeigt, wie Veränderung oft entsteht. Nicht durch ein perfektes Timing, sondern
durch eine Entscheidung, die unbequem ist. Felix hat nicht nur Medaillen
gewonnen. Sie hat ihre Stimme genutzt, als Schweigen einfacher gewesen wäre.
Für Läuferinnen und Läufer
liegt darin ein vertrauter Kern. Training heißt, langfristig zu denken,
Rückschläge zu akzeptieren und dennoch den nächsten Schritt zu gehen. Manchmal
ist genau dieser nächste Schritt kein Tempowechsel auf der Bahn, sondern eine
klare Haltung außerhalb davon. Und manchmal verändert eine einzelne Stimme nicht
nur eine Karriere, sondern ein ganzes System.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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