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Warum der Körper keine Kalorien rechnet, sondern auf Signale reagiert
 
 
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27.02.2026  

 
 

 
Warum der Körper keine Kalorien rechnet, sondern auf Signale reagiert
Ein Leitartikel für Läufer, die verstehen wollen, wie ihr Stoffwechsel wirklich arbeitet

 
Es ist eine der hartnäckigsten Vorstellungen im Ausdauersport: Wer Gewicht kontrollieren oder Leistung optimieren will, muss Kalorien zählen. Zahlen geben Sicherheit. Sie suggerieren Kontrolle. Sie versprechen Planbarkeit.
 
Doch der menschliche Körper führt kein Haushaltsbuch. Er addiert keine Kalorienkolonnen, vergleicht keine Tabellen und trifft keine Entscheidungen auf Basis mathematischer Gleichungen. Er reagiert auf Signale. Auf Blutzucker, Hormone, Entzündungsprozesse, Schlafmangel und Stress. Wer Ernährung ausschließlich über Zahlen steuert, ignoriert diese biologischen Rückmeldungen und läuft Gefahr, gegen die eigene Physiologie zu arbeiten.
 
Die folgenden Zeilen zeigen auf, warum zwei Mahlzeiten mit identischer Kalorienzahl völlig unterschiedliche Effekte auf Hunger, Leistung und Regeneration haben können und weshalb Qualität, Zusammensetzung und Zeitpunkt der Ernährung entscheidender sind als rechnerische Vorgaben.

Der Körper ist kein Taschenrechner
 
Das klassische Kalorienmodell basiert auf einem simplen physikalischen Prinzip: Energie rein minus Energie raus ergibt Gewichtsveränderung. Dieses Konzept ist mathematisch korrekt, aber biologisch unvollständig.
 
Der Organismus ist kein Verbrennungsmotor, sondern ein komplexes Netzwerk aus Hormonen, Enzymen, Nervensignalen und Rückkopplungsschleifen. Verschiedene Nährstoffe lösen unterschiedliche hormonelle Reaktionen aus, die wiederum Hunger, Stoffwechsel und Fettverbrennung beeinflussen.
 
Damit wird klar: Nicht die Energiemenge allein entscheidet über die Wirkung einer Mahlzeit, sondern die biologische Antwort des Körpers auf deren Zusammensetzung.
 
Blutzucker: Der zentrale Dirigent des Energiegefühls
 
Der Körper misst keine Kalorien, sondern Konzentrationen. Vor allem die Glukose im Blut ist ein entscheidendes Signal.
 
Die Blutzuckerregulation funktioniert über ein fein abgestimmtes System aus Hormonen wie Insulin und Glukagon, die den Glukosespiegel stabil halten. Steigt der Blutzucker nach einer Mahlzeit schnell an, reagiert der Körper mit einer starken Insulinausschüttung. Fällt er anschließend ebenso rasch ab, entsteht erneut Hunger, obwohl rechnerisch genügend Energie aufgenommen wurde.
 
Mahlzeiten mit starken Blutzuckerschwankungen führen daher häufiger zu Heißhunger, während stabile Kurven länger satt halten.
 
Für Läufer bedeutet das: Zwei identische Kalorienmengen können völlig unterschiedliche Trainingseffekte haben. Eine zuckerreiche Mahlzeit vor einem Lauf liefert kurzfristig Energie, kann aber wenig später in ein Leistungstief führen. Eine ausgewogene Kombination aus komplexen Kohlenhydraten, Protein und Fett sorgt dagegen für eine gleichmäßigere Energieverfügbarkeit.
 
Hormone statt Mathematik
 
Hunger, Sättigung und Energiespeicherung werden maßgeblich hormonell gesteuert. Insulin, Leptin und Ghrelin regulieren, wann Energie genutzt, gespeichert oder nachgefordert wird.
 
Insulin spielt dabei eine Schlüsselrolle. Es entscheidet wesentlich darüber, ob aufgenommene Energie unmittelbar zur Verfügung steht oder eher in die Speicherung wandert. Stark verarbeitete Kohlenhydrate lösen häufig ausgeprägte Insulinspitzen aus, während Protein und Fett zu moderateren hormonellen Reaktionen führen.
 
Das erklärt, warum 100 Kilokalorien aus Schokolade eine andere Wirkung entfalten als 100 Kilokalorien aus Nüssen oder Olivenöl. Die Kalorienzahl ist identisch, die hormonelle Antwort jedoch grundverschieden.
 
Sättigung entsteht durch Signale, nicht durch Zahlen
 
Das Sättigungsgefühl entsteht im Gehirn, vor allem im Hypothalamus, der zahlreiche interne Rückmeldungen verarbeitet. Dazu zählen Magenfüllung, Nährstoffgehalt der Nahrung sowie hormonelle Signale aus Darm und Fettgewebe.
 
