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Paula Radcliffe: Das Ende eines Tabus im Ausdauersport |
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Paula Radcliffe: Das Ende eines Tabus im Ausdauersport
Wer Paula Radcliffe heute
sieht, sieht oft zuerst die Zahl. 2:15:25. Eine Zeit, die den Frauenmarathon
über Jahre definierte und die noch immer als Referenz dient, wenn es um den Mut
zum Risiko und um kompromisslose Tempohärte geht. Doch Radcliffes bleibende
Wirkung hat eine zweite Ebene. Sie hat früh über Themen gesprochen, die im
Ausdauersport lange als privat galten. Menstruation, Schmerzen, Energiehaushalt,
Körperbilder, der Druck, immer verfügbar und immer leistungsfähig zu sein. Genau
diese Offenheit hat dazu beigetragen, dass physiologische Realität nicht länger
als Randnotiz behandelt wird.
Eine Weltrekordläuferin, die nicht nur über Zeiten redete
Radcliffe war nicht die erste
Frau, die auf höchstem Niveau gewann. Sie war aber eine der ersten global
sichtbaren Marathonstars, die nicht nur über Trainingskilometer und Splitzeiten
sprach, sondern über das, was im Körper passiert, wenn Leistung, Hormone, Alltag
und Erwartungshaltung aufeinandertreffen.
Ein oft zitierter Punkt ist ihr
Weltrekordlauf beim Chicago Marathon 2002. Radcliffe gewann und lief Weltrekord,
obwohl sie später über starke Periodenkrämpfe sprach, die sie im letzten
Renndrittel belasteten. Das war für viele Läuferinnen keine Überraschung, aber
für die Öffentlichkeit ein Perspektivwechsel. Plötzlich stand da nicht nur die
Ikone, sondern eine Athletin, die etwas Alltägliches aussprach, das sonst
verschwiegen wurde.
Diese Schilderungen wurden
Jahre später immer wieder aufgegriffen, auch von Laufveranstaltern in ihren
Trainingsmaterialien, weil sie zeigen, dass Zyklusbeschwerden Leistung
beeinflussen können, aber nicht zwangsläufig verhindern. Gleichzeitig machte
Radcliffe damit sichtbar, wie wenig selbstverständlich es für Sportlerinnen war,
solche Faktoren überhaupt in Trainingsplänen, Betreuung und Kommunikation
mitzudenken.
Das Tabu Menstruation und warum es so lange hielt
Dass Menstruation im Sport so
lange kaum vorkam, hatte weniger mit Medizin zu tun als mit Kultur. In vielen
Trainingsgruppen waren Trainerteams jahrzehntelang überwiegend männlich.
Athletinnen lernten früh, Beschwerden zu relativieren, um nicht als verletzlich
zu gelten. Dazu kam die simple Logik des Wettkampfs. Wer öffentlich über
Schmerzen spricht, liefert vermeintlich eine Erklärung, die als Ausrede gelesen
werden könnte.
Radcliffe wählte eine andere
Haltung. Sie erklärte körperliche Prozesse nicht als Entschuldigung, sondern als
Teil professioneller Leistung. Das ist ein entscheidender Unterschied. Es öffnet
die Tür zu sinnvoller Planung, zu Kommunikation im Betreuerstab und zu einem
sportmedizinischen Blick, der Frauen nicht als Abweichung vom männlichen
Standard behandelt.
In einem Podcast Gespräch mit
ihrer früheren Universität Loughborough sprach Radcliffe auch über persönliche
Erfahrungen mit Menstruation und Schwangerschaft als Athletin. Dass solche
Inhalte heute in offiziellen Alumni Formaten auftauchen, zeigt, wie sehr sich
der Rahmen verändert hat. Noch vor wenigen Jahren wären solche Themen in vielen
Medienformaten schlicht nicht vorgekommen.
Wenn Leistung zur Pflicht wird
Radcliffe stand über viele
Jahre im Zentrum einer Erwartungsmaschine. Medien, Sponsoren, nationale
Hoffnung, die eigene innere Messlatte. Der Marathon ist dabei ein besonderer
Verstärker. Er ist nicht nur ein Rennen, sondern ein Mythos. Wer Marathon läuft,
gilt als jemand, der durchhält. Und wer Weltrekord läuft, gilt als jemand, der
über allem steht.
Radcliffe hat diesen Mythos nie
romantisiert. Nach Rückschlägen sprach sie über Druck, über das Gefühl, Menschen
enttäuscht zu haben, und über die Wucht öffentlicher Erwartungen. Gerade nach
den Olympischen Spielen 2004 wurde sichtbar, wie hart der Umgang mit Niederlagen
im Spitzensport sein kann. Ihre Bereitschaft, sich trotzdem zu äußern, war für
viele Athletinnen und Athleten ein Signal. Man kann über Belastung sprechen,
ohne schwach zu sein.
Was das für den Laufsport bedeutet
Radcliffes Offenheit fällt in
eine Zeit, in der sich der Sport Schritt für Schritt professionalisierte. Heute
sind Begriffe wie Zyklus Tracking, Energieverfügbarkeit oder Relative Energy
Deficiency in Sport in vielen Teams bekannt. Gleichzeitig sind sie im
Breitensport angekommen. Lauftrainer, Ärztinnen, Ernährungsberater und
Sportpsychologen sprechen heute selbstverständlich über Themen, die früher in
der Umkleide endeten.
Radcliffe ist nicht allein
verantwortlich für diesen Wandel, aber sie ist eine wichtige Figur darin. Ihre
Sichtbarkeit gab dem Thema Gewicht. Wenn eine Weltrekordlerin sagt, dass
Periodenbeschwerden existieren und dass sie im Wettkampf eine Rolle spielen
können, dann wird aus einem privaten Problem eine fachliche Frage.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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