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Wenn die Natur unser Stadion ist |
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Wenn die Natur unser Stadion ist
Es gibt Läufe, die bleiben
nicht wegen der Zeit auf der Uhr im Kopf. Sondern wegen des Weges. Wegen des
kühlen Waldstücks nach drei Kilometern Asphalt. Wegen des schmalen Pfads am Bach
entlang. Wegen eines Parks, der an einem heißen Sommerabend plötzlich mehr ist
als nur Grünfläche zwischen zwei Straßen.
Wer läuft, kennt solche Orte.
Sie sind Trainingsraum, Erholung, Fluchtpunkt und manchmal auch Motivation. Ein
guter Laufweg kann einen müden Tag retten. Ein schattiger Park kann im Sommer
darüber entscheiden, ob man überhaupt vor die Tür geht. Ein Waldweg, eine Aue,
ein Seeufer oder ein Grünzug in der Stadt sind für Läufer nicht einfach Kulisse.
Sie sind Teil des Sports.
Genau deshalb sollte die
EU-Wiederherstellungsverordnung im Sport nicht als trockenes Behördenthema
abgetan werden. Auf den ersten Blick klingt sie nach Paragrafen, Zuständigkeiten
und langen Fristen. Auf den zweiten Blick geht es um etwas sehr Konkretes: um
die Zukunft jener Räume, in denen Millionen Menschen laufen, wandern, radfahren,
rudern, paddeln oder einfach in Bewegung kommen.
Die Verordnung nimmt
geschädigte Ökosysteme in den Blick. Bis 2030 sollen auf mindestens 20 Prozent
der geschädigten Land- und Meeresflächen Maßnahmen zur Wiederherstellung
ergriffen werden. Bis 2050 sollen alle Ökosysteme berücksichtigt werden, die
sich nicht in einem guten Zustand befinden. Deutschland muss dafür einen
Nationalen Wiederherstellungsplan vorlegen. Zuständig sind das
Bundesumweltministerium und das Bundesamt für Naturschutz, gemeinsam mit den
Bundesländern. Ein Entwurf liegt vor, die Beteiligung läuft, im September 2026
soll der überarbeitete Entwurf an die EU-Kommission gehen. Im September 2027
müssen die Pläne der Mitgliedstaaten finalisiert sein.
Für Außenstehende klingt das
zunächst nach einem Thema für Ministerien, Naturschutzverbände und Fachbehörden.
Doch der Plan kann ganz praktische Folgen haben: für Laufstrecken durch Parks
und Wälder, für Veranstaltungen in Landschaftsschutzgebieten, für die Nutzung
von Wegen an Flüssen, Seen und in Auen. Genau deshalb ist es wichtig, dass der
Sport nicht erst reagiert, wenn neue Auflagen vor Ort ankommen, sondern sich
frühzeitig in die Diskussion einbringt.
Denn Wiederherstellung bedeutet
nicht nur, irgendwo ein Moor wieder zu vernässen oder einen Flusslauf
natürlicher zu gestalten. Es geht auch um Stadtgrün, Wälder, Gewässer, Auen,
Landschaftsräume und damit um genau jene Orte, an denen Sport im Freien
stattfindet. Wer regelmäßig läuft, spürt längst, dass diese Räume unter Druck
stehen. Hitze, Trockenheit, versiegelte Flächen, übernutzte Wege, Waldschäden,
Starkregen, fehlender Schatten. Das alles ist keine abstrakte Umweltdebatte. Es
zeigt sich ganz praktisch auf der täglichen Runde.
Für den Sport ist diese
Verordnung deshalb nicht nur Risiko, sondern auch Chance. Mehr Natur in der
Stadt bedeutet bessere Trainingsbedingungen. Gesündere Wälder bedeuten
angenehmere und sichere Laufstrecken. Renaturierte Gewässer und Auen können
Lebensräume stärken und zugleich attraktive Bewegungsräume schaffen. Mehr
Schatten, mehr Grün, mehr natürliche Kühlung. Gerade in Zeiten zunehmender
Hitzetage ist das für den Laufsport kein Nebenthema mehr.
Trotzdem wäre es naiv, nur die
schöne Seite zu sehen. Wenn Natur wiederhergestellt wird, kann das auch
Einschränkungen bedeuten. Wege werden verlegt. Bereiche werden zeitweise
gesperrt. Veranstaltungen müssen angepasst werden. Strecken durch sensible
Gebiete werden vielleicht kritischer geprüft. Wer schon einmal einen Lauf durch
Wald, Park oder Landschaft geplant hat, weiß, wie schnell Naturschutz, Erholung,
Sport und Verwaltung aufeinandertreffen.
Genau deshalb muss der
organisierte Sport frühzeitig beteiligt werden. Nicht erst, wenn die Verordnung
vor Ort als neue Auflage im Genehmigungsbescheid auftaucht. Nicht erst, wenn
eine traditionelle Laufstrecke plötzlich nicht mehr genutzt werden darf. Sondern
jetzt, in der Planungsphase.
Der Deutsche Olympische
Sportbund hat angekündigt, sich aktiv in das Beteiligungsverfahren einzubringen
und sportartspezifische Belange zu platzieren. Das ist richtig. Denn
Sportvereine und Verbände sind nicht nur Nutzer von Natur und Landschaft. Sie
können auch wichtige Partner sein. Sie kennen die Wege. Sie kennen die
Konfliktstellen. Sie wissen, wo es bei Veranstaltungen eng wird, wo Müll
anfällt, wo Teilnehmer abkürzen, wo sensible Bereiche geschützt werden müssen
und wo sich Besucherströme besser lenken lassen.
