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Garmin unter Druck - Der Kampf um das Smartwatch-Handgelenk |
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Garmin unter Druck: Warum der Laufuhr-Pionier ausgerechnet jetzt seine größte
Bewährungsprobe erlebt
Garmin hat geschafft, wovon
viele Technikfirmen nur träumen. Der ehemalige Navi-Spezialist hat sich neu
erfunden und ist heute im Sportbereich so profitabel wie nie. Doch genau in dem
Moment, in dem die Zahlen glänzen, wächst der Druck von zwei Seiten. Oben drückt
Apple mit der Macht des Massenmarkts. Unten greifen Spezialisten wie COROS an.
Und mittendrin steht eine Frage, die für Läufer plötzlich wichtiger wird als
neue Trainingsmetriken: Wie langlebig ist eine Uhr, die 500, 700 oder 1.000 Euro
kostet wirklich?
Es gibt diese Marken, die so eng mit einer Sportart verbunden sind, dass ihr
Name fast zum Gattungsbegriff wird. Im Laufsport war Garmin über Jahre genau
das. Wer strukturiert trainierte, Marathon lief, auf Pace, Puls, Höhenmeter und
Akkulaufzeit achtete, landete fast zwangsläufig bei einer Forerunner oder fenix.
Garmin war nicht einfach ein Hersteller. Garmin war für viele Läufer der
Maßstab.
Nur ist der Markt heute ein
anderer als noch vor zehn Jahren. Im globalen Smartwatch-Geschäft sitzt Apple
längst auf dem Spitzenplatz. Laut Canalys lag Apple im zweiten Quartal 2024 bei
49 Prozent der weltweiten Smartwatch-Auslieferungen, Samsung bei 15 Prozent und
Garmin bei 11 Prozent. Das ist keine Randnotiz, sondern die neue Machtordnung am
Handgelenk.
Auch im Laufalltag verschiebt
sich das Bild. Strava schreibt in seinem "Year in Sport"-Report 2024, dass
5-Kilometer-Läufer eher zur Apple Watch greifen, während die Garmin Forerunner
bei längeren Distanzen populärer bleibt. Das ist ein feiner, aber wichtiger
Unterschied. Apple erobert den breiten Markt. Garmin verteidigt die
leistungsorientierte Nische.
Und doch wäre es ein Fehler,
Garmin schon in die Defensive zu schreiben. Denn wirtschaftlich steht das
Unternehmen bemerkenswert stark da.
Garmin ist der seltene Fall
eines Technikkonzerns, der eine existenzielle Krise nicht nur überlebt, sondern
in ein neues Geschäftsmodell verwandelt hat. 2008 kamen noch 72,6 Prozent des
Umsatzes aus dem Bereich Automotive/Mobile. Im selben Jahr verkaufte Garmin 16,9
Millionen Geräte. Damals war das Unternehmen vor allem der König der Navis. Doch
mit Smartphone, Google Maps und mobiler Echtzeitnavigation wurde dieses Geschäft
Stück für Stück entwertet.
Dass Garmin heute überhaupt
noch eine solche Rolle spielt, ist das Ergebnis eines der spannendsten
Strategiewechsel der Tech-Branche. Das Unternehmen verlagerte seinen Schwerpunkt
konsequent auf Sport, Outdoor, Marine und Luftfahrt. 2024 stieg der Umsatz um 20
Prozent auf 6,3 Milliarden US-Dollar. Die Bruttomarge lag bei 58,7 Prozent, die
operative Marge bei 25,3 Prozent. Outdoor und Fitness kamen zusammen auf rund 59
Prozent des Gesamtumsatzes. Das ist für einen Hardwarehersteller außergewöhnlich
stark.
Für Läufer heißt das: Garmin
ist nicht deshalb relevant geblieben, weil die Marke nostalgisch aufgeladen ist.
Garmin ist relevant geblieben, weil das Unternehmen früh verstanden hat, dass
spezialisierte Sportelektronik mehr sein kann als Zubehör. Sie wurde zum Kern
des Geschäfts.
Genau daraus ergibt sich aber
das Paradox dieser Geschichte. Garmin ist erfolgreich, aber nicht unangreifbar.
Im Gegenteil. Vielleicht ist die Lage gerade deshalb so heikel, weil der Konzern
stark genug ist, um Schwächen lange zu überdecken.
Die erste Bedrohung kommt von
oben und trägt einen vertrauten Namen. Apple. Die Apple Watch ist für viele
Menschen nicht zuerst Trainingsgerät, sondern Alltagszentrale. Nachrichten,
Telefonie, Musik, Bezahlen, Sicherheit, Gesundheitsfunktionen, dazu inzwischen
mehr Lauf- und Outdoor-Funktionen als noch vor wenigen Jahren. Mit der
Ultra-Linie ist Apple zudem bewusst in Terrain vorgestoßen, das früher nahezu
allein Garmin gehörte. Der Unterschied liegt weniger in der Sensorik als in der
Philosophie. Apple verkauft das smarte Leben mit Sportfunktion. Garmin verkauft
das Sportwerkzeug mit Smart-Extras.
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GPS-Uhr von COROS
bietet sehr viele Funktionen für Läufer |
Die zweite Bedrohung kommt von
unten und wirkt für Garmin fast noch unangenehmer. Denn dort greifen Marken an,
die im Kern genau dieselbe Zielgruppe wollen. Allen voran COROS. Die Marke hat
sich in kurzer Zeit als leistungsorientierte Alternative mit gutem
Preis-Leistungs-Verhältnis etabliert. Für Garmin ist das deshalb heikel, weil
COROS nicht über Lifestyle kommt, sondern über Trainingsnutzen. Und neuerdings
auch über das Thema Reparatur. Seit Mai 2025 bietet COROS in den USA und der EU
einen Reparaturservice an, bei dem nach Unternehmensangaben unter anderem
defekte Akkus, Tasten, Drehräder und Displays gegen feste Gebühren bearbeitet
werden. Für Akkuwechsel nennt COROS je nach Modell 59 bis 89 US-Dollar.
