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Kinder laufen wie die Großen - Begeisterung und Verantwortung |
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Wenn Kinder laufen wollen wie
die Großen - zwischen Begeisterung, Regeln und Verantwortung
Ein Straßenlauf an einem
sonnigen Wochenende, die Startpistole bereit, das Murmeln der Zuschauer in der
Luft und gespannte Nervosität im Startblock. Die Startnummern werden befestigt,
die Spannung steigt. Neben den erwachsenen Läufern steht ein Kind, voller
Energie, voller Vorfreude. Es trainiert regelmäßig, wirkt fit, möchte unbedingt
die fünf oder gar zehn Kilometer mitlaufen. Doch der Veranstalter winkt ab. Zu
jung. Zu riskant. Zu früh.
Was zunächst wie übertriebene
Vorsicht wirkt, hat einen klaren Hintergrund. In der Leichtathletik ist seit
Jahrzehnten exakt geregelt, ab welchem Alter welche Distanzen gelaufen werden
dürfen. Diese Grenzen sind nicht willkürlich gesetzt, sondern Ergebnis
sportmedizinischer Erkenntnisse und langjähriger Erfahrung im Nachwuchstraining.
Altersgrenzen im Laufsport - mehr als Bürokratie
In Deutschland orientieren sich
die Vorgaben an den Empfehlungen des Deutschen Leichtathletik-Verbands und
internationalen Richtlinien von World Athletics. Demnach gilt:
- 5 Kilometer ab der
Altersklasse U12
- 10 Kilometer ab der Altersklasse U16
Zu beachten sind zudem Mindest-
und Höchstdistanzen im Kinderbereich: So sollen Kinder der Altersklasse U10 in
der Regel mindestens 1 Kilometer, aber nicht mehr als 4,3 Kilometer laufen.
Diese Regelung betrifft in
erster Linie offiziell vermessene Wettkämpfe und Veranstaltungen im
organisierten Leichtathletikbetrieb. Der Gedanke dahinter ist eindeutig: Kinder
sollen schrittweise an längere Belastungen herangeführt werden, ohne ihre
körperliche Entwicklung zu gefährden.
Der kindliche Organismus
befindet sich noch im Wachstum. Knochen, Sehnen und Gelenke sind belastbar, aber
nicht unbegrenzt. Besonders die Wachstumsfugen reagieren empfindlich auf
monotone Dauerbelastungen. Zu lange Distanzen bei zu hoher Intensität können
Überlastungserscheinungen begünstigen, die im schlimmsten Fall langfristige
Schäden nach sich ziehen.
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen
Ein genauer Blick auf die
kindliche Physiologie hilft zu verstehen, warum diese Altersgrenzen existieren
und welche Unterschiede zur Belastbarkeit Erwachsener bestehen.
Kinder verfügen durchaus über
eine erstaunliche Grundlagenausdauer. Viele können lange laufen, ohne sofort zu
ermüden. Das verleitet zu der Annahme, sie seien auch für längere
Wettkampfdistanzen geeignet. Genau hier liegt der Trugschluss.
Der Energieumsatz von Kindern
ist anders strukturiert als bei Erwachsenen. Sie arbeiten ökonomischer im
aeroben Bereich, ermüden aber schneller bei langen, gleichförmigen Belastungen.
Zudem fehlt ihnen häufig noch die muskuläre Stabilität, die notwendig ist, um
tausende identische Laufschritte schadlos zu verkraften.
Trainer und
Sportwissenschaftler betonen deshalb seit Jahren ein zentrales Prinzip:
Vielseitigkeit vor Spezialisierung. Kinder sollen rennen, springen, spielen,
sprinten und koordinativ gefordert werden. Lange Straßenläufe setzen dagegen
primär auf monotone Ausdauerarbeit.
Können Kinder die Distanzen dennoch problemlos laufen? - Physiologische
Möglichkeiten im Kontext der kindlichen Entwicklung
Die ehrliche Antwort lautet: In
vielen Fällen ja - aber das ist nicht der entscheidende Maßstab.
Gut trainierte, bewegungsaffine
Kinder sind physiologisch durchaus in der Lage, auch längere Distanzen wie fünf
oder sogar zehn Kilometer zu bewältigen. Studien zeigen, dass Kinder relativ
effizient im aeroben Bereich arbeiten und sich nach Belastungen oft schnell
erholen. Gerade sportlich aktive Kinder empfinden längere, ruhige Läufe
subjektiv häufig als weniger anstrengend als intensive Sprint- oder
Intervallformen.
Doch Leistungsfähigkeit ist
nicht gleich Belastbarkeit. Herz-Kreislauf-System und Stoffwechsel passen sich
vergleichsweise rasch an Ausdauerreize an. Der passive Bewegungsapparat
entwickelt sich dagegen langsamer. Knochen, Sehnen, Bänder und insbesondere die
Wachstumsfugen sind noch nicht vollständig stabilisiert. Ein Kind kann daher
eine lange Strecke absolvieren, ohne unmittelbare Probleme zu spüren, während
sich im Hintergrund Mikrobelastungen aufbauen, die erst Wochen später
Beschwerden verursachen.
Die entscheidende Frage lautet
also nicht primär, welche Distanz ein Kind bewältigen kann, sondern welchen
Preis es langfristig dafür zahlt. Wird im Training frühzeitig stark auf lange
Läufe fokussiert, geraten wichtige Entwicklungsreize wie Schnelligkeit,
Koordination und Technik leicht ins Hintertreffen. Genau diese Fähigkeiten sind
jedoch das Fundament für spätere Leistungsfähigkeit im Ausdauersport.
