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Bonn läuft nicht nur für Zeiten, sondern für Menschen
 
 
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22.04.2026  

 
 

 
Bonn läuft nicht nur für Zeiten, sondern für Menschen

 
Am Sonntagnachmittag am Rhein geht es oft um Rhythmus, Atmung und die Frage, wie weit die Beine tragen. Am 10. Mai 2026 bekommt dieses vertraute Laufgefühl in Bonn eine andere, tiefere Bedeutung. Dann lädt Amnesty International, Gruppe Bonn-Mitte, zum 36. Lauf für die Menschenrechte ein. Gelaufen wird wieder am Beueler Rheinufer. Start und Ziel liegen am Rondell am Mirecourt-Platz, nur wenige Schritte von der Kennedybrücke entfernt. Wer dort antritt, läuft nicht nur fünf oder zehn Kilometer. Er läuft auch für Menschen, denen genau das fehlt, was im Laufsport so selbstverständlich wirkt: Freiheit.
 
Das Konzept ist bewusst niedrigschwellig. Die Anmeldung beginnt um 13:30 Uhr, gestartet wird um 14 Uhr. Eine Voranmeldung ist nach Angaben der Veranstalter nicht nötig. Gelaufen werden können spontan entweder 5 oder 10 Kilometer. Die Strecke ist 2,5 Kilometer lang. Für 5 Kilometer geht es einmal hin und zurück, für 10 Kilometer zweimal. Der Wendepunkt wird markiert. Eine offizielle Zeitmessung gibt es nicht, die Zeit wird selbst genommen. Genau das passt zu dieser Veranstaltung. Im Mittelpunkt stehen weder Bestzeiten noch Platzierungen, sondern ein klares Zeichen der Solidarität.
 
Darin liegt auch die besondere Kraft dieses Laufs. Während viele Volksläufe vom sportlichen Ehrgeiz leben, lebt dieser Termin von einer anderen Energie. Die Teilnehmer tragen Namensschilder von inhaftierten Menschenrechtsverteidigern aus dem Iran. Gemeint sind Menschen, die nach Angaben von Amnesty gewaltlos von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht haben und dafür in unfairen Verfahren verurteilt wurden. Aus einem gewöhnlichen Lauf am Rhein wird so eine sichtbare Form von Anteilnahme. Jeder Schritt bekommt ein Gesicht. Jeder Kilometer eine Geschichte.
 
Dass der Bonner Lauf den Iran in den Mittelpunkt rückt, ist kein Zufall. Der Arbeitsschwerpunkt der Gruppe Bonn-Mitte liegt dort seit längerem. Die offizielle Ankündigung der Gruppe beschreibt massive Repressionen im Zusammenhang mit landesweiten Protesten. Unabhängig davon bestätigen auch internationale Menschenrechtsorganisationen und die Vereinten Nationen für Iran eine dramatische Lage. Der UN-Menschenrechtsrat sprach im Januar 2026 von tausenden Toten, darunter Kindern, sowie von tausendfachen Festnahmen im Zusammenhang mit den landesweiten Protesten seit Ende Dezember 2025. Amnesty dokumentierte im Februar mindestens 30 Menschen, denen im Zusammenhang mit den Protesten die Todesstrafe drohte, darunter auch Minderjährige oder sehr junge Erwachsene. Human Rights Watch berichtete im April 2026 zudem von massenhaften willkürlichen Verhaftungen, geheimen Haftorten und der Gefährdung politischer Gefangener durch Kriegseinwirkungen und staatliche Repression.
 
Die Pressemitteilung der Veranstalter nennt für die Niederschlagung der Proteste im Iran Schätzungen von 10.000 bis 20.000 Getöteten. Diese konkrete Zahl konnte ich in den geprüften öffentlich zugänglichen Berichten von UN, Amnesty und Human Rights Watch nicht unabhängig bestätigen. Belegt ist jedoch, dass internationale Institutionen von einer brutalen Niederschlagung mit tausenden Todesopfern, willkürlichen Inhaftierungen, Foltervorwürfen, unfairen Verfahren und einer wachsenden Zahl von Todesurteilen sprechen. Auch Amnesty Deutschland hält in seinem aktuellen Länderbericht fest, dass sich die Repression gegen die Zivilbevölkerung nach dem bewaffneten Konflikt zwischen Iran und Israel im Juni 2025 weiter verschärft hat.
 
Damit wird klar, warum dieser Lauf mehr ist als ein symbolischer Termin im Bonner Veranstaltungskalender. Er verbindet zwei Welten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Hier die offene Laufstrecke am Rhein. Dort Gefängnisse, Prozesse ohne rechtsstaatliche Standards und Menschen, deren Namen außerhalb von Menschenrechtskreisen kaum bekannt sind. Gerade diese Verbindung macht die Veranstaltung so stark. Sie holt ein fernes Thema aus den Nachrichten heraus und setzt es dorthin, wo Öffentlichkeit entsteht: mitten in den Alltag und mitten in den Sport.
 
Für Laufinteressierte, die sonst vor allem wegen Atmosphäre, Bewegung und Gemeinschaft an den Start gehen, liegt darin vielleicht auch die eigentliche Besonderheit dieses Nachmittags. Es braucht keine Startnummer, keine Chipzeit und kein großes Expo-Gelände, um aus einem Lauf ein Ereignis zu machen. Manchmal reicht ein klarer Anlass. Und manchmal reicht die Erinnerung daran, dass Laufen nicht nur Leistung ausdrücken kann, sondern auch Mitgefühl, Aufmerksamkeit und Präsenz.
 
Wer am 10. Mai in Bonn antritt, bekommt also keinen klassischen Wettkampf. Dafür bekommt man etwas, das im Sport nicht minder wertvoll ist: einen Anlass, der nachwirkt. Die Strecke ist kurz genug für Einsteiger, lang genug für Ambitionierte und offen genug für alle, die das Laufen nicht nur als Training verstehen. Gerade in einer Zeit, in der viele Läufe immer professioneller, schneller und voller werden, wirkt dieser Termin wohltuend klar. Schuhe schnüren, ankommen, Namen sichtbar machen, loslaufen.
 
 
    Das Wichtigste zum Lauf in Kürze
 
Der 36. Lauf für die Menschenrechte findet am Sonntag, 10. Mai 2026, in Bonn statt. Start und Ziel sind am Rondell am Mirecourt-Platz, rund 100 Meter südlich vom Chinaschiff, nahe der Kennedybrücke. Die Anmeldung beginnt um 13:30 Uhr, der Start ist um 14:00 Uhr. Gelaufen werden können 5 oder 10 Kilometer, die Distanz ist spontan wählbar. Die Runde ist 2,5 Kilometer lang. Eine Startgebühr wird nicht erhoben. Spenden sind vor Ort willkommen oder an Amnesty International, Gruppe 1014, bei der Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE23 3702 0500 0000 8090 100 möglich. Die Zeit wird selbst erfasst, eine offizielle Zeitmessung gibt es nicht. Der Veranstalter weist außerdem darauf hin, dass keine Haftung für Unfälle und Diebstähle übernommen wird. Weitere Informationen finden sich bei der Amnesty-Gruppe Bonn-Mitte.
 
www.amnesty-bonn-mitte.de


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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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