| |
|
|
 |
|
 |
Trainingssteuerung nach Gefühl vs. nach Uhr - was funktioniert besser? |
| |
Trainingssteuerung nach Gefühl
vs. nach Uhr - was funktioniert besser?
Von der Kunst, sich selbst zu spüren, und der Wissenschaft, die Sekunden
zählt
Wer heute laufen geht, trägt
meist eine Uhr. Pace, Herzfrequenz, Trainingszonen, Wattwerte. Jede Einheit wird
messbar, vergleichbar, analysierbar. Und doch steht am Anfang jeder Laufeinheit
dieselbe Frage wie vor Jahrzehnten: Wie fühlt sich das heute eigentlich an?
Zwischen diesen beiden Polen
bewegt sich ein Grundkonflikt des modernen Lauftrainings: Steuerung nach Gefühl
oder nach Uhr. Kunst oder Wissenschaft. Intuition oder Daten. Die Wahrheit liegt
? wie so oft im Laufsport ? nicht im Entweder-oder, sondern im klugen
Zusammenspiel. Doch um das zu verstehen, lohnt ein genauer Blick auf beide
Welten.
Die Uhr: Objektivität in Zahlen
Laufen nach Uhr bedeutet,
Training über messbare Parameter zu steuern. In der Praxis sind das vor allem
Pace, Herzfrequenz oder Leistungswerte. Diese Größen gehören zu den wichtigsten
Trainingsmetriken im Ausdauersport, weil sie die Belastung quantifizierbar
machen und langfristige Entwicklungen sichtbar werden lassen.
Die Stärke der Uhr liegt auf
der Hand: Sie liefert objektive Daten. Eine Zielpace für den Marathon, eine
definierte Herzfrequenzzone im Grundlagenlauf oder ein exakt gesteuertes
Intervalltraining lassen sich präzise reproduzieren. Gerade für
leistungsorientierte Läufer ist das unverzichtbar. Wer eine bestimmte
Wettkampfzeit anpeilt, muss regelmäßig genau dieses Tempo trainieren, um es im
Rennen automatisiert abrufen zu können.
Doch die Objektivität hat ihre
Grenzen. Herzfrequenz reagiert empfindlich auf Hitze, Schlafmangel, Stress oder
Dehydrierung. Die Pace wiederum schwankt je nach Strecke, Wind oder Untergrund.
Zahlen wirken exakt, sind aber nie völlig frei von Kontext.
Die Uhr misst Leistung. Sie
misst jedoch nicht, wie sich diese Leistung im Körper anfühlt.
Das Gefühl: Die unterschätzte Trainingsmetrik
Das Training nach Gefühl
basiert auf der sogenannten Rate of Perceived Exertion, kurz RPE. Dabei schätzt
der Läufer die Anstrengung selbst ein, meist auf einer Skala von 1 bis 10 oder 6
bis 20.
Diese Methode ist keineswegs
ein esoterischer Ansatz, sondern seit Jahrzehnten etabliert und wird von
Einsteigern bis hin zu Profis eingesetzt. Ihr größter Vorteil liegt in der
Individualisierung: Die Belastung wird an die aktuelle körperliche Verfassung
angepasst, statt an starre Zielwerte.
Schlecht geschlafen, müde
Beine, leichter Infekt im Anflug? Die Uhr fordert vielleicht trotzdem ein
bestimmtes Tempo. Das Gefühl signalisiert dagegen früh, ob dieser Reiz heute
sinnvoll ist. Genau hier schützt subjektive Wahrnehmung vor Überlastung, weil
sie den tatsächlichen Stress auf Körper und Psyche einbezieht.
Spannend ist, dass
wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass das subjektive Belastungsempfinden
gut mit objektiven Belastungsdaten korreliert. Der Körper weiß erstaunlich
genau, wie hart er arbeitet.
Wenn Zahlen täuschen und Gefühle lügen
So überzeugend beide Ansätze
wirken, keiner ist perfekt.
Das Training nach Uhr kann zu
mechanisch werden. Wer stur an vorgegebenen Paces festhält, ignoriert
tagesaktuelle Schwankungen. Der Preis sind häufig Übertraining, Verletzungen
oder chronische Müdigkeit.
Das Training nach Gefühl
wiederum erfordert Erfahrung. Einsteiger unterschätzen oft die Intensität,
Fortgeschrittene überschätzen sie. Emotionen, Motivation oder Gruppendynamik
können das Empfinden verfälschen. Was sich gut anfühlt, ist nicht immer
physiologisch sinnvoll.
Ein erfahrener Läufer erkennt
dagegen, wie sich Marathonpace, Schwellentempo oder lockerer Dauerlauf im Körper
anfühlen. Er braucht die Uhr nicht ständig ? er nutzt sie als Bestätigung, nicht
als Befehl.
Die Perspektive der Trainingswissenschaft
Die moderne Trainingslehre
unterscheidet zwischen äußerer Belastung und innerer Beanspruchung. Pace und
Strecke gehören zur äußeren Belastung. Herzfrequenz und subjektives
Belastungsempfinden spiegeln die innere Beanspruchung wider. Erst das
Zusammenspiel beider Größen ermöglicht eine valide Trainingssteuerung.
