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Warum Nettozeiten nicht immer die sportlich gerechtere Lösung sind |
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Nettozeit Sieger des Rennens? |
Warum Nettozeiten nicht immer
die sportlich gerechtere Lösung sind
Es ist einer dieser Momente,
die jeder Läufer kennt: der Blick auf die Ergebnisliste nach dem Zieleinlauf.
Zwei Zeiten stehen dort. Eine Bruttozeit, eine Nettozeit. Und fast automatisch
richtet sich der Blick auf die kleinere Zahl. Sie wirkt ehrlicher, persönlicher,
gerechter.
Doch genau hier beginnt eine
der spannendsten Debatten im modernen Laufsport. Ist die Nettozeit wirklich
immer die sportlich gerechtere Lösung?
Die intuitive Antwort lautet:
ja. Die differenzierte Antwort lautet: nicht unbedingt.
Wer verstehen will, warum das
so ist, muss den Wettkampf als Ganzes betrachten und nicht nur die individuelle
Laufleistung.
Die Verheißung der Nettozeit
Mit der Einführung der
Transpondermessung hat sich der Straßenlaufsport grundlegend verändert. Jeder
Teilnehmer erhält eine individuelle Zeitmessung, die erst beim Überqueren der
Startlinie beginnt. Für große City-Marathons mit zehntausenden Teilnehmern ist
das ein Segen. Zwischen Startschuss und persönlichem Start können mehrere
Minuten liegen, in Einzelfällen sogar deutlich mehr.
Die Nettozeit scheint daher auf
den ersten Blick die gerechtere Größe zu sein. Sie misst exakt die Zeit, die ein
Läufer tatsächlich auf der Strecke verbracht hat, unabhängig von Gedränge,
Startblock oder organisatorischen Zwängen.
Für die persönliche
Leistungsbewertung ist das zweifellos ein großer Fortschritt. Doch sportliche
Fairness bemisst sich nicht nur an der individuellen Belastungsdauer, sondern
auch am Wettkampfkontext.
Rennen sind mehr als Zeitläufe
Ein Laufwettkampf ist kein
isoliertes Zeitfahren, sondern ein gemeinsames Rennen. Alle Teilnehmer bewegen
sich gleichzeitig auf derselben Strecke, reagieren aufeinander, kämpfen um
Positionen und treffen taktische Entscheidungen.
Genau hier liegt der zentrale
Unterschied zwischen Netto- und Bruttowertung.
Die Bruttozeit beginnt für alle
mit dem Startschuss. Sie bildet damit das reale Renngeschehen ab. Wer sich früh
positioniert, übernimmt Verantwortung für das Tempo. Wer im Feld reagiert, muss
Tempoverschärfungen mitgehen oder bewusst ziehen lassen. Wer im Finish vorne
ist, hat sich im direkten Vergleich durchgesetzt.
Die Nettozeit blendet diese
Dynamik weitgehend aus. Sie betrachtet den Lauf isoliert als individuelle
Leistung, losgelöst vom unmittelbaren Wettbewerb.
Der Moment im Zielkanal
Sport lebt von Dramaturgie, vom
direkten Duell und vom Augenblick, in dem zwei Läufer Schulter an Schulter auf
die Ziellinie zustürmen. Dieser Moment entscheidet, wer gewonnen hat, nicht eine
spätere Zeitkorrektur.
Würde man Sieger ausschließlich
nach Nettozeiten ermitteln, könnte der offizielle Gewinner erst Minuten oder
sogar Stunden nach dem Zieleinlauf feststehen. Ein Läufer könnte als Zwanzigster
ins Ziel kommen und dennoch als Sieger gelten, weil er weiter hinten gestartet
ist und eine minimal bessere Nettozeit erzielt hat.
Das mag rechnerisch korrekt
erscheinen, würde aber das Wesen eines Rennens fundamental verändern.
Gleichheit der Bedingungen
Ein oft unterschätztes Argument
betrifft die Vergleichbarkeit der Bedingungen. Beim Bruttosystem beginnt das
Rennen für alle gleichzeitig. Wind, Wetter und Tempodynamik im Feld wirken in
demselben Moment auf alle Teilnehmer.
Die Nettozeit fragmentiert das
Rennen dagegen in viele parallele Einzelwettkämpfe. Ein Läufer startet in freier
Strecke, ein anderer muss sich durch dichte Gruppen arbeiten. Einer profitiert
von Tempogruppen und Windschatten, ein anderer läuft lange allein. Die
Bedingungen sind somit keineswegs identisch, auch wenn die individuelle
Zeitmessung dies suggeriert.
Taktik als Teil der sportlichen Leistung
Wettkämpfe im Laufsport
bestehen nicht nur aus physiologischer Leistungsfähigkeit. Auch Renntaktik,
Positionskampf und das richtige Timing von Tempowechseln gehören zur sportlichen
Qualität.
