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Druck von unten: Woher die Idee der Kompressionsstrümpfe wirklich kommt |
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Druck von unten: Woher die Idee der Kompressionsstrümpfe wirklich kommt
Man sieht sie heute bei
Stadtläufen, Marathons und Ultrarennen: knielange Socken in Neonfarben, schwarze
Wadenhüllen, medizinisch anmutende Strümpfe unter kurzen Laufhosen. Für die
einen sind Kompressionsstrümpfe ein Stück Hightech am Bein. Für andere sehen sie
aus, als hätte sich der Sport wieder einmal etwas aus dem Sanitätshaus
ausgeliehen. Beides stimmt ein bisschen. Denn die Idee dahinter ist sehr alt,
älter als moderne Laufschuhe, älter als Pulsuhren, älter als der organisierte
Straßenlauf.
Im Kern geht es um eine einfache Beobachtung: Wenn von außen Druck auf das Bein
kommt, verändert sich, wie Blut und Flüssigkeit im Gewebe verteilt werden.
Medizinisch werden Kompressionsstrümpfe bis heute eingesetzt, um Venen und
Beinmuskulatur dabei zu unterstützen, Blut aus den Beinen zurück Richtung Herz
zu transportieren. Außerdem sollen sie verhindern, dass sich Blut oder
Flüssigkeit in den unteren Beinen stauen.
Die eigentliche Geschichte beginnt aber nicht im Laufshop, sondern mit Bandagen.
In Darstellungen aus den Tassili-Höhlen in der Sahara, die auf die Jungsteinzeit
datiert werden, sind Menschen mit bandagierten unteren Gliedmaßen zu sehen. In
der Medizingeschichte werden außerdem der altägyptische Smith-Papyrus,
Hippokrates und später römische Ärzte als frühe Stationen der
Kompressionstherapie genannt. Auch römische Soldaten sollen enge Beinwickel
genutzt haben, um lange Märsche besser zu überstehen.
Und die chinesischen Soldaten? Diese Geschichte taucht immer wieder auf:
Soldaten im alten China hätten ihre Waden bandagiert, um auf langen Märschen
weniger müde Beine zu bekommen. Als Einstieg ist das bildhaft und durchaus
plausibel. Als gesicherter Ursprung der Kompressionsstrümpfe sollte man es aber
vorsichtig formulieren. Belastbarer dokumentiert ist, dass Beinwickel und
Bandagen in verschiedenen Kulturen genutzt wurden, militärisch wie medizinisch.
Die Idee war also nicht: Wir erfinden einen Sportsocken. Die Idee war: Wir geben
dem Bein von außen Halt und Druck.
Über viele Jahrhunderte blieb es bei Wickeln, Bandagen, Ledermanschetten und
später geschnürten Strümpfen. Der Schritt zum eigentlichen Kompressionsstrumpf
kam erst mit der Materialentwicklung. Im 19. Jahrhundert wurden elastische
Strümpfe möglich, auch durch die Verarbeitung von Gummi. Frühe Modelle waren
allerdings alles andere als angenehm. Sie waren dick, schwitzig und unbequem.
Erst bessere textile Verfahren machten daraus ein tragbares Hilfsmittel.
Der moderne Gedanke der abgestuften Kompression wurde vor allem im 20.
Jahrhundert wichtig. Dabei ist der Druck unten am Knöchel am höchsten und nimmt
nach oben hin ab. Genau das ist entscheidend, weil die Schwerkraft im unteren
Bein am stärksten wirkt. Der deutsche Ingenieur Conrad Jobst, der selbst unter
venösen Beschwerden litt, gründete 1950 in Toledo, Ohio, die Firma JOBST und
entwickelte maßgefertigte Kompressionsbekleidung mit abgestuftem Druck.
Von dort aus wanderte die Kompression langsam aus der Medizin in den Alltag und
schließlich in den Sport. Erst waren es Patientinnen und Patienten mit
Venenproblemen, dann Reisende auf langen Flügen, später Athletinnen und
Athleten. Irgendwann standen die Socken nicht mehr nur im Sanitätshaus, sondern
hingen neben Laufschuhen, Gels und GPS-Uhren.
Für Läuferinnen und Läufer klingt das Versprechen verlockend: bessere
Durchblutung, weniger Muskelvibration, frischere Beine, schnellere Regeneration.
Ganz so einfach ist es nicht. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zu
Kompressionsbekleidung beim Laufen fand keine überzeugenden Belege dafür, dass
sie die Laufzeit oder die Zeit bis zur Erschöpfung verbessert. Sie kann zwar
Gewebeschwingungen reduzieren, daraus wird aber nicht automatisch eine bessere
Wettkampfleistung.
Interessanter wird es nach dem Lauf. Eine große Übersichtsarbeit zu
Regenerationsmethoden kam zu dem Ergebnis, dass Kompressionsbekleidung
Muskelkater und subjektive Müdigkeit nach Belastungen reduzieren kann. Die
Effekte sind nicht magisch, aber sie sind auch nicht völlig aus der Luft
gegriffen. Entscheidend sind Belastung, Dauer, Passform, Druckstärke und
natürlich die Person, die sie trägt.
Vielleicht erklärt genau das den Erfolg der Kompressionsstrümpfe im Laufsport.
Sie versprechen keine Revolution, sondern ein Gefühl: mehr Halt, etwas mehr
Ordnung im Bein, weniger Nachschwingen der Muskulatur, manchmal auch einfach
mehr Sicherheit. Wer einmal mit schweren Waden auf den letzten Kilometern eines
Marathons unterwegs war, versteht, warum ein bisschen Druck plötzlich sehr
attraktiv wirken kann.
Trotzdem sollte man Kompressionsstrümpfe nicht überhöhen. Sie ersetzen kein
Training, keinen Schlaf, keine vernünftige Ernährung und keine kluge
Belastungssteuerung. Wer medizinische Probleme hat, etwa Durchblutungsstörungen,
offene Hautstellen, starke Schwellungen oder ungeklärte Schmerzen, sollte solche
Strümpfe nicht einfach nach Gefühl einsetzen, sondern ärztlich abklären lassen.
Am Ende ist die Geschichte der Kompressionsstrümpfe eine schöne Erinnerung
daran, dass im modernen Laufsport vieles neu aussieht, aber selten wirklich neu
ist. Die bunten Socken im Startblock haben ihre Wurzeln nicht in einer
Marketingabteilung, sondern in einer uralten Erfahrung: Beine, die viel leisten
müssen, profitieren manchmal davon, wenn man ihnen etwas Druck nimmt, indem man
ihnen Druck gibt.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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