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Der Einfluss von Schrittfrequenz auf Laufökonomie |
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Der Einfluss von Schrittfrequenz auf Laufökonomie
Es ist ein leiser, oft
übersehener Rhythmus. Während Herzfrequenz, VO₂max und Trainingskilometer die
Schlagzeilen dominieren, tickt im Hintergrund ein unscheinbarer Taktgeber, der
maßgeblich über Effizienz und Leistungsfähigkeit entscheidet: die
Schrittfrequenz. Wer genauer hinschaut, erkennt schnell, dass sie weit mehr ist
als eine bloße Zahl auf der Uhr. Sie ist ein biomechanischer Schlüssel, der
darüber mitentscheidet, wie ökonomisch ein Läufer sich bewegt.
Doch wie groß ist ihr Einfluss
wirklich? Und kann ein gezieltes Spiel mit der Kadenz die Laufökonomie messbar
verbessern?
Laufökonomie - der unterschätzte Leistungsfaktor
Laufökonomie beschreibt den
Energieverbrauch bei submaximaler Geschwindigkeit und gilt als zentrale
physiologische Kennzahl für Ausdauerathleten. Je weniger Sauerstoff ein Läufer
bei einem bestimmten Tempo benötigt, desto ökonomischer ist sein Laufstil.
Spitzenläufer unterscheiden
sich nicht nur durch VO₂max oder Trainingsumfang, sondern vor allem durch ihre
Fähigkeit, Bewegungsenergie effizient umzusetzen. Eine bessere Laufökonomie
bedeutet, schneller laufen zu können, ohne proportional mehr Energie zu
verbrauchen.
Biomechanische Faktoren spielen
dabei eine wesentliche Rolle. Analysen zeigen, dass Bewegungsmuster,
Bodenkontaktzeiten oder vertikale Auslenkung eng mit der Laufökonomie verbunden
sind.
Und genau hier kommt die
Schrittfrequenz ins Spiel.
Was die Wissenschaft zur Schrittfrequenz sagt
Die Schrittfrequenz beschreibt
die Anzahl der Schritte pro Minute. Sie beeinflusst unmittelbar Schrittlänge,
Bodenkontaktzeit und die Kräfte, die bei jedem Aufsetzen wirken.
Studien zeigen, dass eine
niedrigere Kadenz häufig mit höheren Bodenreaktionskräften und längeren
Kontaktzeiten einhergeht, während eine höhere Schrittfrequenz diese Belastungen
reduziert. Hohe Stoßbelastungen erhöhen nicht nur das Verletzungsrisiko, sondern
verschlechtern oft auch die Effizienz der Bewegung.
Meta-Analysen deuten darauf
hin, dass eine erhöhte Schrittfrequenz tendenziell die vertikale Bewegung des
Körperschwerpunkts reduziert und die Energieaufnahme in Hüfte, Knie und
Sprunggelenk senkt. Das bedeutet weniger Energieverlust in der Auf- und
Abbewegung und mehr Vortrieb pro eingesetzter Energie.
Kleine Änderung, große Wirkung?
Wie stark sich eine Anpassung
der Kadenz auswirkt, hängt stark vom Ausgangsniveau ab. Untersuchungen zeigen,
dass schon moderate Veränderungen messbare Effekte haben können.
Interventionsstudien weisen
darauf hin, dass Läufer durch eine moderate Erhöhung der Schrittfrequenz bei
gleicher Geschwindigkeit den Sauerstoffverbrauch und teilweise auch die
Herzfrequenz senken können. In Einzelfällen verbesserten sich die ökonomischen
Kennwerte um mehrere Prozent.
Gleichzeitig verdeutlichen
andere Studien, dass selbst kleine Abweichungen von der selbstgewählten
Schrittfrequenz den Energieverbrauch messbar beeinflussen. Daraus lässt sich
ableiten, dass jeder Läufer eine individuell optimale Kadenz besitzt, die nicht
beliebig verschoben werden sollte.
Der Mythos der "magischen 180"
In Trainingskreisen hält sich
hartnäckig die Vorstellung, 180 Schritte pro Minute seien der Goldstandard.