Die Bruttozeit bildet diese
Faktoren ab, weil sie das Rennen als Ganzes bewertet. Wer zu defensiv startet,
verliert möglicherweise Anschluss. Wer zu offensiv angeht, zahlt im Finish den
Preis. Diese Entscheidungen sind Teil der sportlichen Leistung.
Eine reine Nettowertung würde
diese taktischen Komponenten weitgehend entwerten und den Wettkampf stärker in
Richtung eines individuellen Zeitlaufs verschieben.
Die offizielle DLV-Regelung seit 2004
Dass Brutto- und Nettozeiten
unterschiedliche Funktionen haben, ist auch offiziell geregelt. Der
Bundesausschuss Wettkampforganisation des Deutschen Leichtathletik-Verbandes hat
am 16.11.2004 beschlossen, wie mit beiden Zeitformaten umzugehen ist.
Demnach gilt: Bei allen
Laufveranstaltungen mit Transpondersystem müssen sowohl Brutto- als auch
Nettozeiten in den Ergebnislisten aufgeführt werden. Für Platzierungen und
Siegerehrungen ist ausschließlich die Bruttozeit maßgeblich. Gleichzeitig wird
den Statistikern gestattet, die ermittelten Nettozeiten in die offiziellen
Bestenlisten aufzunehmen, sowohl für Einzel- als auch für Mannschaftsergebnisse.
Diese Regelung verdeutlicht die
Doppelrolle der Zeitmessung im Laufsport. Die Bruttozeit entscheidet über den
Wettkampf, die Nettozeit ermöglicht die vergleichbare statistische Einordnung
von Leistungen, insbesondere in den Bestenlisten von Startpassinhabern.
Warum viele Ergebnislisten trotzdem gemischt dargestellt werden
Der entscheidende Punkt liegt
in der praktischen Umsetzung großer Laufveranstaltungen. Nach Regelverständnis
ist die Bruttozeit für Platzierungen maßgeblich. In der Ergebnisdarstellung
vieler Großevents zeigt sich jedoch eine Mischform.
Häufig wird zunächst die Elite
sowie der unmittelbar relevante Platzierungsbereich nach Brutto sortiert.
Anschließend erfolgt ein Schnitt, und das breite Teilnehmerfeld wird nach
Nettozeiten dargestellt. Für viele Läufer entsteht dadurch der Eindruck, die
Nettozeit sei die eigentliche sportliche Wahrheit des Rennens.
Diese Praxis ist
nachvollziehbar, weil sie zwei Bedürfnisse gleichzeitig bedient: einen klaren
Wettkampf an der Spitze und eine individuelle Leistungsdarstellung für das große
Feld. Sie führt jedoch dazu, dass ein gemeinsames Rennen in der Darstellung wie
eine Vielzahl paralleler Zeitläufe wirkt.
Gerade hier zeigt sich, warum
Nettozeiten nicht automatisch die sportlich gerechtere Lösung sind. Sie liefern
eine präzise individuelle Leistungsangabe, ersetzen aber nicht den direkten
Vergleich innerhalb desselben Rennens.
Zwei Wahrheiten eines Rennens
Am Ende existieren im modernen
Laufsport zwei Wahrheiten nebeneinander. Die Bruttozeit erzählt die Geschichte
des Rennens. Sie zeigt, wer sich im direkten Wettbewerb durchgesetzt hat und wie
sich das Feld entwickelt hat.
Die Nettozeit erzählt die
Geschichte der individuellen Leistung. Sie beantwortet die Frage, wie schnell
ein Läufer tatsächlich von Start- bis Ziellinie unterwegs war.
Beide Perspektiven sind
legitim, aber sie beantworten unterschiedliche Fragen.
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Fairness ist mehrdimensional
Die Vorstellung, die Nettozeit sei automatisch die sportlich gerechtere Lösung,
greift zu kurz. Sie ist gerechter für die individuelle Leistungsbewertung, aber
nicht zwingend für den Wettkampfcharakter eines Rennens.
Sportliche Fairness umfasst mehr als die reine Laufzeit. Sie schließt den
direkten Vergleich, taktische Fähigkeiten und identische Startbedingungen ein.
Deshalb bleibt die Bruttozeit im Regelwerk die maßgebliche Größe für
Platzierungen und Siegerermittlung.
Die eigentliche Stärke des modernen Laufsports liegt darin, beide Perspektiven
zuzulassen: die Bruttozeit für den Wettbewerb und die Nettozeit für die präzise
Einordnung der individuellen Leistung.
Gerade dieses Nebeneinander macht den Reiz und die Komplexität moderner
Straßenläufe aus - und erklärt, warum Nettozeiten nicht automatisch die
sportlich gerechtere Lösung sind. |
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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