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Die Wahrheit über Nordic Walking: Darum ist es ein geniales Ganzkörpertraining |
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Die Wahrheit über Nordic Walking: Darum ist es ein geniales Ganzkörpertraining
Nordic Walking hat ein
Imageproblem. Viele sehen darin noch immer den gemütlichen Stockspaziergang am
Sonntagmorgen. Ein bisschen frische Luft, ein bisschen Plausch, ein bisschen
Bewegung. Nett, aber nicht wirklich Training. Genau das ist der Irrtum.
Richtig ausgeführt ist Nordic
Walking kein Spaziergang mit Zubehör, sondern ein erstaunlich vollständiges
Ausdauertraining. Es fordert Beine, Arme, Schultern, Rücken und Rumpf. Es erhöht
den Energieverbrauch, bringt das Herz-Kreislauf-System in Schwung und ist dabei
so niedrigschwellig, dass es für Einsteiger, Wiedereinsteiger, ältere Sportler
und auch für Läufer in ruhigeren Trainingsphasen interessant ist. Die
Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 Minuten
moderate körperliche Aktivität pro Woche. Nordic Walking passt ziemlich genau in
diese Lücke zwischen "zu wenig Bewegung" und "zu hohe Einstiegshürde".
Der entscheidende Punkt liegt
in der Technik. Wer die Stöcke nur neben sich herschleift, verschenkt den
Effekt. Beim echten Nordic Walking werden die Stöcke aktiv eingesetzt. Die
Bewegung folgt dem natürlichen diagonalen Muster des Gehens: rechter Arm, linkes
Bein, linker Arm, rechtes Bein. Der Stock wird nicht vorn aufgesetzt wie eine
Gehhilfe, sondern schräg nach hinten geführt. Aus Schulter, Arm und Rumpf
entsteht ein Abdruck, der den Körper nach vorn bringt. Die International Nordic
Walking Federation beschreibt Nordic Walking deshalb als Intensivierung des
normalen Gehens durch den aktiven Einsatz spezieller Stöcke bei natürlicher,
biomechanisch korrekter Gehbewegung.
Genau hier beginnt der
Trainingsreiz. Beim normalen Gehen arbeiten vor allem Beine und Gesäß. Beim
Nordic Walking kommt der Oberkörper dazu. Arme, Schultern, Brust, Rücken und
Rumpf werden aktiv in die Fortbewegung eingebunden. Die Mayo Clinic beschreibt,
dass Nordic Walking im Vergleich zum normalen Gehen bei ähnlicher Intensität
mehr Kalorien verbrennen kann, weil zusätzliche Muskelgruppen beteiligt sind. In
einer genannten Untersuchung lag der Mehrverbrauch über eine Meile bei etwa 20
Prozent. Gleichzeitig wird Nordic Walking häufig nicht als entsprechend
anstrengender empfunden.
Das macht die Sportart so
interessant. Der Körper arbeitet mehr, aber das subjektive Gefühl bleibt oft
moderat. Für viele Menschen ist genau das der Schlüssel, um regelmäßig in
Bewegung zu kommen. Laufen ist nicht für jeden sofort erreichbar. Klassisches
Spazierengehen ist manchmal zu wenig reizwirksam. Nordic Walking liegt
dazwischen und kann je nach Tempo, Gelände und Stockeinsatz sehr unterschiedlich
dosiert werden.
Die Studienlage ist deutlich
besser, als das Image vermuten lässt. Eine systematische Übersichtsarbeit
wertete 16 randomisierte kontrollierte Studien mit 1062 Patienten sowie 11
Beobachtungsstudien mit 831 Patienten aus. Das Ergebnis: Nordic Walking zeigte
positive Effekte auf Ruhepuls, Blutdruck, Belastbarkeit, maximale
Sauerstoffaufnahme und Lebensqualität. Die Autoren sahen Nordic Walking als
geeignete Bewegungsform für Prävention und Therapie in unterschiedlichen
Zielgruppen.
Auch im Vergleich zum normalen
Gehen hat Nordic Walking Vorteile. In einer Studie mit älteren Erwachsenen
trainierten Teilnehmer über zwölf Wochen. Nordic Walking und normales Gehen
verbesserten beide die kardiorespiratorische Fitness. Nordic Walking brachte
zusätzlich Vorteile bei der Oberkörperkraft und Beweglichkeit. Die Autoren kamen
zu dem Schluss, dass Nordic Walking ein besonders ausgewogenes Training sein
kann, weil es Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit in einer einzigen Bewegungsform
verbindet.