Dieses Wissen sollte nicht erst
abgefragt werden, wenn die Entscheidungen längst gefallen sind.
Gerade im Laufsport gibt es
viele praktische Berührungspunkte. Eine Strecke durch eine Aue ist anders zu
bewerten als ein innerstädtischer Rundkurs. Ein Trail über schmale Pfade stellt
andere Anforderungen als ein Zehn-Kilometer-Lauf auf breiten Wegen. Eine
Verpflegungsstelle in einem Park braucht andere Vorbereitung als eine auf einem
Parkplatz. Und wer bei einer Veranstaltung mehrere tausend Menschen durch einen
Naturraum führt, trägt Verantwortung. Für die Teilnehmer, aber eben auch für den
Raum, der genutzt wird.
Das heißt nicht, dass Sport
künftig nur noch mit schlechtem Gewissen stattfinden darf. Im Gegenteil. Sport
im Freien schafft oft überhaupt erst eine Beziehung zur Natur. Wer regelmäßig im
Wald läuft, bemerkt Veränderungen. Wer an einem Bach entlang trainiert, sieht,
ob er austrocknet oder vermüllt. Wer bei 32 Grad durch eine baumlose Straße
läuft, versteht sehr schnell, warum Stadtgrün mehr ist als Dekoration.
Diese Erfahrung kann der Sport
einbringen. Aber er muss es auch wollen.
Es reicht nicht, bei jeder
neuen Naturschutzanforderung reflexhaft zu klagen. Genauso falsch wäre es, den
Sport pauschal als Störfaktor zu behandeln. Beides führt nicht weiter.
Sinnvoller ist ein anderer Weg: klare Regeln, frühe Abstimmung, praxistaugliche
Lösungen und die Bereitschaft, auch eigene Routinen zu hinterfragen.
Vielleicht muss eine
Laufstrecke an einer Stelle geändert werden, wenn ein Uferbereich entlastet
werden soll. Vielleicht braucht es bessere Markierungen, damit niemand über
Wiesen oder Böschungen abkürzt. Vielleicht sollten Veranstalter stärker darauf
achten, wo sie Start, Ziel, Verpflegung und Zuschauerbereiche platzieren.
Vielleicht braucht es in Ausschreibungen und Teilnehmerinformationen künftig
häufiger Hinweise zum Verhalten in sensiblen Räumen.
Das ist kein Angriff auf den
Sport. Es ist Teil seiner Weiterentwicklung.
Der Nationale
Wiederherstellungsplan sollte den Sport deshalb nicht nur am Rand erwähnen.
Dafür ist seine Bedeutung zu groß. Sportvereine erreichen Menschen, die viele
Umweltkampagnen nie erreichen würden. Sie können informieren, sensibilisieren
und mit gutem Beispiel vorangehen. In vielen Städten und Gemeinden sind sie tief
verankert. Sie haben Ehrenamt, Erfahrung und Glaubwürdigkeit. Wer Natur
wiederherstellen will, sollte auf diese Struktur nicht verzichten.
Zugleich braucht der Sport
Verlässlichkeit. Vereine und Veranstalter müssen wissen, woran sie sind. Sie
brauchen nachvollziehbare Kriterien, feste Ansprechpartner und Verfahren, die
nicht erst kurz vor einer Veranstaltung Klarheit schaffen. Wer monatelang eine
Laufveranstaltung vorbereitet, kann nicht damit arbeiten, dass entscheidende
Auflagen erst im letzten Moment konkret werden. Naturschutz und
Planungssicherheit dürfen keine Gegensätze sein.
Auch die Initiative des NABU
NRW zeigt, dass die Diskussion nun in den Ländern und Kommunen ankommt. Die
gemeinsame Erklärung fordert eine entschlossene und partnerschaftliche Umsetzung
der Wiederherstellungsverordnung in Nordrhein-Westfalen. Für den Sport liegt
darin eine wichtige Botschaft: Partnerschaft muss gegenseitig sein. Wer mitreden
will, muss Verantwortung übernehmen. Wer Verantwortung übernehmen soll, muss
aber auch ernsthaft eingebunden werden.
Am Ende geht es nicht um die
Frage, ob Naturschutz oder Sport wichtiger ist. Diese Gegenüberstellung ist zu
schlicht. Es geht darum, wie beides zusammen funktionieren kann. Denn der Sport
braucht intakte Natur. Und Natur- und Klimaschutz brauchen Akzeptanz in der
Gesellschaft.
Der Laufsport kann hier eine
besondere Rolle spielen. Läufer bewegen sich mitten durch die Räume, um die es
geht. Sie kennen Asphalt und Waldboden, Hitze und Schatten, Stadtpark und
Feldweg. Sie spüren, ob eine Umgebung einlädt oder belastet. Sie erleben sehr
direkt, was es bedeutet, wenn Landschaften grüner, kühler und lebendiger werden.
Vielleicht ist genau das der
wichtigste Punkt: Die Wiederherstellungsverordnung ist kein Thema nur für
Behörden, Ministerien und Naturschutzverbände. Sie betrifft auch den Sport. Sie
betrifft die Wege, auf denen trainiert wird. Die Parks, in denen Lauftreffs
starten. Die Wälder, in denen Vereine ihre Winterrunden drehen. Die Uferwege,
die für viele Läufer zum Alltag gehören.
Wenn die Natur unser Stadion
ist, dann sollte der Sport mitreden, wenn dieses Stadion saniert wird.
Nicht lautstark dagegen. Nicht
unkritisch dafür. Sondern sachlich, selbstbewusst und mit dem Blick eines
Sports, der verstanden hat: Draußen laufen ist nur so schön wie das Draußen, das
uns bleibt.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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