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Laufen bei Hitze: So hoch ist der Zeitverlust |
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Laufen bei Hitze: So hoch ist der Zeitverlust
Es gibt diese Tage, an denen
schon der erste Kilometer nicht stimmt. Die Uhr zeigt eine Pace, die sonst
locker wirkt, aber der Körper meldet etwas anderes. Der Puls klettert schneller
als gewohnt, die Atmung wird schwerer, die Beine fühlen sich früh müde an. Viele
Läufer suchen dann den Fehler bei sich selbst. Zu wenig geschlafen? Zu hart
trainiert? Falsch gegessen? Manchmal lautet die einfache Antwort: Es ist
schlicht zu warm.
Hitze ist kein kleines
Komfortproblem. Sie verändert die Spielregeln des Laufens. Wer bei 30 Grad die
gleiche Pace laufen will wie bei 10 oder 12 Grad, läuft nicht einfach nur etwas
ambitionierter. Er verlangt dem Körper eine Zusatzleistung ab, die mit dem
eigentlichen Vortrieb wenig zu tun hat. Ein Teil der Energie fließt dann nicht
mehr in Tempo, sondern in Kühlung.
Warum Hitze so viel Zeit kostet
Beim Laufen entsteht Wärme. Je
schneller gelaufen wird, desto mehr Wärme produziert der Körper. Bei kühlen
Bedingungen kann diese Wärme vergleichsweise gut abgegeben werden. Bei Hitze
wird das schwieriger. Der Körper schickt mehr Blut in die Haut, damit Wärme
abgegeben werden kann. Dieses Blut fehlt dann teilweise dort, wo Läufer es
eigentlich haben wollen, nämlich in der arbeitenden Muskulatur.
Gleichzeitig steigt die
Schweißproduktion. Das ist sinnvoll, denn Verdunstung kühlt. Aber nur dann, wenn
der Schweiß auch verdunsten kann. Bei hoher Luftfeuchtigkeit tropft er eher vom
Körper, statt ihn effektiv zu kühlen. Deshalb kann ein schwüler Tag mit 26 Grad
härter sein als ein trockener Tag mit 30 Grad. Entscheidend ist nicht nur die
Zahl auf dem Thermometer, sondern die Gesamtbelastung aus Temperatur,
Luftfeuchtigkeit, Sonne und Wind.
Genau deshalb arbeiten viele
Studien nicht nur mit der Lufttemperatur, sondern mit der sogenannten Wet Bulb
Globe Temperature, kurz WBGT. Sie berücksichtigt neben der Temperatur auch
Strahlung, Luftfeuchtigkeit und Wind. Für Läufer ist das näher an der Realität
als die klassische Wetter-App-Zahl.
Die große Frage: Wie viel langsamer wird man wirklich?
Eine einfache Faustformel gibt
es nicht, weil jeder Körper anders reagiert. Trotzdem zeigen große Auswertungen
ein klares Muster: Mit steigender Wärmebelastung werden Marathonzeiten
langsamer. Und zwar nicht nur bei Freizeitläufern, sondern auch an der Spitze.
In einer viel beachteten
Analyse großer Marathons wurden Rennen in verschiedene WBGT-Bereiche eingeteilt.
Das Ergebnis: Je wärmer die Bedingungen wurden, desto weiter entfernten sich die
Zeiten von den jeweiligen Bestmarken. Bei den besten Männern stieg der Rückstand
von rund 1,7 Prozent bei kühlen Bedingungen auf etwa 4,5 Prozent bei deutlich
wärmeren Bedingungen. Bei langsameren Läufern fiel der Verlust noch größer aus.
Das klingt abstrakt, wird aber
auf der Uhr sehr konkret.
Ein Marathonläufer mit einer
Normalzeit von 3:00 Stunden verliert bei 2 Prozent bereits 3:36 Minuten. Bei 4
Prozent sind es 7:12 Minuten. Bei 6 Prozent sind es fast 11 Minuten.
Bei einer Normalzeit von 4:00
Stunden bedeuten 2 Prozent schon 4:48 Minuten. Bei 4 Prozent sind es 9:36
Minuten. Bei 6 Prozent summiert sich der Verlust auf 14:24 Minuten.
Und das sind keine dramatischen
Zusammenbrüche, sondern realistische Größenordnungen, wenn ein Rennen deutlich
wärmer ist als erwartet.
Warum langsamere Läufer oft stärker betroffen sind
Auf den ersten Blick könnte man
meinen, schnelle Läufer müssten wegen ihrer höheren Intensität stärker unter
Hitze leiden. Das stimmt teilweise, denn hohe Geschwindigkeit erzeugt viel
Wärme. Gleichzeitig sind sie aber kürzer unterwegs. Wer einen Marathon in 2:20
Stunden läuft, ist der Hitze deutlich weniger lange ausgesetzt als jemand, der
4:30 Stunden unterwegs ist.
