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Bonn läuft nicht nur für Zeiten, sondern für Menschen |
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Bonn läuft nicht nur für Zeiten,
sondern für Menschen
Am Sonntagnachmittag am Rhein
geht es oft um Rhythmus, Atmung und die Frage, wie weit die Beine tragen. Am 10.
Mai 2026 bekommt dieses vertraute Laufgefühl in Bonn eine andere, tiefere
Bedeutung. Dann lädt Amnesty International, Gruppe Bonn-Mitte, zum 36. Lauf für
die Menschenrechte ein. Gelaufen wird wieder am Beueler Rheinufer. Start und
Ziel liegen am Rondell am Mirecourt-Platz, nur wenige Schritte von der
Kennedybrücke entfernt. Wer dort antritt, läuft nicht nur fünf oder zehn
Kilometer. Er läuft auch für Menschen, denen genau das fehlt, was im Laufsport
so selbstverständlich wirkt: Freiheit.
Das Konzept ist bewusst
niedrigschwellig. Die Anmeldung beginnt um 13:30 Uhr, gestartet wird um 14 Uhr.
Eine Voranmeldung ist nach Angaben der Veranstalter nicht nötig. Gelaufen werden
können spontan entweder 5 oder 10 Kilometer. Die Strecke ist 2,5 Kilometer lang.
Für 5 Kilometer geht es einmal hin und zurück, für 10 Kilometer zweimal. Der
Wendepunkt wird markiert. Eine offizielle Zeitmessung gibt es nicht, die Zeit
wird selbst genommen. Genau das passt zu dieser Veranstaltung. Im Mittelpunkt
stehen weder Bestzeiten noch Platzierungen, sondern ein klares Zeichen der
Solidarität.
Darin liegt auch die besondere
Kraft dieses Laufs. Während viele Volksläufe vom sportlichen Ehrgeiz leben, lebt
dieser Termin von einer anderen Energie. Die Teilnehmer tragen Namensschilder
von inhaftierten Menschenrechtsverteidigern aus dem Iran. Gemeint sind Menschen,
die nach Angaben von Amnesty gewaltlos von ihrem Recht auf freie
Meinungsäußerung Gebrauch gemacht haben und dafür in unfairen Verfahren
verurteilt wurden. Aus einem gewöhnlichen Lauf am Rhein wird so eine sichtbare
Form von Anteilnahme. Jeder Schritt bekommt ein Gesicht. Jeder Kilometer eine
Geschichte.
Dass der Bonner Lauf den Iran
in den Mittelpunkt rückt, ist kein Zufall. Der Arbeitsschwerpunkt der Gruppe
Bonn-Mitte liegt dort seit längerem. Die offizielle Ankündigung der Gruppe
beschreibt massive Repressionen im Zusammenhang mit landesweiten Protesten.
Unabhängig davon bestätigen auch internationale Menschenrechtsorganisationen und
die Vereinten Nationen für Iran eine dramatische Lage. Der UN-Menschenrechtsrat
sprach im Januar 2026 von tausenden Toten, darunter Kindern, sowie von
tausendfachen Festnahmen im Zusammenhang mit den landesweiten Protesten seit
Ende Dezember 2025. Amnesty dokumentierte im Februar mindestens 30 Menschen,
denen im Zusammenhang mit den Protesten die Todesstrafe drohte, darunter auch
Minderjährige oder sehr junge Erwachsene. Human Rights Watch berichtete im April
2026 zudem von massenhaften willkürlichen Verhaftungen, geheimen Haftorten und
der Gefährdung politischer Gefangener durch Kriegseinwirkungen und staatliche
Repression.
Die Pressemitteilung der
Veranstalter nennt für die Niederschlagung der Proteste im Iran Schätzungen von
10.000 bis 20.000 Getöteten. Diese konkrete Zahl konnte ich in den geprüften
öffentlich zugänglichen Berichten von UN, Amnesty und Human Rights Watch nicht
unabhängig bestätigen. Belegt ist jedoch, dass internationale Institutionen von
einer brutalen Niederschlagung mit tausenden Todesopfern, willkürlichen
Inhaftierungen, Foltervorwürfen, unfairen Verfahren und einer wachsenden Zahl
von Todesurteilen sprechen. Auch Amnesty Deutschland hält in seinem aktuellen
Länderbericht fest, dass sich die Repression gegen die Zivilbevölkerung nach dem
bewaffneten Konflikt zwischen Iran und Israel im Juni 2025 weiter verschärft
hat.
Damit wird klar, warum dieser
Lauf mehr ist als ein symbolischer Termin im Bonner Veranstaltungskalender. Er
verbindet zwei Welten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben.
Hier die offene Laufstrecke am Rhein. Dort Gefängnisse, Prozesse ohne
rechtsstaatliche Standards und Menschen, deren Namen außerhalb von
Menschenrechtskreisen kaum bekannt sind. Gerade diese Verbindung macht die
Veranstaltung so stark. Sie holt ein fernes Thema aus den Nachrichten heraus und
setzt es dorthin, wo Öffentlichkeit entsteht: mitten in den Alltag und mitten in
den Sport.
Für Laufinteressierte, die
sonst vor allem wegen Atmosphäre, Bewegung und Gemeinschaft an den Start gehen,
liegt darin vielleicht auch die eigentliche Besonderheit dieses Nachmittags. Es
braucht keine Startnummer, keine Chipzeit und kein großes Expo-Gelände, um aus
einem Lauf ein Ereignis zu machen. Manchmal reicht ein klarer Anlass. Und
manchmal reicht die Erinnerung daran, dass Laufen nicht nur Leistung ausdrücken
kann, sondern auch Mitgefühl, Aufmerksamkeit und Präsenz.
Wer am 10. Mai in Bonn antritt,
bekommt also keinen klassischen Wettkampf. Dafür bekommt man etwas, das im Sport
nicht minder wertvoll ist: einen Anlass, der nachwirkt. Die Strecke ist kurz
genug für Einsteiger, lang genug für Ambitionierte und offen genug für alle, die
das Laufen nicht nur als Training verstehen. Gerade in einer Zeit, in der viele
Läufe immer professioneller, schneller und voller werden, wirkt dieser Termin
wohltuend klar. Schuhe schnüren, ankommen, Namen sichtbar machen, loslaufen.
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Das Wichtigste zum Lauf in Kürze
Der 36. Lauf für die Menschenrechte findet am
Sonntag, 10. Mai 2026, in
Bonn statt. Start und Ziel sind am Rondell am Mirecourt-Platz,
rund 100 Meter südlich vom Chinaschiff, nahe der Kennedybrücke. Die Anmeldung beginnt
um 13:30 Uhr, der Start ist um 14:00 Uhr. Gelaufen werden können 5 oder
10 Kilometer, die Distanz ist spontan wählbar. Die Runde ist 2,5 Kilometer
lang. Eine Startgebühr wird nicht erhoben. Spenden sind vor
Ort willkommen oder an Amnesty International, Gruppe 1014, bei der Bank für
Sozialwirtschaft, IBAN: DE23 3702 0500 0000 8090 100 möglich. Die Zeit
wird selbst erfasst, eine offizielle Zeitmessung gibt es nicht. Der
Veranstalter weist außerdem darauf hin, dass keine Haftung für Unfälle und
Diebstähle übernommen wird. Weitere Informationen finden sich bei der
Amnesty-Gruppe Bonn-Mitte.
www.amnesty-bonn-mitte.de |
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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