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Severinslauf 2026: Gerettet, aber nicht neu geboren |
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Der 41. Dauerlauf im Severinsviertel fand am Sonntag statt. Nach Absage,
Spendenaufruf und Rettung durch einen Sponsor war das allein schon eine
Nachricht. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Der Severinslauf lebt nicht
wieder auf. Er hat erst einmal nur überlebt.
Am Ende war es wieder so, wie
es beim Severinslauf immer ein wenig sein soll: Start und Ziel an der Torburg,
Südstadtpflaster unter den Schuhen, bekannte Gesichter am Rand, 5 Kilometer, 10
Kilometer, ein Lauf mit Veedelsgefühl. Am Sonntag, 26. April 2026, wurde der 41.
Dauerlauf im Severinsviertel tatsächlich gestartet. Im Zeitplan standen zwei
Wettbewerbe: der 5-Kilometer-Lauf um 11 Uhr und der 10-Kilometer-Lauf um 12 Uhr.
Sportlich wichtig ist allerdings: Auch in diesem Jahr wurde der Lauf nicht als
offizieller Lauf des Leichtathletikverbandes ausgetragen. Die Veranstaltung
blieb damit ein privat organisierter Lauf ohne offizielle Anerkennung der
erzielten Leistungen durch den Verband.
Dass dieser Satz überhaupt
geschrieben werden kann, war vor wenigen Wochen keineswegs sicher. Ende Februar
stand der Severinslauf vor dem Aus. Der Grund war nicht das Wetter, nicht die
Strecke, nicht fehlende Läuferbeine. Es fehlte Geld. Veranstalter Georg
Herkenrath bestätigte damals, der 41. Dauerlauf im Severinsviertel werde wegen
mangelnder Finanzierung nicht stattfinden.
Dann kam die Rettung. Eine
Spendeninitiative wurde angeschoben, die Debatte nahm Fahrt auf, lokale Medien
berichteten. Schließlich sprang Reissdorf ein und unterstützte den Lauf
finanziell. Damit konnte die Veranstaltung doch stattfinden.
Das klingt zunächst wie eine
schöne Kölner Geschichte. Ein Traditionslauf wackelt, das Veedel rückt zusammen,
ein Sponsor hilft, der Startschuss fällt doch. Fertig ist das Happy End. Doch so
einfach ist es nicht.
Denn der Severinslauf kam nicht
mit Schwung zurück. Er kam mit Mühe zurück.
Während andere
Laufveranstaltungen in und um Köln derzeit Rückenwind erleben, blieb der große
Aufbruch im Severinsviertel aus. Der Kölner Frühlingslauf meldete 2026 einen
Teilnehmerrekord mit 2.180 Läufern. Der Köln Marathon verzeichnete 2025 mit
37.053 Anmeldungen einen Melderekord und ein Wachstum von mehr als 20 Prozent
gegenüber dem Vorjahr. Auch der Düsseldorf Marathon meldete für den 26. April
2026 mehr als 23.000 Teilnehmer.
Vor diesem Hintergrund wirkt
die Entwicklung des Severinslaufs ernüchternd. Nach der Auswertung der
Finisherzahlen erreichten 2026 insgesamt 795 Teilnehmer das Ziel: 246 über 5
Kilometer und 549 über 10 Kilometer. Im Vorjahr waren es 781 Finisher, davon 253
über 5 Kilometer und 528 über 10 Kilometer. 2024 kamen 789 Läufer ins Ziel, 235
über 5 Kilometer und 554 über 10 Kilometer. Damit lag der Lauf zwar leicht über
den Zahlen von 2024 und 2025, aber die Steigerung blieb überschaubar. Ein Plus
von 14 Finishern gegenüber dem Vorjahr und sechs Finishern gegenüber 2024 ist
kein Einbruch. Aber es ist eben auch kein Signal für einen neuen Ansturm.
Genau darin liegt die
eigentliche Nachricht dieses Sonntags: Der Severinslauf wurde gerettet, aber er
wurde nicht neu entfacht.
Sportlich hatte der Tag dennoch
klare Gesichter. Über 5 Kilometer gewann Tim von der Stein in 16:42 Minuten. Auf
der 10-Kilometer-Strecke setzte sich bei den Männern Camill Harter von Milers
Colonia 2020 in 36:27 Minuten netto durch, gefolgt von Momo Bouhaddouz von
Meister Gerhard in 36:47 Minuten und Uli Tisch-Rottensteiner in 37:05 Minuten.
Bei den Frauen gewann Nadja Gaus von Bunert - Der Kölner Laufladen in starken
37:44 Minuten, vor Judith Mein von Meister Gerhard in 37:55 Minuten und Larissa
Wittkamp von Milers Colonia 2020 in 39:34 Minuten.
Das Severinsviertel hat einen
Lauf, der mehr ist als eine Startnummernausgabe und zwei Distanzen. Er ist Teil
der Kölner Laufgeschichte. Auf der Veranstalterseite wird der Dauerlauf mit der
Lauffachberatung auf der Severinstraße verbunden, die seit 1982 in der Südstadt
präsent ist. Der Lauf besitzt, was viele neue Events erst teuer herstellen
müssen: eine Geschichte, einen Ort, eine emotionale Verankerung.
Aber Tradition allein trägt
keine Veranstaltung mehr durch die Gegenwart.