Für viele Freizeitläufer wird
genau diese Dauer zum Problem. Je länger der Wettkampf dauert, desto mehr
summieren sich Flüssigkeitsverlust, Wärmespeicherung, steigender Puls und
muskuläre Ermüdung. Aus einem kontrollierten Rennen kann schleichend ein Kampf
gegen den Kreislauf werden.
Der Zeitverlust entsteht also
selten plötzlich. Er baut sich auf. Zuerst fühlt sich die Wunschpace nur etwas
mühsamer an. Dann steigt der Puls. Dann werden die Verpflegungsstellen
wichtiger. Schließlich kommt der Moment, in dem nicht mehr die Zielzeit
entscheidet, sondern die Frage, wie kontrolliert man das Rennen zu Ende bringt.
Der gefährlichste Fehler: die kühle Zielzeit mit in den heißen Tag nehmen
Viele Läufer planen ihre
Zielzeit nach Trainingswerten, die unter ganz anderen Bedingungen entstanden
sind. Der Tempodauerlauf im April, der lange Lauf im kühlen Mai, die Intervalle
am frühen Morgen. Daraus entsteht eine Zielpace. Und dann kommt der Wettkampftag
mit Sonne, Asphalt und 27 Grad.
Wer dann stur an der
ursprünglichen Pace festhält, läuft in eine Falle. Denn die Pace sagt nicht mehr
dasselbe aus. Eine 5:00 Minuten pro Kilometer bei 12 Grad ist nicht die gleiche
Belastung wie eine 5:00 bei 28 Grad. Der Körper bewertet nicht die Uhr, sondern
den Aufwand.
Deshalb sollte bei Hitze nicht
die Pace der Chef sein, sondern die Belastung. Wer normalerweise im Marathon mit
kontrolliertem Atem und stabilem Puls läuft, sollte dieses Gefühl auch bei Wärme
suchen. Wenn dafür 10, 15 oder 25 Sekunden pro Kilometer geopfert werden müssen,
ist das kein Scheitern. Es ist kluge Rennsteuerung.
Was das für verschiedene Distanzen bedeutet
Je kürzer die Strecke, desto
geringer ist meist der absolute Zeitverlust. Aber auch 5 und 10 Kilometer werden
bei Hitze langsamer, besonders wenn das Rennen in der Sonne stattfindet oder auf
aufgeheiztem Asphalt gelaufen wird.
Über 5 Kilometer kann ein gut
trainierter Läufer die Wärme oft noch eher kompensieren. Trotzdem kostet Hitze
Spitzenleistung. Wer sonst 20 Minuten läuft, kann an einem heißen Tag schnell 20
bis 40 Sekunden verlieren. Bei empfindlichen Bedingungen auch mehr.
Über 10 Kilometer wird der
Effekt deutlicher. Eine Normalzeit von 45 Minuten kann bei spürbarer Hitze
leicht um eine bis zwei Minuten langsamer ausfallen. Bei schwülen Bedingungen
oder schlechter Anpassung auch darüber.
Im Halbmarathon wird Hitze zum
echten Faktor. Wer auf 1:45 Stunden trainiert hat, sollte bei warmem Wetter
nicht überrascht sein, wenn die vernünftige Zielzeit eher bei 1:48 oder 1:50
Stunden liegt.
Im Marathon ist der Effekt am
größten. Hier entscheidet Hitze nicht nur über Sekunden, sondern über
Rennverlauf, Verpflegung, mentale Stabilität und manchmal auch über das sichere
Ankommen.
Eine brauchbare Orientierung für den Zeitverlust
Als grobe Orientierung kann man
bei warmen Bedingungen mit folgenden Verlusten rechnen:
Bei 15 bis 18 Grad und wenig
Sonne ist der Verlust oft noch moderat. Viele Läufer merken kaum etwas oder
verlieren nur wenige Sekunden pro Kilometer.
Bei 20 bis 23 Grad wird es für
längere Distanzen spürbar. Je nach Leistungsniveau, Sonne und Luftfeuchtigkeit
können 5 bis 15 Sekunden pro Kilometer realistisch sein.
Bei 24 bis 28 Grad sollte die
Zielpace deutlich angepasst werden. Auf Halbmarathon und Marathon können 10 bis
30 Sekunden pro Kilometer sinnvoll sein.
Ab etwa 30 Grad geht es nicht
mehr nur um Leistung, sondern um Risikomanagement. Intensive Einheiten und lange
Wettkämpfe werden dann schnell zur gesundheitlichen Belastung. Wer trotzdem
läuft, sollte Tempo, Dauer und Anspruch deutlich reduzieren.
