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Laktatwerte im Hobbytraining: Nutzen oder Spielerei? |
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Laktatwerte im Hobbytraining:
Nutzen oder Spielerei?
Von der Faszination der Zahlen - und der Wahrheit hinter dem Messgerät
Die Szene ist typisch für das
moderne Lauftraining: Ein ambitionierter Freizeitläufer sitzt nach dem
Intervalltraining auf der Parkbank, wischt sich den Schweiß von der Stirn und
piekst sich routiniert in den Finger. Sekunden später erscheint ein Wert auf dem
Display. 3,8 mmol/l. Zufrieden nickt er. "Heute war ich genau an der Schwelle."
Doch ist das wirklich so? Und
vor allem: Bringt es Hobbyläufern tatsächlich einen Mehrwert, regelmäßig ihre
Laktatwerte zu messen - oder handelt es sich eher um eine technische Spielerei,
die mehr Fragen als Antworten liefert?
Zeit, den Mythos Laktat im
Hobbytraining nüchtern einzuordnen.
Was Laktat überhaupt ist - und warum es uns interessiert (und warum ein Test
immer nur eine Momentaufnahme ist)
Laktat entsteht im Muskel als
Nebenprodukt der Energiebereitstellung. Sobald die Belastung steigt, nimmt seine
Konzentration im Blut zu. Überschreitet die Produktion den Abbau, steigt der
Wert stark an - ein Punkt, der als Laktatschwelle bezeichnet wird.
Physiologisch beschreibt diese
Schwelle die höchste Belastungsintensität, bei der Bildung und Abbau von Laktat
noch im Gleichgewicht sind. Wird sie überschritten, kommt es zu einer
zunehmenden Akkumulation, die mit Ermüdung einhergeht.
Für die Trainingssteuerung ist
diese Schwelle deshalb interessant: Sie markiert ungefähr das Tempo, das über
längere Zeit aufrechterhalten werden kann - der Bereich, in dem Halbmarathon-
und Marathonleistungen entschieden werden.
Gleichzeitig bildet ein
Laktattest immer nur einen Momentzustand ab. Tagesform, Vorbelastung, Ernährung
oder Schlaf können die Werte beeinflussen. Wer einen Test interpretiert,
bewertet also immer eine Aufnahme der aktuellen Leistungsfähigkeit und kein
unveränderliches Leistungsprofil.
Warum Laktat lange als Goldstandard galt
In der Leistungsdiagnostik
gehört die Laktatmessung seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Verfahren. Aus
Laktatleistungskurven lassen sich Trainingsbereiche ableiten und Veränderungen
der Ausdauerfähigkeit präzise verfolgen.
Je höher die individuelle
Laktatschwelle liegt, desto intensiver kann ein Läufer über längere Zeit laufen.
Das erklärt, warum Profiathleten regelmäßig Bluttests durchführen. Sie liefern
objektive Daten, die Training und Wettkampfstrategien feinjustieren können.
Doch was im Spitzensport
sinnvoll ist, muss im Hobbytraining noch lange nicht automatisch den gleichen
Nutzen entfalten.
Der große Denkfehler vieler Hobbyläufer
Der populäre Irrtum lautet:
"Wenn ich meinen Laktatwert kenne, trainiere ich automatisch effektiver." So
einfach ist es nicht.
Laktat ist kein isolierter
Leistungsmarker, sondern nur ein Puzzleteil in einem komplexen System aus
Herzfrequenz, Sauerstoffaufnahme, Laufökonomie und Trainingsumfang. Der Wert
allein erklärt noch nicht, wie gut jemand läuft - oder warum.
Viele Läufer unterschätzen
zudem die Streuung der Werte. Ernährung, Flüssigkeitshaushalt, Schlaf oder
Stress können die Messung beeinflussen. Schon kleine Abweichungen im
Testprotokoll führen zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Der praktische Nutzen im Hobbytraining
Ein einmaliger Laktattest
liefert vor allem Trainingsbereiche für den aktuellen Leistungsstand. Er zeigt,
in welchen Intensitätszonen aktuell sinnvoll trainiert werden kann. Wiederholte
Tests in größeren Abständen, etwa alle sechs bis acht Wochen, machen dagegen die
Entwicklung der Leistungsfähigkeit sichtbar. So liegt der größte Nutzen weniger
im einzelnen Messwert, sondern in der Verlaufskontrolle und der gezielten
Anpassung der Trainingsbereiche.
