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Allyson Felix: Wie eine Läuferin eine ganze Industrie veränderte
 
 
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08.02.2026  

 
 

Allyson Felix mit Ihrer eigenen Schuhmarke "SAYSH"
 
Allyson Felix: Wie eine Läuferin eine ganze Industrie veränderte

 
Als Allyson Felix 2018 erfuhr, dass sie Mutter werden würde, stand sie vor einer Entscheidung, die weit über ihren eigenen Karriereweg hinaus Wirkung entfalten sollte. Die damals bereits mehrfach dekorierte Olympiasiegerin und eine der erfolgreichsten Sprinterinnen der Geschichte befand sich sportlich weiterhin auf höchstem Niveau. Gleichzeitig merkte sie, wie wenig Platz Mutterschaft im professionellen Leistungssport lange hatte, selbst für Athletinnen, die alles gewonnen hatten. Was folgte, war kein leiser Rückzug und kein pragmatischer Kompromiss. Es wurde eine Geschichte über Haltung, Selbstführung und strukturellen Wandel.

Felix' Erfahrung machte sichtbar, was viele Athletinnen zuvor nur hinter verschlossenen Türen erlebten. Schwangerschaft war im Spitzensport noch immer ein Thema, über das man lieber nicht sprach. Sie wurde nicht als Teil einer Lebensrealität betrachtet, sondern als Störfaktor in einem System, das auf Verfügbarkeit, Verwertbarkeit und sofortige Ergebnisse ausgerichtet ist.

Der Vertrag, der alles änderte
 
Über Jahre hinweg war Allyson Felix eines der bekanntesten Gesichter im Athletenportfolio von Nike. Sie war Werbeträgerin, Vorbild und sportliche Konstante. Als sie 2018 schwanger wurde, begannen neue Vertragsverhandlungen. Dabei erhielt sie ein Angebot, das eine Kürzung der Bezüge um bis zu 70 Prozent vorsah. Vor allem aber fehlte eine verbindliche Zusage, dass sie nach der Geburt nicht zusätzlich finanziell bestraft würde, falls ihre Leistung vorübergehend nachließe.
 
Schwangerschaft galt in vielen Sponsorenverträgen als Leistungsrisiko. Solche Klauseln waren in der Branche nicht ungewöhnlich und betrafen ausschließlich Frauen. Für Felix bedeutete das, dass ein biologischer Lebensabschnitt plötzlich als wirtschaftliche Unsicherheit bewertet wurde, unabhängig von ihrer bisherigen Karriere und ihren Erfolgen.
 
Für viele Athletinnen war das Alltag. Die meisten unterschrieben, weil Alternativen fehlten oder weil die Angst vor dem Verlust der Existenzgrundlage überwog. Öffentlich darüber zu sprechen, galt als riskant. Wer Sponsoren kritisierte, musste damit rechnen, als schwierig zu gelten und aus dem System zu fallen.
 
Allyson Felix entschied sich bewusst gegen diesen Reflex. Sie unterschrieb nicht und sie schwieg nicht. Im Mai 2019 veröffentlichte sie in der New York Times einen Meinungsbeitrag, in dem sie ihre Situation schilderte und die strukturellen Probleme benannte. Der Text löste weltweit Diskussionen über Schwangerschaft, Gleichberechtigung und Vertragsbedingungen im Profisport aus.
 
Kurz darauf trennte sich Felix von Nike. Sie war hochschwanger, ohne Sponsor und ohne Ausrüster. Ausgerechnet in einer Phase, in der finanzielle Sicherheit für die meisten Sportlerinnen und Sportler zur wichtigsten Trainingsgrundlage gehört.
 
Saysh: Kontrolle zurückholen
 
Anstatt auf einen neuen Großsponsor zu warten, wählte Felix einen ungewöhnlichen Weg. Gemeinsam mit ihrem Bruder Wes gründete sie ihre eigene Schuhmarke Saysh. Der Ansatz war bewusst grundlegend. Die Schuhe sollten von Anfang an für Frauen entwickelt werden. Nicht als verkleinerte Version eines Männermodells, sondern auf Basis weiblicher Fußformen, Bewegungsmuster und typischer Belastungen.
 
Damit traf Felix einen Punkt, der in vielen Sportarten lange unterschätzt wurde. Frauenprodukte entstanden häufig aus Anpassung, nicht aus echter Neuentwicklung. Wer im Leistungssport unterwegs ist, weiß jedoch, dass Millimeter über Druckstellen entscheiden und dass ein stabiler Sitz über Vertrauen entscheidet. Saysh sollte diese Lücke schließen und zugleich ein Signal senden. Athletinnen müssen nicht dankbar sein, wenn ihnen ein Platz am Tisch angeboten wird. Sie können selbst den Tisch bauen.
 
Tokio wurde zur Bühne. Bei den Olympischen Spielen 2021 trat Felix in eigenen Spikes an und gewann Bronze über 400 Meter sowie Gold mit der 4 x 400 Meter Staffel. Es waren ihre letzten Olympischen Medaillen. Gleichzeitig waren es die ersten, die je eine Leichtathletin in Wettkampfschuhen einer von ihr mitgegründeten Marke gewann.
 
Was sich danach veränderte
 
Der sportliche Erfolg verlieh ihrer Geschichte zusätzliche Wucht, doch der entscheidende Effekt lag neben der Bahn. Im August 2019 berichteten mehrere Medien, Nike habe seine Regeln angepasst und zugesichert, dass bei gesponserten Athletinnen rund um Schwangerschaft und Geburt für einen festgelegten Zeitraum keine leistungsbezogenen Kürzungen greifen sollen. Häufig wird in diesem Zusammenhang eine Schutzfrist von 18 Monaten genannt.
 
Auch wenn nicht jede Vertragsklausel öffentlich ist, war die Signalwirkung klar. Ein Marktführer reagierte unter öffentlichem Druck und musste anerkennen, dass Mutterschaft und sportliche Höchstleistung kein Widerspruch sind. Andere Ausrüster und Organisationen gerieten damit ebenfalls unter Erwartungsdruck, ihre Bedingungen zu überprüfen.
 
Warum bleibt diese Geschichte so stark, auch für Menschen, die mit Leistungssport wenig zu tun haben. Weil sie zeigt, wie Veränderung oft entsteht. Nicht durch ein perfektes Timing, sondern durch eine Entscheidung, die unbequem ist. Felix hat nicht nur Medaillen gewonnen. Sie hat ihre Stimme genutzt, als Schweigen einfacher gewesen wäre.
 
Für Läuferinnen und Läufer liegt darin ein vertrauter Kern. Training heißt, langfristig zu denken, Rückschläge zu akzeptieren und dennoch den nächsten Schritt zu gehen. Manchmal ist genau dieser nächste Schritt kein Tempowechsel auf der Bahn, sondern eine klare Haltung außerhalb davon. Und manchmal verändert eine einzelne Stimme nicht nur eine Karriere, sondern ein ganzes System.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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