Diese Werte sind bewusst keine
Rechentabelle mit Scheingenauigkeit. Hitze wirkt individuell. Körpergewicht,
Trainingszustand, Akklimatisation, Flüssigkeitshaushalt, Sonnenexposition,
Streckenprofil und Tagesform spielen zusammen.
Akklimatisation: Der Körper kann lernen, aber nicht zaubern
Die gute Nachricht: Der Körper
kann sich an Hitze anpassen. Schon nach einigen Tagen regelmäßiger
Wärmebelastung sinkt bei gleicher Belastung häufig die Herzfrequenz. Das
Schwitzen setzt früher ein, die Schweißmenge steigt, der Körper kühlt
effektiver. Nach ein bis zwei Wochen sind viele Anpassungen deutlich spürbar.
Die schlechte Nachricht:
Anpassung macht Hitze nicht unsichtbar. Ein akklimatisierter Läufer läuft bei
Hitze besser als ein nicht angepasster Läufer. Aber auch er läuft bei idealen
kühlen Bedingungen meist schneller. Hitze bleibt ein leistungsbegrenzender
Faktor.
Sinnvoll ist deshalb ein
vorsichtiger Aufbau. Nicht gleich der lange Tempolauf in der Mittagshitze,
sondern zunächst lockere Läufe bei Wärme. Die Dauer kann langsam gesteigert
werden. Harte Einheiten gehören weiterhin in kühlere Tageszeiten, vor allem wenn
ein konkretes Trainingsziel verfolgt wird.
Trinken hilft, aber es macht
nicht automatisch schneller
Flüssigkeit ist wichtig, aber
sie ist kein Wundermittel gegen Hitze. Wer dehydriert, verliert Leistung und
riskiert Kreislaufprobleme. Wer aber wahllos zu viel trinkt, kann ebenfalls
Probleme bekommen, vor allem wenn über längere Zeit große Mengen Wasser ohne
Elektrolyte aufgenommen werden.
Die bessere Strategie ist
simpel: gut hydriert starten, bei längeren Läufen regelmäßig trinken, bei
starkem Schwitzen auch Natrium berücksichtigen und auf den Körper hören. Durst,
Schwindel, Gänsehaut trotz Hitze, Übelkeit, Kopfschmerzen oder Verwirrtheit sind
Warnzeichen. Dann ist Training nicht mehr Training, sondern ein Risiko.
Was Läufer an heißen Tagen konkret tun sollten
Der wichtigste Schritt ist die
Anpassung der Erwartung. Ein heißer Tag ist kein Tag für stures Festhalten an
Bestzeiten. Wer die Pace reduziert, läuft nicht weich. Er läuft intelligent.
Der zweite Schritt ist die
Tageszeit. Früh morgens ist es meistens am besten. Der Asphalt ist noch nicht
aufgeheizt, die Sonne steht niedriger, die Belastung ist geringer. Abends kann
es ebenfalls funktionieren, aber in Städten speichern Straßen und Gebäude die
Hitze oft lange.
Der dritte Schritt ist die
Strecke. Schatten, Wald, Parks und Wasserstellen sind an heißen Tagen mehr wert
als perfekte Kilometerzeiten. Eine flache, schattige Runde kann sinnvoller sein
als die Lieblingsstrecke über offene Feldwege.
Der vierte Schritt ist die
Kleidung. Hell, leicht, luftig. Eine Kappe kann helfen, wenn viel Sonne im Spiel
ist. Sonnencreme gehört dazu, auch wenn sie keine Leistung bringt. Sie
verhindert zusätzliche Hautbelastung.
Der fünfte Schritt ist die
Steuerung über Gefühl und Puls. Wenn der Puls bei gewohnter Pace ungewöhnlich
hoch ist, sagt der Körper bereits alles Nötige. Dann sollte das Tempo sinken.
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Die wichtigste Erkenntnis
Hitze nimmt Läufern nicht die
Form. Sie verschiebt nur die Bedingungen. Wer bei 28 Grad langsamer läuft als
bei 12 Grad, ist nicht schlechter trainiert. Er läuft unter anderen
physiologischen Voraussetzungen.
Genau darin liegt die Kunst des
Sommerlaufens. Nicht gegen die Hitze anrennen, sondern mit ihr planen. Nicht die
Uhr beleidigt anschauen, sondern verstehen, was sie zeigt. Nicht die Wunschzeit
erzwingen, sondern die bestmögliche Leistung des Tages abrufen.
Denn am Ende ist Hitze ein
ehrlicher Gegner. Sie lässt sich nicht wegdiskutieren, nicht ignorieren und
nicht austricksen. Aber sie lässt sich respektieren. Wer das tut, verliert
vielleicht ein paar Minuten. Wer es nicht tut, verliert womöglich das ganze
Rennen. |
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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