Lebensmittel mit gleichem Kaloriengehalt sättigen deshalb unterschiedlich stark. Protein- und ballaststoffreiche Mahlzeiten führen bei gleicher Energiezufuhr zu einem deutlich längeren Sättigungsgefühl als stark verarbeitete Produkte.
 
So kann ein Croissant ähnlich viele Kalorien liefern wie eine Schüssel Haferflocken, dennoch unterscheiden sich die Effekte auf Hunger, Trainingsenergie und Durchhaltevermögen erheblich.
 
Der unterschätzte Einfluss von Stress, Schlaf und Entzündung
 
Nicht nur die Nahrung selbst, auch Lebensstilfaktoren verändern die Signallandschaft des Körpers. Schlafmangel senkt das Sättigungshormon Leptin und erhöht gleichzeitig das Hungerhormon Ghrelin. Die Folge ist gesteigerter Appetit trotz ausreichender Kalorienzufuhr.
 
Chronischer Stress erhöht den Cortisolspiegel. Das kann den Stoffwechsel verlangsamen, die Fettverbrennung hemmen und das Verlangen nach schnell verfügbarer Energie verstärken. Auch Entzündungsprozesse beeinflussen diese hormonellen Rückkopplungen.
 
Für ambitionierte Läufer bedeutet das: Wer schlecht schläft oder unter Trainingsstress steht, reagiert metabolisch anders auf identische Mahlzeiten als ein ausgeruhter Athlet.
 
Warum identische Kalorien unterschiedliche Effekte haben
 
Ein praktisches Beispiel verdeutlicht den Unterschied:
 
- Weißbrot mit Marmelade
- Vollkornreis mit Lachs, Gemüse und Olivenöl
 
Beide Mahlzeiten können rechnerisch dieselbe Kalorienmenge liefern. Dennoch führen sie zu völlig unterschiedlichen inneren Reaktionen.
 
Die erste Variante verursacht schnelle Blutzuckerspitzen, eine ausgeprägte Insulinreaktion und anschließend oft einen Leistungsabfall. Die zweite liefert langsamer verfügbare Energie, stabilere Blutzuckerwerte und eine länger anhaltende Sättigung.
 
Entscheidend ist also nicht die Kalorienzahl, sondern welche Stoffwechsel- und Hormonsignale eine Mahlzeit auslöst.
 
Der Faktor Zeitpunkt: Chronobiologie der Ernährung
 
Auch der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme beeinflusst die Reaktion des Körpers. Die Insulinempfindlichkeit ist im Tagesverlauf unterschiedlich ausgeprägt. Morgens kann identische Nahrung metabolisch anders verarbeitet werden als am späten Abend.
 
Für die Trainingspraxis bedeutet das: Eine Mahlzeit vor einem Morgenlauf kann leistungsfördernd wirken, während dieselbe Energiemenge spät am Abend eher in die Speicherung geht. Der Körper bewertet Nahrung immer im Kontext seines inneren Rhythmus.
 
Was das für Läufer bedeutet
 
Für Ausdauersportler ergibt sich daraus eine klare Konsequenz. Ernährung darf nicht allein als Zahlenmodell verstanden werden. Entscheidend sind drei Faktoren:
 
1. Qualität der Nährstoffe
2. Zusammensetzung der Mahlzeiten
3. Zeitpunkt der Energiezufuhr
 
Wer diese Aspekte berücksichtigt, stabilisiert den Blutzucker, reduziert Heißhunger, verbessert die Regeneration und sorgt für konstantere Trainingsleistungen.
 
 
    Der kluge Läufer hört auf seinen Körper, nicht auf Tabellen
 
Kalorien sind eine hilfreiche Orientierungsgröße, aber kein biologischer Steuermechanismus. Der menschliche Organismus reagiert auf hormonelle Signale, Nährstoffverfügbarkeit und vielfältige Stoffwechselrückmeldungen.
 
Wer ausschließlich Kalorien zählt, arbeitet oft gegen diese inneren Regelkreise. Wer dagegen auf Qualität, Struktur und Timing der Ernährung achtet, nutzt die physiologischen Signale zu seinem Vorteil.
 
Die zentrale Erkenntnis für ambitionierte Läufer lautet daher: Leistung entsteht nicht durch Rechnen, sondern durch Regulation. Der Körper ist kein Taschenrechner, sondern ein hochsensibler Signalverarbeiter. Wer lernt, diese Signale zu verstehen, wird nicht nur bewusster essen, sondern auch konstanter und leistungsfähiger laufen.


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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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