Aktuelle Forschungsansätze
gehen sogar noch weiter und kombinieren verschiedene Metriken, um die
Trainingsentwicklung stabiler abzubilden als mit einzelnen Werten allein. Die
Botschaft dahinter ist klar: Keine einzelne Zahl kann die Komplexität
menschlicher Leistungsfähigkeit vollständig erklären.
Wer sollte wie trainieren?
Die Frage, ob Gefühl oder Uhr
besser funktioniert, lässt sich deshalb nur differenziert beantworten.
Einsteiger profitieren häufig
von objektiven Vorgaben. Sie lernen über Herzfrequenz oder Pace, wie sich
verschiedene Intensitäten anfühlen und entwickeln erst dadurch ein Körpergefühl.
Fortgeschrittene sollten
zunehmend nach Gefühl steuern. Sie besitzen die Erfahrung, um Trainingsreize
intuitiv anzupassen und erkennen Warnsignale frühzeitig.
Leistungsorientierte Läufer
benötigen beides. Zieltempo-Training ist unverzichtbar, gleichzeitig entscheidet
die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung über die richtige Dosierung im Alltag. Doch
mit der wachsenden Verbreitung moderner Laufcomputer wird diese Einteilung
zunehmend komplexer.
Wenn die Uhr das Körpergefühl berechnet
Moderne Laufcomputer gehen
heute einen Schritt weiter. Systeme wie Body Battery, Trainingsstatus,
HRV-Status oder Trainingsbereitschaft versuchen, die aktuelle Leistungsfähigkeit
algorithmisch abzubilden. Grundlage sind Daten wie Herzfrequenzvariabilität,
Schlafqualität, Trainingsbelastung, Stresslevel und Erholungszeiten.
Damit entsteht eine neue
Dimension der Trainingssteuerung. Die Uhr misst nicht mehr nur, was gelaufen
wurde, sondern gibt eine Empfehlung, wie hart heute trainiert werden sollte. Für
viele Läufer wirkt das wie ein digitaler Coach am Handgelenk.
Doch genau hier beginnt die
spannende Frage: Kann eine Uhr wirklich wissen, wie sich ein Körper anfühlt?
Diese Kennzahlen basieren auf
Modellen und Wahrscheinlichkeiten. Sie erkennen Trends sehr zuverlässig und
helfen, Überlastungen früh zu vermeiden. Gleichzeitig bleiben sie Annäherungen
an die Realität. Ein hoher Trainingsbereitschaftswert bedeutet nicht
automatisch, dass sich die Beine frisch anfühlen. Und ein niedriger Wert kann an
Tagen auftreten, an denen sich der Lauf überraschend leicht anfühlt.
Die größte Stärke dieser
Metriken liegt deshalb nicht in der absoluten Entscheidung, sondern in der
langfristigen Einordnung. Sie zeigen Muster, Entwicklungen und Zusammenhänge,
die im Alltag oft übersehen werden. Wer regelmäßig auf diese Daten schaut,
versteht besser, wie Schlaf, Stress und Trainingsumfang die Leistungsfähigkeit
beeinflussen.
Gleichzeitig bleibt die
Eigenwahrnehmung unverzichtbar. Kein Algorithmus kann Muskelkater, mentale
Motivation oder subtile Ermüdungssignale vollständig erfassen. Die Uhr liefert
eine datenbasierte Empfehlung, doch die endgültige Entscheidung über die
Belastung trifft weiterhin der Läufer selbst.
Die große Ironie des modernen Laufens
Je mehr Technik wir nutzen,
desto wichtiger wird das Gefühl.
Eine Uhr kann anzeigen, dass
das Tempo zu hoch ist. Sie kann aber nicht beurteilen, ob dieses Tempo heute
sinnvoll ist. Sie kann warnen, wenn die Herzfrequenz steigt. Sie erkennt jedoch
nicht, ob diese Steigerung durch Hitze, Stress oder echte Überlastung entsteht.
Die eigentliche Kunst des
Trainings liegt darin, die Daten zu verstehen und mit der eigenen Wahrnehmung zu
verbinden. Zahlen liefern Orientierung. Gefühl liefert Kontext.
|
Die beste Trainingssteuerung ist hybrid
Die Debatte Gefühl versus Uhr
greift zu kurz. Erfolgreiches Lauftraining entsteht nicht durch das Ausschalten
der Uhr oder durch blinden Datenglauben. Es entsteht durch Integration.
Die Uhr liefert Struktur,
Kontrolle und Zielorientierung. Das Gefühl sorgt für Individualität,
Anpassungsfähigkeit und Gesundheit.
Wer nur nach Zahlen läuft,
verliert den Kontakt zum eigenen Körper. Wer nur nach Gefühl trainiert,
verschenkt objektive Steuerungsmöglichkeiten.
Die besten Läufer beherrschen
beides. Sie schauen auf ihre Uhr und hören gleichzeitig in sich hinein. Genau
dort, zwischen Sekundenanzeige und Körpergefühl, entsteht die eigentliche
Trainingsintelligenz.
Am Ende entscheidet nicht die
Uhr, wie hart ein Lauf war. Das entscheidet immer noch der Körper. |
__________________________________
Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
|
|
|
|
 |
|