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Paula Radcliffe: Das Ende eines Tabus im Ausdauersport
 
 
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10.02.2026  

 
 

 
Paula Radcliffe: Das Ende eines Tabus im Ausdauersport

 
Wer Paula Radcliffe heute sieht, sieht oft zuerst die Zahl. 2:15:25. Eine Zeit, die den Frauenmarathon über Jahre definierte und die noch immer als Referenz dient, wenn es um den Mut zum Risiko und um kompromisslose Tempohärte geht. Doch Radcliffes bleibende Wirkung hat eine zweite Ebene. Sie hat früh über Themen gesprochen, die im Ausdauersport lange als privat galten. Menstruation, Schmerzen, Energiehaushalt, Körperbilder, der Druck, immer verfügbar und immer leistungsfähig zu sein. Genau diese Offenheit hat dazu beigetragen, dass physiologische Realität nicht länger als Randnotiz behandelt wird.
 
Eine Weltrekordläuferin, die nicht nur über Zeiten redete
 
Radcliffe war nicht die erste Frau, die auf höchstem Niveau gewann. Sie war aber eine der ersten global sichtbaren Marathonstars, die nicht nur über Trainingskilometer und Splitzeiten sprach, sondern über das, was im Körper passiert, wenn Leistung, Hormone, Alltag und Erwartungshaltung aufeinandertreffen.
 
Ein oft zitierter Punkt ist ihr Weltrekordlauf beim Chicago Marathon 2002. Radcliffe gewann und lief Weltrekord, obwohl sie später über starke Periodenkrämpfe sprach, die sie im letzten Renndrittel belasteten. Das war für viele Läuferinnen keine Überraschung, aber für die Öffentlichkeit ein Perspektivwechsel. Plötzlich stand da nicht nur die Ikone, sondern eine Athletin, die etwas Alltägliches aussprach, das sonst verschwiegen wurde.
 
Diese Schilderungen wurden Jahre später immer wieder aufgegriffen, auch von Laufveranstaltern in ihren Trainingsmaterialien, weil sie zeigen, dass Zyklusbeschwerden Leistung beeinflussen können, aber nicht zwangsläufig verhindern. Gleichzeitig machte Radcliffe damit sichtbar, wie wenig selbstverständlich es für Sportlerinnen war, solche Faktoren überhaupt in Trainingsplänen, Betreuung und Kommunikation mitzudenken.
 
Das Tabu Menstruation und warum es so lange hielt
 
Dass Menstruation im Sport so lange kaum vorkam, hatte weniger mit Medizin zu tun als mit Kultur. In vielen Trainingsgruppen waren Trainerteams jahrzehntelang überwiegend männlich. Athletinnen lernten früh, Beschwerden zu relativieren, um nicht als verletzlich zu gelten. Dazu kam die simple Logik des Wettkampfs. Wer öffentlich über Schmerzen spricht, liefert vermeintlich eine Erklärung, die als Ausrede gelesen werden könnte.
 
Radcliffe wählte eine andere Haltung. Sie erklärte körperliche Prozesse nicht als Entschuldigung, sondern als Teil professioneller Leistung. Das ist ein entscheidender Unterschied. Es öffnet die Tür zu sinnvoller Planung, zu Kommunikation im Betreuerstab und zu einem sportmedizinischen Blick, der Frauen nicht als Abweichung vom männlichen Standard behandelt.
 
In einem Podcast Gespräch mit ihrer früheren Universität Loughborough sprach Radcliffe auch über persönliche Erfahrungen mit Menstruation und Schwangerschaft als Athletin. Dass solche Inhalte heute in offiziellen Alumni Formaten auftauchen, zeigt, wie sehr sich der Rahmen verändert hat. Noch vor wenigen Jahren wären solche Themen in vielen Medienformaten schlicht nicht vorgekommen.
 
Wenn Leistung zur Pflicht wird

Radcliffe stand über viele Jahre im Zentrum einer Erwartungsmaschine. Medien, Sponsoren, nationale Hoffnung, die eigene innere Messlatte. Der Marathon ist dabei ein besonderer Verstärker. Er ist nicht nur ein Rennen, sondern ein Mythos. Wer Marathon läuft, gilt als jemand, der durchhält. Und wer Weltrekord läuft, gilt als jemand, der über allem steht.
 
Radcliffe hat diesen Mythos nie romantisiert. Nach Rückschlägen sprach sie über Druck, über das Gefühl, Menschen enttäuscht zu haben, und über die Wucht öffentlicher Erwartungen. Gerade nach den Olympischen Spielen 2004 wurde sichtbar, wie hart der Umgang mit Niederlagen im Spitzensport sein kann. Ihre Bereitschaft, sich trotzdem zu äußern, war für viele Athletinnen und Athleten ein Signal. Man kann über Belastung sprechen, ohne schwach zu sein.
 
Was das für den Laufsport bedeutet
 
Radcliffes Offenheit fällt in eine Zeit, in der sich der Sport Schritt für Schritt professionalisierte. Heute sind Begriffe wie Zyklus Tracking, Energieverfügbarkeit oder Relative Energy Deficiency in Sport in vielen Teams bekannt. Gleichzeitig sind sie im Breitensport angekommen. Lauftrainer, Ärztinnen, Ernährungsberater und Sportpsychologen sprechen heute selbstverständlich über Themen, die früher in der Umkleide endeten.
 
Radcliffe ist nicht allein verantwortlich für diesen Wandel, aber sie ist eine wichtige Figur darin. Ihre Sichtbarkeit gab dem Thema Gewicht. Wenn eine Weltrekordlerin sagt, dass Periodenbeschwerden existieren und dass sie im Wettkampf eine Rolle spielen können, dann wird aus einem privaten Problem eine fachliche Frage.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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