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Moritz Ehm gewinnt den 12-Stundenlauf nach Startnummer-Krimi |
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TV-Refrath Vereinsrekord in Sittard:
Moritz Ehm gewinnt den 12-Stundenlauf nach Startnummer-Krimi
Es gibt Läufe, die beginnen mit
dem Startschuss. Und es gibt Läufe, die beginnen am Hauptbahnhof
Mönchengladbach, mit Gepäck, Verspätung und einem immer kleiner werdenden
Zeitfenster bis zum Rennbeginn. Moritz Ehm vom TV Refrath hatte in Sittard
eigentlich einen kontrollierten 12-Stundenlauf vor sich. Am Ende wurde daraus
eine Geschichte, die weit mehr erzählt als nur eine Siegerleistung.
Der 47-Jährige gewann den
12-Stundenlauf im niederländischen Sittard mit 131,631 Kilometern. Das bedeutete
Platz eins, 89 Runden auf der rund 1,5 Kilometer langen Kartbahn und zugleich
einen neuen Vereinsrekord für das TVR running team. Wer die nackten Zahlen
liest, sieht eine starke Ultralaufleistung. Wer die Vorgeschichte kennt,
versteht, warum dieser Lauf noch einmal höher einzuordnen ist.
Schon im vergangenen Jahr hatte
Ehm in Sittard gezeigt, zu welchen Leistungen er fähig ist. Damals gewann er den
24-Stundenlauf mit 251 Kilometern. Inzwischen zählt er zu den profilierten
deutschen Ultraläufern, die über viele Stunden nicht nur Tempo, sondern vor
allem Stabilität, Erfahrung und mentale Härte auf die Strecke bringen müssen.
Genau diese Eigenschaften wurden in Sittard diesmal früher gebraucht als
geplant.
Denn lange vor der ersten Runde
wurde es hektisch. Ehm hing rund 90 Minuten am Hauptbahnhof Mönchengladbach
fest. Die Uhr lief, der Start in Sittard rückte näher, und irgendwann war klar:
Es würde knapp werden. Später schrieb er, dass es unter diesen Umständen wohl
eher ein langes Training als ein echtes Rennen werde. Trotzdem freue er sich auf
die Atmosphäre.
Um 19:45 Uhr kam Ehm am Bahnhof
Sittard an. Danach ging es mit Gepäck im Laufschritt weiter zum Bikepark. Um
19:57 Uhr erreichte er die Anmeldung. Drei Minuten vor dem Start. Jemand half
ihm noch, den Chip zu befestigen. Gleichzeitig baute er im Startbereich seinen
Tisch auf, legte Flaschen und Gels ab, sortiert war da längst nichts mehr. Die
Startnummer kam mit zwei Nadeln ans T-Shirt. Für das Vereinsleibchen blieb keine
Zeit.
Um 20 Uhr fiel der Startschuss.
Was für viele bereits vor dem
Rennen zu viel Unruhe gewesen wäre, wurde für Ehm zum Auftakt eines
außergewöhnlichen Laufs. Zwölf Stunden, die meiste Zeit davon in der Nacht, ohne
Pause, Runde um Runde auf einer flachen und beleuchteten Strecke. Sittard bietet
für solche Leistungen gute Bedingungen, aber die Gleichförmigkeit eines
Rundkurses ist auch eine Prüfung. Der Verpflegungstisch kommt immer wieder. Die
Möglichkeit zum Aufhören auch.
Ehm lief vorne offensiv an.
Nach 50 Kilometern stand die Uhr bei 3:51:34 Stunden. Nach sechs Stunden hatte
er bereits 73,660 Kilometer zurückgelegt. Die 50 Meilen passierte er nach
6:35:34 Stunden, die 100 Kilometer nach 8:29:03 Stunden. Das sind
Zwischenzeiten, die zeigen, wie mutig er den Lauf anging. Später ordnete er es
selbst nüchtern ein: vorne, besonders auf den ersten 50 Kilometern, deutlich zu
schnell, hinten heraus dann abgesichert. Viel mehr sei an diesem Tag aber nicht
möglich gewesen.
Gerade diese Einschätzung macht
die Leistung greifbar. Es war kein perfekt ausbalancierter Laborlauf, sondern
ein Rennen, das nach der chaotischen Anreise ständig neu kontrolliert werden
musste. Wer über zwölf Stunden läuft, kann Fehler nicht einfach überspielen. Zu
schnelles Anfangstempo, unruhige Vorbereitung, unsortierte Verpflegung, die
Nacht, Müdigkeit und die Monotonie der Strecke: All das sammelt sich. Und
irgendwann entscheidet nicht mehr nur der Körper, sondern vor allem der Kopf.
Im Umfeld des TV Refrath wurde
schnell klar, dass aus dem angekündigten "langen Training" längst ein
vollwertiges Rennen geworden war. Vereinskollege Niklas nannte Platz eins
treffend mehr als nur Training und bezeichnete Ehm als mentales Monster. Andere
Reaktionen fielen knapper aus, aber nicht weniger deutlich: "Wahnsinn", schrieb
Olaf. Manu kommentierte trocken, das sehe doch solide aus. Im Ultralauf ist
"solide" manchmal das schönste Understatement.
Auch Ehm selbst nahm die
Situation mit Humor. Weil die Rekordversucher früh ausgestiegen seien, habe er
eben durchhalten müssen. Solche Sätze klingen leicht, sind es aber nicht.
Dahinter steckt die Fähigkeit, in einem Rennen zu bleiben, auch wenn der
ursprüngliche Plan längst keine Rolle mehr spielt.
Für den TV Refrath ist der Sieg
ein weiterer Beleg dafür, wie stark das running team inzwischen auch im
Ultrabereich aufgestellt ist. Ehm steht dabei exemplarisch für eine Form des
Laufens, die weit über klassische Marathonlogik hinausgeht. Bei einem
12-Stundenlauf zählt nicht nur, wer schnell laufen kann. Entscheidend ist, wer
über Stunden die eigene Energie verwaltet, die Verpflegung im Griff behält,
Tiefpunkte übersteht und trotzdem weiterläuft.
In Sittard kamen all diese
Faktoren zusammen. Die verspätete Anreise. Der Sprint zur Anmeldung. Der Start
ohne echte Vorbereitungsminute. Die Nacht auf der Kartbahn. Die 89 Runden. Und
am Ende 131,631 Kilometer.
Moritz Ehm gewann diesen
12-Stundenlauf nicht unter idealen Bedingungen. Genau das macht die Geschichte
so stark. Aus einer Zitterpartie vor dem Start wurde ein Sieg. Aus einem
angekündigten Trainingslauf wurde ein Vereinsrekord. Und aus einem hektischen
Abend in Sittard wurde ein weiterer Beweis dafür, dass große Ultralaufleistungen
manchmal dort beginnen, wo eigentlich schon alles schiefzugehen scheint.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln Foto: TV Refrath / Moritz Ehm
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