Tatsächlich liegt die bevorzugte Kadenz vieler leistungsstarker Läufer in diesem
Bereich.
Die Forschung zeichnet jedoch
ein differenzierteres Bild. Die optimale Schrittfrequenz hängt von Körpergröße,
Laufgeschwindigkeit, Technik und neuromuskulärer Effizienz ab. Einen
universellen Idealwert gibt es nicht. Vielmehr scheint die selbstgewählte Kadenz
häufig bereits nahe am ökonomischen Optimum zu liegen.
Veränderungen können dennoch
sinnvoll sein, wenn sie gezielt erfolgen und biomechanische Defizite
korrigieren.
Biomechanik: Warum mehr Schritte effizienter sein können
Eine leicht erhöhte
Schrittfrequenz führt in der Regel zu kürzeren Schritten. Dadurch wird das
Überstrecken des Beins vor dem Körperschwerpunkt reduziert und die Bremskräfte
beim Bodenkontakt nehmen ab.
Biomechanisch bedeutet das:
- geringere vertikale Bewegung
- kürzere Bodenkontaktzeit
- reduzierte Stoßbelastung
Diese Faktoren tragen dazu bei,
dass weniger Energie in unproduktive Bewegungen verloren geht. Allerdings ist
der Zusammenhang nicht linear. Zu hohe Schrittfrequenzen können ebenfalls
ineffizient sein, da sie eine erhöhte muskuläre Aktivität erfordern. Die
optimale Zone liegt daher meist leicht oberhalb der spontan gewählten Frequenz,
variiert jedoch individuell.
Praxisrelevanz: Wann eine Anpassung sinnvoll ist
Die Praxis zeigt ein klares
Muster. Besonders Läufer mit einer vergleichsweise niedrigen Schrittfrequenz
profitieren häufig von einer moderaten Erhöhung. Dies gilt vor allem bei
ausgeprägtem Overstriding, langen Bodenkontaktzeiten oder wiederkehrenden
Überlastungsbeschwerden.
Für leistungsstarke Läufer ist
der Spielraum dagegen kleiner. Hier entscheidet weniger die absolute Schrittzahl
als vielmehr das Zusammenspiel aus Frequenz, Schrittlänge und Kraftentwicklung.
Wichtig ist: Die
Schrittfrequenz ist kein isolierter Stellhebel. Sie wirkt immer im Kontext von
Lauftechnik, Kraftfähigkeiten und individueller Anatomie.
Training: So lässt sich die Schrittfrequenz gezielt optimieren
Eine Anpassung sollte behutsam
erfolgen. Untersuchungen zeigen, dass Veränderungen von etwa fünf bis zehn
Prozent ausreichen können, um biomechanische Effekte zu erzielen, ohne die
natürliche Bewegungsökonomie zu stören.
Bewährte Methoden aus der
Trainingspraxis sind:
- kurze Technikläufe mit
Metronom
- Lauf-ABC zur Verbesserung der neuromuskulären Ansteuerung
- Steigerungsläufe mit Fokus auf schnelle Bodenkontakte
- Feedback durch Wearables oder Videoanalyse
Entscheidend ist die
schrittweise Integration in den Trainingsalltag. Ein abruptes Erzwingen einer
höheren Kadenz kann kontraproduktiv sein und zu neuen muskulären Belastungen
führen.
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Rhythmus als Effizienzfaktor
Die Schrittfrequenz ist kein modischer Trendparameter, sondern ein
wissenschaftlich relevanter Einflussfaktor der Laufökonomie. Eine leicht erhöhte
Kadenz kann Bremskräfte reduzieren, die vertikale Bewegung minimieren und damit
die energetische Effizienz verbessern.
Gleichzeitig gilt: Der optimale Rhythmus ist individuell. Er entsteht aus dem
Zusammenspiel von Technik, Kraft, Tempo und Körperbau.
Wer seine Laufökonomie verbessern will, sollte deshalb nicht nur schneller
trainieren, sondern auch genauer auf den eigenen Rhythmus achten. Denn oft
entscheidet nicht der stärkste Muskel über die Leistung, sondern der richtige
Takt. |
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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