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Wenn der Schuh mitläuft: Wie fair sind die neuen Marathonrekorde noch? |
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Das ist der
Schuh, mit dem Sabastian Sawe in London 2026 die 1:59:30 Stunden
gelaufen ist. Adidas stellte ihn im April 2026 als ersten eigenen
Superschuh unter 100 Gramm vor. Das Modell wiegt rund 97 Gramm, kostet
etwa 500 Euro und soll laut Adidas die Laufökonomie gegenüber dem
Vorgänger um 1,6 Prozent verbessern. |
Wenn der Schuh mitläuft: Wie fair sind die neuen Marathonrekorde noch?
Es war ein Tag, an dem der
Marathon seine eigene Geschichte neu sortieren musste. London, 26. April 2026.
Sabastian Sawe lief 1:59:30 Stunden und wurde damit der erste Mensch, der in
einem offiziellen, rekordfähigen Marathon unter zwei Stunden blieb. Hinter ihm
kam Yomif Kejelcha bei seinem Debüt in 1:59:41 Stunden ins Ziel. Jacob Kiplimo
wurde Dritter in 2:00:28 Stunden. Drei Athleten waren damit schneller als Kelvin
Kiptums bisheriger Weltrekord von 2:00:35 Stunden. Was früher wie eine ferne
Grenze wirkte, wurde an einem Vormittag gleich mehrfach verschoben.
Der sportliche Wert dieses
Rennens ist enorm. Niemand läuft 42,195 Kilometer in weniger als zwei Stunden,
weil ein Schuh gut federt. Dafür braucht es außergewöhnliche Ausdauer,
jahrelanges Training, ein perfekt abgestimmtes Umfeld, kluge Renneinteilung und
die Fähigkeit, bei höchstem Tempo Schmerzen auszuhalten. Doch genauso wenig
lässt sich noch behaupten, der Schuh spiele nur eine Nebenrolle. Der moderne
Marathon ist längst nicht mehr nur ein Wettkampf der Beine. Er ist auch ein
Wettkampf der Materialien.
Sawe lief in London im Adidas
Adizero Adios Pro Evo 3. Das Modell wiegt rund 97 Gramm, ist deutlich leichter
als sein Vorgänger und soll nach Angaben von Adidas die Laufökonomie gegenüber
dem Vorgängermodell um 1,6 Prozent verbessern. In einem Bereich, in dem
Weltklasseathleten über Jahre um Sekunden kämpfen, ist das keine Kleinigkeit. Es
ist ein Faktor, der über Sieg, Rekord oder Platzierung mitentscheiden kann.
Genau hier beginnt die
eigentliche Debatte. Früher war ein Laufschuh vor allem Schutz. Er sollte
dämpfen, führen und möglichst wenig stören. Heute ist er ein technisches
Leistungssystem. Hochreaktive Schäume, Carbonstrukturen, aggressive
Sohlengeometrien und extrem geringes Gewicht verändern das Laufen messbar.
Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten sprechen bei moderner Schuhtechnologie
häufig von Verbesserungen der Laufökonomie im Bereich von etwa zwei bis vier
Prozent. Auf die Wettkampfleistung übertragen, kann daraus ein Zeitgewinn von
ungefähr ein bis zwei Prozent entstehen. Im Marathon sind das keine kosmetischen
Werte. Das sind Minuten.
Trotzdem wäre es zu einfach,
die Rekorde der Gegenwart als reine Materialrekorde abzutun. Der Schuh läuft
nicht allein. Er macht aus einem guten Läufer keinen Weltrekordler. Er wirkt
auch nicht bei jedem Athleten gleich. Der Nutzen hängt vom Tempo, vom Laufstil,
vom Fußaufsatz, von der Stabilität, vom Körpergewicht und vom Ermüdungsverhalten
ab. Der gleiche Schuh kann für den einen Athleten ein Durchbruch sein und für
den anderen kaum einen messbaren Vorteil bringen. Genau deshalb ist die
Diskussion so schwierig: Der Schuh ist nicht alles, aber er ist auch nicht
nichts.
World Athletics versucht, diese
Entwicklung über Regeln einzufangen. Für Straßenläufe gilt eine maximale
Sohlenhöhe von 40 Millimetern. Außerdem sind starre Elemente im Schuh
reglementiert. Schuhe müssen für relevante Wettkämpfe zugelassen sein,
Entwicklungsschuhe unterliegen ebenfalls Vorgaben. Der Verband versucht damit,
Innovation zuzulassen, ohne die menschliche Leistung vollständig hinter der
Technologie verschwinden zu lassen.
Doch Regeln lösen nicht jedes
Fairnessproblem. Entscheidend ist nicht nur, ob ein Schuh legal ist.
Entscheidend ist auch, wer wann Zugang zu welchem Modell bekommt. Wenn einzelne
Hersteller Prototypen entwickeln, diese ausgewählten Athleten früh zur Verfügung
stellen und andere Läufer erst später auf vergleichbare Technik zugreifen
können, entsteht ein Ungleichgewicht. Im Spitzensport war Ausrüstung zwar immer
Teil des Spiels. Aber im Marathon war sie selten so leistungsrelevant wie heute.
Das verändert auch den Blick
auf frühere Zeiten. Ein Marathon in 2:03 Stunden aus der Ära vor den
Superschuhen steht heute in einem anderen historischen Licht. Nicht weil frühere
Leistungen automatisch höher zu bewerten wären. Sondern weil sie unter anderen
technischen Bedingungen entstanden sind. Tartanbahnen, bessere Ernährung,
Höhenlager, Trainingsdaten, Pacingstrategien und Schuhtechnologie haben den
Sport immer weiterentwickelt. Die neue Generation der Rennschuhe ist nun der
sichtbarste Teil dieser Entwicklung.
Ist das noch fair? Nach den
geltenden Regeln: ja. Nach dem Bauchgefühl vieler Beobachter: nicht immer
eindeutig. Sport lebt von Innovation, aber er lebt auch vom Vertrauen, dass am
Ende der beste Athlet gewinnt und nicht das beste Labor. Genau diese Balance
muss der Laufsport jetzt verteidigen.
London 2026 war deshalb mehr
als ein außergewöhnlich schneller Marathon. Es war ein Wendepunkt. Die
Zwei-Stunden-Grenze wurde in einem offiziellen Rennen durchbrochen. Der Mensch
hat eine Marke erreicht, die lange als fast unmöglich galt. Aber er tat es nicht
allein. Er tat es mit Talent, Training, Mut, perfekter Vorbereitung und einem
Schuh, der mehr kann als dämpfen.
Das macht die Leistung nicht
kleiner. Aber es macht sie erklärungsbedürftiger. Moderne Marathonrekorde
erzählen heute nicht mehr nur von Herz, Lunge und Beinen. Sie erzählen auch von
Schaum, Carbon, Gewicht, Forschung und Marktmacht. Vielleicht beginnt Fairness
im Laufsport deshalb nicht damit, die Technik zu verteufeln. Vielleicht beginnt
sie damit, ihren Einfluss ehrlich zu benennen.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln Foto: adidas Herzogenrath
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