Damit sind wir bei einem Punkt,
der für viele Läufer bislang erstaunlich wenig diskutiert wurde, in Zukunft aber
zum entscheidenden Kriterium werden könnte: Reparierbarkeit.
Garmin selbst schreibt im
Support-Bereich, dass die wiederaufladbaren Lithium-Ionen-Akkus seiner Uhren in
der Regel nicht vom Nutzer wechselbar sind. Für Defekte außerhalb der Garantie
verweist Garmin auf ein Austauschprogramm, bei dem häufig ein vergünstigter
Geräteaustausch angeboten wird. Das kann praktisch sein. Es ist aber eben etwas
anderes als eine klassische Reparatur.
Das Problem daran ist weniger
emotional als strategisch. Garmin verkauft seine Spitzenmodelle als Werkzeuge
für Langstrecken, Triathlon, Berge, Expeditionen und jahrelangen Gebrauch. Genau
deshalb erwarten Käufer in dieser Preisklasse nicht nur gute GPS-Daten, sondern
auch Haltbarkeit. Wenn dann ausgerechnet Akku oder Gehäuse zum wirtschaftlichen
Totalschaden werden, gerät die Markenbotschaft ins Wanken.
Noch ist Garmin damit nicht
allein. Viele Wearables sind schwer zu reparieren. Aber das regulatorische Klima
in Europa dreht sich. Die EU-Richtlinie zur Förderung der Reparatur wurde am 13.
Juni 2024 verabschiedet, trat am 30. Juli 2024 in Kraft und muss ab dem 31. Juli
2026 in den Mitgliedstaaten angewendet werden. Sie stärkt Reparatur
grundsätzlich, gilt aber zunächst nur für Produktgruppen, die in Annex II
erfasst sind und bereits produktspezifische Reparaturvorgaben haben. Dazu zählen
unter anderem Smartphones, nicht aber pauschal alle Wearables. Gleichzeitig soll
die Liste künftig jährlich aktualisiert werden.
Für Garmin ist das eine Warnung
mit Ansage. Noch zwingt die Regulierung Sportuhren nicht in gleichem Maß wie
andere Elektronikprodukte in Richtung Reparatur. Aber der Trend ist klar. Wer
künftig glaubwürdig Nachhaltigkeit, Premiumanspruch und Langzeiteinsatz
verkaufen will, wird sich am Thema Service messen lassen müssen.
Genau hier könnte sich
entscheiden, wie die Garmin-Geschichte in den nächsten Jahren weitererzählt
wird.
Das bullische Szenario lautet:
Garmin bleibt das, was Rolex für mechanische Uhren und Porsche für Sportwagen
ist. Kein Massenprodukt, aber der Referenzname in seiner Disziplin. Die
Voraussetzungen dafür sind da. Die Marke ist stark, die Marge hoch, die Bilanz
solide. Garmin hat kaum nennenswerte Schulden und investiert weiter kräftig in
Forschung und Entwicklung.
Das skeptische Szenario sieht
anders aus. Apple besetzt den Mainstream, COROS und andere Spezialisten drücken
im Performance-Segment, und Garmin reagiert zu langsam. Dann droht kein
spektakulärer Absturz, sondern ein leiser Bedeutungsverlust. Eine Marke kann
finanziell gesund sein und kulturell trotzdem an Strahlkraft verlieren. Gerade
im Laufsport entscheidet nicht nur Technik, sondern auch Wahrnehmung. Wer heute
Einsteiger, Fortgeschrittene und ambitionierte Hobbysportler nicht mehr
selbstverständlich erreicht, verliert morgen Reichweite, Community und Relevanz.
Das spannendste Szenario ist
deshalb das dritte. Garmin erkennt, dass die nächste Welle nicht nur in besseren
Algorithmen, AMOLED-Displays oder noch mehr Trainingsmetriken liegt, sondern in
einem glaubwürdigen Gesamtversprechen. Dazu würden eine klare Akku- und
Reparaturstrategie, längere Produktpflege, nachvollziehbare Servicepreise und
vielleicht sogar ein europäisch sichtbares Reparaturangebot gehören. Kurz:
weniger Wegwerfgefühl, mehr Werkzeugcharakter.
Denn am Ende ist das die
eigentliche Frage hinter allen Marktanteilen und Wachstumszahlen. Was soll eine
Laufuhr in den Augen ihrer Besitzer sein? Ein elektronisches Konsumprodukt auf
Zeit? Oder ein Trainingspartner für viele Jahre?
Garmin hat einmal bewiesen,
dass ein Konzern eine Disruption überleben kann. Aus dem Navi-Pionier wurde ein
Sporttech-Schwergewicht. Nun steht die Marke vor einer neuen Prüfung. Diesmal
geht es nicht darum, ob Garmin gute Uhren bauen kann. Das kann das Unternehmen.
Es geht darum, ob Garmin die Idee der guten Uhr neu definieren will. In einer
Zeit, in der Leistung allein nicht mehr reicht, könnte ausgerechnet die Frage
nach Akku, Reparatur und Lebensdauer darüber entscheiden, wer am Handgelenk der
Läufer die Zukunft trägt.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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