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1. Struktur statt
Bauchgefühl
Wer seine individuelle
Schwelle kennt, kann Trainingsintensitäten genauer steuern. Das hilft
vor allem ambitionierten Freizeitläufern, die gezielt auf Wettkämpfe
trainieren. |
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2. Erkennen von
Fortschritten
Verschiebt sich die
Laktatkurve nach rechts, bedeutet das in der Regel eine verbesserte
Ausdauerleistungsfähigkeit. Trainingsanpassungen lassen sich so
objektiver nachvollziehen. |
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3. Individualisierung
statt Standardpläne
Zwei Läufer mit
identischer Marathonzeit können völlig unterschiedliche physiologische
Profile besitzen. Laktatmessungen zeigen solche Unterschiede auf und
erlauben individuellere Trainingszonen. |
Kurz gesagt: Für ambitionierte Läufer mit klaren Leistungszielen kann
Laktatdiagnostik ein wertvolles Steuerungsinstrument sein.
Die Schattenseiten: Aufwand, Kosten, Unsicherheit
So überzeugend die Theorie
klingt, so kompliziert ist die Praxis.
Hinzu kommt, dass sehr häufige
Tests im kurzen Wochenabstand, etwa alle zwei bis drei Wochen,
trainingspraktisch oft nur begrenzten Mehrwert bieten. Physiologische
Anpassungen im Ausdauertraining benötigen in der Regel längere Zeiträume.
Aussagekräftiger sind daher größere Testintervalle, bei denen sich echte
Trainingsfortschritte auch messbar widerspiegeln können.
Erstens ist die Messung invasiv
und benötigt Erfahrung sowie standardisierte Bedingungen. Schon Ernährung,
Stress oder Schlaf können den Wert beeinflussen.
Zweitens ist der Zugang
begrenzt. Regelmäßige Labortests sind teuer, mobile Geräte liefern oft
schwankende Ergebnisse. Ohne konsequente Testprotokolle sinkt die Aussagekraft
deutlich.
Und drittens: Selbst exakte
Werte beantworten nicht die wichtigste Frage - ob das Training im Alltag
wirklich besser umgesetzt wird.
Was wirklich zählt: Kontext statt Zahlenfetisch
Ein häufiger Fehler im
Hobbytraining ist die Überinterpretation einzelner Messwerte. Entscheidend ist
nicht der isolierte Wert, sondern das Zusammenspiel aus Trainingsumfang,
Intensitätsverteilung, Regeneration und Lauftechnik.
Ein Läufer, der strukturiert
trainiert, ausreichend regeneriert und seine Wettkampfpaces kennt, wird in den
meisten Fällen auch ohne Bluttest Fortschritte erzielen.
Der entscheidende Unterschied: Profi versus Hobby
Im Spitzensport entscheiden oft
Nuancen über Sieg oder Niederlage. Dort können präzise Laktatmessungen den
Unterschied ausmachen.
Im Hobbytraining dagegen stehen
meist andere Ziele im Vordergrund: Gesundheit, Leistungsentwicklung und Freude
am Laufen. Hier reicht häufig eine Kombination aus Herzfrequenz, subjektivem
Belastungsempfinden und Wettkampfzeiten völlig aus, um das Training sinnvoll zu
steuern.
Wer nicht regelmäßig in
Grenzbereichen trainiert, benötigt selten millimolgenaue Daten.
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Nutzen oder Spielerei?
Laktattests sind vor allem dann sinnvoll, wenn sie standardisiert und in
regelmäßigen Abständen wiederholt durchgeführt werden. Erst dann lassen sich
Trainingsbereiche fundiert anpassen und Fortschritte verlässlich dokumentieren.
Die ehrliche Antwort lautet daher: Sie sind weder Allheilmittel noch bloße
Spielerei. Für leistungsorientierte Freizeitläufer können sie ein wertvolles
Werkzeug sein, um Training präziser zu steuern. Für den Großteil der Hobbyläufer
bleiben sie hingegen ein optionales Zusatzinstrument, das strukturiertes
Training nicht ersetzt.
Die wichtigste Erkenntnis bleibt erstaunlich simpel: Nicht der Laktatwert macht
den besseren Läufer, sondern konsequentes, klug gesteuertes Training.
Oder, zugespitzt formuliert: Wer strukturiert trainiert, braucht nicht zwingend
eine Nadel im Finger. Wer unstrukturiert trainiert, dem hilft auch der beste
Messwert nicht.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Schwelle - nicht im Blut,
sondern im Trainingsalltag. |
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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