Ein oft zitiertes historisches
Beispiel ist die deutsche Spitzenläuferin Birgit Lennartz-Lohrengel. Sie kam
bereits im Kindesalter über ihren Vater, den Sporthistoriker Karl Lennartz,
intensiv mit dem Laufsport in Kontakt und absolvierte sehr früh lange
Wettkämpfe, darunter auch Marathonläufe im Jugendalter. Wichtig ist dabei die
Einordnung: Sie bewegte sich in einem außergewöhnlich sportaffinen und
fachkundigen Umfeld und wurde eng durch ihren Vater begleitet. Unter diesen
individuellen Voraussetzungen verlief ihre Entwicklung erfolgreich und ohne die
heute befürchteten negativen Folgen. Ihr Werdegang zeigt, dass hohe
Ausdauerleistungen im Kindesalter unter sehr kontrollierten, persönlichen
Rahmenbedingungen möglich sein können. Gleichzeitig handelt es sich um einen
Einzelfall aus einer anderen Zeit des Laufsports, der nicht pauschal auf den
heutigen Nachwuchssport übertragbar ist. Moderne Trainings- und Schutzkonzepte
orientieren sich daher an breiten sportmedizinischen Erkenntnissen und stellen
die langfristige, vielseitige Entwicklung aller Kinder in den Vordergrund.
Verliert ein Kind durch lange Läufe seine Sprintfähigkeit?
Die Sorge ist verbreitet, aber
differenziert zu betrachten. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass
moderates Ausdauertraining im Kindesalter automatisch die Schnelligkeit
zerstört. Problematisch wird es erst, wenn Training einseitig gestaltet ist und
Sprint-, Sprung- und Koordinationsreize fehlen.
Frühe Spezialisierung auf lange
Strecken kann die neuromuskuläre Entwicklung einengen. Kinder lernen dann,
ökonomisch langsam zu laufen, aber nicht mehr explosiv schnell. Erfolgreiche
Nachwuchskonzepte setzen deshalb bewusst auf abwechslungsreiche Trainingsformen.
Schnelligkeit und Koordination werden als zentrale Entwicklungssäulen
betrachtet, während längere Ausdauerbelastungen dosiert eingesetzt werden.
Das Dilemma der Straßenläufe
Nach den physiologischen und
trainingswissenschaftlichen Überlegungen rückt nun die Wettkampfpraxis und ihre
organisatorisch-rechtliche Dimension in den Fokus.
Während im Stadion klare
Altersklassen gelten, wirkt der Straßenlauf offener. Hier locken Medaillen,
Pokale oder Sachpreise. Für viele Kinder ist genau das der Reiz. Sie möchten
nicht nur mitlaufen, sondern sich messen und belohnt werden.
Veranstalter stehen dabei vor
einem Spannungsfeld. Einerseits möchten sie Familien ansprechen und den
Nachwuchs begeistern. Andererseits tragen sie Verantwortung für die Gesundheit
der Kinder und müssen sich an sportrechtliche Vorgaben halten.
Altersbeschränkungen sind deshalb keine Schikane, sondern ein Schutzmechanismus.
Hinzu kommt eine konkrete Regel
aus dem Nachwuchsbereich: Kinder (bis U12) dürfen an einem Tag nur an einem Lauf
teilnehmen. Damit soll verhindert werden, dass sich Wettkampfbelastungen
summieren, die der kindliche Organismus deutlich schlechter kompensieren kann
als der eines Erwachsenen.
In der Praxis kommt es dennoch
vor, dass Kinder mit einem höheren Alter gemeldet werden, um eine Teilnahme zu
ermöglichen. Auf den ersten Blick scheint dies harmlos, schließlich wirkt das
Kind fit und motiviert.
Doch dieses Vorgehen birgt
erhebliche Risiken. Kommt es während des Laufs zu einem Unfall oder
gesundheitlichen Problem, kann die Versicherung die Leistung verweigern, weil
die Teilnahme gegen die Ausschreibungsbedingungen verstieß. Juristisch gilt
dann, dass das Kind eigentlich nicht startberechtigt war. Im Ernstfall stehen
Eltern und Veranstalter gleichermaßen in der Verantwortung.
Neben der rechtlichen Dimension
stellt sich auch eine pädagogische Frage: Welche Botschaft wird vermittelt, wenn
Regeln umgangen werden, nur weil die Motivation groß ist?
Ein verantwortungsvoller Weg
Die Begeisterung
laufbegeisterter Kinder ist ein Geschenk. Sie sollte gefördert werden, aber mit
Augenmaß. Altersgerechte Kinderläufe, Staffeln oder Crossläufe bieten ideale
Wettkampfformen, die Spannung und Sicherheit verbinden. Hier erleben Kinder den
Wettkampfgedanken, ohne ihren Körper übermäßig zu belasten.
Langfristig profitieren junge
Läufer von einem geduldigen Aufbau. Wer im Kindesalter vielseitig trainiert,
entwickelt eine stabile Basis für spätere Leistungsfähigkeit. Die langen
Distanzen kommen dann mit der körperlichen Reife ganz automatisch.
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Handlungsempfehlungen für Eltern und Trainer
Ein Kind kann unter Umständen längere Distanzen laufen, auch unterhalb der
offiziellen Altersfreigaben. Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob es
möglich ist, sondern ob es langfristig sinnvoll ist. Die Altersgrenzen im
Laufsport schützen nicht vor akuter Überforderung, sondern vor schleichenden
Fehlentwicklungen im entscheidenden Wachstumsfenster.
Wer Kinder nachhaltig für den Laufsport begeistern möchte, setzt auf Vielfalt
statt auf frühe Spezialisierung. Dann bleiben Schnelligkeit, Koordination und
Freude erhalten - und die großen Distanzen warten geduldig auf den richtigen
Zeitpunkt. |
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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