Das bedeutet allerdings nicht,
dass Nordic Walking Krafttraining vollständig ersetzt. Wer maximale Muskelkraft
aufbauen möchte, kommt an gezieltem Krafttraining nicht vorbei. Aber für
Gesundheit, Alltagstauglichkeit und allgemeine Fitness ist der zusätzliche
Oberkörpereinsatz ein großer Pluspunkt. Besonders für Menschen, die nicht gern
ins Fitnessstudio gehen, ist das wichtig. Die Trainingsfläche liegt draußen. Der
Einstieg kostet wenig. Die Belastung lässt sich über Tempo, Schrittlänge,
Geländeprofil und Abdruckkraft sehr fein steuern.
Interessant ist Nordic Walking
auch aus Sicht des Herz-Kreislauf-Trainings. Eine neuere Meta-Analyse zu älteren
Erwachsenen fand Hinweise auf Verbesserungen bei Körpergewicht, Taillenumfang,
Körperfettanteil, maximaler Sauerstoffaufnahme, systolischem Blutdruck sowie
Blutfettwerten wie LDL, Gesamtcholesterin und Triglyceriden. Die Autoren
betonten zugleich, dass die Ergebnisse wegen begrenzter Studienzahlen weiter
bestätigt werden sollten.
Die Wahrheit ist also: Nordic
Walking ist nicht deshalb wirksam, weil es besonders spektakulär aussieht. Es
ist wirksam, weil es mehrere einfache Trainingsprinzipien verbindet. Große
Muskelgruppen werden bewegt. Die Belastung ist rhythmisch und
ausdauerorientiert. Der Oberkörper arbeitet mit. Die Intensität bleibt
kontrollierbar. Und weil die Bewegung draußen stattfindet, fällt vielen die
Regelmäßigkeit leichter.
Ein weiterer Vorteil ist die
soziale Komponente. Nordic Walking kann allein betrieben werden, funktioniert
aber auch hervorragend in Gruppen. Das Tempo ist kommunikativer als beim Laufen,
aber sportlicher als beim Schlendern. Gerade Vereine könnten daraus mehr machen.
Eine Nordic-Walking-Gruppe ist kein Anhängsel für Menschen, die "nicht richtig
laufen". Sie kann ein eigenständiges, gesundheitsorientiertes Angebot sein, das
Menschen an den Ausdauersport heranführt.
Zur Wahrheit gehört aber auch:
Nordic Walking ist kein Wundermittel. Die oft gehörte Behauptung, die Stöcke
würden die Gelenke automatisch stark entlasten, sollte vorsichtig formuliert
werden. Die Mayo Clinic spricht davon, dass Stöcke möglicherweise die Belastung
für Gelenke und Muskulatur verringern können. Eine biomechanische Studie konnte
eine Reduktion der Kniegelenkbelastung im Vergleich zum Gehen ohne Stöcke jedoch
nicht bestätigen. Wer Knieprobleme, Hüftbeschwerden oder
Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat, sollte die Belastung deshalb sauber aufbauen
und bei Unsicherheit ärztlich abklären lassen.
Entscheidend bleibt die saubere
Ausführung. Die Stöcke sollten nicht zu kurz und nicht zu lang sein. In den
Wettkampfregeln der INWA wird als Orientierung eine Stocklänge von Körpergröße
mal 0,68 genannt, mit einem Toleranzbereich von zehn Zentimetern. Noch wichtiger
als die Formel ist aber das Gefühl: Die Schulter bleibt locker, der Arm arbeitet
aktiv nach hinten, die Hand öffnet sich im Abdruck, der Rumpf richtet sich auf.
Wer nur mit gebeugtem Ellenbogen vor dem Körper herumstochert, macht Spaziergang
mit Geräuschkulisse. Wer sauber nach hinten schiebt, trainiert.
Für Läufer kann Nordic Walking
mehr sein als ein Reha-Kompromiss. Es eignet sich für regenerative Tage, für
lange niedrige Belastungen, für hügelige Strecken und für Phasen, in denen
Sehnen, Gelenke oder Motivation eine Pause vom Lauftraining verlangen. Der Puls
steigt, die Muskulatur arbeitet, der Stoffwechsel wird aktiviert, aber die
Stoßbelastung des Laufens bleibt aus. Gerade nach intensiven Laufblöcken kann
das eine sinnvolle Ergänzung sein.
Am Ende ist Nordic Walking
vielleicht eine der unterschätztesten Trainingsformen überhaupt. Es ist einfach,
aber nicht banal. Es ist gelenkschonender im Charakter, aber nicht automatisch
frei von Belastung. Es ist für Einsteiger geeignet, aber bei guter Technik auch
für Trainierte reizvoll. Und es zeigt, dass effektives Training nicht immer
laut, schnell oder spektakulär sein muss.
Die Stöcke sind keine Krücken.
Sie sind der Motor. Wer Nordic Walking richtig versteht, bekommt aus einem
normalen Gehen ein Ganzkörpertraining, das Ausdauer, Kraft, Haltung und
Koordination verbindet. Genau darin liegt seine Stärke.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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