Das ist die unbequeme Wahrheit.
Wer heute einen Volkslauf organisiert, konkurriert nicht nur mit anderen Läufen.
Er konkurriert mit Wochenendplänen, Familienzeit, digitalen
Trainingsplattformen, Eventformaten mit Musik, Medaille, Social-Media-Bildern,
klarer Kommunikation und einer professionellen Teilnehmeransprache. Viele Läufer
fragen nicht mehr nur: Wo kann ich laufen? Sie fragen: Warum genau dort?
Beim Severinslauf war die
Antwort lange einfach: Weil er dazugehört.
Doch Zugehörigkeit muss
gepflegt werden. Ein Veedelslauf lebt nicht vom Namen allein. Er lebt von
Menschen, die jedes Jahr wiederkommen, von Vereinen, die geschlossen antreten,
von Schulen, Firmen, Karnevalsgesellschaften, Nachbarschaften, Gastronomie,
Musik, Moderation, Bildern, Geschichten und einem Gefühl, das über die Ziellinie
hinausreicht. Wenn diese Energie schwächer wird, wird aus Tradition Routine. Und
aus Routine irgendwann Risiko.
Genau dieses Risiko wurde 2026
sichtbar. Erst fehlte das Geld. Dann musste öffentlich um Unterstützung geworben
werden. In einem Bericht war von dringend benötigten rund 10.000 Euro die Rede,
die über eine Spendenaktion zusammenkommen sollten. In einem weiteren Bericht
hieß es, der Lauf brauche auch 1.111 Teilnehmer, um eine stabile Finanzierung zu
ermöglichen.
Das ist eine bemerkenswerte
Zahl. Denn sie zeigt, dass das Problem nicht allein ein fehlender Sponsor war.
Das Problem ist ein fehlendes stabiles Fundament. Wenn eine Veranstaltung nach
vier Jahrzehnten an einem vergleichsweise überschaubaren Finanzierungsloch
hängt, dann geht es nicht nur um Geld. Dann geht es um Struktur.
Der Severinslauf befindet sich
damit in einem Spannungsfeld, das viele traditionelle Läufe kennen. Die Kosten
steigen. Genehmigungen, Absperrungen, Sicherheit, Zeitmessung, Kommunikation und
Personal lassen sich nicht mehr nebenbei stemmen. Gleichzeitig erwarten
Teilnehmer heute einen reibungslosen Ablauf, transparente Informationen, schöne
Bilder, klare Streckenführung und ein Erlebnis, das den Startpreis rechtfertigt.
Der Severinslauf hat das Herz.
Aber hat er noch das Konzept?
Diese Frage muss erlaubt sein,
gerade weil der Lauf wichtig ist. Wer einen Traditionslauf liebt, darf ihn nicht
nur beklatschen, wenn er gerettet wurde. Er muss auch fragen, warum er überhaupt
gerettet werden musste.
Das Bild vom Sonntag war
deshalb zweigeteilt. Auf der einen Seite stand die Erleichterung: Der Lauf fand
statt. Die Südstadt musste nicht zusehen, wie ein Stück Kölner Laufkultur still
verschwindet. Auf der anderen Seite stand die Erkenntnis: Die Rettung war keine
Wiedergeburt. Sie war eine Verlängerung.
Und Verlängerungen gewinnt man
nicht durch Nostalgie.
Was müsste also passieren? Der
Severinslauf braucht kein künstliches Großevent zu werden. Er muss nicht zum
Marathon im Miniaturformat werden. Seine Stärke liegt gerade im Überschaubaren,
im Nahbaren, im Lokalen. Aber er braucht eine erkennbare Idee für die nächsten
Jahre. Eine stärkere Einbindung des Veedels. Eine offensive Ansprache von
Schulen, Vereinen, Firmen und Karnevalsgesellschaften. Eine klarere
Kommunikation. Vielleicht eine Teamwertung, die wirklich zieht. Vielleicht einen
Kinderlauf. Vielleicht ein Format, das den Severinslauf wieder zum Pflichttermin
für die Südstadt macht und nicht nur zur Erinnerung an frühere Zeiten.
Vor allem braucht er
Transparenz und Verlässlichkeit. Wer Teilnehmer gewinnen will, muss früh
sichtbar sein. Wer Sponsoren überzeugen will, muss mehr anbieten als den Hinweis
auf Tradition. Wer Helfer binden will, braucht ein Team, nicht nur eine
Einzelkämpfergeschichte.
Denn auch das gehört zur
Wahrheit: Die Erzählung vom geretteten Lauf ist emotional stark, aber sie trägt
nicht jedes Jahr. Einmal funktioniert sie. Vielleicht auch zweimal. Aber
irgendwann muss aus Rettung wieder Entwicklung werden.
Der Severinslauf ist am Sonntag
nicht gestorben. Das ist gut. Aber er hat auch nicht bewiesen, dass er wieder
lebt. Er hat gezeigt, dass noch genug Erinnerung, Sympathie und lokale
Hilfsbereitschaft vorhanden sind, um ihn über die Linie zu bringen.
Für die Zukunft reicht das
nicht.
Die schönste Nachricht wäre
nicht, dass der Severinslauf 2027 wieder irgendwie gerettet wird. Die schönste
Nachricht wäre, dass er gar nicht erst gerettet werden muss.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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